Wege aus der Sackgasse

Humanes Gefängnis Ein niederländisches Modell ­beweist: Es gibt Alternativen zur ­umstrittenen Sicher­ungs­verwahrung

Manche Namen sagen alles. Veldzicht zum Beispiel. Felder nämlich gibt es hier, so weit das Auge reicht. Sie bilden die letzte Aussicht einer langen Reise, die beginnt mit einer Haftstrafe, übergeht in Jahre in der forensischen Psychiatrie, in vergebliche Behandlungen, dann folgt ein neuer Anlauf in einer neuen Klinik, mit dem alten Ergebnis: nicht therapierbar. Ein Strich wird gezogen, und darunter steht für die immer wieder rückfällig gewordenen Straftäter dann der Blick auf das Ackerland der niederländischen Provinz Overijssel. Es ist eine Einöde, leer, trostlos, die Aussicht kann etwas Desolates haben. Und dennoch finden manche hier Frieden, sagt der Direktor. „Endlich habe ich Ruhe im Kopf“, diesen Satz habe er von Bewohnern seiner Anstalt schon gehört.

Andere Begriffe sind subtiler als Veldzicht. „Longstay“ zum Beispiel. Das klingt nach Reisenden, die deutlich länger als Touristen an einem Ort verbleiben. Und es stimmt ja: Wenn ein Vergewaltiger, Mörder oder Kinderschänder in Veldzicht zum Longstay eincheckt, bleibt er wirklich länger. Wie lange, das weiß niemand. Es ist wahrscheinlich, dass viele ihre Lebensreise hier beenden werden. Therapiert wird im Longstay-Projekt keiner mehr. Doch einfach weggesperrt – so wie etwa in der deutschen Sicherungsverwahrung – werden die hoffnungslosen Fälle hier auch nicht.

Jeroen de Vries, ein Mittfünfziger, der eigentlich anders heißt, hielt das Projekt zuerst für einen Aprilscherz. Das lag daran, dass es für ihn am 1. April hier begann. 1999 war das. Knapp anderthalb Jahrzehnte hatte er auf richterliche Anordnung bereits in Veldzicht verbracht, als dies noch eine ganz normale Psychiatrische Klinik war. Doch bei Jeroen de Vries, dessen jung gebliebenes Gesicht nicht zu seinen grauen Haaren passen will, schlug keine Behandlung an. Alle zwei Jahre wiederholten die Gutachter: Eine Rückkehr in die Welt jenseits der Gitter war für de Vries undenkbar.

Während er also länger und länger in Veldzicht saß, begann in den Niederlanden eine Debatte um Patienten wie ihn. „Bleibend deliktgefährlich“ nannte die damalige Klinikleitung sie im Gespräch mit Mitarbeitern des Justizministeriums und räumte ein, man befinde sich an den „Grenzen der forensischen Psychiatrie“. Diese Begriffe blieben haften, und weil die Zahl solcher Patienten stieg, wurden sie zu Grundsteinen des Longstay-Konzepts. In Veldzicht, 1894 als Erziehungsanstalt für Jungen gegründet und 1928 in ein „Reichsasyl für Psychopathen“ umgewandelt, wurde es erstmals umgesetzt. Jeroen de Vries war unter den 20 Pionieren. Und er ist bei weitem nicht der Einzige, der noch heute zur Long­stay-Belegschaft gehört, es gibt dort inzwischen 43 andere Männer und vier Frauen.

Wenn der Wassergraben einfriert, fahren alle Schlittschuh

Untergebracht sind sie in zwei ebenerdigen Pavillons, klinkerbesetzten Rundbauten, die sich über die Wiese hinter dem Haupttrakt der Klinik erheben und doch in sie zu ducken scheinen. Der Innenraum ist offen. Er umfasst eine Küche, eine Sitzecke mit Sofas und Fernseher und ein kleines separates Gesprächszimmer. In der Mitte liegt der vollständig verglaste Aufsichtsraum des Personals. Kurz kreuzt das Panoptikum von Jeremy Bentham die Gedanken, ein Gefängnismodell, in dem sich von einem zentralen Punkt aus das gesamte Areal observieren ließ. Doch durch die schweren braunen Türen, über denen die Vornamen der Patienten stehen, kann niemand blicken, es gibt hier Zimmer und keine Zellen, schmale Kojen von 12 Quadratmetern, ausgestattet mit Bett, Schrank und Schreibtisch, darauf ein Fernseher und DVD-Spieler. Das tief liegende Fenster guckt hinaus auf den Rasen.

Die Bauweise, so sagte einst die Architektin, die die Pavillons geplant hat, solle den Bewohnern Schutz und Geborgenheit bieten. „Je mehr Architektur beiträgt zu angenehmem Wohnen, desto angenehmer kann das Leben sein, auch wenn dies in Unfreiheit ist.“ Früher, das heißt bis zum Beginn der 1980er Jahre, stand für die hoffnungslosen Fälle in Veldzicht ein großer Saal bereit, unterteilt in käfigartige Gebilde von 1,80 Meter Länge und 1,30 Meter Breite. Das heutige Konzept ist dem diametral entgegengesetzt. Ein Gefühl von Zuhause wollte sie schaffen, sagte die Architektin – und vor allem die, die hier verbleiben, nicht durch die Architektur ein zweites Mal strafen.

Strafen, das hat keinen guten Klang in Veldzicht, und schon gar nicht für Jan-Bernard Blekkink, den Direktor: „Manche denken, man könnte Menschen durch Strafe verbessern. Aber ich habe noch nie einen Patienten gesehen, der dadurch zur Einsicht kam.“ Blekkink kommt aus der Behindertenpflege, ist ein Altersgenosse von Jeroen de Vries und lässt sich von allen hier Ben nennen. Seit vier Jahren ist er in Veldzicht, und seitdem, so hört man allenthalben, hat sich viel getan. Er ist beseelt davon, hier etwas aufzubauen. Etwas, das basiert auf „einer bestimmten Vision, wie man mit Menschen umgeht“, wie er sagt.

Er will den Bewohnern so gut es geht Verantwortung beibringen. Drei Dinge hält er jedenfalls für kontraproduktiv: sie betütteln, sie klein machen, und den Boss raus hängen lassen: „Wenn ich dir den ganzen Tag lang erzähle, was du zu tun hast, kannst du selbst nicht mehr denken.“

Ein Beispiel? Die Key-Card. Nicht allein den Mitarbeitern und Pflegern öffnen sich die elektrischen Türen in Veldzicht. Auch Longstay-Bewohner, bei denen die Leitung das als verantwortbar ansieht, können sich seit drei Jahren mit einer solchen Karte frei über das Gelände bewegen. Jeroen de Vries findet, dass sich in Veldzicht der gesamte Ansatz geändert habe. „Von Beherrschbarkeit zu Behandlung und Ermutigung“, nennt er es. Dass es in der Longstay-Abteilung einen weitläufigen, parkähnlichen Garten gibt, ist eine Sache. Diesen Garten denen, die dort leben, zugänglich zu machen, eine andere. Um es mit Blekkink zu sagen: Wie sollen Menschen draußen Verantwortung übernehmen, wenn sie es hier drin nicht lernen? Der Clou, so der Direktor, ist der: „die Zäune, die die Klinik umgeben, aus der Behandlung heraus halten.“

Die Politiker fragen: Geht das nicht ein wenig strenger?

Als Resultat dessen vertreiben sich die Bewohner die Zeit in den Gemeinschaftsräumen, sie spielen Fußball oder Volleyball und arbeiten mit Holz oder Metall, im Garten oder der Wäscherei. Sie helfen auf einem Bauernhof die Tiere zu versorgen, kochen in der Kantine Kaffee oder bereiten Snacks vor. Jeroen de Vries putzt außerdem in der Pflegeabteilung der Klinik. Wenn der Wassergraben diesseits der fünf Meter hohen Zauns zufriert, kann man die Bewohner darauf Schlittschuh laufen sehen. Ist das Eis dann getaut, greift so mancher zur Angel. Und wenn dann die Idee kommt, den gefangenen Fisch an Ort und Stelle zu grillen? „Dann tun wir das“, sagt Jeroen, und kommt von selbst auf diejenigen zu sprechen, die über diesen vermeintlichen „Freizeitpark“ für kranke Kriminelle den Kopf schütteln. „Ein Freizeitpark, wo die Zimmertüren abends um halb zehn schließen, und der von Zäunen umgeben ist.“

Es bleibt nicht aus, dass eine solche Klinik ein Bild hervorruft: das Bild der Niederlande als experimentierfreudiges Vorzeigeland, wo progressive Ansätze schneller eine Chance bekommen als etwa in Deutschland. Nimmt die Tragfläche für solche Ideen eigentlich ab, nachdem das Land zurzeit eine konservative Wende erfährt? Blekkink entgegnet, Parolen wie „Einsperren und den Schlüssel wegschmeißen“ hätten immer Konjunktur gehabt.

Er erzählt von Parlamentsmitgliedern, die auf Visite kamen. Sie ließen sich das Konzept erläutern, zogen anerkennend die Brauen hoch, als er von der 25-Prozent-Rückfallquote seiner Patienten berichtete – gegenüber 75 Prozent im Gefängniswesen. Und gaben dann zu bedenken, dass sie das alles etwas zu weich fanden, und fragten: „Geht das nicht etwas strenger?“

Blekkink ist diese Sichtweise zu einfach. Er distanziert sich von Kuschelpädagogik ebenso wie von Holzhammermethoden. „Lernen, ein Mensch zu sein, das ist weder das Eine noch das Andere. Hier geht es um Konfrontation, und das ist nichts Softes. Wir haben ein deutliches Ziel, wir sind sehr resultatsgerichtet. Das ist der Unterschied zum Konzept in Deutschland. Hier wie da lautet die Frage, was nach der Haftstrafe passiert. Aber bei uns geht es um einen Weg zurück in die Gesellschaft.“

Was aber ist mit denen, für die in den Longstay- Pavillons Endstation ist? Der Direktor legt die Stirn in Falten. Er weiß um die Signalwirkung dessen, was hier passiert. In den Niederlanden gibt es seit 2003 eine zweite Longstay-Abteilung. Das Konzept hat Zukunft. Immer wieder kommen Vertreter aus dem Ausland vorbei, um sich zu informieren. Wie vor ein paar Jahren eine Delegation der niedersächsischen Grünen, oder neulich Vertreter des Justizministeriums aus dem gleichen Bundesland. Die meisten reagieren enthusiastisch, geschehen ist allerdings wenig.

Am Anfang des Projekts stand auch Pragmatismus. Als die Maßnahme eingeführt wurde, kostete ein normaler Therapieplatz 750 Gulden täglich, etwa 340 Euro. Ein Longstay-Platz dagegen kostete nur 500 Gulden, knapp 227 Euro. Manche Patienten sind hier aus Mangel an Alternativen, gibt der Direktor zu. Ihm gefällt die Idee nicht, diese Zielgruppe zu konzentrieren. Blekkink fragt sich, ob nicht doch eine Möglichkeit mit weniger Bewachung bestehe. Und besseren Chancen, dort noch einmal den Absprung zu schaffen.

Einer bewegt sich wieder – nach zwei Jahrzehnten Stillstand

Vier Mal in den vergangenen fünf Jahren schafften Longstayer den Gang zurück in eine Behandlung. Es gibt sie also doch, die Wege aus der Sackgasse, die Aussicht, die Aussicht doch noch einmal zu ändern. Auch wenn es nicht oft passiert. Blekkink aber stellt ein Ansatz, der nicht auf Resozialisierung abzielt, nicht zufrieden. Er erzählt von Gesprächen mit Vertretern der anderen Longstay-Klinik und des Justizministeriums, um den Ansatz weiter zu entwickeln. Seit einer Weile schon tausche man sich aus. Der Direktor ist Idealist genug, um Verbesserungen anzustreben. Und steht andererseits fest auf dem Boden der Realität: „Natürlich gibt es hier Leute, von denen ich hoffe, dass sie nie wieder nach draußen kommen. Und dazu raten wir dann auch!“

Wer dazu nicht zählt, ist Jeroen de Vries. Zwei Jahrzehnte stagnierte er hier. „Wenn du so lange in so einer Einrichtung sitzt, wirst du wie altes Mobiliar“, sagt er, und schlägt mit der Hand auf den Stuhl neben ihm. Und dann: „Aber ich bin wieder in Bewegung gekommen.“ Aus dem Mobiliar wurde der Vorsitzende des Patientenrats, vier Jahre lang. Dieses Gremium ist gesetzlich vorgesehen, hat aber in Veldzicht mehr Mitspracherecht als in anderen Kliniken.

Vor kurzem lief Jeroen de Vries’ Amtszeit aus. Der Schwung ist geblieben. Er sagt, er wolle noch an einen besseren Ort, ohne Zäune drum herum. Zuhause fühlt er sich nicht mehr hier. Dass er das früher einmal tat, dürfte die Architektin freuen. Dass er nun eine Perspektive sieht, den Direktor. Demnächst steht für Jeroen de Vries die entscheidende Behandlung an. „Mal sehen“, sagt er zum Abschied, „ob ich den Longstay- Status loswerden kann.“

Tobias Müller lebt in Amsterdam und schreibt für den Freitag regelmäßig über die Niederlande

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12:15 01.11.2010

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