Wasser für das dünne Meer

Nahaufnahme Am Bosporus bilden Mensch und Tier ein funktionierendes Recyclingsystem. Ein Zusammentreffen zwischen Hund und Müllsammler am frühen Morgen

Seit einer Woche bin ich nicht mehr allein unterwegs, wenn ich morgens meine drei Kilometer an der Promenade entlang jogge. Das ist nicht verwunderlich, denn Istanbul hat zehn, zwölf oder sogar sechzehn Millionen Einwohner, die genaue Zahl kennt keiner. Zur Jahrtausendwende hat die Stadtverwaltung das Vorhaben aufgegeben, ihre Einwohner zählen zu wollen und begnügt sich seitdem mit Schätzungen.

Mein frühsportlicher Begleiter ist kein Mensch, sondern ein Hund. Ein kleiner Mischling undefinierbarer Herkunft mit grauweißem Fell. Am zweiten Tag habe ich ihm den Namen Deniz gegeben, was auf türkisch „Meer“ heißt, weil wir uns genau dort kennengelernt haben. Deniz gehört zu den Straßenhunden, die tagsüber faul auf den Gehsteigen oder an der Promenade liegen und eigentlich erst nachts aktiv werden. Dann streunen sie in Rudeln durch die Gassen, jagen Katzen und erleben die Art von Abenteuern, die ein Hundeleben aufregend machen. Deniz ist einer der wenigen Frühaufsteher. Und seit einer Woche ist er auch ein begeisterter Jogger. Wir lassen uns Zeit mit dem Kennenlernen, was ich sehr angenehm finde. Es muss ja nicht gleich alles auf einmal geschehen. Und wie es aussieht, stehen wir am Anfang einer langen Freundschaft.

Ein kleines gemeinsames Ritual haben wir schon. Nachdem wir unsere drei Kilometer gelaufen sind, jeder für sich in seinem Tempo, sitzen wir noch ein wenig auf den Steinen. Wir sehen über das Marmarameer und die Bosporusmündung hinüber nach Europa und genießen die Aussicht. Auf dem Wasser schlängeln sich Fischerboote, Kreuzfahrtschiffe, Tanker, Linienfähren und Frachter eng aneinander vorbei und schaffen es auf wundersame Weise, dabei nicht miteinander zu kollidieren. Wir trinken beide einen halben Liter Wasser. Ich aus einer Flasche, und Deniz aus einer Plastikschale. Dann trennen sich unsere Wege. Deniz trottet zu seinen Freunden, die jetzt langsam wach werden, und ich gehe nach Hause, um mich an meinen Schreibtisch zu setzen.

Doch heute ist etwas anders. Deniz geht nicht wie sonst zu seinen Hundekumpels, sondern bleibt an meiner Seite, als ich die Stufen hinauf zur Mühürdar Caddesi steige, der Straße, die zu meiner Wohnung führt. „Was ist?“, frage ich und sehe Deniz an. „Willst du deinen Tag heute mit mir verbringen?“ Ich bekomme keine Antwort, sondern einen langen Blick aus seinen Hundeaugen. Da ruft eine Stimme vor uns: „İnce, hadi gel!“. Und Deniz flitzt schwanz­wedelnd zwischen meinen Beinen hindurch auf einen Mann zu, der mit einer Stange in einem Müllcontainer wühlt und dabei einen großen Knochen zu Tage fördert, den er Deniz vor die Nase hält.

Im Gegensatz zu Deutschland hat in Istanbul nicht jedes Haus seine eigenen fünf Mülltonnen für Altpapier, Altglas, Biomüll, Grünen Punkt und Restmüll, sondern es gibt an jeder zweiten Straßenecke einen großen Müllcontainer für die Allgemeinheit.

„Günaydin!“ – guten Morgen, ruft der Mann mir zu. Er ist vielleicht dreißig Jahre alt. Dann zeigt er auf Deniz. „Ich nenne ihn İnce, weil er so dünn ist. Sie haben wahrscheinlich einen anderen Namen für ihn ...?“ Er beschreibt mit seinem Arm einen Halbkreis. „Jeder tauft ihn anders. Er ist der Hund der vielen Namen.“

– „Ich nenne ihn Deniz“, sage ich. „Weil wir uns am Wasser kennengelernt haben.“

– „Dann nennen wir ihn doch İnce Deniz. Das dünne Meer.“

Wir müssen beide lachen.

Der Mann, der vor mir steht, ist einer der vielen Müllsammler Istanbuls. Schon morgens sieht man sie mit ihren Sackkarren, auf denen sie riesige Beutel befestigt haben, die an gigantische Ikea-Taschen erinnern, durch die Straßen ziehen und Dinge sammeln, die sich wiederverwerten lassen: Papier, Plastik, Aluminium und Blech. So wandern sie wie schwerbeladene Ameisen bis tief in die Nacht durch die Stadt. Ich habe noch nie mit einem von ihnen gesprochen, allein schon, weil mein Türkisch nicht viel weiterreicht als bis zur Frage nach dem Namen meines Gegenübers, seinem Wohlbefinden und einer Bemerkung über das Wetter. Aber dieser Mann hier spricht eine Mischung aus Türkisch und Deutsch, die ich gut verstehe.

„Adın Daniel“ - Ich heiße Daniel, sage ich und gebe ihm die Hand.

„Hamit“, sagt er und deutet eine Verbeugung an. „Memnum oldum. Erfreut, Sie kennenzulernen.“

Ich hole meine Zigaretten aus der Tasche, biete ihm eine an, und dann geben wir uns gegenseitig Feuer.

„Wir waren zusammen joggen“, sage ich und zeige auf İnce Deniz, der zwischen uns steht und zufrieden an seinem Knochen nagt.

„Ich laufe auch viel. Jeden Tag bis zu zwanzig Kilometer. Von morgens sechs Uhr bis nachts um eins bin ich unterwegs“, sagt Hamit. „Eine anstrengende Arbeit, aber ich bin mein eigener Chef. Niemand, der mir Befehle gibt.“

„Dann sind Sie schon seit zwei Stunden auf den Beinen“, stelle ich fest.

„Ja, seit zwei Stunden. Ich sammle Papier. Mein guter Freund Hüseyin sammelt Plastik. Gemeinsam sind wir die Papier- und Plastikfirma.“ Er holt einen Pappkarton aus dem Container und knickt ihn zu einem handlichen Paket zusammen. „Wir machen jeden Tag zusammen die gleiche Route. Nur jetzt ist er nicht da, er ist in sein Dorf zur Hochzeit seiner Schwester gefahren. Das Arbeiten ist langweilig ohne ihn, niemand zum Reden … Aber jetzt reden ja wir.“ Er klopft mir auf die Schulter.

Dann erzählt er mir, dass er seit fünf Jahren Papiersammler ist, früher Bauarbeiter, Türsteher und Kellner war, bei diesen Jobs aber auch nicht viel mehr verdiente.

„Wie viel verdienen Sie denn?“, möchte ich wissen. „Wenn ich das fragen darf.“

„Sie dürfen, natürlich.“ Er weist mit einem Nicken auf seinen Sackkarren. „Das wird bei der Sammelstelle gewogen. Für hundert Kilo kriege ich sieben Lira. Ich sammle ungefähr 200 Kilo Papier am Tag. Ich arbeite am Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag … die ganze Woche, jeden Tag.“

Ich rechne seinen Lohn zusammen: 14 türkische Lira Tagesverdienst mal sieben sind, überschlagen, hundert türkische Lira pro Woche, fast 400 türkische Lira im Monat. Umgerechnet etwa 200 Euro. „Sie kommen auf 400 Lira im Monat?“, frage ich.

„Mehr“ sagt Hamit. „Manchmal finde ich Dinge, die ich weiterverkaufen kann. Lampen, Schuhe, Koffer, Stühle, Kerzenständer. Einmal habe ich sogar eine Holzeisenbahn gefunden. Das sind gute Tage. Diese Dinge verkaufe ich an die Eskiçi, die Trödler, die mit ihrem Bauchladen herumziehen. Sie kennen bestimmt den Ruf: Eşyalar! Eşyalar! Eski eşyalar! Sachen, Sachen, alte Sachen!“

Hamit nimmt einen Zug von seiner Zigarette. Dann weist er auf Deniz, der immer noch mit seinem Knochen beschäftigt ist. „Ich bin froh, dass es İnce und seine Kollegen gibt“, sagt er. „Und die Katzen natürlich.“

„Warum sind Sie darüber froh?“, frage ich.

„Sehen Sie“, sagt er. „In den Müllcontainern liegen auch die Reste vom Abendessen, Fischabfälle oder dieser Knochen hier. Die Hunde und Katzen leben davon. Wenn es sie nicht gäbe, würden die Ratten kommen. Ich mag Hunde und Katzen, aber ich mag keine Ratten. Ich wollte nicht arbeiten, wenn mir Ratten über die Arme laufen, während ich aus einem Container ein Stück Pappe hole.“

Das leuchtet ein. Anscheinend wissen auch eine Menge anderer Istanbuler diese Form von Rattenbekämpfung zu schätzen. Wenn man früh am Morgen durch mein Viertel geht, sieht man Schalen mit Wasser oder Milch vor den Haustüren stehen, die die Leute den Hunden und Katzen hinstellen, bevor sie ihr Tagewerk beginnen. Unser Schlachter sammelt Knochen in einem Trog. Wenn er voll ist, schiebt er ihn durch die Tür seiner Ladenräume wie ein Koch, der das fertige Essen durch die Küchenluke reicht.

Die Trödler, die Müllsammler, die Katzen, die Hunde. Alle sind sie in einem Kreislauf miteinander verbunden. Und zusammen sorgen sie dafür, dass diese Stadt mit ihren zehn oder zwölf oder sechzehn Millionen Bewohnern nicht aus dem Gleichgewicht gerät und im Müll und Unrat versinkt.

Es ist schon erstaunlich, denke ich. Auf den ersten Blick scheint es in Istanbul keine Mülltrennung zu geben. Auf den zweiten gibt es doch eine, und die funktioniert mindestens genauso gut, wie unser perfekt durchdachtes deutsches Recyclingsystem. Nachdem die Müllcontainer nach wiederverwertbaren Rohstoffen durchsucht worden sind, braucht die Müllabfuhr nur noch das mitzunehmen, was in Deutschland als Restmüll bezeichnet wird.

„Ich muss weiter“, sagt Hamit. „Leider. Ich höre, wie das Papier in Göztepe meinen Namen ruft.“

Wir verabschieden uns, und als ich mich umblicke ist auch İnce Deniz mit seinem Knochen verschwunden. Auch er hat seinen Job zu erledigen. Wir werden uns morgen früh beim Joggen wiedersehen.

Daniel Klaus, 1972 geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin und Istanbul. Im Jahr 2000 gewann er den Walter-Serner-Preis

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20:00 22.10.2009

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