Weg mit dem Packeis

Protest Vor 30 Jahren gab es in Europa schon einmal Jugendkrawalle. Und auch sie wurden damals als unpoltisch betrachtet. Aufklärung eines Irrtums

Kaum ein Versuch, die jüngstvergangenen Proteste von Madrid bis London zu erklären, wirkt schlüssig. Gebetsmühlenartig wird eine enttäuschte Jugend adressiert, egal ob spanische Jungakademiker oder englische Unterschichtkids. Von einem neoproudhonistischen Mob oder Lumpenproletariat ist die Rede. Viele verweisen hilflos auf 1968, aber kaum jemand fragt nach der zweiten Nachkriegs-Protestgeneration von 1980/81. Damals kommt es in Berlin, Freiburg, Zürich, Wien, Amsterdam und London zu massiven Straßenschlachten. Was der Spiegel im Dezember 1980 in einer Titelgeschichte als „Jugendkrawalle“ thematisiert, veranlasst den Bundestag im Juni 1981 sogar, die Enquete-Kommission „Jugendprotest im demokratischen Staat“ ins Leben zu rufen.

Dabei kommt einem manches Urteil vertraut vor: Die Straßenschlachten vom 12. Dezember 1980 rund ums Kottbusser Tor in Berlin, die der Räumung eines besetzten Hauses folgen, lassen Innensenator Ulrich im Spiegel fast wehmütig an die APO-Zeiten denken. Die vermummten Chaoten findet er nicht nur gewalttätiger, sie hätten im Gegensatz zu den akademischen 68ern auch keine politische Agenda.

Knapp zwei Wochen später gibt es Randale in Brokdorf, Silvester knallt es in Berlin, Göttingen und Frankfurt. Die Sicherheitsbehörden fassen das Phänomen mit dem Begriff AGAZ: autonome Gruppen in anarchistischer Zielsetzung. Was im Winter 80/81 sichtbar wird, hat sich als Protest­szenario schon Monate zuvor entwickelt mit den Besetzer-Krawallen in Amsterdam und den Ausschreitungen während des Bundeswehrgelöbnisses in Bremen. Überraschenderweise liegt der Schwerpunkt der neuen europäischen Protestbewegung im Sommer 1980 aber in der beschaulichen Schweiz.

Der Konflikt in Zürich ist vordergründig eine Auseinandersetzung der Punk- und Alternativ-Szene mit dem Hochkultur-Establishment. Als 60 Millionen Franken für den Umbau des Opernhauses bewilligt werden, während man das geforderte Autonome Jugendzentrum (AJZ) verweigert, kommt es am 30. Mai zu den legendären Opernhauskrawallen. Ihnen liegt aber ein tiefer gesellschaftspolitischer Konflikt zugrunde. Die randalierende Jugend kommt zu großen Teilen aus der oberen Mittelschicht. Fritz Zorns Roman Mars, in dem die Verlogenheit und das Unglück der Schweizer Gesellschaft aus der Sicht eines krebskranken Millionärssohns erzählt werden, erlangt für viele manifestartigen Charakter. Das zentrale Schlagwort der Bewegung Züri brännt! entstammt dem Lied der Punkband TNT. „Züri brännt / die alti Wixerstadt / Züri brännt / vor Langwiil ab“. Zürich brennt vor Langeweile ab.

Postmoderner Kulturkampf

Das Motiv der Langeweile verbindet sich mit dem der Kälte in der bürgerlich-saturierten Gesellschaft. Programmatischen Ausdruck findet es im Titel der Bewegungszeitschrift Eisbrecher. Zürichs Punks, Autonome und Hippies rücken dem meterdicken Packeis leidenschaftlich und militant zu Leibe. Was heute als postmoderner Kulturkampf gelesen werden kann, wurde damals von Bürgertum und konservativer Presse zumeist als unpolitische Lust auf Gewalt und Krawall wahrgenommen.

Züri brännt! heißt auch ein Dokumentarfilm über die Opernhauskrawalle, den der Züricher Erziehungsdirektor auf den Index setzt, weil er angeblich zu Gewalt aufruft. Um die Hoheit der Bilder wird in Zürich heftig gekämpft. Die Polizei setzt sogar Blendlampen gegen die Filmteams der Protestbewegung ein. Im Juni öffnet das Autonome Jugendzentrum (AJZ) mit einem befristeten Vertrag, dennoch erlebt Zürich im Lauf der nächsten Monate immer wieder Straßenschlachten. Mehr als 4000 Festnahmen verzeichnet die Polizei im Sommer 1980. Die Beamten gehen nicht gerade zimperlich vor und setzen auch Gummigeschosse ein. „Den Polizisten scheinen alle Sicherungen durchgegangen zu sein“, schreibt der Schriftsteller Reto Hänny im Herbst 1980. Die Proteste springen schließlich auch auf andere Schweizer Städte über.

Nachdem es im Juni in Freiburg zu Ausschreitungen nach der Räumung des Dreisamecks kommt, erlebt Berlin im Anschluss an den Dezember 1980 eine ganze Welle von Hausbesetzungen. Im Sommer 81 sind in Berlin mehr als 160 Häuser besetzt. Schließlich legt der neue CDU-Senat mit Innensenator Lummer eine härtere Gangart ein und räumt mehrere Häuser. Während einer Demonstration stirbt am 22. September 1981 Klaus-Jürgen Ratty, als er von einem Bus überfahren wird. Daraufhin kommt es in Berlin und in anderen Städten zu schweren Krawallen. Zuvor gab es auch schon in Wien und im Londoner Stadtteil Brixton Straßenschlachten.

Die Nicht-Integrierbarkeit der neuen jungen Linken, die anders als die 68er keine klar formulierten ideologischen Ziele verfolgen, sondern sich dreist städtische Räume aneignen, um sie mit ihren Utopien zu bespielen (auch buchstäblich: als Orte für Gigs), bekommt auch die Enquete-Kommission zu spüren, als sie sich 1982 mit Berliner Besetzern im Szeneladen KOB trifft. Die Parlamentarier und Experten werden niedergebrüllt. An der Tür informiert ein Schild, dass die Mitglieder der Kommission gefangen genommen wurden. „Mit der einen Hand ladet ihr uns ein, mit der anderen räumt ihr unsere Häuser“, schreibt der Besetzer-Rat später an die Kommission. Die schließt sich mit der Verwaltung in Zürich kurz, stochert mit der Lektüre von Shell- und Brigitte-Jugendstudien im Nebel und lädt Jugendorganisationen und Kulturschaffende zum Gespräch ein. 1983 resümiert sie, „dass der Jugendprotest wesentlich als Reaktion auf ungelöste gesellschaftliche Probleme verstanden werden muss und nicht als klassischer Generationenkonflikt erklärt werden kann“.

Aber war die Bewegung von 80/81 wirklich ein Jugendprotest? Andreas Suttner betont in seiner eben als Buch erschienenen Dissertation Beton brennt über die autonome Stadtbewegung, dass der Großteil der Berliner Hausbesetzer nicht studentisch geprägt und zwischen 20 und 30 Jahre alt war. Viele sind ohne Arbeit und berufliche Perspektive. Wenn die subkulturelle Prägung auch eine wichtige Rolle spielt, besteht die breit gefächerte Bewegung nicht nur aus Autonomen und Punks, wenn diese von den Medien auch emblematisch in den Vordergrund gestellt werden. Während die Punks eine nihilistische Verweigerung an den Tag legen, Autonome besetzte Häuser als Orte für weitere Kämpfe verstehen, beginnt sich die Alternativkultur in ihren neu geschaffenen Nischen einzurichten. Die personelle wie politische Diversität der Bewegung dürfte die deutlichste Parallele zu den heutigen Protesten sein, die ebenso wenig generationell oder ideologisch kohärent sind. Im Lauf der nächsten Jahre ebbt die Protestwelle ab.

Der Berliner Senat konstatiert eine „Szenerie in Erschöpfung“. In Zürich spielen Drogen eine zentrale Rolle im Niedergang der Bewegung, der Umgang mit den zahlreichen Heroinabhängigen, die Teil der Szene sind, ist für das AJZ von Anfang an bestimmendes Thema. Heroin gehört zur dunklen Seite der Utopie auf der einen, zur Law-and-Order-Politik auf der anderen Seite; erst Jahre später (und der kürzlich verstorbenen SP-Stadträtin Emilie Lieberherr sei Dank) wurde eine humanere Politik mit Heroin-Abgabe an Schwerstsüchtige möglich.

Gentrifizierungsszenarien

Eine entscheidende Bedeutung der Bewegung von 1980/81 erkennt Andreas Suttner in deren „Raumpolitik“. Mit ihrem „Auf-den-Kopf-Stellen“ der bürgerlichen Raumaufteilungskonzepte trieb sie den postfordistischen Stadtumbau eher ungewollt voran. Ihre netzwerkartigen Gefüge sind Vorläufer der erlebnisorientierten postmodernen Stadt – eine zweischneidige Sache. Die ehemals widerständigen Stadtteile sind heute Schauplätze der Gentrifizierung. In einem Text von 1980 über den besetzten Freiburger Schwarzwaldhof wird ein südländisch-touristisches Flair beschrieben, das 1980 neu war und stark an heute gängige Gentrifizierungsszenarien erinnert. Welches Protestpotenzial schlummert an jenen Orten, wo laut Suttner „mit diversen Widerstandspraktiken“ experimentiert wurde? In Kreuzberg und Neukölln, wo gerade erst 6.000 Menschen gegen Mieterhöhungen auf die Straße gegangen sind, ist die Diskussion um günstige Wohnungen und den Erhalt selbstverwalteter Projekte so aktuell wie vor 30 Jahren. Am Kottbusser Tor zeichnet sich mit dem Kampf um die urbanen Räume wieder einmal die politische Bruchlinie künftiger Auseinandersetzungen ab.


Beton brennt Andreas Suttner LIT-Verlag 2011, 376 S., 29,90

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11:50 14.09.2011

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