Webende Legende

Just Kids Patti Smith schreibt ihre Memoiren weiter – auch als Fernsehserie: Storytelling auf der Höhe unserer Zeit
Stephan Porombka | Ausgabe 34/2015 1
Webende Legende
Patti Smith am 4. Mai 1971 auf dem Balkon des Chelsea Hotel, New York

Fotos: David Gahr/Getty Images

Die Legende ist auf Tournee, kürzlich war sie in Berlin. Und im Oktober zieht sie die Schleife durch die USA nach Europa zurück. Zeitgleich kommt die Fortsetzung ihrer Memoiren heraus. Zeitlich perfekt platziert war deshalb die Nachricht, dass der erste Teil der Erinnerungen, mit dem Smith 2010 den National Book Award gewonnen hat, in eine Fernsehserie übersetzt wird. Die Sängerin schreibt selbst an den Drehbüchern mit. Nicht nur des Geldes wegen, sagt sie, sondern weil sie vom neuen Format fasziniert ist. „Die Serie erlaubt uns nämlich, die Charaktere tiefer auszuleuchten“, ließ Smith mitteilen. „Und wir können Storys entwickeln, die über die Grenze des Buchs hinausgehen, um sie auf ganz ungewöhnliche Weise zu präsentieren.“

In Just Kids geht Patti Smith nicht nur den eigenen Lebensweg ab. Alles ist auf schicksalhafte Weise mit dem Leben des Künstlers Robert Mapplethorpe verwoben. Und weil auch der knapp 30 Jahre nach seinem Tod als Legende weiterlebt, wird ihre Liebesgeschichte als große Doppellegende erzählt: vom Aufstieg eines Produktionspaars aus den Untiefen der völlig verarmten Boheme durch die New Yorker Popkultur der 70er Jahre bis an den Kunsthimmel, an dem die Weltstars leuchten.

Pioniere ohne Grenzen

Dabei entwickeln Patti und Robert ihre unverwechselbaren Kunst- und Körpersprachen in einem perfekt choreografierten Hin und Her. In den heruntergerockten und selbst hergerichteten kleinen Zimmern und Ateliers kursieren zwischen ihnen die Materialien, Themen, Ideen, Stückwerke und Werkstücke in Hochgeschwindigkeit. Sie laden sich über Jahre immer weiter auf, um dann, sobald sie durch die Kraft der Liebe linzensiert worden sind, mit anderen Künstlern und Musen weiterentwickelt zu werden.

Als Patti und Robert im legendären Boheme-Hotel Chelsea wohnen, gehen mehr als 100 Schriftsteller, Maler, Autoren, Designer, Modemacher, Filmemacher und Selbstdarsteller durch das Bild. Alles Leute, die Andy Warhol als der geheime König dieses fantastischen Reichs, von dem Just Kids erzählt, als „Pioniere ohne Grenzen“ bezeichnet hat. Patti Smith führt sie alle noch einmal vor. Als liebende, erstaunte Erzählerin, die ihre Legenden ohne böse Worte überliefern will. Und jetzt kommt ausgerechnet das Fernsehen. Das wirkt im ersten Schreck so, als würde Patti Smith die armen Seelen, die sie eben noch so sehr geliebt und geschützt hat, ganz herzlos für den Bildschirm hinrichten lassen. Doch ist es die Faszination am Fabulieren, von der auch dieses Projekt angetrieben wird. Die Kunst der Patti Smith ist im Kern narrativ. Berühmt wurde sie durch Songs, in denen sie die Erzählformate von Arthur Rimbaud und Bertolt Brecht übernommen, zerlegt und für die Begleitung durch die E-Gitarre übersetzt hat. Um Legenden geht es in diesen Songs allenthalben. Und wo das lyrische Ich ins Spiel kommt, denkt es immer in kleinen Erzählungen über sich nach.

Der Algorithmus des eigenen Lebens ist so geschrieben, dass er alles in kleine Stücke übersetzt, in denen etwas Sinnhaftes passiert. Gerade auch dann, wenn alles Unsinn ist. Es gehört zum Betriebsgeheimnis der ersten großen Popkultur, dass ihre Protagonisten schon die gesamte Kunst- und Kulturgeschichte nur noch als große Enzyklopädie von Stories begriffen haben, aus denen man sich für die Beobachtung des Selbst und der Welt bedienen kann. Die Herstellung von Werken, zu denen immer auch das eigene Leben gehört, vollzieht sich als Performance.

Inszeniert wird alles so, dass es gut weitererzählt werden kann. Das Chelsea Hotel ist dabei einer der wichtigsten Umschlagplätze; ein Raum, in dem die Erzählungen wie die Seelen Verstorbener herumspuken. „Es gab Gerüchte, dass Oscar Wildes Koffer immer noch in den Tiefen des oft überfluteten Kellers vor sich hin gammelten, Dylan Thomas, abgetaucht in Poesie und Alkohol, hatte hier seine letzten Stunden verlebt, Bob Dylan hatte Sad-Eyed Lady of the Lowlands auf unserer Etage geschrieben“, schreibt Patti Smith in ihren Erinnerungen. „Und wenn ich von Stockwerk zu Stockwerk huschte, schnüffelte ich ihrem Geist hinterher und sehnte mich nach ihren Gesprächen mit dieser dahingegangenen Prozession rauchender Raupen.“

Und sie wartet im Foyer dieser quasi-fantastischen Welt mit einem ausgestopften Vogel auf der Schulter darauf, selbst zur Anekdote zu werden, als sich plötzlich „wie durch einen Windstoß die schwere Glastür auftat und eine vertraute Gestalt in einem Cape in Schwarz und Scharlachrot hereinwehte“. Das ist kein Geringerer als Salvador Dalí, der auf Patti zugeht, ihr „seine elegante, knochige Hand auf den Kopf“ legt und sagt: „Du bist eine Krähe wie im Schauerroman.“ Ob das wirklich so passiert ist oder nicht, ist zweitrangig. Wichtig ist vor allem der Faszinationswert des Erzählten. Und wichtig ist, dass es in Umlauf gebracht und so zurechtgeschliffen wird, dass es Marke und Image der Künstler profiliert.

Es wird gut gewesen sein

Sie laufen zuerst von Mund zu Mund, von Café zu Café, von Club zu Club, dann durch die magischen Kanäle der elektrifizierten Kultur. Hier erweist sich die frühe Popkultur als Erzählgemeinschaft, die ihre eigene Geschichten durch die Akkumulation lauter kleiner Stargeschichten in Echtzeit mitgeschrieben hat. Patti Smith und Robert Mapplethorpe haben sich selbst mit solchen Erzählungen elektrisiert. Und sie haben sich mit großen Erzählungen ihre möglichen weiteren Entwicklungen entworfen. Haben sich in die Erzählungen der anderen Stars hingewoben. Und Smith webt bis heute mit ihren Songs weiter. Sie webt mit ihren Erinnerungen, denen sie schon nach dem Erscheinen von Just Kids ein Prosabändchen mit traumartigen Notizen hat folgen lassen, in denen sie sich ihre Kindheit stückchenweise vergegenwärtigt. Und auch die Fortsetzung der Memoiren im Oktober wird nichts anderes sein. Schon gar nicht werden sich davon die Folgen der geplanten Fernsehserie unterscheiden.

Was sie für das Fernsehen macht, ist vom Prinzip her nicht neu. Es gehört eben zur Eigenart von Patti Smith, dass sie immer alle Menschen, von denen sie umgeben ist, mit ihren Erzählungen ausleuchten und dabei weiterentwickeln will. Ohne Weiterentwicklung sind sie gar nicht interessant. Und ohne dass sie dabei dann auf ungewöhnliche Weise präsentiert werden, läuft in ihrem Universum sowieso gar nichts. Wer denkt, dass in dem Boheme-Hotel, in dem Patti und Robert jahrelang gelebt haben und das nun auch in der Serie als Kulisse erscheinen wird, gar nicht die echten Leute ihren Auftritt haben, sondern allenfalls angereicherte Figuren, der versteht das Prinzip nicht, bei dem nicht sauber getrennt, sondern produktiv vermischt wird. Es geht auch diesmal nicht darum, lebensechte Denkmäler zu entwerfen. Patti Smith will die Geschichten erweitern, um ihre Zirkulation in Gang zu halten. Am interessanten ist dabei das Medium der Erzählung.

Wenn man in der ersten Hälfte der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts in einem großen Rahmen komplexe Geschichten erzählen will, die eng verwoben sind, aber nicht ineinander aufgehen, sondern sich bloß gegenseitig dynamisieren, dann bietet sich nämlich die Serie an. „Jeder von uns nutzt die Idee des Seriellen, wenn er das eigene Leben, die eigene Identität formt und erzählt“, hat der Gegenwartsexperte Christian Blümelhuber in einem fabelhaften kleinen Büchlein über den Erfolg des Seriellen festgestellt (seriell! Das Basisprinzip der modernen Moderne, Paorodo-Verlag). „In Serien harmonisieren wir das Gestern und das Morgen“, sagt Blümelhuber. „Wir nutzen ‚Retrokausalität‘ und ‚Future Memory‘ und kombinieren Erlebnisse und Visionen, um eine kohärente Version unserer Lebensgeschichte erzählen zu können.“

Serien führen uns vor, dass früher etwas passiert ist. Sie führen uns auch vor, dass im Moment etwas passiert. Und sie führen uns vor, dass immer weiter etwas passieren wird. Nichts ist zu Ende. Die Geschichten müssen weitergehen. Fragt man nach dem Erzählprinzip, mit dem Patti Smith ihre Kunst und ihr Leben vorantreibt, ist das die Antwort. Smith setzt auf Retrokausalität. Und sie setzt auf Future Memory. Es war. Und es wird gewesen sein. Wobei für die liebende Erzählerin Patti Smith immer gilt: Es war gut. Und es wird gut gewesen sein. Just Kids als Serie wird uns, wenn alles gut klappt, das vor Augen führen. Und das im Netz als einem Medium, das wie keines zuvor geeignet ist, diese Geschichten zirkulieren zu lassen. Verwoben mit den Songs, den Performances und den neuen Erzählstücken, die im Oktober als Buch erscheinen und die dann auch schon unterwegs sind und sich gegenseitig aufladen: Storytelling auf der Höhe der Zeit.

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