Was wollen wir eigentlich?

Feminismus Beim Barcamp Frauen in der Berliner Kalkscheune sollte der Feminismus neu definiert werden, es ging aber auch um Mode und Männer. Die entscheidenden Fragen blieben offen

Je breiter die Themen, umso größer die Gefahr, sich in Diskussionsfetzen zu verlieren.

Und so warf die offene Gestaltung des BarCamp Frauen am vergangenen Samstag in der Berliner Kalkscheune,von der SPD veranstaltet und unterstützt von der Mädchenmannschaft, Vorwärts und dem Freitag, schon im Vorfeld zwei Fragen auf: War es Planlosigkeit oder Kalkül?

Die Veranstaltung ist kostenlos, eingeladen sind alle, die Interesse an Geschlechterfragen haben. Das Format Barcamp, welches als Nebenprodukt des Web 2.0 entstanden ist, zieht neben ein paar vereinzelten Männern vor allem Frauen zwischen 20 und 30 an, etwa hundert sind gekommen. Und wie sich später herausstellt zum Glück auch eine Handvoll Frauen aus deren Elterngeneration. Das gemeinsam erstellte Programm beginnt mit Porno, wird unterbrochen von halbseidenen Statements zum heutigen Stand der Frauenbewegung, nach der Mittagspause fortgesetzt mit einer Debatte über Intimchirurgie und einer Session zu herrschaftskritischen Räumen, am Ende geht es dann um die Widersprüche zwischen Mode und Feminismus.

Es gab keine Podien und keine Zuschauer - jeder war hier Teilnehmer und konnte mitgestalten. Die 10 Sessions, die zu spezifischen Themen angeboten wurden, dauerten jeweils eine Dreivierstelstunde.

Aber lassen sich die Ursachen für den verstockten Umgang der Gesellschaft mit weiblicher Sexualität in 45 Minuten abhandeln? Wohl kaum. Doch hier zeigt sich auch der Vorteil des Veranstaltungsformats: Das große Interesse der BesucherInnen an Themen entlang der Intimsphäre geht über persönliche Voyeurismen hinaus – und ist Indiz für großen Gesprächsbedarf. Warum wachsen Mädchen mit der Vorstellung heran, Porno sei etwas für Jungs?  „Der Busen gehört der ganzen Nation“, meint eine Teilnehmerin – während die Vulva tabu bleibe. Sichtbar wird sie höchstens auf Youporn, dafür in Nahaufnahme und bestärkt somit den zweifelhaften Trend, den eigenen Intimbereich kosmetischer Chirurgie zu unterziehen, um einer Norm zu entsprechen, die Heranwachsende bereits in Biologiebüchern erleben.

Für Väter, die Designerkinderwagen schieben

Weniger greifbar bleiben auch die Statements in der Session zur Lage des Feminismus. Es scheint sich ein Konglomerat von Müttern eingefunden zu haben, die nur über den anstrengenden Spagat zwischen Kindern und Karriere berichten. Ein Dauerbrenner, nicht zuletzt aufgrund der existentiellen Erfahrungen, die das Ideal eines gleichberechtigten Zusammenlebens auf harte Proben stellen. Oder ist das ein alter Hut?

Der Debatte, in der der Satz „habt ihr das auch in der Nido gelesen...“ zum Einstieg fällt, fehlt es schon im Ansatz an Biss und Kritik, oder der ernsthaften Suche nach Lösungen. Das Stern-Magazin für die neue Generation hipper Bio-Eltern suggeriert Fortschrittlichkeit in Pastelltönen - aber es transportiert ein Rollenbild, das höchstens Väter einschließt, die Gleichberechtigung darin sehen, Designerkinderwägen über den Prenzlauer Berg zu schieben. Auch unsere Debatte versickert in Klagen über schräge Blicke am Arbeitsplatz, und das "sich zerreiben".

Frauen tauschen sich heute weniger aus

Aber was wollen wir eigentlich? Die Gründe dafür, dass Feminismus nicht nur historisch relevant ist, liegen tiefer unter der Oberfläche, die hier nur angekratzt wird. Die Verhaltensweisen, welche Frauen einschränken, ihnen Kompetenzen absprechen und sie zu Objekten stilisieren sind noch da, sie sind nur subtiler als noch vor zwanzig Jahren. Kein Personalchef würde sich offensiv aufgrund ihres Geschlechts gegen eine Bewerberin entscheiden und wenige Partner wagen noch zu behaupten, sie würden Küche und Kinder ihrer Freundin überlassen. „Früher fand unter Frauen noch ein viel regerer Austausch statt – sowohl über soziale Umgangsformen als auch über sexuelle Beziehungen", sagt eine Teilnehmerin mittleren Alters: davon sei viel verloren gegangen. "Gemeinsam waren wir wacher und auch mutiger, unsere Bedürfnissen offen zu zeigen."

Dass sich Frauen heute kaum noch mit feministischen Themen auseinandersetzen möchten, sei überall spürbar. Die These, die Frauenbewegung hätte sich durch ihre Erfolge bereits abgeschafft, scheint jede weitere Diskussion zu ersticken. Aber ist das Thema wirklich so angestaubt, uncharmant und unsexy? Vielen Frauen fällt der maskuline Umgangston im Büro zunächst nicht auf. Frustration stellt sich erst ein, wenn man über Jahre hinweg spürt, dass die neuen beruflichen Perspektiven stocken und man feststellt, dass man zu dem Teil in der Beziehung geworden ist, der die Wäsche aufhängt, den Inhalt des Kühlschranks kennt und auf dem Heimweg noch ein paar Lebensmittel einkauft.

Jede Einzelne strebt nach etwas, verfolgt individuelle Ziele und tritt dabei meist als Einzelkämpferin auf. Wo ist das Verbindende? Wir müssten es uns zurück erobern. Wer würde heute noch Simone de Beauvoir lesen, wenn die GesprächsparterInnen fehlen?

Um den Feminismus an unsere Zeit anzupassen, ihn loszulösen von seinem überkommenen Latzhosen-Image, müssten Frauen mehr Mut haben, sich wieder aktiv mit ihm zu befassen - und auch eine reflektierte männliche Sicht auf das politische und zwischenmenschliche Ungleichgewicht anerkennen. Das Barcamp Frauen hat beigetragen, eine intellektuelle Basis dafür zu schaffen. Und daran, dass sich Männer vom Barcamp Frauen ebenfalls angesprochen fühlen, kann man ja noch arbeiten. Man könnte beim Titel anfangen.

16:00 01.11.2010

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