Wehe den Gekauften

Thüringen US-Amerikaner übernehmen eine Fabrik. Dann schüren sie Unsicherheit und Angst der Belegschaft

Ich weiß auch nicht, warum sie das machen, es macht wirtschaftlich einfach keinen Sinn.“ Die Wirtschaftsberaterin des Betriebsrates schüttelt den Kopf und schiebt Bilanzen und Geschäftsberichte auf dem Konferenztisch hin und her. Gemeinsam sitzen wir mit den Betriebsratsmitgliedern einer Werkzeugfabrik in Thüringen vor den Zahlen des Unternehmens und versuchen die Logik des Börsenmarktes zu ergründen.

Nicht Co-Management treibt die Arbeitnehmervertreter an, sich die Köpfe über die Geschäftszahlen zu zermürben, sondern pure Angst vor dem Verlust der Existenzgrundlage – ihr Arbeitsplatz und die ihrer Kollegen und Kolleginnen. Niemand hier wird von der kapitalistischen Logik überrascht. Und doch stehen die Betriebsräte und ihre Kollegen gerade ratlos vor den Entscheidungen, die der amerikanische CEO getroffen hat. Denn etwas ist jetzt neu: Der kapitalistischen Logik fehlt die Logik. Mehrere Standorte in Deutschland sollen geschlossen werden, an vielen anderen werden Stellen abgebaut, und das, obwohl an allen Standorten die Beschäftigten Millionengewinne erarbeiten.

„Die Kosten der Umstrukturierung sind viel zu hoch, die amortisieren sich gerade mal nach 10 bis 15 Jahren, das ist nicht wirtschaftlich!“, ergänzt die Beraterin. Es geht nicht nur um trockene Umstrukturierungen: Es geht um 1.000 Arbeiter, die ihre Arbeit verlieren, obwohl die Besitzer Rekordrenditen einfahren. Mehrere Standorte in Deutschland werden gleichzeitig geschlossen, obwohl die Gewinnkurve nach oben zeigt und dort über 20 Millionen Euro investiert wurden. Es ist dieses „obwohl“, das hier – zusätzlich zur Wut – obendrein noch Kopfzerbrechen beschert. „Die haben dort die neusten Maschinen hingestellt, und zwei Jahre später machen sie alles dicht. Stattdessen wird jetzt ganz woanders eine komplett neue Halle gebaut. Das Logistikzentrum wird geschlossen, und dennoch bleibt die Logistik, wird lediglich outgesourct zu UPS. Und die Menschen stehen auf der Straße.“ Kommt da noch einer mit?

Hinter der Firma liegt eine lange Geschichte von Ausgliederungen und Verkäufen, es ist also nicht so, dass die Mitarbeiter leicht zu erschrecken wären. „Alles begann damit, dass wir das Werkstor zugeschweißt haben, als sie in den 90er Jahren die Maschinen abholen wollten“, erzählt mir in der Pause eine ältere Kollegin an der Maschine. Damals haben sie gewonnen, die Firma blieb erhalten, und doch blickt hier niemand optimistisch in die Zukunft. Seit das Unternehmen von einer internationalen Holding gekauft wurde, ging es jeden Tag härter zu. Je nach Management dreht sich auch hier der unternehmerische Wind, regelmäßig gibt es für die Arbeiterinnen und Arbeiter neue Hiobsbotschaften.

Mitbestimmung? Nicht so gern

„Alles begann damit, dass die Personalabteilung nach Polen verlagert wurde, seitdem verstehen wir hier noch weniger“, lacht der Betriebsratsvorsitzende und schaut in die schmunzelnde Runde seines Betriebsratsteams. Galgenhumor trägt die Leute hier, auch wenn die Situation für sie kein Witz ist. An ihren Jobs hängen Hauskredite und Familien. Der aktuelle Manager hat sich ganz der Margenpolitik verschrieben, kurz gesagt: Alles, was zählt, ist der Stückpreis. Mit der Konsequenz, dass die gesamte Entwicklung geschlossen wurde. „Was er wohl nicht bedacht hat, ist, dass unsere Kunden, für die wir die Werkstücke entwickeln, gleichzeitig auch große Stückzahlen anderer Produkte bestellen. Das tun sie jetzt natürlich nicht mehr!“, kommentiert ein Betriebsratskollege. „Ist ja logisch, würde ich auch nicht machen als Kunde.“

Was die Unternehmensführung anscheinend überrascht, haben die Arbeiter kommen sehen. Doch: Auch wenn im US-Management-Stil an jeder Ecke der Werkshalle „Meeting Points“ errichtet wurden, mitbestimmen darf hier niemand. Der Betriebsrat wird kurzgehalten, wo es nur geht. Selbst wenn er mit jemandem reden wollte, ihm fehlt der Adressat. „Der Werksleiter hat im Grunde nichts zu sagen, und die, die Entscheidungen treffen können, sehen wir hier maximal alle sechs Monate.“ Die Entlassungen wurden dem Betriebsrat als Letztem mitgeteilt.

„Eine Woche vor der Verkündung war noch Wirtschaftsausschuss, und es wurde kein Ton gesagt“, erzählt mir der Betriebsratsvorsitzende. „10 Uhr wurde der Aufsichtsrat informiert, 11 Uhr der Wirtschaftsausschuss, 12 Uhr ging die Information an die Börse, und 14 Uhr wurde dann erst der Betriebsrat informiert. Das ist nicht nur unverschämt, sondern verstößt auch gegen das Gesetz!“, empört sich der Betriebsratsvorsitzende vor seinen Kolleginnen und Kollegen. Immerhin: Die Informationskette macht deutlich, welche Rolle die deutschen Mitbestimmungsgesetze für die internationalen Eigentümer spielen. Und welche die Mitarbeiter.

Doch trotz der angespannten Stimmung bröckelt der Zusammenhalt, denn die Holding schafft ihre ganz eigenen Konkurrenzmechanismen. Alle Standorte haben die gleichen Besitzer, aber sie konkurrieren miteinander auf einem holdinginternen Markt. Jeder Standort muss sich um jeden einzelnen Auftrag bewerben und seine Konkurrenten ausstechen. Umso schwerer ist es für die Gewerkschaften, den gemeinsamen Kampf um die Standortschließungen zu organisieren, denn am Ende könnte die Schließung eines Standorts der Vorteil eines anderen sein. „So wird es den Leuten zumindest ständig erzählt. Es wird ja auch sofort von Verlusten gesprochen, sobald die erwarteten Gewinne nicht kommen. Selten handelt es sich um wirkliche Verluste“, erklärt ein Betriebsrat.

Die Konkurrenz wurde überall verschärft, zwischen den Standorten, aber auch zwischen den Beschäftigten. Der Druck auf jeden einzelnen Arbeiter steigt. „Sie wollten, dass wir 24 Stunden, sieben Tage die Woche arbeiten. Die Gewerkschaften und der Betriebsrat haben erkämpft, dass wir darüber abstimmen können“, erklärt mir eine Arbeiterin an der Maschine. Am Ende hat eine knappe Mehrheit sogar dafürgestimmt. Augenscheinlich nicht, weil sie es wollten, sondern weil ihnen ihre Kollegen Druck gemacht hatten: Wenn sie dagegenstimmten, könnte das als Arbeitsunwilligkeit interpretiert werden, der Standort könnte leiden und Leute deshalb ihre Arbeit verlieren. „Umso ironischer, dass sie uns jetzt – nach einem Jahr 24/7 – verkünden, dass sie eine ganze Abteilung schließen“, lachen die Betriebsratskollegen. Wieder Galgenhumor. Doch das Lachen vergeht, als der neue Werksleiter erklärt, die Abteilung werde geschlossen, weil die Mitarbeiter im Juni ihren beantragten Urlaub genommen hätten. Jetzt wäre es an der Zeit, zu verzichten, so propagiert der Werksleiter.

Doch die Leier kennt man hier schon zu lange. „Wir glauben keinen Versprechungen mehr“, sagt ein Betriebsratsmitglied. „Am Ende weiß der Werksleiter noch viel weniger als wir.“ Der „Code of Conduct“, der Verhaltenskodex der amerikanischen Firmenleitung, hängt hier immer noch an der Wand. Doch er liest sich inzwischen ironisch: „Sie mussten mittlerweile das ‚We are family‘ streichen, weil es albern wurde.“

Besuch der Kontroll-Leuchte

Die Beschäftigten sind mit ihrer Ohnmacht nicht allein. Im Umkreis von wenigen Kilometern befinden sich mehrere Firmen, in denen Kollegen vor ähnlichen Problemen stehen. Ein Unterschied besteht meist nur darin, ob die Fabrik von „Amerikanern“ oder „Chinesen“ gekauft wurde.

„Neulich ist unser Vice President aus den USA das erste Mal durch unsere Fabrik gelaufen, er hat willkürlich auf Leute und Abteilungen gezeigt und gemeint: ‚The people are not working.‘ Nun haben wir große Angst, dass er die Abteilungen schließt“, erzählt mir ein Kollege aus einer benachbarten Fabrik, deren Produkte weltweit bekannt sind. „Dabei haben wir in diesem Moment nur auf Ersatzteile gewartet!“, ergänzt sein Kollege. Der Werksleiter hatte so was wohl schon geahnt und im Vorfeld des Besuchs die Losung ausgegeben, dass während des Rundgangs alle Kontroll-Leuchten der Maschinen grün zu leuchten hätten. Er versuchte dem Chef von ganz oben dann die Abläufe zu erklären, und dass an den Arbeitern nichts auszusetzen sei. Aber: „Am Ende kann der auch nichts machen. Wenn von oben ein Fingerzeig kommt, ist es hier vorbei. Die Entwicklung wird bereits verkleinert. Und wie wir aus anderen Fabriken hören, ist das der Anfang vom Ende.“

Info

Katja Barthold ist Gewerkschaftssekretärin in Thüringen und hat im Freitag zuletzt vom „neuen Kampfgeist“ in ostdeutschen Betrieben berichtet (Ausgabe 35/2019)

06:00 21.10.2019
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