Was wissen wir wirklich?

China/Tibet Bei einer Rückkehr des Dalai Lama nach Lhasa würden feudale Verhältnisse restauriert

Für die deutsche Öffentlichkeit war der Fall schnell klar, etwas zu schnell vielleicht. Im Reich der Mitte herrscht eine menschenverachtende Diktatur, die um ihrer selbst willen über Leichen geht. Womöglich ist dies nicht die ganze Geschichte. Denn wir wissen bisher nicht wirklich, was genau in Tibet passiert ist. Die Region ist von der Welt abgeschnitten. Wir fragen - wodurch wurden die jetzigen Ereignisse ausgelöst? Wer sind die Aufständischen? Wer sind die Opfer, wie sind sie ums Leben gekommen? - und können nicht erschöpfend antworten.

Ein Massaker an friedlichen Demonstranten hat es vermutlich nicht gegeben. Im Zeitalter der Handyfotografie, in dem man über ausländische Proxyserver die Internetzensur umgehen kann, gäbe es davon Bilder. Zwar strecken die chinesischen Zensoren ihre krakengleichen Arme in alle Fugen der Gesellschaft. Allmächtig sind sie nicht mehr.

Was zu sehen ist, erinnert eher an Clichy-sous-Bois 2005 als an Tiananmen 1989, eher an die sozialen Unruhen in Frankreichs Banlieue als an Völkermord. Die bisher verfügbaren Bilder aus den Unruhezonen bezeugen eine massive Polizei- und Militärpräsenz, heftige Rangeleien zwischen Tibetern und Sicherheitskräften. Gewiss kann das Vorgehen der chinesischen Regierung nicht gebilligt werden. Ebenso wenig wie die drakonischen Strafen, die den Aufständischen drohen. Die Szenen aus Tibet lassen indes auch erkennen, wie sich Polizisten hinter Plastikschilden vor Steinen schützen. Man sieht wie Tibeter Scheiben einschlagen, Geschäfte plündern und chinesische Fahnen verbrennen. Man sieht brennende Häuser und qualmende Fahrzeuge. Dass Panzer oder Schusswaffen gegen Mönche oder tibetische Zivilisten eingesetzt wurden, lässt sich bislang nicht belegen.

Die chinesische Regierung steht stets unter Propagandaverdacht, doch muss jede auf Wirkung bedachte Propaganda mehr als nur Spuren von Wirklichkeit einbeziehen. Derzeit sprechen die in Peking offiziell kolportierten Kommuniqués von "Vandalismus" und einem "wütenden Mob", dem die Verantwortung für die Zerstörungen anzulasten sei. Sie machen den Dalai Lama und die Demonstranten für die Toten verantwortlich, die in brennenden Häusern starben. Keine Indizien gibt es dafür, dass der Dalai Lama und "seine Clique" die Ereignisse minutiös geplant und noch während der Krawalle aus dem indischen Asyl koordiniert hätten. Erklärungen des Exilierten deuten eher darauf hin, dass er sich von radikaleren Kräften wie dem Tibetischen Jugendkongress übergangen fühlt.

Es liegt nahe, dass Tibeter die sich mit den Olympischen Spielen bietende Gelegenheit nutzen wollen, um noch mehr Aufmerksamkeit und Hilfe im Westen zu erheischen. Andererseits handelt es sich in Lhasa wohl auch um die spontane Rebellion perspektivloser Jugendlicher. Wie groß ihre Frustration sein muss, lässt sich dem Willen entnehmen, trotz des zu erwartenden Ausgangs den Kampf David gegen Goliath aufzunehmen.

Was aber wäre, wenn Chinas Regierung dem Dalai Lama noch heute die Macht in Tibet übertragen würde? Es gäbe mit Sicherheit eine Restauration feudaler Verhältnisse wie in Bhutan, die Menschen wären bettelarm und hätten wenig zu sagen. Die Dominanz der Chinesen mag keine Alternative sein, aber nüchtern betrachtet kann es eine Zukunft für die Provinz nur als Teil Chinas geben. Immerhin wurde zuletzt beträchtlich in die Infrastruktur investiert, und der jüngste Gewaltausbruch schadet den Tibetern mehr als er ihnen nützt. Die Fronten verhärten sich, die Hardliner in der chinesischen Führung sehen sich gestärkt, Bemühungen um einen zivilisierten Umgang mit dem Konflikt werden erschwert. Eine aufgeregte, zu Übertreibungen neigende Berichterstattung im Westen verringert die Spielräume zusätzlich.

Marcus Engler arbeitet derzeit im Rahmen eines Projektes als Sozialwissenschaftler und Journalist in Peking.

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