Eva Lautsch
01.11.2010 | 16:00 42

Was wollen wir eigentlich?

Feminismus Beim Barcamp Frauen in der Berliner Kalkscheune sollte der Feminismus neu definiert werden, es ging aber auch um Mode und Männer. Die entscheidenden Fragen blieben offen

Je breiter die Themen, umso größer die Gefahr, sich in Diskussionsfetzen zu verlieren.

Und so warf die offene Gestaltung des BarCamp Frauen am vergangenen Samstag in der Berliner Kalkscheune,von der SPD veranstaltet und unterstützt von der Mädchenmannschaft, Vorwärts und dem Freitag, schon im Vorfeld zwei Fragen auf: War es Planlosigkeit oder Kalkül?

Die Veranstaltung ist kostenlos, eingeladen sind alle, die Interesse an Geschlechterfragen haben. Das Format Barcamp, welches als Nebenprodukt des Web 2.0 entstanden ist, zieht neben ein paar vereinzelten Männern vor allem Frauen zwischen 20 und 30 an, etwa hundert sind gekommen. Und wie sich später herausstellt zum Glück auch eine Handvoll Frauen aus deren Elterngeneration. Das gemeinsam erstellte Programm beginnt mit Porno, wird unterbrochen von halbseidenen Statements zum heutigen Stand der Frauenbewegung, nach der Mittagspause fortgesetzt mit einer Debatte über Intimchirurgie und einer Session zu herrschaftskritischen Räumen, am Ende geht es dann um die Widersprüche zwischen Mode und Feminismus.

Es gab keine Podien und keine Zuschauer - jeder war hier Teilnehmer und konnte mitgestalten. Die 10 Sessions, die zu spezifischen Themen angeboten wurden, dauerten jeweils eine Dreivierstelstunde.

Aber lassen sich die Ursachen für den verstockten Umgang der Gesellschaft mit weiblicher Sexualität in 45 Minuten abhandeln? Wohl kaum. Doch hier zeigt sich auch der Vorteil des Veranstaltungsformats: Das große Interesse der BesucherInnen an Themen entlang der Intimsphäre geht über persönliche Voyeurismen hinaus – und ist Indiz für großen Gesprächsbedarf. Warum wachsen Mädchen mit der Vorstellung heran, Porno sei etwas für Jungs?  „Der Busen gehört der ganzen Nation“, meint eine Teilnehmerin – während die Vulva tabu bleibe. Sichtbar wird sie höchstens auf Youporn, dafür in Nahaufnahme und bestärkt somit den zweifelhaften Trend, den eigenen Intimbereich kosmetischer Chirurgie zu unterziehen, um einer Norm zu entsprechen, die Heranwachsende bereits in Biologiebüchern erleben.

Für Väter, die Designerkinderwagen schieben

Weniger greifbar bleiben auch die Statements in der Session zur Lage des Feminismus. Es scheint sich ein Konglomerat von Müttern eingefunden zu haben, die nur über den anstrengenden Spagat zwischen Kindern und Karriere berichten. Ein Dauerbrenner, nicht zuletzt aufgrund der existentiellen Erfahrungen, die das Ideal eines gleichberechtigten Zusammenlebens auf harte Proben stellen. Oder ist das ein alter Hut?

Der Debatte, in der der Satz „habt ihr das auch in der Nido gelesen...“ zum Einstieg fällt, fehlt es schon im Ansatz an Biss und Kritik, oder der ernsthaften Suche nach Lösungen. Das Stern-Magazin für die neue Generation hipper Bio-Eltern suggeriert Fortschrittlichkeit in Pastelltönen - aber es transportiert ein Rollenbild, das höchstens Väter einschließt, die Gleichberechtigung darin sehen, Designerkinderwägen über den Prenzlauer Berg zu schieben. Auch unsere Debatte versickert in Klagen über schräge Blicke am Arbeitsplatz, und das "sich zerreiben".

Frauen tauschen sich heute weniger aus

Aber was wollen wir eigentlich? Die Gründe dafür, dass Feminismus nicht nur historisch relevant ist, liegen tiefer unter der Oberfläche, die hier nur angekratzt wird. Die Verhaltensweisen, welche Frauen einschränken, ihnen Kompetenzen absprechen und sie zu Objekten stilisieren sind noch da, sie sind nur subtiler als noch vor zwanzig Jahren. Kein Personalchef würde sich offensiv aufgrund ihres Geschlechts gegen eine Bewerberin entscheiden und wenige Partner wagen noch zu behaupten, sie würden Küche und Kinder ihrer Freundin überlassen. „Früher fand unter Frauen noch ein viel regerer Austausch statt – sowohl über soziale Umgangsformen als auch über sexuelle Beziehungen", sagt eine Teilnehmerin mittleren Alters: davon sei viel verloren gegangen. "Gemeinsam waren wir wacher und auch mutiger, unsere Bedürfnissen offen zu zeigen."

Dass sich Frauen heute kaum noch mit feministischen Themen auseinandersetzen möchten, sei überall spürbar. Die These, die Frauenbewegung hätte sich durch ihre Erfolge bereits abgeschafft, scheint jede weitere Diskussion zu ersticken. Aber ist das Thema wirklich so angestaubt, uncharmant und unsexy? Vielen Frauen fällt der maskuline Umgangston im Büro zunächst nicht auf. Frustration stellt sich erst ein, wenn man über Jahre hinweg spürt, dass die neuen beruflichen Perspektiven stocken und man feststellt, dass man zu dem Teil in der Beziehung geworden ist, der die Wäsche aufhängt, den Inhalt des Kühlschranks kennt und auf dem Heimweg noch ein paar Lebensmittel einkauft.

Jede Einzelne strebt nach etwas, verfolgt individuelle Ziele und tritt dabei meist als Einzelkämpferin auf. Wo ist das Verbindende? Wir müssten es uns zurück erobern. Wer würde heute noch Simone de Beauvoir lesen, wenn die GesprächsparterInnen fehlen?

Um den Feminismus an unsere Zeit anzupassen, ihn loszulösen von seinem überkommenen Latzhosen-Image, müssten Frauen mehr Mut haben, sich wieder aktiv mit ihm zu befassen - und auch eine reflektierte männliche Sicht auf das politische und zwischenmenschliche Ungleichgewicht anerkennen. Das Barcamp Frauen hat beigetragen, eine intellektuelle Basis dafür zu schaffen. Und daran, dass sich Männer vom Barcamp Frauen ebenfalls angesprochen fühlen, kann man ja noch arbeiten. Man könnte beim Titel anfangen.

Kommentare (42)

Anette Lack 01.11.2010 | 17:23

"Aber was wollen wir eigentlich?"

Gibt es überhaupt ein WIR? Vielleicht ist das der erste Denkfehler. Wahrscheinlich gibt es so unterschiedliche Erwartungen bei so einem Camp wie (weibliche) wie Lebensentwürfe.

Anfangen könnte man aber beim kleinsten gemeinsamen Nenner, und da steht nun wirklich nichts zwischen den Zeilen und ist auch nichts mehr subtil:

Was will z.B. ICH (weiblich, beruftätig, ein Kind):

1. GLEICHES GELD FÜR GLEICHE ARBEIT.

2. Mehr Frauen in den Führungsetagen von ... Zeitungen, Zeitschriften. z.B. :))

3. Männer, die Verantwortung ÜBERNEHMEN und nicht nur davon reden.

4. Frauen, die Männer nicht als kleine Jungs betrachten ("das meint er nicht so"), sondern als Menschen auf Augenhöhe. Denen man was zutrauen und zuMUTEN kann.

5. Frauen, die sich nicht einerseits als Opfer betrachten, um andrerseits alles kontrollieren zu wollen ("da mach' ich es lieber allein"). Man achte darauf, wie viele Frauen den Kinderwagen schieben, wenn sie mit ihrem Mann/ Freund unterwegs sind. Auch wenns bergauf geht, und der Kinderwagen schwer ist. Nur so als Beispiel.

6. Erwachsene Männer. Die begreifen, dass ein Job viel, aber nicht alles ist, und dass sie ebenfalls soziale Wesen sind, und die Kinder auch IHRE sind.

Und, zuletzt:

"Und daran, dass sich Männer vom Barcamp Frauen ebenfalls angesprochen fühlen, kann man ja noch arbeiten. Anfangen könnte man beim Titel."

Letztlich geht es darum, gut oder besser miteinander zu leben. Das müsste man besser vermitteln, vielleicht.

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ejamie 01.11.2010 | 17:31

die erste schublade ist doch schon mal diese ganze frauen- idee, gut, wer leitplanken braucht oder das gemeinschaftsgefühl für den mag das ja was sein, aber die lösung zur hier- und- jetzt- frage führt nicht über mann- frau, das finde ich altbacken. dazu sind die heutigen probleme zu ernst.

Titta 02.11.2010 | 17:06

Danke, Anette,
für deine Ausführungen, die mich - genauso wie Nelly - dazu anregen, mich selbst zu fragen, was ich (weiblich, berufstätig, kinderlos) denn eigentlich will.

Mitunter sind das ganz einfache und elementare Dinge, wie zB sich hier in der FC nicht mit sexistischen Bemerkungen herabgewürdigt zu sehen. Eine Userin betitelte mich vor kurzem, neben anderem, als "@Titte". Man stelle sich die Reaktionen vor, wenn ein Mann sich das herausgenommen hätte. Aber ist eine solche Bemerkung weniger sexistisch, weniger kritikabel, wenn sie von einer Frau kommt?
Doch wohl nicht. Dennoch gab es - bis auf einen Kommentar - keine Reaktionen auf diesen weiblichen Sexismus, er wird also ganz offensichtlich nicht einmal mehr als Problem wahrgenommen. Niemand scheint mehr Anstoß zu nehmen an solch alltäglichem Sexismus, geschweige denn, daß dagegen Stellung bezogen wird. Was sagt uns das über den Diskurs, die FC, die Gesellschaft?

Dazu ist von meiner (West-)Seite und als auf die Fünfzig Zugehende zu sagen: Da waren wir schon mal weiter in der Diskussion. Vor 25 Jahren wäre eine solche Bemerkung, zumal unter Frauen selbst, einfach inakzeptabel gewesen, und zwar ohne Diskussionen darüber. Heute hingegen befinde ich mich als Betroffene, wie es scheint, eher unter Rechtfertigungsdruck als die sexistisch Agierende. ("Stell dich nicht so an. War nicht so gemeint. Ist doch harmlos.") Roll back nennt man dieses Phänomen wohl.

Eva Ricarda Lautsch 02.11.2010 | 18:28

sehr schön zu lesen, dass hier eine weitgehend konstruktive Diskussion entsteht. Sexismen, egal ob von Männern oder Frauen geäußert, zeigen oft, wie Errungenschaften des Feminismus auch wieder verloren gehen. Vor allem dadurch, dass niemand reagiert.
Trotzdem oder gerade deshalb und als ehemaliger Schreibtischgast in der Community hoffe ich, dass sich die weiteren Beiträge nicht wie hin und wieder vorkommend in FC-Animositäten verlaufen :)

Titta 02.11.2010 | 20:35

"Trotzdem oder gerade deshalb und als ehemaliger Schreibtischgast in der Community hoffe ich, dass sich die weiteren Beiträge nicht wie hin und wieder vorkommend in FC-Animositäten verlaufen :)"

Das hoffe ich auch. Der traurige Hintergrund ist nämlich nicht nur die Frage, wie nach Möglichkeit meine (persönliche) Würde als Userin hier gewahrt bleibt, sondern daß die beleidigende Titulierung nur möglich ist durch die negative Konnotierung des weiblichen Geschlechtsmerkmals. Wenn "Titte" was Positives darstellte, würde die Beleidigung als solche ja nicht funktionieren.

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rahab 03.11.2010 | 12:49

was hat dieses 'wir' mit leitplanke zu tun?

so ab und zu eine selbstvergwisserung kann doch nicht schaden.
dabei kommen, wie so oft, die gemeinsamkeiten und die unterschiede, zu tage und zur sprache. auch und gerade im lichte der hier-und-jetzt-fragen
... wenn ich so an dies hier
www.gwi-boell.de/web/un-resolutionen-konferenz-zehn-jahre-1325-resolution-2152.html
denke
und den aufruhr, den Katrin Rönickes blog "Alphamädchen an die Front?" verursacht hat
beispielsweise

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smith 03.11.2010 | 13:10

Tss, die Frage war, welche Relevanz hat heute noch ein rein geschlechtsfixierter Ismus. Und wenn Sie, ejamie, sich nicht sicher sind, ob der F. die Gleichwertigkeit der Geschlechter voraussetzt, dann stellt sich desweiteren die Frage, ob auf dieser F.-Basis ein Schubladendenken nicht geradezu provoziert wird. Ist das der Anspruch des F.? Nein? Was ist der Anspruch des F. bzgl. Gleichwertigkeit der Geschlechter?

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ejamie 03.11.2010 | 16:57

frau lautsch, wo wir jetzt eh wieder an dem punkt sind "ich frau/mann - ich besser" hier ein vorschlag für ein thema zu den "gender studies": wie sähe die welt aus, wenn mehr frauen an der macht wären? denn die realität ist ja die, dass den größten mist auf dem planeten die männer verzapfen. dürfte auch verkaufsfördernd weil provokant sein. mfg

Eva Ricarda Lautsch 03.11.2010 | 17:27

erstmal möchte ich vehement widersprechen. Ein intelligenter Feminismus und ebenfalls einer, wie er heute weitgehend verstanden wird, orientiert sich am Ziel der Gleichberechtigung. Und hat so mit Männerfeindlichkeit nichts gemein. Es geht nur häufig darum, dass herrschende Ungleichgewicht zu Lasten der Frauen aufzuheben bzw. dies anzustreben.
Das sage ich in Richtung THX und auch in Richtung ejamie - auch wenn man aus weiblichen Machtszenarien sicher einen populistischen Verkaufsschlager bereiten könnte. Es geht natürlich hier auch um Frauen in Machtpositionen - aber nicht nur Frauen, sondern Frauen und Männer zu gleichen Teilen.

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ejamie 03.11.2010 | 17:37

ich hab wohl kaum gesagt, dass hier irgendwer nicht gleichberechtigt ist, oder? im gegenteil. vor ein paar monaten als die bankenkrise noch aktueller war gab es mehrere artikel zu dem thema, wie die welt wohl aussähe mit mehr weiblicher macht. das habe ich hier überspitzt wieder gegeben. mir ist nicht klar, wie sie mir da unterstellen was sie hier unterstellen, zumal meine kommentare ja auch konstruktiv waren.

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smith 03.11.2010 | 19:32

"dass herrschende Ungleichgewicht zu Lasten der Frauen aufzuheben"

Einmal mehr der feministische Tellerrand.
Kein Gedanke daran, dass die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen vielleicht ein Indiz für dass herrschende Ungleichgewicht zu Lasten der Männer sein könnte.

Wie hieß es doch weiter oben:
"feminismus war und ist nicht "rein geschlechtsmäßig" fixiert"

Klar wie Kloßbrühe.

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smith 05.11.2010 | 00:35

Die Relevanz jenes geschlechtsfixierten Ismus zeigt sich recht deutlich am Wahlerfolg der Feministischen Initiative in Schweden 2006. Gerade mal 0,68% Wählerstimmen erhielt die Partei, deren Chefin Gudrun Schyman so gar nicht rein geschlechtsmäßig "angesichts der männlichen Gewalt gegen Frauen", die Kosten verursache, für welche – wörtlich: - "die Männer... als Gruppe Verantwortung zu übernehmen haben" eine Männersteuer forderte (neuere Studien sehen Mann und Frau zu in etwa gleichen Teilen bei häuslicher Gewalt schuldhaft beteiligt).

Es zeigt sich einmal mehr, daß noch nie eine Frauenpartei entstand, ohne von den Frauen gänzlich ignoriert zu werden. Gibt es einen schlagenderen Beleg bzgl. der Unfähigkeit des Feminismus sich selbst zu tragen?

Mit jener feministischen und geschlechterfixierten Forderung nach der Männersteuer offenbart sich in einem geradezu unverschähmten Maße eine fundamentale Unemanzipiertheit, die zudem alles Maskuline kriminalisiert.
Grauenvoll!