Wasserpistolen und Atomwaffen

Die Kosmopolitin Donald Trump und Kim Jong-un drohen sich wie Kinder. Unsere Kolumnistin zieht Parallelen
Wasserpistolen und Atomwaffen
Kim und Donald verhalten sich wie Kinder. Nur leider ist ihr Waffenarsenal ein anderes
Foto: Chromorange/Imago

Draußen scheint die Sonne. Ich sitze drinnen. Ich schreibe. Ich habe schlechte Laune beim Schreiben. Die schlechte Laune hat mit dem Schreiben nichts zu tun. Ich sage das so, dass ich schlechte Laune habe, weil es einfacher ist, als das andere zu sagen: Ich bin traurig. Ich bin verletzt. Vielleicht sogar verzweifelt. Das klänge irgendwie nach einer unnötigen Gefühlsoffenbarung, möglicherweise fehl am Platz. Also sage ich das andere, dass ich schlechte Laune habe, und deshalb nicht in die Sonne gehe.

Donald Trump und Kim Jong-un drohen einander und der Welt mit dem Einsatz von Atomwaffen wie kleine Kinder, die Wasserpistolen in den Händen halten. Wir sehen ihnen dabei zu, verwundert und ängstlich, und wissen nicht, was sie sind, Kinder außer Rand und Band oder Erwachsene ohne Verstand, die ihrer Machtgier, ihrer Aggression, ihrem rechthaberischen Hass mehr Raum geben als dem Gedanken ans menschliche Leben.

Ich habe mich mit meiner Freundin gestritten. Der Streit war kein Streit, er war ein Sturm, der über Tage und Wochen fegte, manchmal abebbte, so dass wir uns zurücklehnten und uns in Sicherheit und Zutrauen wogen, aber sobald der noch so kleine Windhauch wehte, spannten wir die Rücken an und wappneten uns mit Vorwürfen, die wir als Argumente zu tarnen versuchten, und wussten genau, warum die andere und wie und alles andere auch. Wir hielten die Wasserpistolen aufeinander gerichtet und schrien so laut, dass wir nicht mehr hören mussten, was die andere an Worten formte. Als ich ging, gab ich mir immerhin die Mühe, nicht die Tür hinter mir zuzuschlagen.

In Charlottesville gehen Tausende Menschen auf die Straße, sie schreien, marschieren, skandieren. Sie tun es, weil sie andere Menschen hassen. Menschen, die gegen diesen Hass ankämpfen, anschreien wollen, gehen ebenfalls auf die Straße. Der Hass eines Mannes ist so groß, dass er sich ins Auto setzt und mit aller Kraft aufs Gaspedal drückt, um in diese Menschen, die blinden Hass verurteilen, hineinzufahren.

Meine Freundin und ich, wir haben irgendwann verlernt, miteinander zu reden. Sie wirft mir vor, ich sei zu emotional, aber ich lasse mich von den Emotionen nicht so weit hinreißen zu sagen, wir haben das nie gekonnt. So laut haben wir das eigene Aber gehört, dass es die Stimme der anderen übertönte, so groß war die Verletzung, vielleicht auch nur die Angst davor, dass wir vor lauter Tränen nicht mehr das Messer in der eigenen Hand sahen.

Die Menschen, die da in Charlottesville von ihren Ängsten, Verletzungen, ihrer Wut auf die Straßen getrieben wurden, skandierten den Namen von einem, dessen Hass so groß war, dass er Millionen von Menschen töten ließ und einen Weltkrieg anzettelte; das heißt, zu sagen, der Hass sei ein neues Phänomen, das auf globale Veränderungen zurückzuführen wäre, dass die Menschen verlernt hätten, miteinander zu reden, wäre eine Lüge. Das Gefühl, das meine Freundin und ich gerade teilen – oder eben gerade nicht teilen –, wird es auch schon das eine oder andere Mal in der Weltgeschichte gegeben haben. Wir bleiben da, wo wir sind, wo andere schon vor uns gewesen sind, richten die Wasserpistolen, die Atomwaffen aufeinander, wir halten uns die Ohren zu, niemand spricht. Autos von einigen, die in diesen Gefühlen baden, rasen in Menschenmengen hinein, in Charlottesville, Barcelona, Paris, Berlin, London. Wir nennen die Menschen Radikale und Terroristen. Draußen scheint die Sonne. Ich sitze drinnen.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin für den Freitag. Zuletzt erschien von ihr der Roman Null bis unendlich (Rowohlt 2015)

06:00 06.09.2017

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