Wasserschlag in Chakassien

Havarie In einem Wasserkraftwerk im sibirischen Chakassien kam es nach einer Explosion zum Wassereinbruch. Mindestens zehn Arbeiter wurden getötet, bis zu 76 werden vermisst

Gegen 8.15 Uhr Ortszeit ereignete sich am 17. August im südsibirischen Wasserkraftwerk Sajano-Schuschenskaja nahe der Grenze zur Mongolei die bisher größte Katastrophe in einem russischen Wasserkraftwerk. Bei Reparaturen an einer der zehn Turbinen kam es zu einem Wassereinbruch. Decken und Wände stürzten ein. Wassermassen fluteten den Maschinenraum, in dem sich etwa 68 Arbeiter befanden. Bisher wurden zehn tot geborgen. Nach Angaben des zentralen russischen Ermittlungskomitees werden noch 50 Personen vermisst. Der Leiter der Notstandsbehörde der südsibirischen Region Chakassien, Andrej Klujew, sprach hingegen von mehr als 60 Menschen, nach denen noch gesucht werde.

Vermutlich löste die Explosion eines Öltransformators den Wassereinbruch aus. Davon jedenfalls geht das zentrale russische Ermittlungskomitee aus. Ein Vertreter der Betreiber-Gesellschaft Rus Hydro AG widersprach und erklärte, in dem Kraftwerk sei es zu einem drastischen Druckgefälle, einem so genannten „Wasserschlag“, gekommen. Dessen Ursache freilich sei unbekannt. Ein Verfahren wurde eingeleitet wegen Verletzung der Sicherheitsvorschriften. Der Vizepräsident der Gesellschaft Hydroekologia, Adolf Mischujew, wollte nicht ausschließen, dass eine Explosion durch den Austritt von Wasserstoff ausgelöst wurde. Nach dem Unfall wurden alle zehn Turbinen des 1978 in Betrieb genommenen Kraftwerkes abgestellt, so dass sechs sibirische Regionen teilweise ohne Strom waren.

Ölteppich auf Stausee

Das russische Ministerium für Naturressourcen zeigte sich besorgt über einen Ölteppich, der sich nach dem Unfall auf dem Stausee bildete und inzwischen eine Fläche von 25 Quadratkilometern einnehmen soll. Die Trinkwasserversorgung sei aber nicht gefährdet, hieß es. Einheiten des Katastrophenschutzes versuchten den Ölteppich gestern mit künstlichen Vorrichtungen einzudämmen. Taucher suchten in den gefluteten und von Trümmern verstellten Maschinenhalle nach Überlebenden. Vier vermisste Personen wurden lebend gefunden. Einen Arbeiter fand man im Schockzustand in einer unterirdischen Kammer, drei Arbeiter an ihren Wohnorten.

Der russische Notstandsminister Sergej Schojgu erklärte, es bestand und bestehe noch nicht einmal die potenzielle Gefahr, dass der Staudamm bricht. Schojgu flog an den Unglücksort, um die Rettungsarbeiten zu leiten. In der flussabwärts liegenden Stadt Abakan gab es jedoch am Montag Panikstimmung, wie die im Ort lebende Journalistin Jana Metelskaja gegenüber Radio Echo Moskwy berichtete. Von Evakuierungsplänen ist offiziell nicht die Rede, berichtete die Internetzeitung Gazeta.ru. Die Behörden würden sich hüten, das Wort Evakuierung auch nur in den Mund zu nehmen.

In der Stadt Abakan stiegen indes wegen der Panik in der Bevölkerung die Benzinpreise. Vor den Tankstellen bildeten sich Schlangen, so Gazeta.ru. Nach unbestätigten Meldungen würde bei einem Dammbruch eine Fläche im Umkreis von 30 Kilometern überflutet. Es kann bis zu zwei Jahre dauern, die beschädigte Kraftwerksturbine auszuwechseln, während die unbeschädigten Anlagen in einigen Wochen wieder den Betrieb aufnehmen könnten. Premier Putin ließ eine Kommission bilden, die sich um die baldige Wiederinbetriebnahme des Wasserkraftwerkes kümmern soll.

Russland Wasserkraftwerke befanden sich bis vor kurzem noch in staatlichen Besitz. Unter dem Leiter der inzwischen aufgelösten Elektrizitätsgesellschaft RAOJEES, Anatoli Tschubais, wurde jedoch die gesamte Branche privatisiert und in regionale Gesellschaften aufgeteilt.

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16:01 18.08.2009

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