Was zählt, ist die Organisation

Ägypten Die Muslimbrüder sind mit einem weitverzweigten Netzwerk perfekt auf den Präsidentschafts-Wahlkampf vorbereitet. Reportage aus einem Arbeiterviertel in Giza

Immer wieder saust der Gummischlauch auf die Trommel herab. Immer wieder hebt Walid Ahmed die Hände als Trichter an den Mund. Rund um ihn herum hebt die Menge zu ohrenbetäubenden Sprechchören an: „Mursi! Mursi! Mursi für Ägypten!“

Ahmed und Hunderte weitere Anhänger der Freedom and Justice Party (FJP), des politischen Arms der Muslimbruderschaft, haben lange auf diesen Tag gewartet. Ihr Präsidentschaftskandidat Mohammed Mursi kommt zu einem Wahlmeeting nach Giza. Die Zwillingsstadt Kairos, auf der Westseite des Nils, ist eine Hochburg der islamischen Bruderschaft. Das Schönste hier, das sei die Mischung der Leute, die mitliefen. Männer, Frauen, Alte, Junge, Kinder – alle seien da, meint Ahmed.

Schon während seines Ingenieursstudiums schloss sich der 38-Jährige einer kleinen islamistischen Vereinigung an. Als er im Frühjahr 2003 gegen die US-Invasion im Irak protestierte, wurde er verhaftet und für mehrere Jahre eingesperrt. „Das Essen war grauenhaft. Seit ich raus bin, kocht meine Mutter doppelt so viel, doch ich muss abnehmen, sonst krieg ich noch Probleme mit meinen Gelenken“, sagt Ahmed und lächelt.

Nach seiner Freilassung schloss er sich prompt der Muslimbruderschaft an, um – wie er glaubt, etwas Gutes für sein Land zu tun: „Der Koran sagt, dass du deinen Mitmenschen helfen sollst, und die Muslimbrüder sind nun einmal die am besten organisierte Gruppe in Ägypten.“ Seitdem ist er fast jeden Tag, wenn er mit seiner Arbeit in einem Ingenieursbüro fertig ist, noch in der Nachbarschaft als Wahlkämpfer unterwegs.

Hornhaut vom Beten

Die Muslimbrüder betreiben überall im Land Krankenhäuser, die Patienten kostenlos aufnehmen – sie verteilen Lebensmittel und unterhalten Schulen, um den Ärmsten zu helfen. 40 Prozent der Menschen in Ägypten leben von umgerechnet weniger als zwei Dollar am Tag. Wie keine andere Organisation kann die Bruderschaft auf ein soziales Netzwerk zurückgreifen, das Erniedrigten und Bedürftigen hilft. Und das begründet ihren politischen Erfolg. Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 23. und 24. Mai werden die Brüder eine gewichtige, wenn nicht entscheidende Rolle spielen (siehe Kasten).

Am Abend des Mursi-Besuchs haben sich bereits Tausende vor der Wahlkampfbühne eingefunden. Ahmed und seine Begleiter müssen sich mit einem Platz weit vom Podium entfernt begnügen. Auf der mit rotem Tuch ausgeschlagenen Bühne sitzen Mursi und die lokalen Führer der FJP in weißen Ledersesseln. Nacheinander treten sie ans Mikrofon und preisen ihren Präsidentschaftskandidaten. Kameras an Kranarmen gleiten über die jubelnde Menge dieses Auditoriums und übertragen das Geschehen auf Großbildschirme. „So etwas können nur die Muslimbrüder veranstalten“, freut sich Ahmed.

„Wir haben ein Projekt, und wir können uns glücklich schätzen, über eine Organisation zu verfügen, die einem solchen Projekt gerecht wird“, ist Bruder Ayman Said Saied überzeugt, auf dessen Stirn die typische Hornhautstelle des regelmäßig Betenden zu sehen ist. Ayman gehört zum Politischen Komitee in Tolbeya, das sich für die religiöse Betreuung in der Bruderschaft zuständig fühlt. „Was wir wollen, das lässt sich nicht allein als politisches Programm deuten. Unser Ziel soll es sein, durch Spiritualität, Bildung und den Gebrauch der Medien die Gedanken der Menschen zu ändern und zu erneuern. Genau genommen tun sie das schon seit über 80 Jahren.“

Der 37-jährige Buchhalter sitzt im Hauptquartier der Freedom and Justice Party in Tolbeya. Das Büro befindet sich im ersten Stock eines Wohnhauses mitten im Viertel. An der Fassade prangt das Logo der FJP. Auf dem Bürgersteig davor sitzen Familien mit ihren Kindern an den Tischen eines beliebten Saftverkäufers. Von hier aus organisiert die Bruderschaft ihre Arbeit in einem Quartier, das ihnen die Anhänger kaum je schuldig geblieben ist. Schon zu Zeiten Mubaraks war das kaum anders.

Staat zieht sich zurück

Tolbeya ist einer der vielen Arbeiterbezirke in Giza. Die Straßen sind staubig und ohne Asphalt, viele der grauen Gebäude erreichen eine Höhe, die verhindert, dass die Sonne in die schmalen Gassen dringt. Vor den Geschäften und Häusereingängen stapelt sich Müll. Tuk Tuks, kleine, dreirädrige Taxis, suchen nach Kunden. Eine Fahrt kostet kaum mehr als zehn Cent. Allein in Tolbeya sind 40 Familien auf den finanziellen Beistand der Muslimbrüder angewiesen, um zu überleben. Der Staat hat sich zurückgezogen. Auf ihn zu bauen, lohnt kaum.

Der Einfluss in solchen Gegenden verschafft der Muslimbruderschaft Stärke, Einfluss und Zehntausende von Mitgliedern, die sich bei Gelegenheiten wie dem Meeting eines Präsidentschaftskandidaten mobilisieren lassen. „Wir wollen Ägypten verändern, indem wir die Menschen durch Bildung verändern“, sagt Ayman und lehnt sich in seinem Sessel zurück.

Gerade hat er die letzten Teilnehmer des wöchentlichen Mitgliedertreffens verabschiedet. Einige tragen sich noch schnell in die Anwesenheitsliste ein. Derartige Zusammenkünfte werden genutzt, um den Mitgliedern der Organisation zu erklären, worauf es im Wahlkampf ankommt. „Die Mitglieder sind für uns Multiplikatoren“ – doziert Ayman – „die ihren Landsleuten sagen, weshalb es sich lohnt, Mohammed Mursi zu wählen: Weil es nicht um seine Person geht, sondern dieser Bewerber für die Organisation steht.“

In den über 80 Jahren ihres Bestehens wurden die Muslimbrüder oftmals von der ägyptischen Regierung verfolgt, ihre Mitglieder eingesperrt und gefoltert. Hassan al-Banna, der Gründer des religiösen Bundes, war 1949 auf offener Straße erschossen worden. Eine Erklärung dafür, weshalb die Bruderschaft ihre Strukturen tarnen musste, um zu überleben.

Niemanden vergessen

Die zentralen Prinzipien der Organisation sind Gehorsam, Hierarchie und Nähe zu den Menschen in den Dörfern und der urbanen Nachbarschaft. Seit dem Zusammenbruch des Mubarak-Regimes kann die Bruderschaft diese Stärken ausspielen. „Wir verlassen uns bei jeder Wahlwerbung auf klassische Methoden“, sagt Ayman. „Wir klopfen bei den Menschen an die Türen, verteilen Flyer und Poster.“

Zwei Tage später treffen sich die Muslimbrüder Tolbeyas nach dem Abendgebet an der nahegelegenen Moschee, um genau das zu tun. Auf der Ladefläche eines Pickups haben sie mehrere Lautsprecher angebracht. Sie verteilen Plakate mit dem väterlich lächelnden Gesicht Mohammed Mursis. Knapp tausend Mitglieder sind gekommen. Der Umzug biegt von der Hauptstraße in eine Seitengasse. „Glaubt nicht, was Fremde euch erzählen! Glaubt, was die Menschen in eurer Nachbarschaft sagen!“, tönt es aus den Lautsprechern des Pickups. Der Schall fängt sich im Viertel und übertönt alles Übrige. In den Häusern werden Fenster geöffnet. Neugierige schauen der Prozession zu.

„Jedes Haus besuchen, das ist unsere Strategie“, sagt Mohammed Farouk al-Gawhery. Der 43-jährige Apotheker läuft an der Spitze des Umzugs. „Nicht über die Medien oder von oben, sondern mit den Leuten direkt sprechen, das entspricht unserem Wesen.“ Al-Gawhery und andere Mitglieder verteilen Flugblätter an die Menschen, die vor ihren kleinen Geschäften stehen.

Erinnerungs-SMS

Die Kosten des Wahlkampfs tragen die Mitglieder der jeweiligen lokalen Komitees. Sie zahlen aus eigener Tasche für die Plakate und Flugblätter. In Tolbeya hat jeder Muslimbruder, dem das möglich war, 200 Ägyptische Pfund (ungefähr 25 Euro) ausgegeben. Darüber hinaus erhält jedes Mitglied einen Wochenplan mit den geplanten Aktionen. Für den Umzug durch Tolbeya hat jeder zwei Tage vorher extra noch eine Erinnerungsnachricht auf sein Handy erhalten.

„Jeder kann Mitglied der FJP werden“, versichert al-Gawhery. „Doch es dauert ein bis zwei Jahre, um ein vollwertiges Mitglied der Bruderschaft mit allen Rechten zu sein. Wir müssen jemanden erst kennenlernen, und er muss uns kennenlernen. Muslimbruder zu sein, bringt viele Pflichten mit sich, das muss dem Bewerber klar sein.“

Nach zweieinhalb Stunden hat der Umzug fast sein Ende erreicht. Mehrere Mitglieder eilen voraus, um den Verkehr auf einer großen Kreuzung abzusperren, damit alle gleichzeitig hinüber können. „So etwas“, sagt al-Gawhery und blickt die Straße entlang, auf den Wagen mit den Lautsprecher-Boxen und auf die vielen identischen Mursi-Plakate, „so etwas kann nur die Muslimbruderschaft organisieren.“

Favoriten bei der Präsidentenwahl in Ägypten



Moneim Abul Futuh (60)

Ein paradoxer Fall, denn der Kandidat kommt aus der Muslimbruderschaft, wurde aber aus deren Reihen verbannt, weil er seine Bewerbung um die Präsidentschaft bekannt gab, ohne dass die Führungsgremien der Organisation ihre Erlaubnis erteilt hatten. Umso mehr wirbt Abul Futuh nun als religiöser Politiker um den Reformflügel der Bruderschaft, aber ebenso um die Stimmen der Salafisten, der zweitstärksten Kraft in der verfassunggebenden Versammlung. Deren Kandidat Abu Ismail wurde nicht zur Wahl zugelassen, weil seine verstorbene Mutter die US-Staatsbürgerschaft besessen haben soll.



Mohammed Mursi (60)

Der Vorsitzende der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, des politischen Arms der Muslimbruderschaft, wurde nachnominiert. Zunächst hatte die Organisation den Geschäftsmann Chairat al-Schater benannt, der nach Umfragen mit mehr als 30 Prozent der Stimmen rechnen konnte. Doch wurde ihm vorgeworfen, keine korrekten Unterschriftenlisten von Unterstützern vorgelegt zu haben. Mursi hat in den USA Ingenieurwesen studiert und als Assistenz-Professor in Kalifornien gearbeitet. Er war zwischen 2000 und 2005 Mitglied der ägyptischen Nationalversammlung und gilt als gemäßigter Islamist.



Amr Mussa (75)

Der Berufsdiplomat begann seine Karriere als Vertreter Ägyptens bei den Vereinten Nationen und war Botschafter in Indien, bis er schließlich 1991 von Präsident Mubarak zum Außenminister berufen wurde. 2001 wählte ihn die Arabische Liga zu ihrem Generalsekretär. In dieser Funktion setzte er sich für eine Flugverbotszone über dem Gazastreifen ein, um israelische Luftangriffe zu verhindern, und warf den USA immer wieder vor, sich nicht genug für einen Palästinenser-Staat einzusetzen. Amr Mussa hat als einziger säkularer Bewerber eine Chance, in die Phalanx der religiösen Kandidaten einzubrechen.



Hamdin Sabahi (58)

Der Vorsitzende der 1996 gegründeten linksgerichteten Partei der Würde bekennt sich zum arabischen Sozialismus des einstigen Präsidenten Nasser. Er gehörte zur Bewegung des 6. April 2008, die seinerzeit streikende Arbeiter der Spinnereien und Webereien von Mahalla al-Kubra unterstützte. Sabahi ist eng mit der Bewegung des Tahrir-Platzes verbunden und war schon vor Mubaraks Sturz einer der Anführer der säkularen Opposition. Sabahi hat Massenkommunikation an der Universität Kairo studiert und genießt besonders unter der jungen urbanen Bevölkerung des Landes hohes Ansehen.



Ahmed Schafik (70)

Seine Zulassung zum Präsidentenvotum war umstritten, da Schafik Ende Januar 2011 das Amt des Premierministers übernahm, als der öffentliche Protest gegen Hosni Mubarak bereits begonnen hatte. Die Muslimbrüder werfen der Wahlkommission vor, mit Schafik bewusst einen Anhänger des alten Regimes antreten zu lassen, damit sich hinter ihm die frühere Elite sammeln kann. Vor seiner Zeit als Regierungschef war Schafik ab 2002 Minister für Zivilluftfahrt. Er hatte sich während des Oktoberkrieges 1973 als Pilot der Luftwaffe ausgezeichnet und wurde danach zum Kommodore einer Flugstaffel befördert.


Texte: Lutz Herden

Alle Bilder: AFP/ Getty Images


Raphael Thelen ist freier Journalist und bereist seit ein paar Jahren regelmäßig den Nahen und Mittleren Osten

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