Wate im Wasser

Literatur Ta-Nehisi Coates erzählt von der Sklaverei und von Teleportation
Eine afroamerikanische Familie im amerikanischen Süden, einige Jahre nach dem Bürgerkrieg
Eine afroamerikanische Familie im amerikanischen Süden, einige Jahre nach dem Bürgerkrieg

Foto: Imago Images/Photo12

Erinnern heißt Wunden öffnen, im schlimmsten Fall die eigenen. Hiram versteht das erst gegen Ende des Romans, als er dem „Sarg des Südens“ längst entkommen und zum Agenten des abolitionistischen Underground geworden ist. Davor ist sein Gedächtnis vor allem ein leistungsstarker Mechanismus. Ganze Schriftstücke memoriert er mühelos, Szenen aus seiner Kindheit auf der Plantage Lockless in West Virginia – der Name lässt die baldige Flucht schon erahnen – kann er in toto vor seinem inneren Auge abspielen. Nur an seine Mutter erinnert Hiram sich nicht. Sie wurde verkauft, als er ein Junge war, von seinem Besitzer, seinem Vater.

Die Erinnerung als widerspenstiges, aber lebenswichtiges Organ ist das zentrale Motiv von Ta-Nehisi Coates’ Der Wassertänzer. Er steht in einer Tradition mit Romanen wie Toni Morrisons Menschenkind, in dem die Traumata Versklavter als „rememory“, als Wieder-Erinnerung, nachklingen, und Gayl Jones’ Corregidora, der von der Bedeutung, „Generationen zu machen“, handelt, um die Erinnerung an die Sklaverei am Leben zu halten. „Vergessen heißt, wahrhaft zum Sklaven werden“, schreibt Coates. „Vergessen heißt sterben.“ Wie eindrucksvoll der 1975 in Baltimore geborene Autor die Versäumnisse amerikanischer Erinnerungskultur auf den Punkt bringen kann, ließ sich zuletzt in seinem „Plädoyer für Reparationen“ lesen (auf Deutsch 2017 erschienen in We Were Eight Years in Power. Eine amerikanische Tragödie): „In Amerika existiert die seltsame und verbreitete Überzeugung, dass ein schwarzer Mensch, auf den man zehn Mal eingestochen hat, in dem Moment zu bluten aufhört und zu heilen beginnt, in dem der Angreifer das Messer fallen lässt.“ 2015 war Coates mit Zwischen mir und der Welt, einem memoirhaften Brief an seinen jugendlichen Sohn, berühmt geworden. Toni Morrison erklärte den Band zur Pflichtlektüre, seinen Verfasser zum Erben James Baldwins. Nun ist, nachdem Coates zwischenzeitlich für die Comicreihen Black Panther und Captain America geschrieben hat, sein erster Roman erschienen. Er fragt: Was kostet die Erinnerung? Und wen?

Als junger Mann wird Hiram, der Ich-Erzähler, von seinem Vater aus den Quartieren der „Verpflichteten“, wie Sklaven im Roman heißen, ins Herrenhaus geholt, um der persönliche Diener seines weißen Halbbruders Maynard zu werden. Fortan muss Hiram die Gäste der Familie unterhalten, etwa indem er seine fotografischen Gedächtniskünste vorführt. Der Rassismus durchzieht die ganze Südstaatengesellschaft des mittleren 19. Jahrhunderts, oben pudernd, unten peitschend. Hiram ist jetzt oben. Erniedrigt wird er dennoch: „Gelangweilte Weiße waren barbarische Weiße.“

Während einer Kutschfahrt stürzen Hiram und Maynard in einen Fluss. Nur Hiram überlebt. Die Nahtoderfahrung gibt eine übernatürliche Kraft namens Konduktion in ihm frei, die sich im zweiten Romanteil als Fähigkeit herausstellen soll, große Entfernungen in Sekundenschnelle hinter sich zu lassen. Hiram flieht.

In Philadelphia, „dieser Stadt unerträglicher Gerüche“, die Hiram lieben lernt, wird der Flucht- zum Großstadtroman. Staunend stolpert Hiram durch geschäftige Straßen voller freier schwarzer Menschen. Er lernt Harriet Tubman kennen, die ebenfalls der Teleportation mächtig ist. Sie bringt ihm bei, seine Begabung bewusst einzusetzen: „Wasser, Hiram. Wasser. Eine Konduktion braucht Wasser.“

Die historische Harriet Tubman war die bekannteste Fluchthelferin der Underground Railroad und verhalf etwa 70 Menschen zur Freiheit. Ihre Anweisungen soll sie in Spirituals wie Wade in the Water versteckt haben. Dort, im Wasser, wurden Fußspuren für lauernde Sklavenfänger – Coates nennt sie „Bluthunde“ – unsichtbar. In der Literatur der Sklaverei ist Wasser seit jeher eng mit der Flucht verbunden. Harriet Jacobs schildert in ihrer eindringlichen Autobiografie von 1861 ihr Entkommen per Boot nach Philadelphia, Frederick Douglass beschrieb 1845 den Anblick von Freiheit kündender Schiffe in der Chesapeake-Bucht als emotionales Emanzipationserlebnis.

Im Wassertänzer ist das Wasser zudem eine Rückbesinnung auf die Atlantiküberquerung versklavter Westafrikaner. Mit magisch-historischem Sog und wohldosiertem Pathos lässt Coates seinen Protagonisten das Erinnern in verschiedene Facetten auffächern. Besonders einprägsam ist die Dynamik wohlgesinnter weißer Beteiligter. Hiram hat großen Respekt vor dem Underground-Mitglied, dem er seine Freiheit verdankt, einer weißen Frau. Sie gehöre „zu den fanatischsten Agenten, die ich im Underground je kennengelernt habe. Und alle Fanatiker waren ausnahmslos Weiße. Für sie war die Sklaverei eine persönliche Kränkung, eine Beleidigung, etwas, das ihren Namen beschmutzte.“

Hiram begreift, dass seine Arbeit auf eigene Weise persönlich werden muss. Der individuellen Menschlichkeit derer, denen er in die Freiheit helfen soll – Thena, seiner Ersatzmutter; Sophia, in die er verliebt ist –, kann er nicht gerecht werden, solange er selbst die Erinnerung an seine Mutter verdrängt.

Damit beginnt Hirams schwierigste Aufgabe – und eine Rückkehr in den Süden, in dem er ein kariös gewordenes Reich wiederfindet, dessen Zerschlagung im Herzen jedes Einzelnen beginnt. „Die Gazelle kämpft nicht gegen die Klauen des Löwen – sie rennt. Wir aber taten mehr als das.“ Sie wagen den Blick in die eigene zerrissene Vergangenheit.

Info

Der Wassertänzer Ta-Nehisi Coates Bernhard Robben (Übers.), Blessing 2020, 544 S., 24 €

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