Wechsel ohne Wandel

Gastkommentar Erzbischof Robert Zollitsch an der Spitze des deutschen Episkopats

"Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) lehnt gemeinsame Gebete von Katholiken mit Muslimen und Juden bei gemischt-religiösen Feiern entschieden ab. Das geht aus dem schriftlichen Bericht zum Abschluss der DBK-Frühjahrsvollversammlung in Würzburg hervor, den der scheidende Konferenzvorsitzende Kardinal Karl Lehmann gestern vorstellte." So meldete dpa am 15. Februar und berichtete damit von einer der letzten Amtshandlungen des nach 18 Jahren von seinem Posten Zurücktretenden, der sein Amt an den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch übergeben hat. Als einen Mann der Mitte und Vermittlung lobt man Karl Lehmann, als einen Mann des Maßes und der Mäßigung, als einen Mann von Weisungskraft und Weisheit. Vielleicht weil er das alles wirklich war und ist, wird die Tragödie der Kirche, der er vorstand, ganz besonders deutlich. Sie erstickt selbst das beste Wollen und die klarste Einsicht in einer Korsettage endloser Unterwerfungsgesten und Wahrheitsanmaßungen.

Beispiel Nr. 1: die Frage der Wiederverheiratung Geschiedener. Sie betrifft ein Drittel aller Ehen in diesem Land. Wie darauf eingehen? Menschen können scheitern, jeder weiß das. Sie müssen aus Unglück, Leid und Schuld reifen und lernen dürfen, - selbst Karl Lehmann setzte sich mit zweien seiner "Mitbrüder" im Amte vor Jahren dafür ein, die starre Ehe-Ordnung Roms mit dem Ausschluss der Betroffenen vom Empfang der Sakramente ins "Seelsorgliche" zu verändern. Johannes Paul II. aber wies die deutschen Bischöfe an, in dieser Frage strenger zu verfahren und ihre laxe Haltung aufzugeben. Lehmann gab auf, gegen die eigene Überzeugung, gegen das Vorbild Jesu, der selbst der "Sünderin" verzieh; gegen die Wahrheit, die er kannte, zugunsten der Verfestigung im Falschen.

Beispiel Nr. 2: die Frage der Abtreibung. Hunderttausende sind davon betroffen, jedes Jahr. Die katholische Kirche setzt darauf die Exkommunikation als Tatstrafe. Menschen in auswegloser Lage bräuchten aber Hilfe, nicht Verurteilung. Sie bräuchten auch keine "Beratung", die darin besteht, dass jede Abtreibung "Mord" ist und unter allen Umständen vermieden werden muss. Lehmann versuchte deshalb, gegen die starre Haltung des Vatikans zumindest den Beratungsdienst der katholischen Kirche in Deutschland zu erhalten. Umsonst. Und jetzt? Bischof Kamphaus in Limburg hatte den Mut, weiter zu sagen, was jeder der Bischöfe, bis auf wenige dem Orden "Opus Die" nahe Hardliner, selber sagte. Lehmann pfiff sie zurück in Reih und Glied.

Beispiel Nr. 3: Mahlgemeinschaft zwischen Katholiken und Protestanten. Seit Jahrzehnten laden Kirchentag für Kirchentag die evangelischen Kirchen auch die Katholiken ein zur Teilnahme am Abendmahl. Rom verbietet das mit der Erklärung, dass die evangelischen Kirchen nur kirchliche Gemeinschaften, keine Kirchen seien. Natürlich weiß Lehmann, dass Jesus gerade die Zöllner und die Sünder - dass er alle einlud zu seinem Mahl unter den Augen Gottes. Darf man daraus ein Ausgrenzungsprinzip der allermeisten nur zum Rechthaben ableiten? Natürlich nicht. Doch darf man das auch sagen? Lehmann hat es nicht gesagt - bis heute nicht.

Die Beispiele lassen sich fortsetzen, doch was sie zeigen, ist schon jetzt zu sehen. Statt Moderatoren des Bestehenden würde die katholische Kirche Männer mit dem Mut zur Menschlichkeit brauchen - Propheten statt Pastöre. Was kann in einer Kirche, die sich derart vor Gott schützt und davor, Jesus nachzufolgen, ein Nachfolger im Amt des Vorsitzenden einer Bischofskonferenz? Er mag versuchen, was er will; er wird bestätigen, was schon vor 4.000 Jahren im Priesterkönigtum der Pharaonen zum geflügelten Bonmot geriet: "Es kam ein großer Mann, es kam ein kleiner Mann - geändert hat sich nichts."

Eugen Drewermann ist Theologe und Schriftsteller

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