Daniel Kruse
21.06.2009 | 13:35 3

Wasserwerfer und Eiswagen

Sturmtrupp Beim „Tempelhof Squat“ versuchten Aktivisten und Autonome die Besetzung des stillgelegten Berliner Flughafens. Die Polizei ging hart vor, der Durchbruch gelang nicht

In der Abendsonne ziehen Hunderte den Berliner Columbiadamm entlang. An der Nordseite des Flughafengeländes suchen sie nach Sicherheitslücken im Zaun, der mit Stacheldraht versehen wurde und alle paar Meter auf der Innenseite von Polizisten und Sicherheitsleuten bewacht wird. Einer der Demonstranten faucht wie eine Katze herüber, der Wachhund reißt sich von der Leine und bellt zurück. Ein anderer rezitiert mit dem Bier in der Hand etwas über Bürgerrechte – während sein Gegenüber, ein Schnauzbartträger mit Schäferhund, mit dem Paragrafen zum Thema Eigentumsrecht kontert. Dann machen sich drei, schnell sind es fünf oder sechs, am Zaun zu schaffen. Mit bloßen Händen ziehen sie an den Maschen und sehen nicht, wie von links bereits drei Polizisten Anlauf nehmen. Als die Gruppe zur Straße flüchten will, rennt ein Polizist den Ersten wie beim Football um. Gerangel, Handschellen. Ein Mädchen aus der Gruppe schreit hysterisch: „Du hast ihm ins Gesicht geschlagen!“ Die Polizisten ziehen ihren Kreis um die kleine Gruppe, doch ein viel größerer Kreis von Demonstranten bildet sich nun um sie selbst. „Schämt euch, schämt euch!“, rufen sie lautstark und nun steht die Angst auch im Gesicht der Beamten. Die Frau kreischt weiter und wird zurück gestoßen, als sie versucht, zu ihrem Freund durchzukommen. Von der Bushaltestelle ruft ein Mann zynisch: „Schießt doch!“ Die Jungs daneben lachen.


„Jeder Zaun, jede Mauer wird aus Blumen sein“, singen ein paar Hoffnungsvolle von der Ukulele begleitet, während einer der Zaunangreifer abgeführt wird. Immer wieder gibt es diese Szenen: Einzelne Demonstranten werden festgesetzt, die Uniformierten bilden einen Ring um den Gefangenen und ziehen ihn dann in die nächste Wanne, „wo sie zum Teil weiter geschlagen werden“, wie zumindest der „Ermittlungsausschuss“ berichtet. Die Rechtshelfer der Linken berichten am späten Abend von 128 Festnahmen und harschen Attacken durch die Polizei. Deren Pressesprecherin erwähnt Stein- und Flaschenwürfe, auch am Platz der Luftbrücke sei dies der Ausgangspunkt gewesen. Davon ist aus nächster Umgebung jedoch nichts zu sehen, als sich die Menge nach der Kundgebung auf den Tempelhofer Damm zubewegt und Staffeln der Polizei die Straße abriegeln.

An der Spitze kommt es gegen 17.30 Uhr zu Auseinandersetzungen und für einen Moment entsteht Panik, weil einige die Flucht ergreifen und die Menge rudelartig Gleiches tut. Bald darauf fahren zwei Wasserwerfer und ein Räumwagen vor und fast reflexhaft nehmen diejenigen, die doch eigentlich den Flughafen erobern wollen, Platz zur Sitzblockade. Der Schwarze Block formiert sich, doch für den Moment finden sie keine konzentrierte Organisation. Als sich die Aufregung wieder legt, geht ein fiepsiges Hupen durch die Luft. Ein Eiswagen fährt in die Szenerie und öffnet kaum 100 Meter vom Wasserwerfer entfernt seine Läden. Und so erinnert doch vieles an den G 8-Gipfel von Heiligendamm vor zwei Jahren: die Protagonisten, der Zaun als Grenze zwischen Haben und Wollen, Protest als Pop verschleiert und der Kampf um ein Territorium.


Also, was sollte das Ganze? Mehrere tausend Demonstranten und 1.800 Polizisten, die eine Fläche von 400 Hektar und acht Kilometern Umfang bewachen? Die Veranstalter des „Tempelhof Squat“ wollen ein Zeichen setzen gegen die Gentrifizierung des Stadtteils Neukölln, der das Flughafengelände umgibt. Es liegt in der Hand des Berliner Senats, was aus dem einstigen Rollfeld wird – die Besetzer befürchten eine Luxusanlage für Besserverdienende. Mit der Besetzung wollten sie eine sofortige Öffnung der Fläche bewirken und gegen die Privatisierung des städtischen Raums protestieren.

Von den Parteien fühlen sich die Organisatoren allesamt im Stich gelassen, wie in der verteilten Broschüre mit dem Titel Wir bleiben alle zu lesen ist. Die Jungsozialisten haben vorab ihre Teilnahme an der Besetzung angekündigt, was SPD-Landeschef Michael Müller allerdings ein „gefährliches Spiel“ nannte – die Grenze „zwischen legitimen Aktionen und nicht hinnehmbaren Gewalttaten“ sei schmal. „Ausschließlich mit legalen Mitteln“ wollte auch die Linke dabei sein, wie Landeschef Klaus Lederer erklärte. Bleibt die Frage, warum die regierenden Parteien Berlins politisch bislang nicht auf die Öffnung des Flughafens drängen. Derweil sollte die Besetzuung Tempelhofs das Finale der so genannten linken Action Weeks werden, in denen wieder vermehrt Autos brannten. Vielleicht hat die Polizei deshalb so hart durchgegriffen, weil sie sich nicht dem Vorwurf des laschen Vorgehens ausliefern wollte.

Per Twitter


Als noch alles ruhig war am S-Bahnhof Tempelhof, als die Polizisten Betrunkene weckten und Jugendliche mahnten, ihre Flaschen in den passsenden Mülleimer zu werfen, fuhren die Clowns im großen, grünen Bus vorbei. Die Verhaftung der ihre Späße treibenden Demonstranten konnte man kurz darauf bereits auf  YouTube nachverfolgen. Die Szenen werfen kein gutes Licht auf das Vorgehen der Polizei. Ein Kameramann soll mit Schlägen und Tritten am Filmen gehindert worden sein. Ein Bild der Berliner Morgenpost macht die Runde, auf dem ein Zivilpolizist sogar die Dienstwaffe zückt. So spielen auch die Medien eine interessante Nebenrolle in der Schlacht um Tempelhof. Kaum eine Festnahme der Polizei, die nicht durch irgendeine Privatkamera festgehalten wird. Die letzten Minuten der Aktion können derweil über den WAP-Ticker für das Handy oder online per twitter nachverfolgt werden. 23:46 Uhr: „Es sind noch 600 Leute am Schwimmbad am Columbiadamm“, 23:55 Uhr „Die Bullen haben den Lautsprecherwagen vorm Schwimmbad gezwungen, abzubauen“, 00:12 Uhr „Die Hasenheide ist anscheinend fast komplett umstellt, weiterhin Kontrollen an der Boddinstraße“. Und dann doch: „Na endlich, 2 Menschen und 1 Bier haben Tempelhof besetzt! Mehr Bier und Menschen benötigt!“

Kommentare (3)

Dattel 21.06.2009 | 18:26

Hier sind Bilder von dem im Artikel beschriebenen vorgehen der Polizei:

Gerade dieses ist glaube ich neu in Deutschland. Vermutlich war der Zivilpolizist bei der Stasi.

media.de.indymedia.org/images/2009/06/254112.jpg

Ich weiss nicht genau ob dies der Kameraman ist.

www.flickr.com/photos/pm_cheung/3645238516/in/set-72157619933182601/

Ansonsten aber nicht viel Neues aus Berlin. Die Polizei wir ihrem gewaltaetigen Ruf gerecht und die Autonomen zuenden Autos an, weil ihre Haeuser geraeumt werden.

dk1982 22.06.2009 | 13:04

Der durchgeknallte Cop, der da seine Waffe auf Demonstranten richtet, sollte zur Verantwortung gezogen und sofort suspendiert werden. Wenn mehr Polizisten so unüberlegt reagieren, wird die Gegenseite - in diesem Fall die Demonstranten - auch reagieren müssen und sich radikalisieren. Wozu das führt sah man in Genua.

Vielleicht sollte sich die Polizei die Worte von Angie zu herzen nehmen: "Deutschland fordert das friedliche Demonstrationen stattfinden dürfen."
Was im Iran gilt, sollte in Berlin nicht anders sein.