Weder Egoist noch Altruist

Sozial Pierre Rosanvallon entstaubt in einem tollen Buch die Idee der Gleichheit unter der Menschen
Robert Misik | Ausgabe 27/2013 8
Weder Egoist noch Altruist
Foto: Ulf Andersen / laif

Das zeitgenössische linke Lamento lautet zugespitzt: Seit 30 Jahren wird alles schlechter. Die Ungleichheiten wachsen. Solidarität gibt es nicht mehr, der Wert der Gleichheit wurde diskreditiert. Und an all dem ist der Neoliberalismus schuld: mit seiner Konkurrenzideologie und seinem erfolgreichen Prinzip, alles zur Ware zu machen.

Aber so einfach ist das nicht, sagt Pierre Rosanvallon. Schon die Beschreibung der vergangenen Jahrzehnte als Verfallsgeschichte – und der siebziger Jahre als Paradies – muss die Hälfte der Wahrheit ausblenden. Ja, die ökonomischen Ungleichheiten wachsen wieder in einem Ausmaß, das man vorher nicht mehr für möglich gehalten hätte, sie werden beklagt und akzeptiert zugleich, und doch sind andere Ungleichheiten heute viel weniger akzeptiert als früher. Gesellschaftlicher Rückschritt und gesellschaftlicher Fortschritt gehen Hand in Hand. Während krasse ökonomische Ungleichheiten wieder die Gesellschaft zerreißen, werden viele Formen sozialer und kultureller Ungleichbehandlung nicht mehr akzeptiert: Frauenunterdrückung, die Rechtlosigkeit von Schwulen und Lesben oder auch rassistische Ausgrenzung sind auch im Mainstream nicht mehr akzeptabel. Dass jede und jeder das gleiche Recht hat, nach der eigenen Fasson glücklich zu werden – diese Gleichheit ist heute kaum mehr angreifbar. Parallel dazu ist die Gesellschaft zunehmend in Reich und Arm zerrissen.

Rosanvallon, der am renommierten Collège de France Geschichte lehrt, hat den Verdacht, dass diese Fortschritte und Rückschritte auf subtile Weise miteinander verbunden sind. Knapp gesagt: dass Individualisierung und die Akzeptanz ökonomischer Ungleichheiten etwas miteinander zu tun haben. Wobei Akzeptanz vielleicht nicht das richtige Wort ist: Viele Umfragen zeigen, dass die Bürgerinnen und Bürger heute mehrheitlich das Gefühl äußern, die Ungleichheiten seien „zu groß“, sogar „skandalös“. Die gleichen Bürger halten aber Einkommensungleichheiten für notwendig und für akzeptabel, wenn sie eine Entlohnung für individuelle Leistungsunterschiede sind. Nahezu jede Einkommensdifferenz, vielleicht mit Ausnahme der Boni für irgendwelche Doofbanker, lässt sich so letztendlich rechtfertigen. Die große Ungleichheit wird also beklagt, aber viele Mechanismen, die sie hervorbringen, sind akzeptiert. Dieser Widerspruch ist für Rosanvallon die eigentliche Ursache für das Grundgefühl, „sich mit Situationen konfrontiert zu sehen, die man zwar bedauerlich findet, denen gegenüber man aber letztlich passiv bleibt“.

Auf Augenhöhe

Lässt sich unter den Bedingungen der Individualisierung (der „Singularitäten“, wie er das nennt) die Gleichheit als mächtige Idee neu begründen? Über weite Strecken seiner grandiosen Studie führt Rosanvallon die Leser durch ein Panorama der Gleichheitsideen, die in den vergangenen 300 Jahren aufkamen: Rechtsgleichheit, demokratische Gleichheit, ökonomische Gleichheit, Chancengleichheit, Umverteilung. In feinen Schilderungen beschreibt er das allgemeine, gleiche Wahlrecht, das uns heute so selbstverständlich erscheint.

Gleichheit braucht gleiche Rechte, und krasse ökonomische Ungleichheiten untergraben das Gleichheitsgefühl: Dieses Gefühl ist das Entscheidende, schwer zu Beschreibende. Gleichheit steht dann auf stabilem Fundament, wenn man andere als Ähnliche erlebt; wenn alle mit allen „auf Augenhöhe“ leben und für eine „Leichtigkeit des Miteinanders“ stehen. Eine Welt der Gleichen, schreibt Rosanvallon, „ist als eine definiert, in der jeder sich in die Lage der anderen hineinversetzen kann“. Gleiche Rechte und relative ökonomische Gleichheit sind ihr Fundament, aber letztlich braucht sie einen Wandel der Mentalitäten: In ihr ist der „beleidigende Dünkel“ verschwunden, der Hochmut der Reichen, auch das Gebuckel der weniger Glücklichen.

In gewissem Sinn begründet Gleichheit tatsächlich die Gesellschaft, in der nur die Leistung zählt, weil sie den privilegierten Zugang Einzelner, der sich auf nichts gründet als auf ererbten gesellschaftlichen Status, ablehnt.

Gleichheit hält Gesellschaften zusammen, während Konkurrenz sie zerreißt. Rosanvallon gräbt vergessene Pamphlete von Denkern und Sozialreformern wie Robert Owen und Louis Blanc aus, deren Gedanken zur Konkurrenz sich sehr aktuell lesen: „Die Konkurrenz führt unweigerlich zu einem verdeckten Bürgerkrieg zwischen den Individuen … Sie erzeugt Übel aller Art“, bis hin zum „mörderischen Wahnsinn, sich zu unterscheiden“. Dass der Egoismus die Gesellschaft „wie mit Rost befällt“, schrieb Alexis de Tocqueville. Allein für diese Passagen lohnt sich die Lektüre des Buchs. Es ist ein großer Einwand gegen die Meinung, dass Konkurrenz, mag sie auch hart sein und uns fordern, immer positive Auswirkungen habe. Sie ist manchmal nützlich, sicher, aber sie hat eben auch viele fatale Folgen.

Warum aber, und diese Frage ist letztlich der Fluchtpunkt von Rosanvallons Studie, machte die Gleichheit über 300 Jahre so unbestrittene Fortschritte, während heute die Tendenz eine zumindest asynchrone ist? Und könnte man daran noch etwas ändern?

Die Gleichheitsidee war zumindest unausgesprochen von der Vorstellung einer homogenen Gesellschaft getragen. Kompakte „Reformmilieus“ machten sich für sie stark – die Arbeiterbewegung, Gewerkschaften, Parteien, zivilgesellschaftliche Organisationen. Diese homogenen Milieus gibt es heute nicht mehr, und Homogenität als solche ist, durchaus aus guten Gründen, desavouiert. Unsere Welt ist bunter, individualistischer und komplexer geworden, was ja eine schöne Sache ist. Auch gruppeninterne Ungleichheiten untergraben das Zusammengehörigkeitsgefühl und stacheln die Überzeugung an, dass offenbar jeder selbst für sein Geschick verantwortlich ist. Jeder führt sein eigenes Leben und zieht dann die Bilanz, die man gemeinhin „Lebenslauf“ nennt. Die Schlüsselfrage, die Rosanvallon stellt, lautet also: „Wie kann man ähnlich und einzigartig, gleich und verschieden, gleich in der einen und ungleich in einer anderen Beziehung sein? Das sind die Fragen unserer Zeit. Von ihnen hängt die Zukunft der Demokratien ab.“

Der soziale Sinn

Die Gesellschaft der Singularitäten ist nicht notwendigerweise eine Gesellschaft, in der die Bürger atomisiert nebeneinanderher leben. Sie haben einen sozialen Sinn. Sie engagieren sich für die Gesellschaft, machen ihr Engagement aber abhängig davon, wie sie das Engagement anderer wahrnehmen. Dieser Sinn ist also ganz massiv von einem Gefühl der Reziprozität modelliert. Wer das Gefühl hat, dass andere auch ihren Beitrag leisten, ist zu Solidarität bereit, glaubt er dagegen, nur er halte sich an Regeln und andere nicht, klinkt er sich aus. „Wie die Beobachtung zeigt, ist der Mensch weder rein egoistisch noch eigentlich altruistisch. Er ist immer eine Mischung aus beiden Elementen, wobei je nach Person und Umständen das eine oder das andere überwiegt.“

Letztendlich geht es darum, die Gleichheitsidee in einer Gesellschaft der Differenten, der Verschiedenen neu zu verankern. Das ist heute wieder möglich, da viele Bürger sehen, welche gesellschaftlichen Pathologien wir uns mit der Akzeptanz von Ungleichheiten eingehandelt haben. Es bräuchte politische Kräfte, die sich dafür in einer zeitgemäßen Sprache starkmachen. Worauf eine zeitgemäße Philosophie der Gleichheit bauen könnte, das macht Rosanvallons wichtiges Buch deutlich.

Die Gesellschaft der Gleichen Pierre Rosanvallon Hamburger Edition 2013, 384 Seiten, 33 € Robert Misik bespricht im Freitag regelmäßig neue Sachbücher

 

06:00 06.07.2013

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