We live without good music

Medientagebuch Gradmesser des Ansehens in Europa: Der Grand Prix und das deutsche Liedgut

Corinna May hat beim europäischen Sangeswettbewerb in Tallinn einen blamablen 21. Rang erreicht. Der Komponist ihres Verlierertitels, Ralph Siegel aus München, der vorher die blinde Künstlerin als Favoritin bezeichnet hatte, nannte die gesamte Darbietung nun einen "Arsch und Friedrich". Das lässt vermuten, dass Siegel vielleicht auch den Text besser selbst geschrieben hätte, denn im Vergleich zu I can´t live without music klingt ja Arsch und Friedrich ausgesprochen melodiös und lyrisch.
Vier Länder - Deutschland, Frankreich, Spanien, Großbritannien - sind beim Grand Prix gesetzt, denn ihre Fernsehanstalten zahlen am meisten, und ihre Absatzmärkte sind für Musikprodukte zu groß, als dass die Eurovision auf sie verzichten könnte. Daher darf Deutschland, anders als die anderen Verlierer, im nächsten Jahr wieder zum Grand Prix fahren, der erneut im Baltikum, diesmal in Lettland, stattfinden wird. Und Deutschland darf vorher auch wieder eine nationale Vorausscheidung organisieren.
Bei aller, wie gelernte Marxisten sagen, relativer Autonomie in diesem Fall der Schlagerbranche, ist der Grand Prix vor allen Dingen nämlich dies: Ein schöner Ausdruck, was die Nation im Ansehen ihrer europäischen Nachbarn gerade wert ist. Am Ergebnis des Grand Prix lässt sich ziemlich genau der Grad der europäischen Vergesellschaftung der jeweiligen Nation ablesen.
Der größte Erfolg der Deutschen, Nicoles Sieg 1982 mit Ein bisschen Frieden, fiel in die Zeit der großen Friedensbewegung. Es war also die Zeit, als die Deutschen ihren Nachbarn mit einer gewissen Überzeugungskraft mitteilen konnten, dass sie in den nächsten Jahren eher keinen Überfall beabsichtigen. Eine Gegenthese, wonach Nicoles Triumph im Zusammenhang mit dem 1982 auch vollzogenen Regierungswechsel von Helmut Schmidt auf Kohl zu deuten wäre, ist leicht zu widerlegen: Erstens war die sozialdemokratische Regierung Schmidt zu Zeiten von Nicoles Triumph noch im Amt. Zweitens nahm mit Kohls Bestätigung im Amt die internationale Akzeptanz erkennbar ab: 1983 erzielten Hoffmann Hoffmann mit Rücksicht noch Platz fünf, Mary Roos kam mit Aufrecht gehen im Jahr 1984 nur auf Platz 13.
Und drittens, schließlich, hatte sich Nicoles großer deutscher Triumph ja in den Jahren zuvor angebahnt: 1979 wurde man mit Dschinghis Khan Vierter, 1980 erreichte Katja Ebstein mit Theater Platz zwei, was ihr 1981 Lena Valaitis mit Johnny Blue nachmachte, und nach diesem, übrigens komplett von Ralph Siegel verantworteten Anlauf, gelang dann 1982 Nicole der Sieg. Ähnlich langfristig in der Beletage des europäischen Schlagers hatte sich Deutschland nur in den frühen Siebzigern festsetzen können, als 1970, 1971 und 1972 jeweils Platz drei heraussprang, wie ja auch damals Willy Brandt und Heinrich Böll jeweils den Nobelpreis und die Fußballnationalmannschaft die Europa- und kurz später die Weltmeisterschaft erringen konnten.
Von diesen früheren zivilisatorischen Highlights war in Tallinn am vergangenen Samstag nichts mehr zu sehen. Dort gab es nämlich zunächst mal diese Botschaft an die deutsche Nation: Null Punkte, also auch null Sympathien von Belgien, Bosnien-Herzegowina, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Lettland, Litauen, Mazedonien, Schweden, Slowenien, Zypern und nicht mal von Kroatien, das doch Anfang der Neunziger noch einen nationalen Hit namens Danke Deutschland bejubelte. Die paar wie Brosamen hingeworfenen Punkte gab es vor allem aus den von Deutschen stark frequentierten Urlaubsländern: einer aus Österreich, zwei aus Spanien und der Schweiz, drei aus der Türkei. Das wiederum verweist vor allem darauf, dass es die paar im Lande weilenden deutschen Urlauber waren, die zu Handy oder Hoteltelefon griffen, nicht aber die Mehrheit der dortigen Wohnbevölkerung.
Die hier vorgelegte Vermutung, dass es beim Grand Prix nicht vor allen Dingen um gelungene Musikdarbietungen geht, mag falsch sein. Schließlich haben sich in Tallinn mit Lettland und Malta durchaus zwei der stimmlich, musikalisch, ästhetisch und choreographisch ansprechendsten Ländervertreterinnen ein Duell um den Gesamtsieg geliefert. Die Vermutung von der geringen Bedeutung der Musik ist aber für die deutschen Teilnehmer nachweislich Geschäftsgrundlage, und das seit jeher. We can´t live with good music. Der jüngste Beleg dafür ist, dass mit Corinna May eine geburtsblinde Sängerin antrat, die mit eckigen Bewegungen, nervösem Auf- und Zuklappen der Hände am stets von links nach rechts wandernden Mikrofon, nicht das bot, was die europäische Öffentlichkeit von einer solchen Veranstaltung erwartet: eine große Musikshow nämlich, sondern auf gutmenschentümliches Mitleid setzte - unterfüttert von der im übrigen völlig unwichtigen Behauptung, Frau May hätte eine große Stimme. Ältere Belege für die These, dass es, wenn Deutsche zum Schlagerwettbewerb reisen, nicht auf Musik ankommt, sind die Auftritte von Guildo Horn (1998) und Stefan Raab (2000), deren Legitimation nicht im schönen Lied und guten Vortrag bestand, sondern darin, dass die Deutschen dem Ausland diesmal Humor beweisen wollten. Irgendeine Botschaft, die angeblich wichtiger wäre als die Musik, haben deutsche Grand-Prix-Teilnehmer immer im Gepäck. 1990, nach dem Mauerfall, schickte Ralph Siegel das Duo Chris Kempers Daniel Kovac mit Frei zu leben ins Rennen - Platz neun. In den Jahren darauf wurde, weil man das langsam nachlassende europäische Interesse an der Behauptung, welch revolutionäre und freiheitsliebende Träumer die Deutschen nunmehr wären, ignorierte, nachgelegt: 1991 Dieser Traum darf niemals sterben - Platz 18. 1992 Träume sind für alle da - Platz 16.
Eine andere Botschaft wurde 1999 nach Europa getrötet. Da stellte Ralph Siegel eine deutsch-türkische Multikulticombo namens Sürpriz zusammen, die beweisen sollte, wie gut es die Deutschen mit den Ausländern meinen, (und ganz nebenbei die Botschaft enthielt, wo sie aktiv zu werden gedenken, wenn sie endlich ein Staatswesen mit modernem Staatsbürgerrecht sind): Reise nach Jerusalem belegte den dritten Platz. Das gute Ergebnis freilich zeigte, dass die europäischen Nachbarn von Rot-Grün Freundlicheres und Zivileres erwarteten als von früheren Regierungen. In diesem Jahr gab es dann Platz 21, und das hat viel damit zu tun, was aus den Erwartungen wurde. Vielleicht hätten die Nachbarn einen Arsch-und-Friedrich-Marsch ob größerer Ehrlichkeit eher honoriert.

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00:00 31.05.2002

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