Was würde er jetzt sagen?

Flüchtlingsdebatte Es heißt, dass uns seine Stimme schmerzlich fehlt: ein Gespräch im Hause Freitag über den abwesenden Frank Schirrmacher*
Michael Angele | Ausgabe 03/2016

Journalist: Nun haben wir die „Flüchtlingsdebatte“, in der es dem Anschein nach um sehr viel mehr geht. Wie würde Frank Schirrmacher sich positionieren?

Experte: Das ist schwer zu sagen, da er ja nun einmal abwesend ist. Aber es verhält sich ein wenig wie bei Ernst Jünger, den er verehrt hat. Wie Jünger war Schirrmacher ein Apokalyptiker. Untergangsstimmungen haben ihn angetrieben. Andererseits war die „Désinvolture“, die Betrachtung der Welt als eines großen Spiels, die Jünger immer wichtiger wurde, auch für Schirrmacher eine Option. Fraglich, was sich in der aktuellen Lage durchgesetzt hätte.

Gelassenheit dominiert jedenfalls nicht die Stimmungslage der Intellektuellen. Der Seismograf, auch so ein Jünger’scher Begriff, hat Konjunktur. Das kann man zum Beispiel an der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Tumult“ beobachten. Wer die Zeitschrift aus den 1980er Jahren als unorthodoxes, aber doch irgendwie linkes Organ kennt, ist a) erstaunt, dass es sie noch gibt, und wundert sich b) über den Rechtsdrall. Wie kommt es, dass einer wie der Büchner-Preisträger Reinhard Jirgl, der bisher durch sperrige, avantgardistische Romane aufgefallen ist, hinter den Migrationsbewegungen nach Europa ein gigantisches Komplott der USA vermutet?

Ja man staunt, aber ziemlich sicher würde Schirrmacher anders als Thomas Steinfeld neulich in der SZ keine politische Warnung vor diesen Rechtsintellektuellen aussprechen. Es bleibt relativ unwahrscheinlich, dass Jirgl demnächst eine Wahlempfehlung für die AfD ausspricht. Vielmehr zeigt der sich zutiefst mit einem möglichen Scheitern von Europa einverstanden. „Es gilt einmal mehr der Satz Ferdinand von Schills, des Verteidigers von Kolberg: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende!“

Da haben sie die ganze Faszination am Untergang, Angstlust. Garniert mit dem geschmäcklerischen Zitat des Bildungsbürgers. Und das ist interessant. Denn Schirrmacher war natürlich auch ein Leser von Thomas Mann, dem ironischen Bildungsbürger, der sich über die Oswald Spenglers seiner Zeit eben auch lustig gemacht hat. Spenglers Bestseller „Der Untergang des Abendlandes“ von 1918 und 1922 war auch ein Phänomen der wohligen Schauer in den Salons – und der stickigen Junggesellenwohnungen. Denken Sie an Naphta aus dem „Zauberberg“. Der Jesuit verbindet den Spengler’schen Geschichtspessimismus mit Vorstellungen eines kommunistischen Gottesstaates.

Querfront, wenn Sie so wollen.

Ja, Schirrmacher hätte vielleicht an die Streitgespräche zwischen Settembrini und Naphta erinnert. Als Leser würde man ja nur zu gerne dem Aufklärer, Internationalisten und Menschenfreund Settembrini recht geben. Aber es geht einem wie Hans Castorp: Wenn man ideologisch nicht ganz vernagelt ist, muss man zugeben, dass die Argumente von Naphta schwer wiegen.

So kann es einem ja auch heute wieder gehen. Den beklemmendsten Beitrag in der von Ihnen erwähnten Ausgabe von Tumult hat Rolf Peter Sieferle geschrieben. Sieferle, ein renommierter Historiker, sagt, dass das vielleicht wichtigste Kapital einer Gesellschaft das Vertrauen ihrer Mitglieder ist. Ökonomische Effizienz und Vertrauen korrelieren stark. Laufen wir im Gefolge der großen Migrationsbewegungen, befeuert durch Rechtspopulismus und Ereignisse wie „Köln“ nicht gerade Gefahr, einen dramatischen Vertrauensverlust zu erleiden?

Mit welchen Auswirkungen?

Sieferle sagt, dass er auch eine moderne Industriegesellschaft vollkommen verändern kann. Das Gewaltmonopol des Rechtsstaates weicht sich auf, tribales Recht setzt sich durch, wie es jetzt schon in Großstädten zu beobachten ist. Darum dreht sich ja gerade die Debatte, aber Sieferle denkt in längeren Zeiträumen: der Sozialstaat verschwindet, und mit ihm das Europa, das wir kennen. Ich verkürze stark, aber wenn er darauf verweist, dass der von uns quasi für natürlich gehaltene Sozial- und Rechtsstaat auf „sehr fragilen und unwahrscheinlichen Grundlagen beruht“, dann spricht er einfach als Historiker, also mit dem Bewusstsein für die Kontingenz der Geschichte.

Nehmen Sie die Finanzkrise: Sie hat ja dieses Bewusstsein geschärft. Aber nach beiden Richtungen! Staaten standen vor dem Bankrott, aber Gesellschaften zeigten sich resistenter als gedacht. Griechenland geht es nicht gut, ja, aber es ist kein failed state. Und weil das so ist, hätte vielleicht die Désinvolture in Schirrmacher über den Apokalyptiker triumphiert. Vielleicht hätte er eingeworfen, dass die Kriminalität um das Schlesische Tor oder in der Rigaer Straße – um von Berlin zu sprechen – schlimm, aber noch kein Vorschein des gescheiterten Staates sind.

Vielleicht hätte Frank Schirrmacher für eine aufgeklärte, pragmatische Willkommenskultur plädiert – eben um den fundamentalen Mechanismus des Vertrauens zu stärken. Der Rest ist Polizeiarbeit und ein Einwanderungsgesetz. Denn es bleibt ja ein Faktum: Das überalterte Deutschland braucht Zuwanderung, will es seinen Wohlstand bewahren. Wer wüsste es besser als der Autor des Methusalem-Komplotts?

Der Autor des „Methusalem-Komplotts“ ist aber auch der Autor von „Payback“ und „Ego. Das Spiel des Lebens“. Also der Kritiker des digitalen Kapitalismus. Führt von da ein Weg in die aktuelle Debatte?

Vielleicht indirekt. Ich denke an einen sehr schönen Essay, den Schirrmacher den Nerds gewidmet hat. Also diesen oft etwas blassen, jungen Männern, die am liebsten Computer auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, während der Pizzaservice liefert. Er hat ihnen früh eine politische Macht zuerkannt. In Gestalt der Piraten-Partei ist das bekanntlich gescheitert. Aber ich frage mich, wo diese „neue Intelligenzform“ geblieben ist, von der Schirrmacher gesprochen hat? Sind die gleichen Leute, die sich für eine ultraliberale Netzpolitik ausgesprochen haben, auch für eine radikal neu gedachte Flüchtlingspolitik zu haben? Oder haben die ihre Wurzeln eben wirklich nur im Netz, wie Julia Seeliger damals beklagt hat?

Die Debatten um die Internet-Überwachung, angeblich doch die allergrößte Bedrohung, sind jedenfalls fast auf null runtergefahren. Snowden, wer war das gleich noch?

Ein Flüchtling, wenn man so will.

Aber würde Schirrmacher die Migrations- und Fluchtbewegungen mit dem Kapitalismus zusammendenken?

Da bin ich mir unsicher. Würde er sehr verkürzt, in vielen der Flüchtlinge und Migranten die radikalen Verlierer des heutigen Kapitalismus erkennen? Menschen, die vollkommen von den Glücksversprechen des Westens beseelt sind und noch in ihrer Frustration und fundamentalistischen Abwehr an diesen Westen gekettet bleiben, wie Alain Badiou neulich in einen Interview mit der Libération gesagt hat …

… das unter Schirrmacher bestimmt in der „FAZ“ nachgedruckt worden wäre.

Woher kommt die Vehemenz dieser Debatte? Warum geht sie so tief? Woher kommt es, dass an ihr letzte Fragen geklärt werden? Das würde natürlich auch ihn umtreiben.

Ein Erklärungsversuch: Die Vehemenz der Debatte hat auch mit einer Rückkehr der Physis und der Geografie zu tun. Es geht um Bewegungen und Körper im konkreten Raum. Auch hier: nach der abstrakten Finanzkrise.

Ja, vielleicht. Jedenfalls: Man erwartet in dieser Debatte ständig irgendwie das erlösende Wort. Und es gibt den Glauben, durch das Aussprechen von „Denkverboten“ werde alles besser und anders. Aber man sieht, dass „es“ offenbar immer und immer wieder ausgesprochen werden muss. Im 500. Leitartikel und im 500.000 Kommentar unter diesem Leitartikel. Das hat etwas Manisches, dem man sich schwer entziehen kann.

Hätte Schirrmacher sich denn entzogen?

Ich darf daran erinnern, dass er Thilo Sarrazin sehr ambivalent begegnet ist. Er fand durchaus, dass Sarrazin auf, sagen wir mal vorsichtig, Defizite in der Integrationsdebatte aufmerksam gemacht hat. Aber wie spricht Sarrazin? Schirrmacher hat dafür das tolle Bild vom „Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft“ gefunden. Auch Sarrazin ist ein Bildungsbürger, der nicht mehr an den Wert der Bildung glaubt. An ihre Stelle tritt in Deutschland schafft sich ab der Biologismus. Unsere Intelligenz ist weitestgehend vererbt, sagt Sarazzin, der sich auf umstrittene Forschung bezieht, aber er druckst sich um die Folgen herum. Denn die sind monströs, sagt wiederum Schirrmacher, der Sarrazin hier auf einem großen Irrweg gesehen hat. Das war eben sein humanistischer Ansatz.

Mehren sich nicht gerade die Vorstöße, der deutschen Politik ihre angebliche Hypermoral, sprich ihre humanistischen Flausen auszutreiben? Sloterdijk sprach davon, dass man in der Flüchtlingsfrage zu „so etwas wie einer wohltemperierten Grausamkeit“ kommen müsse. Interessant in diesem Zusammenhang, dass sich das Modewort von den „robusten Mitteln“ nicht auch hier durchsetzt. Aber wir erleben ja gerade, besonders bei der SPD, eine Veränderung der Sprache. Hören Sie mal Sigmar Gabriel zu, wenn er von „denen“, den Flüchtlingen also, spricht. Aber auch wer nicht so spricht: Die Rede vom „Kontrollverlust“ der Politik ist jedenfalls schon Konsens. Würde Schirrmacher hier nicht auch zustimmen?

Vermutlich schon. Aber er würde nicht moralisieren, sondern etwa das Dilemma von Merkels Position darlegen. Es ist ein wenig wie in der Steuerpolitik, wenn der Vergleich erlaubt ist. Sie ist unglaublich kompliziert, aber der Bürger denkt, es könne, wenn es nur mit rechten Dingen zugehe, auf einen Schlag ganz einfach werden. Sie erinnern sich vielleicht, dass Schirrmacher sich sehr stark für „den Professor aus Heidelberg“ eingesetzt hat. Kirchhof wollte die Steuergesetzgebung radikal vereinfachen, und er stand bei der Bundestagswahl von 2005 im Kompetenzteam von Angela Merkel, war als Finanzminister vorgesehen. Daraus wurde bekanntlich nichts. Schirrmacher schrieb dann: „Die Causa Kirchhof füllt das Vakuum eines politischen Diskurses, der entweder nicht sagt, was er will, oder nicht will, was er sagt, oder nicht weiß, was er will oder wollen darf.“ Wenn man das auf die heutige Flüchtlingsdebatte bezieht, schillert der Satz sehr. In alle Richtungen.

Vermutlich müssen es die Frauen richten. Wenn ich richtig sehe, sind den meisten Frauen sowohl düstere Apokalyptik als auch eine zu heitere Désinvolture fremd.

Die Frauen werden es auch richten. Ich erinnere an seinen Aufsatz über die „Männerdämmerung“. Was wurde er nicht missverstanden! Er sei misogyn. Dabei sagt er ja: „Frauen übernehmen die Vermittlung und sogar die Macht in einer zerfallenden Gesellschaft.“ Na ja, das mit dem „zerfallenden“ sollte man sich vielleicht noch einmal überlegen.

*Beide Rollen: Michael Angele. Sehr frei nach Peter Hacks: Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe (Hacks war ein Lieblingsautor von Schirrmacher)

06:00 17.02.2016

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