Wehe solcher Schadenfreude

Palästina/Israel Wer Frieden wünscht, der sollte sich nicht freuen angesichts des Blutvergießens im Gaza-Streifen und im Libanon

Wenn Arafat noch am Leben wäre ..." Diesen Satz hört man nun immer öfter bei Gesprächen mit Palästinensern, aber auch mit Israelis. "Wenn Arafat noch am Leben wäre, dann würde das nicht geschehen, was jetzt im Gaza-Streifen geschieht." - "Wenn Arafat noch am Leben wäre, hätten die islamischen Fundamentalisten unter den Palästinensern nicht gewonnen und wären auch in den benachbarten Ländern nicht so mächtig geworden!"

Mittlerweile kommen auch die unbeantworteten Fragen wieder hoch: Wie starb Arafat? Wurde er ermordet? Wenn ja, von wem?

Als ich damals (2004) von Arafats Begräbnis zurückkam, traf ich auf Jamal Zahalka, ein Mitglied der Knesset. Ich fragte ihn, ob er glaube, dass Arafat ermordet worden sei. Zahalka, ein promovierter Pharmakologe, antwortete, ohne zu zögern: Ja! - Das war auch mein Gefühl. Aber ein Verdacht ist noch kein Beweis. Er ist nur ein Ergebnis von Intuition, gesundem Menschenverstand und Erfahrung.

Es kann nichts ohne Hamasführer Khaled Mashal getan werden

Vor einigen Wochen bekamen wir eine Art Bestätigung. Kurz bevor er starb, veröffentlichte Uri Dan - seit fast 50 Jahren loyales Sprachrohr Ariel Sharons - in Frankreich ein Buch. Darin schreibt er von einem Gespräch mit George Bush, bei dem Sharon den US-Präsidenten um die Erlaubnis gebeten habe, Arafat umbringen zu lassen. Bush gab sie ihm unter dem Vorbehalt, es müsse in einer Weise geschehen, die nicht nachgewiesen werden könne. Als Dan Ariel Sharon fragte, ob es denn so geschehen sei, antwortete Sharon: "Darüber sollte man besser nicht reden." Dan nahm dies als Bestätigung.

Die Geheimdienste vieler Länder haben Gifte, die so gut wie nicht nachgewiesen werden können. Der Mossad versuchte, Khaled Mashal, den Hamasführer, am helllichten Tag auf einer Hauptstraße in Amman umzubringen. Er wurde nur deshalb gerettet, weil die israelische Regierung gezwungen wurde, schnell ein Gegengift zu jenem Gift zu liefern. Vor kurzem wurde Alexander Litwinenko, ein früherer russischer Spion, mit tödlichem Polonium 210 ermordet. Und wie viele solcher Fälle sind unentdeckt geblieben?

Gibt es Beweise, dass Arafat von israelischen oder anderen Agenten umgebracht wurde? Es gibt sie nicht. Vor einer Woche traf ich wieder auf das Knessetmitglied Zahalka. Wir schlussfolgerten beide, der Verdacht in dieser Sache wachse noch, während Arafats Abwesenheit gleichfalls immer spürbarer werde.

Wenn Arafat noch am Leben wäre, dann gäbe es jetzt eine klare Adresse für Verhandlungen mit dem palästinensischen Volk. Das behauptete Fehlen eines solchen Adressaten dient der israelischen Regierung als offizieller Vorwand für ihre Weigerung, mit Friedensverhandlungen zu beginnen. Jedes Mal, wenn Condoleezza Rice oder ein anderer von Bushs Papageien von der Notwendigkeit spricht, "mit dem Dialog wieder zu beginnen" (nicht mit "Verhandlungen"), über "den Endstatus" oder "eine dauerhafte Abmachung" (nicht von "Frieden") redet, dann ist dies die Antwort von Zipi Livni und Ehud Olmert: Einen Dialog? Mit wem? Mit Mahmud Abbas zu reden, hat keinen Sinn, weil er nicht in der Lage ist, seinen Willen dem palästinensischen Volk aufzudrücken. Er ist kein zweiter Arafat. Er hat keine Macht. Und mit der Hamas-Regierung könne man ja wohl nicht reden - die gehört laut Bush zur "Achse des Bösen".

Zipi Livni geht noch weiter: Bei der Versammlung der Milliardäre, dem Weltwirtschaftsforum in Davos, warnte sie Abbas öffentlich, auf keinen Fall "Kompromisse mit Terroristen" zu machen. Eine rechtzeitige Warnung. Verzweifelt darum bemüht, eine glaubwürdige palästinensische Adresse zu kreieren, war Abbas gerade nach Damaskus geflogen, um Khaled Mashal zu treffen und auf diese Weise öffentlich zuzugeben, es kann nichts ohne den Hamasführer getan werden, der nun so etwas wie ein palästinensischer Super-Präsident geworden ist.

Livni erkannte die Gefahr sofort und beeilte sich, diese Mission zu torpedieren: Es gibt keinen Dialog mit einer palästinensischen Einheitsregierung, genau so wenig wie mit Abbas oder Hamas.

Wenn man reine Freude sehen will, muss man nur die Gesichter der israelischen Korrespondenten betrachten, die jeden Abend im Fernsehen erscheinen und über die Ereignisse im Libanon berichten. Welch ein Vergnügen! Die "Christen und Sunniten" greifen schiitische Studenten der arabischen Universität in Beirut an und töten sie. Jeden Augenblick kann ein Bürgerkrieg ausbrechen. Und da sagt eine interviewte sunnitische Studentin, dass Hisbollah-Chef Nasrallah "schlimmer ist als Olmert!" Lasst uns das noch einmal sehen! Und noch einmal und noch einmal.

Wenn Araber miteinander streiten - ob im Irak, im Gaza-Streifen oder in Beirut -, strahlt die Regierung Israels, und ihre Kommentatoren in den Medien tun es auch. Schon immer herrschte in Israel die Überzeugung: Wenn Araber gegeneinander kämpfen, ist das gut für uns.

Im Krieg mag das einen Sinn ergeben. Wenn die Feinde gespalten sind, ist dies ein Geschenk. Im Krieg von 1948 wurde Israel dadurch gerettet, dass die Armeen Ägyptens und Jordaniens mehr an einem Wettkampf untereinander interessiert waren, als am Kampf gegen uns. In den Achtzigern sandte die israelische Armee Offiziere in den Norden des Irak, um dort Massoud Barzani zu helfen, die kurdische Region von Saddams Kern-Irak zu trennen. Das ist eine gute Strategie im Krieg - es bleibt nur die Frage, ob dies eine gute Strategie ist, wenn man Frieden will. Wenn die Regierung Israels Frieden wünscht, würde sie die entgegen gesetzte Strategie wählen.

In den fünfziger Jahren, als David Ben Gurion das Äußerste tat, um Ägypten, Syrien und den Irak voneinander zu trennen, war Nahum Goldmann, der prominenteste zionistische Diplomat, dagegen. Er behauptete, die vielen Konflikte zwischen den arabischen Führern seien für Israel eine Gefahr, denn jeder von ihnen würde versuchen, seinen jeweiligen Rivalen in der Feindschaft gegenüber Israel zu übertreffen.

Es gibt nur eine Friedenschance mit der gesamten arabischen Welt

Heute wird das deutlicher denn je. Bush und seine Gefolgsleute wollen einen pro-amerikanischen Block aufbauen mit Israel, Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Mahmud Abbas und Fuad Siniora. Die andere Seite - Iran, Syrien, Hisbollah und Hamas - bildet die "Achse des Bösen". Und die israelische Regierung fühlt sich geehrt in der Gesellschaft der drei bedeutenden Demokraten des Nahen Ostens: Präsident Mubarrak und der beiden Könige Abdullah. Ist das gut für Israel? Es ist gut für die Fortsetzung des Krieges gegen die Palästinenser, für Annexion und Ausbau der Siedlungen. Es ist aber keineswegs gut, um den historischen Konflikt mit den Palästinensern zu lösen, die Besatzung zu beenden und die Waffen niederzulegen.

Es gibt keine Chance, mit Mahmud Abbas Frieden zu machen, solange er dafür nicht die volle Unterstützung der Hamas hat. Selbst eine Fatah-Hamas-Partnerschaft würde nicht ausreichend sein, um Israel eine friedliche Zukunft zu garantieren. Diese Partnerschaft bräuchte den Beistand der gesamten arabischen Welt. Darin liegt die enorme Bedeutung der "Arabischen Friedensinitiative", wie sie von der Arabischen Liga auf dem Beiruter Gipfel 2002 entwickelt wurde. Nur eine vereinigte palästinensische Führung - mit dem Rückhalt der arabischen Gemeinschaft - kann sich an ein solch revolutionäres und historisches Unterfangen wagen. Die Israelis sollten nicht nur für diese Initiative sein, sondern sie tatsächlich einfordern. Die Bedingungen sind die gleichen, wie sie Arafat schon in den siebziger Jahren gesetzt hatte: einen palästinensischen Staat neben Israel, dessen Grenze die Grüne Linie (Grenzen von 1967) und dessen Hauptstadt Ost-Jerusalem ist; die Auflösung der Siedlungen; eine "vereinbarte Lösung" des Flüchtlingsproblems. Inoffiziell war Arafat mit einem Gebietstausch einverstanden, der es ermöglicht hätte, dass einige Siedlungen nahe der Grünen Linie bestehen bleiben konnten. Es gibt praktisch keinen Palästinenser und keinen anderen Araber, der mit weniger einverstanden wäre. Den Palästinensern würden nur 22 Prozent des historischen Palästinas bleiben.

Dies könnte erreicht werden - vorausgesetzt das palästinensische Volk wäre einig, und die arabische Welt wäre einig, was den Konsens zwischen Syrien, Hisbollah und Hamas wie auch des Iran einschließt, der natürlich nicht arabisch ist.

Wer also Frieden wünscht, der sollte sich angesichts des Blutvergießens im Gazastreifen und im Libanon nicht freuen. Wir sollten nicht lachen, wenn Araber Araber prügeln - wehe solcher Schadenfreude! Und natürlich wäre alles viel, viel einfacher, wäre Arafat noch am Leben.

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs/Christoph Glanz


Militärische Formationen der Palästinenser

Präsidentengarde - Elitetruppe des Präsidenten der Autonomiebehörde in einer Stärke von 4.200 Kämpfern, sie wird gerade aufgestockt durch die 1.000 Mitglieder von Einheiten, die in Jordanien ausgebildet wurden. Finanziert wird die Präsidentengarde teils aus Mitteln des US-Staatshaushalts, teils durch Spenden aus der arabischen Welt. Die Präsidentengarde kontrolliert mit dem Checkpoint Rafah den einzigen, zeitweilig geöffneten Grenzübergang für den Gaza-Streifen.

Fatah-Geheimdienst - Mahmud Abbas in seiner Funktion als Fatah-Vorsitzendem in einer Stärke von 5.000 Mann direkt unterstellt.

Vollzugkräfte der Hamas - eigener militärischer Flügel der Hamas mit 6.500 Mitgliedern, deren Aktionsraum weitgehend auf den Gaza-Streifen beschränkt ist. Eine Verstärkung durch paramilitärische Kräfte hat in den vergangenen Monaten stattgefunden. Finanziert werden die Vollzugskräfte - nach Angaben aus Israel - über den Iran.

Sicherheitskräfte der Autonomiebehörde - nach den Verträgen von Oslo Mitte der neunziger Jahre entstandene parteiübergreifende Kampfgruppe mit etwa 30.000 Mitgliedern, deren Finanzierung seit einem Jahr durch die Finanzblockade Israels und der EU kaum noch möglich ist.

Polizei der Autonomiebehörde - 30.000 Mann, die der Hamas-Regierung direkt unterstellt sind, aber größtenteils von der Fatah verbundenen Kommandeuren geführt werden. Deren Bezahlung erfolgt unregelmäßig.

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00:00 02.02.2007

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