Was wollen wir in Afghanistan?

Zwei "Freitag"-Blogger streiten über den richtigen Weg zum Frieden in Afghanistan und den deutschen Beitrag - Dokumentation eines Meinungsaustauschs.

mehmet.goldkorn

In den westlichen Hauptstädten dürfte die Gefahr – islamistische Fundis kriegen die Bombe? – langsam erkannt worden sein. Aus der deutschen Bevölkerung und auch im deutschen Fernsehen vernimmt man aber eher eine andere Stimmung, wenn Berichte über deutsche Soldaten in Afghanistan das Thema sind. Es geht dort zumeist um die persönlichen Befindlichkeiten der Soldaten und die psychologische Versorgung Überlebender nach Anschlägen. Gleichzeitig ist die Skepsis gegenüber "militärischen Lösungen" weit verbreitet, bei der Linken ohnehin. Weit weniger abgewogen werden die Gründe für den Einsatz der Soldaten bzw. überhaupt eine Strategie für "AfPak". Wie auch? Es wird einem ja schon beim Aufzählen der ersten Bedingungen schlecht:


Afghanistan muss vor dem Terror geschützt, es muss für eine Sicherheit im öffentlichen Raum gesorgt werden, damit die Taliban nicht wie kürzlich im pakistanischen Swat-Tal ihre Auslegung von Scharia installieren und jede Opposition ausschalten. Das ist unmöglich ohne westliches Militär, das jedoch schnell in die Besatzerrolle kommt und alle Mühe hat, sich selbst zu schützen. Die Versorgung der Einheiten über See und Land liegt am Khyber-Pass unter den Rohren der Taliban, die Lastwagen werden angegriffen. Russland hat dafür gesorgt, dass auch die Versorgung über Luft erschwert wird, in dem es mit Millionenbeträgen Kirgisien dazu brachte, den dortigen Luftwaffenstützpunkt der Amerikaner in einem halben Jahr zu schließen. Ein Stellvertreterkrieg mit dem Westen? Und wie soll mit der Wirtschaft der Region umgegangen werden, die sehr stark auf Opiumproduktion ausgerichtet ist und so weltweit den Rohstoff für Extraprofite auf der kriminellen Seite des Kapitalismus liefert - wie soll dieser Goldregen denn weiterrieseln, wenn unter rechtsstaatlichen Verhältnissen produziert, der Stoff also teurer würde?

Dies sind nur die Fragen, die sich spontan stellen, die aber sofort unvereinbare Interessen anzeigen: Stabil soll die Region AfPak vermutlich bei der Hälfte der an ihr Interessierten nicht sein. Wir finden womöglich außerdem Akteure, für die die Bekämpfung der Gefahr nuklearer Bewaffnung militanter Islamisten nur zweite Priorität hat. Finden auch die Amerikaner Unterstützung in den europäischen Hauptstädten und empfinden auch die europäischen Bevölkerungen die skizzierte Gefahr, so wünschen sich doch die meisten eine transparentere und verständlichere Zielorientierung westlicher Militäreinsätze. Die Skepsis bleibt verständlich.



HansMeier555

Lieber Mehmet Goldkorn,
offenbar wünschen Sie eine stärkere militärische Präsenz in Afghanistan. Sie glauben, nur so könne man verhindern, daß "die Fundis die Bombe kriegen". Sie ärgern sich, daß die deutsche Bevölkerung das nicht einsehen will und den Miltäreinsatz nicht stärker unterstützt.

Ich möchte Ihnen empfehlen, über folgendes nachzudenken:

(1) Die Menschheit weiß, daß man Atombomben bauen kann und weiß auch, wie es geht. Es gibt keine Möglichkeit, dieses fatale Wissen wieder zu vergessen.


(2) Auch in Schwellenländern bestehen längst die intellektuellen Voraussetzungen, um Atombomben zu bauen. Im IT-Zeitalter gibt es keine Chance, die Ausbreitung dieses Wissens aufzuhalten.


(3) Selbst eine militärische Intervention plus Regimewechsel könnte daran nichts ändern. Es gibt keine Garantie, daß das folgende Regime das Bombenprogramm nicht einfach fortsetzen wird. Auch dann nicht, wenn die "Fundis" demokratisch gewählt worden sind.


(4) Es gibt folglich überhaupt keine Möglichkeit, "die Fundis" allein durch technisch-militärische Mittel am Erwerb einer Bombe zu hindern. Wenn Länder wie der N-Korea oder Iran die Bombe unbedingt haben wollen, dann werden sie sie früher oder später auch haben. Wenn nicht in fünf Jahren, dann in 10 oder in 30.


(5) Es ist ein prinzipieller Fehler, unsere Sicherheit darin begründet zu sehen, daß die Anderen zu schlecht bewaffnet sind, um uns weh tun zu können. Wir können die Anderen (Moslems, Kommunisten, "Fundis") nicht ewig in Schach halten. Im übrigen haben die Anderen die Bombe doch längst (Stalin und Mao hatten sie, Pakistan hat sie auch schon).


(6) Das insbesondere von den USA angestrebte Ziel der "militärischen Unverwundbarkeit" ist nicht nur illusorisch, sondern auch im Kern moralisch verwerflich. Die Welt ist zu klein, als das jemand Unverwundbarkeit beanspruchen könnte. Das Streben nach Unverwundbarkeit ist narzisstisch und paranoid. Der Anspruch auf Unverwundbarkeit setzt die Gewaltspirale erst in Gang. Nicht umsonst heißt es: Wer Bunker baut, wirft auch Bomben. Wer Unverwundbar sein will, will in Wirklichkeit dominieren, herrschen, unterdrücken und demütigen – all das, worauf die Verwundbaren verzichten müssen.

(7) Unsere Sicherheit gründet nicht auf Unverwundbarkeit, sondern darauf, daß die Anderen uns von sich aus Existenzrecht zubilligen. Daß sie darauf verzichten, uns zu bedrohen. Und normalerweise tun sie das ja auch. Zumindest solange sie sich nicht von uns bedroht fühlen.

(8) Nehmen wir einmal an, der Iran hätte die Bombe und sogar die passenden Trägerrakteten. Was würde er Ihrer Meinung nach damit anstellen?

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:00 22.02.2009

Ausgabe 16/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3