Was zusammen gehört

Deutsche Zustände Das Leichen-Kabinett des Gunther von Hagens und die Schädelfotos der Bundeswehr

Zweimal gab´s Ehre, wem Ehre gebührt. In Guben gewährte am Freitag vor einer Woche Gunther von Hagens der Bundeswehr die Ehre eines freien Eintritts in seine "Menschenplastinationsfabrik". Und im Reichstag zu Berlin erwies am Sonntag darauf der Bundespräsident den Toten dieser Armee erstmals die Volkstrauertagsehre, die bisher nur den Soldaten Wilhelms II. und Adolf Hitlers galt. Damit sind wir nun auch offiziell in unserer Zeit und in unserem Land angekommen. In der Realität eines Landes, das Krieg führt und sich endlich auch frei dazu bekennt.

Auch Guben, die - laut Eigenwerbung - "traditionsreiche Stadt mit fleißigen Menschen und guten Nachbarn" ist in Deutschland angekommen. In der Niederlausitz weiß man: Die Toten sind ein kostbares Gut, das nicht unter der Erde verschwendet werden darf.

Entgegen der 1990 plakatierten Volksweisheit ("Kommt die DM, bleiben wir - kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!") verschwinden mehr und mehr Gubener in den Westen. Ja, die DM kam und hielt die Stellung bis zum Eintreffen des Euro. Die Arbeitsplätze aber sind gegangen. Daher konnte sich Gunther von Hagens als Erlöser zeigen. Er hat die verbliebenen Einwohner der Stadt gefragt - "Ist Geldverdienen böse, ist Geldverdienen verderblich?" - und gleich die richtige Antwort gegeben: "Gerade hier in dieser Stadt müssten Sie doch wissen, ich sehe es in Ihren Augen, dass es notwendig ist, hier Geld zu verdienen. Und deshalb ist es eine Ehre für mich, hier Geld zu verdienen." Frenetischer Beifall dankte dieser frohen Botschaft. Für die 21.000 verbliebenen Einwohner Gubens, wo einst 30.000 Menschen wohnten, ist der Leichenpräparator aus Heidelberg eine der letzten Hoffnungen.

Mehr als die Hälfte der Wähler in dieser Stadt hat den FDP-Mann Klaus-Dieter Hübner zum Bürgermeister gemacht, den Mann, der schon immer ein entspanntes Verhältnis zu Gewalt und Tod hatte. "Das war doch keine Hetzjagd, sondern eher eine Verkettung unglücklicher Umstände", erläuterte er, als 1999 lokale Rechtsextremisten den Algerier Farid Guendol um sein Leben brachten. Letzten Freitag eröffnete dieser Bürgermeister feierlich die Gubener "Menschenplastinationsfabrik" des Gunther von Hagens.

Auch die mitregierenden Parteichristen stehen nicht abseits. Klaus-Dieter Fuhrmann, der Stadtverordnetenvorsitzende von der CDU, freute sich schon lange: "Kommt von Hagens nach Guben, kommt auch Arbeit." Und da kommt - anders als in Cottbus - kein Schönbohm, um ihn aus der Christenpartei auszuschließen.

Gewiss, noch nicht alle Gubener sind in dem Land, in dem sie nun leben, angekommen. Es gab Proteste, auch von Pastoren, gegen die Plastinationsfabrik - aber das ist eine kleine radikale Minderheit, die sich scheut, aus Toten Arbeitsplätze zu machen.

Für den "Professor" von Hagens war es wichtiger, sich zu bekennen. Zu seinen Kollegen von der Bundeswehr, die sich am Hindukusch mit erhobenem Penis fröhlich vor Totenschädeln ablichten ließen: "Der angebliche Bundeswehrskandal um die ›Totenschändungen‹ in Afghanistan hat sich" - so das offene Wort vom Leichenschänder unterm Schlapphut zu den Leichenschändern in Uniform - "als inszenierter Medienskandal entpuppt, bei dem aus dem ungeschickten Umgang mit Skeletten versucht wird, allgemeine Entrüstung zu destillieren."

Die Bundeswehrsoldaten - so der publicityfreudige Neugubener Arbeitgeber - sie hätten ihre Fotos "privat, jedenfalls nicht für den Boulevard gemacht, und die Soldaten konnten auch nicht damit rechnen, dass die Aufnahmen eines Tages die Titelseiten der Zeitungen füllen würden".

Von Hagens, von dem wir nur die für die Öffentlichkeit, die für die Titelseiten bestimmten Menschenplastinate kennen, nicht seine privaten, ist entsetzt, weil sich sogar die Bundeskanzlerin über die Soldaten empört hat: Der Fall sei weder "abscheulich", wie Angela Merkel formulierte, noch zur Suspendierung vom Dienst geeignet. Von Hagens: "Derartige ethische Dampfwolken ideologischer Überhöhung sind mir noch gut aus der DDR-Zeit gegenwärtig, als der Einzelbauer gleich zum Staatsfeind wurde, nur weil er eben mal sein Ablieferungssoll nicht erfüllte."

Die Totenschändung durch die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan - alles nur "aufgeblasener Pseudoskandal", sagt der Fachmann, dessen Tagwerk das Präparieren von Menschen zu Plastinaten ist. Als Protest gegen alle ethischen Dampfwolken lädt er "alle Bundeswehrsoldaten bis Ende des Jahres zum kostenlosen Besuch" seiner Leichenfabrik in Guben ein. Die erstmalige Einreihung von toten Bundeswehrsoldaten in das Heldengedenken des Ersten und des Zweiten Weltkriegs und dieser freie Eintritt für ihre lebenden Kameraden - wuchs da zusammen, was zusammengehört?


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00:00 24.11.2006

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