Wasserpfeifen für Malmö

Nicht in Berlin Schwedens drittgrößte Stadt war lange trostlos. Dank syrischer Migranten floriert sie wieder

Als Fisal Abo Karaa vor einem Jahr am Hauptbahnhof Malmö erschöpft aus dem Zug stieg, war er nur einer von ungezählten Menschen, die Syriens grauenvoller Bürgerkrieg in die Flucht getrieben hatte. Seit April aber ist Abo Karaas Anwesenheit in der drittgrößten Stadt Schwedens nicht mehr zu übersehen. Jedenfalls nicht in der Hauptgeschäftsstraße, wo er nun sein Restaurant Jasmin Al Sham betreibt. Syrische Sackpfeifen, Trommeln und Tänze kündeten am Eröffnungsabend von dem unerwarteten Schub syrischer Investitionen, mit dem sich Malmö plötzlich gesegnet sieht.

Fünf Millionen Kronen – etwa 540.000 Euro – sollen Abo Karaa und seine Partner dafür aufgewendet haben, eine frühere Pizza-Hut-Filiale in den Nachbau eines traditionellen Damaszener Hauses zu verwandeln. Und das Jasmin Al Sham ist nur eins von fünf syrischen Restaurants, die binnen eines Jahres in Malmö eröffnet wurden. „Es heißt schon, die Syrer kommen und kaufen alles auf“, sagt Ibrahim, Inhaber eines Friseursalons und Mitglied des Nahawand-Shisha-Clubs, zu dem sich die arrivierten arabischen Geschäftsleute in der Stadt zusammengeschlossen haben. „Sehr viele Menschen aus Syrien wollen Geld in Schweden anlegen“, bestätigt Maher Alkhatib aus Damaskus, ein weiterer Restaurantbesitzer. „Und ich kenne Leute in den Emiraten, die mir sagen: Finde gute Projekte für uns, damit wir investieren können.“

Untergang des Schiffbaus

Abo Karaas Familie besaß vier Fabriken in Homs und exportierte Papiertücher in die ganze arabische Welt. „In Syrien haben wir Millionen von Euro verloren und eine Menge Vermögenswerte“, erklärt sein Neffe Mohammed. Im Lokal des Nahawand-Shisha-Clubs sitzen Geschäftsmänner in maßgeschneiderten Anzügen mit Freunden und Familie unter Porträts osmanischer Herrscher beisammen, nippen an frisch gepressten Säften und lauschen einem Varietésänger, der zwischen wehmütigen Liedern und Schenkelklopfwitzen wechselt. Unter den Clubmitgliedern finden sich die größten Erfolgsgeschichten aus drei Jahrzehnten arabischer Einwanderung nach Malmö.

Von den 317.000 Einwohnern haben 43 Prozent einen Migrationshintergrund, und unter ihnen bilden rund 40.000 irakischstämmige Bürger die größte Einzelgruppe. Gemeinsam haben sie eine Stadt wieder in Schwung gebracht, die nach dem Zusammenbruch ihrer Schiffbauindustrie Anfang der 80er Jahre so tief in die Krise geriet, dass ein Siebtel ihrer Bevölkerung abwanderte. „Malmö in den 90ern war ein trostloser Ort, allen ging es elend“, erinnert sich Christer Havung, dessen Café Bröd och Vänner neben Ibrahims Friseursalon liegt. Die Neuankömmlinge schufen ein zweites Stadtzentrum rund um den Möllevångplatz, mit einem geschäftigen Gemüsemarkt und Läden für iranische, irakische und libanesische Produkte.

„Malmö hat sich komplett verwandelt“, sagt Jassim Almudafar, ein Iraker, der seit 14 Jahren für die staatseigene Almi-Bank arbeitet, spezialisiert auf Gründerdarlehen für Immigranten. „Als ich nach Schweden kam, konnte man nirgendwo Falafel essen, nur Würste und Hamburger. Heute findest du kaum noch Würste, dafür 50 oder 60 Falafel-Buden.“

So viele Geschäftsideen

Die Statistik sieht allerdings nach wie vor düster aus. Unter den im Ausland geborenen Männern in Malmö liegt die Arbeitslosenquote offiziell bei 30 Prozent, während es landesweit nur acht Prozent sind. Von den im Ausland Geborenen im Alter von 18 bis 24 Jahren sind demnach sogar 41 Prozent ohne Beschäftigung. Das durchschnittliche gemeldete Jahreseinkommen der im Irak geborenen Einwohner lag 2014 bei 53.000 Kronen (weniger als 6.000 Euro), im Vergleich zu 285.000 Kronen bei den in Schweden geborenen. Almudafar sieht diese Zahlen skeptisch. Viele derer, denen er in seinen 14 Jahren bei der Bank zu Darlehen verholfen hat, haben aus dem Nichts florierende Geschäfte aufgebaut. Der Bauunternehmer Greg Dingizian zum Beispiel, einer der reichsten Männer Malmös, kam als Kind aus dem irakischen Bagdad nach Schweden.

Offiziell Beschäftigungslose arbeiten oft schwarz, und viele Unternehmen tricksen bei den Umsatzmeldungen, um den hohen schwedischen Steuersätzen zu entgehen. „Einwanderer schaffen Wachstum – schauen Sie sich an, wie viele von ihnen Geschäfte gründen“, sagt Almudafar. Besonders optimistisch ist er bei den neuen Immigranten aus Syrien: „Sie haben Ehrgeiz. Schon nach ein paar Monaten in Schweden wollen sie etwas aufbauen.“ Mehr als 50 syrische Geschäftsideen hat er bereits gefördert, bei Hunderten weiteren laufen die Gespräche mit der Bank.

Eine Frau möchte eine Fabrik für syrischen Käse gründen. Es gibt Bäcker und Konditoren, Zahnärzte, IT-Berater, Baufirmen, einen Gärtner, der im Treibhaus syrisches Gemüse anbauen will, und einen Fachhandel für arabische Lauten. Im Oktober ging der 22-jährige Iraker Mohaymen Selim mit Hello Shisha an den Start, einem Lieferservice für Wasserpfeifen samt Tabak, dessen Webseite sich in Electro-House-Klänge bettet – und das Geschäft brummt.

Sabah Akkou, die im April zusammen mit ihrer Tochter Salma das Restaurant Damaskus unweit des Möllevång eröffnete, sagt, der Gastroboom in Malmö sei für sie nichts Neues: „In Ägypten war es genauso. Sobald die Syrer da waren, entstanden überall Restaurants und Bäckereien.“ Vor dem Krieg war Akkou Marketingleiterin bei einer großen Textilfirma in Aleppo, doch bei ihrer Flucht musste sie fast alles zurücklassen. Das Geld, um ihr Restaurant zu eröffnen, bekam sie von ihrem Sohn, der einen Forschungsposten an der Universität Mainz hat. „Wir Syrer arbeiten gern“, sagt sie. „Und wir nehmen ungern Geld von der Regierung.“

Richard Orange ist Autor des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 15.06.2016

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