Weiberwirtschaft

Porträt Seit 25 Jahren verlegt Else Laudan die Frauenkrimis bei Ariadne – Feminismus und Spannung? Laudan zeigt, dass das geht
Thekla Dannenberg | Ausgabe 47/2013

Bei der Veranstaltungsreihe „Der Krimi ist politisch“ erlebt man Else Laudan in ihrem Element. Einmal im Monat lädt die Chefin des Ariadne-Verlags in dem Hamburger Buchladen Osterstraße zur Diskussion über das aufklärerische Potenzial des Kriminalromans. Seit Else Laudan im mütterlichem Bücherregal Antonio Gramsci und Raymond Chandler für sich entdeckt hat, ist die populäre Verschmelzung von Politik und Kultur ihr Lebensprojekt. Seitdem arbeitet sie an der feministischen Landgewinnung im Kriminalroman oder jetzt auch kurz: „Occupy Krimi!“

An diesem Abend geht es um den historischen Kriminalroman. Mit dem Manifest „Der Anti-Stendhal“ verteidigt zunächst der Hamburger Autor Robert Brack den politischen Roman gegen das berühmte Diktum von Stendhal, der die Politik einen „Mühlstein am Hals der Literatur“ genannt hatte: wenn der Krimi relevant bleiben wolle, müsse er Stimme der Erniedrigten und Beleidigten sein. Die österreichische Sinologin Clementine Skorpil ist sehr erkennbar Ariadne-Autorin. In ihrem Roman Gefallene Blüten schickt sie eine eigensinnige Großmutter in das Shanghai der zwanziger Jahre, um die Enkelin zu suchen, die sich im glamourösen, aber unerbittlichen Geflecht aus Kolonialverwaltung, Luxusbordellen und Opiumhöhlen verloren hat. Skorpil erklärt, wie vertrackt ein feministischer Blick auf das junge China ist: Wie solidarisch-empathisch über die Lage der Frauen berichten, über das Füßebinden oder die Prostitution, ohne in das herablassende westliche Muster zu verfallen, das Voyeurismus hinter dem Gestus der Empörung verberge?

So viel ist klar: Ohne feministische Herrschaftskritik geht bei Ariadne gar nichts. Ging es noch nie. Seit jeher müssen sich angehende Autorinnen erst einmal in einem Fragebogen erklären: Wie stehen sie zu ihrem eigenen sozialen Milieu, wie sehen sie die Geschlechterverhältnisse, welche Vorstellung von Gerechtigkeit haben sie und von welchen Motiven werden sie geleitet? „Wer nur seinen Krimi verkaufen will, hat schon verloren“, sagt Laudan. Dass der politische Krimi, der spannende Gesellschaftsroman, wieder mehr gelesen wird, erklärt sich Laudan, da bleibt sie ganz Soziologin, mit der Krisenerfahrung der LeserInnen im entfesselten Kapitalismus. Übersättigt von Psychopathen, Sadisten und Serienmördern wollen die Leute wieder Romane lesen, die soziale und politische Realitäten widerspiegeln: Hardboiled, Noir oder Pulp, harte Sprache verbunden mit einem zärtlichen Blick auf die Abgehängten und Ausgeschlossenen.

Autorinnen wie Dominique Manotti, Christine Lehmann oder Merle Kröger haben den Ariadne-Verlag in der Glashüttenstraße wieder zu einer exquisiten Adresse für anspruchsvolle Politkrimis gemacht: Hier, im bunten Hamburger Karolinenviertel, arbeitet Else Laudan mit Lektorin Iris Konopik und Pressefrau Dörte Graul in einem Souterrainladen, der jeden Tag aufs Neue den Blick von links unten vorgibt. Dabei drohten noch vor einigen Jahren die Beststeller-Autorinnen der Großverlage den Frauenverlag überflüssig zu machen, zu einem Relikt alter Zeiten wie den Himalaya-Laden und das Kulturcafé nebenan, die sich allein dank Milieuschutz gegen schicke Boutiquen und hippe Delis behaupten. Wer braucht noch Ariadne, wenn sozial kompetente Heldinnen mit ihrem empathischen Blick auf die Opfer den Markt überschwemmen? „Im literarisch anspruchsvollen Krimi sind Frauen genauso in der Minderheit wie sie im trashigen Bereich die Mehrheit bilden“, sagt Laudan. Und solange Hierarchien über die Geschlechterverhältnisse reproduziert würden, sei Ariadne noch nicht fertig. Spricht die 50-Jährige und hebt dabei ihr von einer Silbermähne umgebenes Löwinnenhaupt.

Gegründet wurde Ariadne 1988 von der marxistisch-feministischen Theoretikerin Frigga Haug, als Imprint des Argument Verlags, in dem sie zusammen mit ihrem Mann Wolfgang Fritz Haug die Theorie-Zeitschrift Das Argument herausgibt und auch Gramscis Gefängnishefte erschienen sind. Noch immer arbeiten sie am epochalen Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus: Nach Band 7/II Knechtschaft bis Krise des Marxismus erschien zuletzt der Band 8/I Krisentheorien bis Linie Luxemburg-Gramsci.

Ohne Know-how, aber mit viel Begeisterung übernahm Else Laudan ein Jahr später von ihrer Mutter die Krimireihe, da war sie 25 Jahre alt und hatte ein Soziologie-Studium und eine abgebrochene Ausbildung zur Maschinenschlosserin hinter sich. P.M. Carlson, K.V. Forrest und Val McDermid schickten knallharte Detektivinnen, lesbische Kommissarinnen und andere Expertinnen für gefährliches Leben in den Kampf gegen die männliche Ordnung, sie ermittelten Verbrechen an der Frau und erkundeten neue weibliche Lebensformen. Ganz so wie es Dorothy Sayers mit ihrem Roman Aufruhr in Oxford vorgegeben hat, der als erster feministischer Krimi in der Literaturgeschichte hochgehalten wird. Und natürlich wurde quotiert: Jedes Jahr erschienen sechs Hetera- und sechs Lesbenkrimis. „Richtig schön mutwillig musste das sein“, feixt Laudan, „sonst sind Quoten ja öde“.

Radikale Amerikanerinnen

Anfang der neunziger Jahre las fast jede Frau, die auf ihre Emanzipiertheit Wert legte, Ariadne-Krimis. Noch heute schwärmen die frühen Leserinnen: „Ich hatte sie alle.“ Mit dem Abflauen der Frauenbewegung begann Mitte der neunziger Jahre der Sinkflug. Die großen Publikumsverlage warben die auflagenstärksten Autorinnen ab oder brachten ihre eigene Form von Frauenkrimis heraus. Ariadne blieben radikale Amerikanerinnen, die sich immer heftiger in männliche Sexualtäter verbissen oder Autorinnen, die eigene schlimme Erfahrungen aufarbeiten mussten. Noch immer schaudernd erinnert sich Laudan an die Jahre der Schrottproduktion, erfolglose Ausflüge in das Genre der Social Fantasy, an Überdruss und Orientierungslosigkeit. Der Konkurs des Auslieferers setzte dem Schrecken ein Ende. Danach musste sie Ariadne radikal zurechtstutzen. Weil Übersetzungen teuer sind, konzentrierte sich Ariadne fortan auf deutschsprachige Autoren.

Schillerndste Autorin ist heute die unter dem Pseudonym Dominique Manotti schreibende Französin Marie-Noëlle Thibault. In ihren radikalen Politthrillern paart sie einen reichen Erfahrungsschatz mit einer Vorliebe für die kalte, harte Sprache eines James Ellroy. Manotti hat dem französischen Noir neuen Glanz verliehen. Die Frau ist übrigens 71.

Die Stuttgarter Autorin Christine Lehmann bewahrt trotz ihres enormes Ausstoßes ein hohes erzählerisches und intellektuelles Niveau. Die Romane um die Heldin Lisa Nerz, die unverfrorene Schwabenreporterin, sind feministisch fundierte Hardboiled-Romane mit einem genauen Blick für soziale Milieus und kritische Themen. In Christine Lehmanns neuem Roman spielt Lisa Nerz jedoch nur indirekt eine Rolle. Die Affen von Cannstatt erzählt in einer etwas heiklen Konstruktion von der Tochter einer Kindsmörderin, die nun selbst des Mordes beschuldigt wird. Das Buch ist Knastroman und philosophische Reflexion in einem und erzählt obendrein sehr schön von Liebe und Gewalt unter den Bonobos.

Kompromisse bringen nichts

Merle Kröger erhielt für ihren Roman Grenzfall den Deutschen Krimipreis 2013 . Die Autorin fiktionalisiert darin einen Vorfall, über den sie zusammen mit Philip Scheffner auch den Dokumentarfilm Revision drehte: 1992 wurden an der deutsch-polnischen Grenze zwei Flüchtlinge aus Rumänien von Jägern erschossen und die Schützen in einem Verfahren freigesprochen, das gehässig „Wildschwein-Prozess“ genannt wurde. 20 Jahre später schickt Kröger die Töchter der beiden erschossenen Roma quer durch Europa von der Walachei bis nach Vorpommern und zeichnet dabei mal ein heiter-ausgelassenes, mal ein tieftrauriges Bild eines Kontinents, an dessen einem Ende die Schuldknechtschaft herrscht, am anderen die NPD.

Große Sprünge kann der Verlag immer noch nicht machen. Manotti und Kröger haben mit ihren Krimipreisen zwar eine beachtliche Auflage erreicht, aber gemessen an den frühen neunziger Jahren sind die Zahlen noch immer bescheiden. Dafür werden heute viel zu viele Krimis produziert und zu schnell durch die Medienzyklen gejagt. Je weniger materielle Erfolge man aus der Arbeit ziehen kann, umso mehr Idealismus muss man natürlich in sie hineinstecken. „Make it Count“ hat sie von ihrer Autorin J.M. Redmann als Devise übernommen und aufgehört, Zugeständnisse an den Mainstream zu machen: „Die Praxis zeigt“, meint Else Laudan lachend: „Kompromisse bringen’s nicht.“

Thekla Dannenberg schreibt die Kolumne „Mord und Ratschlag“ bei perlentaucher.de

Programmatik bei Ariadne 

Else Laudan ist unmissverständlich. Ihre Anforderung an Manuskripte lautet so: „Bei Ariadne verlegen wir Kriminalromane von Frauen mit Schwerpunkt auf einem politischen und/oder sozialkritischen Blickwinkel. Bitte senden Sie uns keine Gedichte, Biografien, Romanzen, Jugendbücher, Shortstorys und was wir sonst noch alles nicht verlegen – wenn Sie jedoch einen politischen Kriminalroman verfasst haben, lesen Sie bitte hier weiter: Unser Interesse gilt dem Krimi als Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse und den daraus entstehenden Problemen. Das Ariadne-Projekt steht für eine politisch-emanzipierte Form von Kriminalliteratur und erhebt vor allem die beiden Ansprüche, stereotype Frauen- und Hierarchiebilder aufzuweichen und reale gesellschaftliche Konflikte bzw. Missstände eindringlich-spannend vorzuführen. Wir sind ein linker Verlag.“

 

06:00 04.12.2013

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