Was zählt, sind Tote

KOMMENTAR Finale in Palästina

Der Krieg im Nahen Osten gebiert unvorstellbare Gewaltexzesse. Dies festzustellen, klingt wie ein Eingeständnis von Mitschuld, weil es soviel Hilflosigkeit einschließt. Trotz der Gewalt ist die Region noch für Kuriositäten gut. Kann die Lösung der Selbstmordattentate vom Metzger kommen, lautet eine Schlagzeile der FAZ vor Tagen. Israelische Siedler des Gush Katif-Blocks im Gaza-Streifen kamen auf die glorreiche Idee, die sterblichen Überreste von Selbstmordattentätern in Schweinehäute zu hüllen, welche dadurch angeblich unrein würden, weshalb die Seele des Betroffenen nicht ins Paradies eingehen könne.
Die Lage ist allerdings zu ernst, als dass man sie Obskurantismus überlassen könnte. Es scheint, als stehe die Region vor einem blutigen Finale. Achtung vor dem Leben des Anderen, Werte oder gar Moral sind obsolet. Was zählt, sind Tote. Die Regierung Sharon verhält sich wie eine entfesselte Kolonialmacht. Dem Premier und seinen Generälen fällt nichts anderes ein, als noch mehr F-16-Kampfbomber, noch mehr Apache-Helikopter, noch mehr Panzer gegen ein wehrloses Volk einzusetzen, das auf seinem Selbstbestimmungsrecht in einem eigenen Staat beharrt. Noch mehr tote Palästinenser, damit das Volk und seine Führung kapitulieren?
Zu dieser unglaublichen Logik fällt dem Westen bezeichnend wenig ein. Warum auch, er sieht sich ja selbst in einem "Krieg gegen den Terror", wie ihn auch Sharon zu führen meint. Man könnte denken, Israel habe sich zur letzten Kolonialmacht erklärt, die eine Schicksalsschlacht gegen ein Dritte-Welt-Volk führt und damit die Ursachen für Gewalt und Selbstmordattentäter stetig vermehrt. Denn bevor von Terrorbekämpfung die Rede ist, sollte über das Ende der Besatzung geredet werden.
Ohne Zweifel hat Arafat die Dinge zu lange schleifen lassen und das Verhalten des Westens falsch eingeschätzt. Ohne Zweifel nutzt Sharon die Gunst des 11. September, um Arafat und seine Behörde politisch auszuschalten. Vor Tagen sind zufällig zwei hohe palästinensische Generäle einem Angriff israelischer Kampfhubschrauber entgangen. Warum schreiten die USA und die EU gegen solch staatlich angeordnetes Töten nicht ein? Weshalb intervenieren sie nicht wie im Kosovo? Bevor der Westen den Irak angreift, sollte er in Israel und Palästina den Krieg beenden. Dies hätte viele Vorteile: Ein Friedenskorps könnte den Abzug der israelischen Armee überwachen und damit die UN-Resolution 242 umsetzen, die eine Freigabe der besetzten Gebieten verlangt. Es könnte Israelis schützen, bis diese bereit sind, ihre illegalen Siedlungen zu räumen. Auch die Israelis würden von einem solchen Vorgehen profitieren, weil eine solche Schutzmacht gegen Anschläge palästinenserischer Extremisten vorgehen wird. Der entscheidende Effekt aber wäre die Gründung eines Palästinenserstaates. Damit wäre endlich dem "Urtrauma" in der arabischen Welt der Boden entzogen.

00:00 15.03.2002

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