Wehrloses Holz

Literatur Ein Gespräch mit Günter Grass über das Sterben, Demokratie und die Überlebensnotwendigkeit von Kunst
Klaus Reichelt | Ausgabe 45/2015
Wehrloses Holz

Bild: Archiv/der Freitag

In die diesjährige Frankfurter Buchmesse fiel der Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. An seinem Vormittag eröffnete dort der Grafiker und Satiriker Klaus Staeck für seinen Künstlerkollegen Günter Grass, wie er doppelt begabt im Zeichnen und Schreiben, eine Ausstellung mit Innenansichten des einstmals viel besungenen deutschen Waldes. Jenes Urbild deutscher Innerlichkeit ist im Begriffe, flächendeckend wegzusterben, und so sind die Kohlezeichnungen von Günter Grass Blätter des Sterbens und des Todes. Aus dem Wald wurde „Totes Holz“, das Buch von Günter Grass ist einer jener Kassandrarufe, ob gehört oder angehört, die Kunst überlebensnotwendig machen. So ließ es sich Klaus Staeck in seiner politisch pointierten Eröffnungsrede nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass viele deutsche Landschaften längst wiedervereinigt seien in ihrer Vergiftung und tödlichen Krankheit. Deshalb hoffe er, dass es gerade jetzt genügend Menschen geben müsse, die sich gegenüber vorherrschenden, tonangebenden gesellschaftlichen Gesundbetern querlegen und den Finger nicht von den neuralgischen Punkten im zu Ende gehenden zwanzigsten Jahrhundert heben. Direkt sprach Klaus Staeck auch seine Landsleute in der ehemaligen DDR an, er selbst lebte übrigens bis 1958 in Bitterfeld, sich wieder, wie im Herbst letzten Jahres, in gesellschaftliche Belange einzumischen, ihre demokratischen Rechte zu gebrauchen. Anders könne nun mal Demokratie nicht funktionieren. Im Anschluss an diese Vernissage, die eher wie ein politischer Aschermittwoch wirkte, gab es Gelegenheit, mit Günter Grass nicht nur über sein neues Buch zu reden.

Freitag: Günter Grass, in Ihrem neuen Buch „Totes Holz“, das Zeichnungen und Texte enthält, heißt es: „Wanderer, du hast sie liegen sehn, die toten Bäume, wie das Gesetz es befahl.“ Was ist das eigentlich für ein Gesetz, das so zerstörerisch wirken kann?

Günter Grass: Das ist das Gesetz, dass sich der Mensch die Erde untertan machen soll, und er hat es getan, sich wider gegen die Natur verhalten, nun stirbt sie uns weg. Ein besonders augenfälliges Beispiel sind die sterbenden Wälder. Das hat natürlich Folgen im globalen Ausmaße, es wird Klimaveränderungen geben. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Das ist allein mit dem Stichwort „Saurer Regen“ nicht getan. Wenn jetzt zum Beispiel durch die vermuteten und vielleicht auch tatsächlichen Klimaveränderungen Wirbelstürme die Erde heimsuchen, dann fallen mehr Bäume als normalerweise um, weil ihre Wurzeln bereits weggefault sind, auch wenn sie noch grün aussehen und scheinbar gesund sind.

Ich wollte in dem zurückliegenden Schreib- und vor allem Zeichenprozess, der mich zwei Jahre beschäftigte, diesen Folgen einer ganz bestimmten zivilisatorischen Haltung nachgehen, und das ganz bewusst, wenn Sie so wollen, mit den altmodischen Mitteln des Zeichnens. Ich habe gemerkt, dass die Flut von Statistiken der Waldschadensermittlung den Menschen nicht mehr erreicht. Es gibt zwar immer wieder ein gewisses, zeitlich begrenztes Entsetzen, das aber bald im Alltäglichen untergeht. Fotos, die kann jeder machen, die haben eine gewisse Glätte. Deshalb hoffe ich, dass es mir zeichnend gelungen ist, indem ich wegließ und zugleich anderes verstärkte, diese Dummheit und Gedankenlosigkeit im Umgang mit der Natur deutlich zu machen. Die ja leider katastrophale Folgen haben.

Nun sind ja die Bürger der ehemaligen DDR auch auf dem Schiff, das Wohlstand heißt. Droht dieses Schiff zur Titanic zu werden?

Sie hoffen, auf dem Schiff zu sein, das Wohlstand heißt. Das Skandalöse an dem Einheitsprozess, ohne dass sich die Deutschen wirklich geeinigt haben, ist, dass wir bei soviel Glück, die Mauer ist weg, diese Art von Teilung ist weg, die europäischen Nachbarn haben uns politischen Vorschuss gegeben, auf dass wir etwas Vernünftiges daraus machen, es nicht verstanden haben, diese Chance wirklich zu nutzen. Denn, was tun wir, wir teilen uns abermals in Deutsche erster und zweiter Klasse, und - ich muss es leider sagen - ich sage es den verantwortlichen Politikern ins Gesicht, den Herren Kohl, Waigel und Hausmann: Ihr teilt die Deutschen abermals in Deutsche erster und zweiter Klasse. Ihr macht sie abhängig, sie, die erst vierzig Jahre Bevormundung hinter sich haben, bei manchen reicht sie bis 1933 zurück. Und schon wieder werden sie bevormundet, wird ihnen etwas vorgemacht, werden ihnen Wunder vorgegaukelt, die nicht eintreffen. Wie lange hören wir das schon, erst wenn ihr das und das macht, wenn ihr schön brav seid, dann investiert die deutsche Wirtschaft. Sie hat bis heute nicht investiert, sie hat ihren Markt erweitert. Nichts anderes ist geschehen, die Wiedervereinigung als Markterweiterung. Das ist wenig, das ist gedankenlos, das ist barbarisch und dumm. Kultur und alles andere bleiben auf der Strecke. So sieht leider die deutsche Einheit aus, hässlich, und ich bedauere das sehr.

Nun ist die DDR unwiderruflich dahin, was bleibt von der Literatur dieses ehemaligen Staates, Landes? Was haben Sie an der DDR-Literatur besonders geschätzt?

Ach, eine ganze Menge. Und einiges davon wird ganz sicher die Zeiten überdauern. Zu Recht gibt es gerade im Ausland viele Stimmen und Kommentare wie zum Beispiel auch in Frankreich, die deutlich sagen: Also, wenn ihr in Westdeutschland die Christa Wolf fertigmachen wollt und auch noch meint, dass sei der wahre Umgang mit Schriftstellern, dann tut das. Aber bei uns ist sie hoch angesehen und sie bleibt das.

Und es gibt eine Vielzahl von Büchern aus der DDR, die weit über die deutschen Grenzen hinaus dokumentiert haben, dass geteilte deutsche Literatur eigentlich schon immer eine gesamtdeutsche war, auch wenn sie aus unterschiedlichem sozialen Milieu herrührte und die Reibungsflächen natürlich oft andersgeartet waren für das Entstehen von Literatur. Es fand schon über die vergangenen Jahre hinweg ein sehr diffiziler Dialog zwischen der Literatur der DDR und der Bundesrepublik statt, auch wenn es manchmal zu zeitlichen Verschiebungen dabei kam. So stürzte sich die westdeutsche Literatur schon in den sechziger Jahren auf die Vergangenheitsbewältigung, während die DDR-Literatur damals noch dem Irrtum aufsaß: Wir gehören zu den Siegern der Geschichte, zu den Siegermächten, wir machen etwas Neues. Die Gefahr des Neofaschismus gibt es nur im Westen, und der Antisemitismus, den es natürlich auch in der ehemaligen DDR gab, wurde bequemerweise in Antizionismus ideologisch umgepolt.

Diese Bücher der Vergangenheitsbewältigung in der DDR wurden erst ein Jahrzehnt später geschrieben, siehe Christa Wolfs „Kindheitsmuster“. Aber dennoch gab es diesen Dialog, und das wird bleiben. Von manch einem Politiker, der jetzt das Maul aufreißt, wird man schon bald nichts mehr wissen, er wird vergessen werden, die wirklich wichtigen Bücher jedoch nicht.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich die ehemaligen DDR-Autoren auf dem gesamtdeutschen Büchermarkt werden durchsetzen können?

Das ist für jeden Autor heute schwieriger geworden bei dieser maßlosen Fülle von Publikationen, die auf den Markt schwappt. Das macht es gerade jungen Autoren schwer, auf sich aufmerksam zu machen, sich durchzusetzen. Sie haben es teilweise schwerer, als ich es damals hatte. Das klingt etwas paradox, weil auch die Nachkriegsliteratur es überhaupt nicht leicht hatte, vom Markt angenommen zu werden. Aber, trotzdem, es war alles in allem übersichtlicher, es gab von der Kritik mehr Aufmerksamkeit, allein schon durch die Gruppe 47, für neue Talente. Während heute die Autoren sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland häufig in der Vereinzelung leben und schreiben. Da laufen viele junge Autoren Gefahr, verschütt zu gehen.

Info

Günter Grass, Totes Holz, Steidl Verlag, Göttingen 1990, 112 Seiten, 32.- DM.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

Ausgabe 31/2021

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