Weg mit dem Turbo, her mit der Zeit

Ein natürliches Mass gegen die kapitalistische Masslosigkeit Entschleunigung könnte nicht nur ein utopisches Zauberwort, sondern auch ein bündnisfähiges Ziel sein

Soziale und kulturelle Veränderungen haben eine ungleich höhere Innovationsgeschwindigkeit als natürliche. Gesellschaftliche Institutionen und kulturelle Technologien können schneller verändert werden als Gene und Ökosysteme. Am langsamsten sind bekanntlich die astrophysikalischen Veränderungen: Die eherne Erdbewegung um die Sonne und um ihre eigene Achse ist es letztlich, die alles Leben auf Erden antreibt und taktet. Institutionen und Technologien müssen stets in diese Naturgegebenheiten eingebettet bleiben, wenn sie nicht entgleisen sollen. Intellektuell solide Utopien müssen also anerkennen, dass der Mensch zu allererst der Natur, auch seiner eigenen, ihre Zeit lassen muss, meint Fritz Reheis, der in mehreren Büchern eine Utopie der Entschleunigung entworfen hat. Er bekräftigt damit die Kritik von Rainer Fischbach am "Platonismus" mancher linker Entwürfe (siehe Freitag 29 vom 9. Juli). Der Primat des Materiellen, meint auch Fritz Reheis, ist der oberste Maßstab für die Gestaltung einer alternativen Zivilisation.

Laut Duden ist eine Utopie zunächst ein "als unausführbar geltender Plan ohne reale Grundlage". Das Adjektiv "utopisch" bezeichnet umgangssprachlich jene Zukunftsvorstellungen, an denen im Ernst nur Träumer festhalten. Welche Kriterien müssen nun Utopien erfüllen, damit sie nicht nur das freie Fantasieren, sondern auch das rationale Denken und das emotionale Handeln anregen? Zwar nicht die Hölle auf Erden, aber immerhin ein "Ghetto" auf Dauer droht, wenn unsere Utopien "einen totalen Bruch mit der Totalität der kapitalistischen Anmaßung" anstreben, schrieb Hans Thie in seinem Einstiegsartikel (siehe Freitag 21 vom 14. 5. 2004). Er fordert eine Utopie "nach menschlichem Maß" und wirft die Frage auf, wo die "Keime" für eine andere Welt zu finden sind und "auf welchem Boden" sie wachsen können.

Keime suchen und sammeln, Ideen, Initiativen und Bewegungen zusammenführen, das ist ein guter Ausgangspunkt für eine Utopie-Debatte. Utopien müssen neben dem Kopf aber auch das Herz ergreifen. Erst wenn es Utopien gelingt, den Bezug zu unangenehmen Gegenwartsgefühlen herzustellen und im Zukunftsentwurf anschaulich zu zeigen, wie unangenehme in angenehme Gefühle transformiert werden, können sie politische Handlungsbereitschaft erzeugen. Welche Gefühle könnten sich für eine solche Demonstration eignen? Gibt es vielleicht sogar ein Grundgefühl, das sich bei vielen Menschen und in vielen Alltagszusammenhängen wiederfindet?

Sprachwissenschaftler sagen uns, dass kaum ein Wort häufiger verwendet wird als das Wort "Zeit", oft im Zusammenhang mit "haben", öfter aber mit "nicht haben". Zeitmangel, Zeitdruck, Hetze, Stress - das sind allgegenwärtige unangenehme Gefühle, die unsere Arbeitswelt, zunehmend auch die Freizeitwelt kennzeichnen. Schon Anfang der neunziger Jahre beklagten vier von fünf Deutschen, es gehe ihnen alles viel zu schnell, sie hätten es gern gemächlicher. Heute, im Zeichen von Agenda 2010 und Hartz IV, werden Arbeitnehmer in Riesenschritten zwangsflexibilisiert, die gesamte Lebensplanung konsequent der turbokapitalistischen "Sachlogik" unterworfen. Es gibt ein weit verbreitetes Unbehagen darüber, dass unsere Psyche und unser Körper, dass soziale Netzwerke wie Familien, Kollegien, Nachbarschaften und Freundschaften und auch die uns umgebende Natur mit ihren Quellen und Senken, in die all unser Wirtschaften eingebettet ist, das Tempo immer weniger aushalten, das wir vorlegen. Wie wäre es, so die Leitidee meiner Utopie, wenn wir dieses Unbehagen ernst nähmen und die Enthetzung und Entschleunigung, das Zeitlassen also, zu unserer Utopie machten. Eine solche Utopie, so meine Hoffnung, könnte diesem Unbehagen nicht nur ein Sprachrohr, sondern ihm ein Ziel geben, als Voraussetzung dafür, dass schließlich eine breite Entschleunigungsbewegung ins Leben gerufen würde.

Da unter dem turbokapitalistisch produzierten Zeitdruck fast alle Menschen - freilich in unterschiedlichem Ausmaß und auf vielfältige Weise - leiden, müsste es prinzipiell möglich sein, die meisten Menschen gegen die Antreiber aufzubringen. Die Utopie der Entschleunigung könnte den Leidensgenossen gleichzeitig den Mund wässrig machen, weil nach einer Entmachtung der Antreiber eine faszinierende Belohnung winkt - Zeitwohlstand. Weil das Thema Zeit so allgemein ist, bietet es die einzigartige Möglichkeit, die traditionellen Widerstände gegen die herrschende Ordnung miteinander zu verknüpfen, nämlich die Arbeiterbewegung, die aus der Produktion kommt, und die neueren Protestbewegungen, die sich mit Verwerfungen der Reproduktion befassen.

Initiativen zur Entschleunigung gibt es längst. So zum Beispiel die fast 20 Jahre alte internationale Organisation "Slow Food", die sich für neue Zeitmaße bei der Herstellung und beim Genuss unserer Nahrung engagiert. Zum Beispiel der "Verein zur Verzögerung der Zeit", der jedes Vereinsmitglied verpflichtet, am Ort seiner Tätigkeit und überall dort zum Innehalten und Nachdenken aufzufordern, wo blinder Aktionismus und partikulares Interesse Scheinlösungen produzieren. Oder das "Projekt Zeitökologie" an der Evangelischen Akademie Tutzing und die "Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik" in Berlin. Oder die gemeinsamen Bemühungen von Kirchen und Gewerkschaften, Sonn- und Feiertage zu retten und die Familienzeiten für Kommunikation und Erziehung vor dem Zugriff der Arbeitszeiten zu schützen. Oder die Netzwerke für die Einführung einer sozialen Grundsicherung, die gleich mehrfach (individuell, sozial und kulturell) Eigenzeiten schützen würde. Oder die Dritte-Welt-Bewegung, die weniger entwickelte, "langsamere" Weltregionen vor dem Überrolltwerden durch die hochentwickelten und schnellen bewahren will. Natürlich auch die Umweltbewegung, der es um die Regenerationszeiten der Natur geht. Hierher gehört auch die globalisierungskritische Bewegung Attac, die durch eine Devisenumsatzsteuer eine immer schnellere und risikoreichere globale Weltwirtschaft entschleunigen möchte, um Risiken zu mindern und Mittel aus den hochdynamischen Zentren der Weltwirtschaft für jene Menschen abzuschöpfen, die längst abgehängt sind und sich selbst nicht mehr helfen können. All diese Entschleunigungsinitiativen könnten verknüpft werden, um schließlich auch eine zeitgemäße Form der Ökonomie zu etablieren.

Utopien können vor allem dann zum Kristallisationskern von Emanzipationsbewegungen werden, wenn es ihnen gelingt, für die bisher isolierten und auseinander strebenden sozialen Kräfte eine gemeinsame Sprache und Problemdeutung anzubieten. Für die Utopie des Zeitlassens gibt es einen solchen Denkansatz, der mittlerweile weit entwickelt ist: die "Ökologie der Zeit", die Lehre vom Haushalten mit Zeit. "Ein jegliches hat seine Zeit ... Geboren werden, Sterben, Pflanzen, Ausrotten, das gepflanzt ist, Würgen, Heilen...", heißt es schon im Alten Testament. Eine genauere wissenschaftliche Analyse des Umgangs mit Zeit kann zeigen, wie elementar diese Erkenntnis ist und welche Katastrophen uns die turbokapitalistisch angetriebene Hochgeschwindigkeits- und Nonstop-Gesellschaft noch bescheren wird. Zeitmangel, Zeitdruck, Hetze und Stress, so die zeitökologische Grundthese, entstehen überall dort, wo Eigenzeiten für Austausch- und Verarbeitungsprozesse verletzt werden. Was aber sind Eigenzeiten? Ein einfaches Beispiel bietet der Luftaustausch zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt durch das Atmen. Eigenzeiten haben zwei Dimensionen, nämlich Dauer und Zyklus. Das Ein- und Ausatmen dauert jeweils seine Zeit, die nur innerhalb bestimmter Bandbreiten verkürzt oder ausgedehnt werden kann. Und nach jedem Atemzyklus kehrt das System zu einem ähnlichen Zustand zurück. Soweit das Grundmuster eigenzeitlich strukturierter Prozesse.

Die für Gegenwartsdiagnose und Zukunftsentwurf überaus spannende Frage ist nun, wie der Mensch bei jenen Eigenzeiten, die er selbst beeinflussen kann, mit Zeit heute tatsächlich umgeht und wie er mit ihr morgen umgehen könnte und sollte. Hier gilt es, die unhintergehbaren Maßstäbe, die regulativen Ideen also, für die Konstruktion alternativer Zukünfte zu suchen. Nehmen wir als Beispiel die Arbeit. Jede Arbeitshandlung hat, wie jede andere Handlung auch, eine zyklische Grundstruktur: Sie beginnt mit dem Handlungsvorsatz und endet mit dem Rückblick, führt also immer wieder zu ähnlichen Zuständen zurück. Anstrengung und Ruhe müssen sich regelmäßig abwechseln, nur so entsteht auch Raum für Reflexion und Richtungskorrektur. Wo Menschen durch zu hohe Komplexität der Aufgabe oder fehlende Kompetenzen und Technologien an der Durchführung der Handlung gehindert oder durch äußere Störfaktoren vor ihrem Abschluss unterbrochen werden, wird die Eigenzeit des Arbeitens vergewaltigt. Das macht Menschen unproduktiv, lässt sie schnell erschöpfen und auf Dauer krank werden. Der Maßstab für das Arbeiten ist also auf der individuellen Ebene nichts Geringeres als die Gesundheit des Arbeitenden.

Das sich in der menschlichen Arbeit zeigende, in Jahrmillionen bewährte Kreislaufprinzip der Natur bestimmt auch die sozialen Beziehungen der Arbeitenden, wenn sie nachhaltig sein sollen. Grundsätzlich muss in einer arbeitsteiligen Gesellschaft der Austausch von Leistung und Gegenleistung, der Wechsel des Versorgens und Versorgtwerdens gewährleistet sein. Wo dies nicht geschieht, ist der soziale Zusammenhang existenziell bedroht. Wenn der Versorger nicht mehr darauf vertrauen kann, im nächsten Zyklus selbst versorgt zu werden, wird er das Interesse am Austausch schnell verlieren und sich auch an herrschende Spielregeln und Standards nicht mehr gebunden fühlen. Die fundamentale Konsequenz: Soll der Austausch erhalten und entwickelt werden, müssen die Schnellen auf die Langsamen warten und ihnen vielleicht sogar Technologien, die aus zeitökologischer Perspektive im Kern Zeitspartechnologien sind, gratis zur Verfügung stellen. Vor diesem Hintergrund ist auch die so genannte Krise der Arbeitsgesellschaft im Kern ein Zeitproblem: Wenn die Arbeit aufgrund des unaufhörlichen und teilweise exponentiellen Produktivitätsfortschritts immer schneller vonstatten geht, muss - so die utopische Konsequenz - eben weniger, langsamer, spielerischer oder/und kreativer gearbeitet werden. Dann reicht die Arbeit für alle. Kurz: Maßstab für den sozialen Austausch ist nichts Geringeres als die soziale Gerechtigkeit seiner Bedingungen.

Und auf der kulturellen Ebene? Hier geht es vor allem um Sachgerechtigkeit. Der Bauer mag an einer Pflanze noch so oft und fest ziehen, davon wird sie nicht schneller reif, eher zerstört er sie durch seine Ungeduld, sagt ein chinesischer Spruch. Und wer, wie die BSE-Katastrophe zeigt, pflanzenfressende Tiere mit Knochenmehl füttert, damit sie schneller und billiger ihr optimales Schlachtgewicht erhalten, darf sich nicht wundern, wenn diese Tiere wahnsinnig werden - und die Menschen, die sie verspeisen, ebenso. Beim Umgang mit Pflanzen und Tieren, mit Böden, Wasser und Energiespeichern kommt es darauf an, die Eigenzeiten der Naturprozesse sehr sorgfältig zu erforschen und sie zur Maßgabe aller Eingriffe zu machen. Zu achten ist dabei insbesondere auf die vielfältige Vernetztheit dieser Prozesse, auf die Risikofaktoren aufgrund unseres prinzipiell immer nur beschränkten Wissens, vor allem bei den langzyklischen Veränderungen. Eine besondere Sorgfalt gilt schließlich der Biodiversität, durch welche die Evolution ein hohes Maß an Fehlerfreundlichkeit in das Naturgeschehen insgesamt eingebaut hat.

Aus all dem folgt: Wenn uns die Herrschaft der Geld- und Kapitallogik mit dem Turbokapitalismus eine gigantische Beschleunigungskrankheit beschert, die an allen Ecken und Enden Eigenzeiten vergewaltigt, dann bleibt uns keine andere Wahl, als diese Herrschaft zu brechen. Und wenn die einst fortschrittlichen Institutionen Geld und Kapital heute ständig falsche Signale senden, müssen wir wieder auf das viele tausend Jahre ältere und bewährtere Mittel zur Steuerung von Austauschprozessen zurückgreifen - auf die Zeit. Dass hinter Kapital, Geld und Ware seit ihrer Etablierung immer schon ein rücksichtsloses Zeitregime verborgen liegt, darauf haben Marx und andere Vertreter von Arbeitswert- und Mehrwerttheorien hingewiesen. Die Herrschaft dieses Regimes mit seinen Programmzeiten muss gebrochen werden. Dazu müssen wir "nur" uns selbst, unseren Mitmenschen und der außermenschlichen Natur ihre Eigenzeiten lassen.

Auch die größten Utopie-Skeptiker müssten zugestehen: Das methodische Innehalten in der Gegenwart ist angesichts der scheinbaren Alternativlosigkeit der Welt eine notwendige Voraussetzung für theoretische Reflexion, und diese wiederum für praktische Vernunft. Nur solches Innehalten kann bewusst machen, dass wir als Menschen - im Unterschied zur Natur - auch anders können. "Sachzwänge" sind in Wirklichkeit Menschenzwänge. Indem wir uns das Gewordensein und Weiterwerden dessen, was gegenwärtig ist, ins Bewusstsein holen, schaffen wir eine fundamentale Voraussetzung seiner Veränderung in der Realität: Wir machen zunächst im Denken jene Sachen beweglich, die dann im Tun bewegt werden müssen. Wir machen hinter den Spielzügen die Spielregeln sichtbar, die geändert werden müssen. Wir lassen hinter den Tatsachen die Taten und damit die Menschen zum Vorschein kommen, die allein diese Veränderungen herbeiführen können. Nur Utopien, die Gegenwart, Herkunft und Zukunft miteinander verbinden, können die versteinerten Verhältnisse wirklich zum Tanzen bringen.

Fritz Reheis ist Soziologie, Erziehungswissenschaftler, Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter, lebt in Rödental bei Coburg. Näheres zu seinen Büchern und Aufsätzen unter www.fritz-reheis.de.

00:00 17.09.2004

Kommentare 3