Weicher als Glas und Beton

Es muss Theater sein Die Akademie der Künste lud zur Lagebestimmung ins Berliner Schillertheater, zehn Jahre nach dessen Schließung

"Ihre Sorgen möcht´ ich haben!" - dieser Satz hat es genau besehen ganz schön in sich. Unter vorgeblichem Neid wird hier die eigene Großzügigkeit ausgestellt, nur um sozusagen unterhalb des Radars des Gesprächspartners eine Feststellung ins Ziel zu bringen: Mir geht es noch sehr viel schlechter als dir. Kein Wunder also, dass es dieser nuancenreiche Ausspruch bis ins Ungarische geschafft hat. Von da nämlich hallte er denjenigen entgegen, die sich aus Anlass des 10. Jahrestags der Schließung vergangene Woche im Schillertheater versammelt hatten. Doch bevor wir zur Situation in Ungarn kommen: Welche Sorgen sind das bloß, um die uns Theatermacher aus dem Ausland beneiden?

Manche sagen "Sparkrise" und meinen damit, dass die von den Haushaltsnöten der öffentlichen Hand diktierten Kürzungen die Überlebensfähigkeit der Theaterbetriebe bedrohen. Einem solchen Sparzwang ist eben vor zehn Jahren das Berliner Schillertheater zum Opfer gefallen. Eine Tat, an deren Folgen eher ungern erinnert wird. Zum einen, weil statt der geplanten Einsparungen das Land Berlin noch immer jährlich zwei Millionen für das Theater ausgeben muss, zum andern, weil auch den Theaterfreunden im nächsten Moment bewusst wird, dass man den Theaterbetrieb "Schillertheater" nicht wirklich vermisst hat. Und dieser Mangel an Sehnsuchtsgefühlen bringt Theater-Feinde und -Freunde dann dazu zu sagen: Es handelt sich nicht nur um eine Sparkrise, sondern auch um eine Sinnkrise. Was wiederum zur Folge hat, dass erschreckend Vielen einleuchtet, dass am Theater sparen doch vielleicht einen Sinn ergeben könnte. Schließlich muss überall gespart werden. Es ist vor allem die letztere Entwicklung, die den Theatern wohl am meisten Sorge bereitet.

"Theater muss sein", lässt der Deutsche Bühnenverein in selbstverräterischem Trotz auf Bleistifte und Notizblöcke drucken. Genau besehen auch ein Ausspruch, der es in sich hat. "Ein bisschen Spaß muss sein" war mal ein beliebter Schlager, dem der Zwang zum Vergnügen deutlich anzuhören war.

Am besten wäre es, man könnte die Notwendigkeit des Theaters ausrechnen, in harten Zahlen und Bilanzen. In Zeiten von Globalisierung und Turbokapitalismus zählt schließlich nur noch der shareholder value. Finanzwissenschaftler Rudolf Hickel war ins Schillertheater geladen, um genau das zu tun. Um welches Gut handelt es sich beim Theater? Zunächst um ein konsumtives, also eines das "verzehrt" wird, zuzurechnen den "weichen" Standortfaktoren, die es immer so ein bisschen schwer haben gegenüber Stahl und Beton, aber im Grunde viel bedeutsamer sind. Dazu noch ist das Theater ein öffentliches Produkt, weshalb es recht eigentlich Sinn macht, es öffentlich zu finanzieren. Überzeugend legte Hickel dar, dass die Logik der aktuellen Sparpolitik auf einem zu einfachen Schwarz-Weiß-Schema aufbaut, laut dem jeder privat ausgegebene Euro zur segensreichen Entwicklung der Wirtschaft führt, hingegen jeder von öffentlicher Hand ausgegebene Euro nur Elend verursacht. Den Ausweg aus der Krise für die Theater sieht Hickel in einer Finanzpolitik, die die Gemeinden stärke und damit wieder in die Lage versetze, ihre Theater ordentlich zu unterhalten. Wirtschaftlich gedacht, müsste man auch nach den "Opportunitätskosten" fragen, also danach, was es uns kosten würde, wenn es das Theater nicht gäbe. Doch wer könnte diese Frage wirklich angemessen beantworten?

Nicht die Kulturpolitiker, denn dass die Theaterkrise auch eine Krise der Kulturpolitik ist, wurde aus dem Vortrag des ehemaligen Kulturstaatssekretärs Michael Naumann deutlich. Als ängstlich und machtlos beschrieb Naumann jene, was zum einen auf die Kleinheit ihrer Klientel zurückzuführen sei - der ADAC hat schließlich erheblich mehr Mitglieder als der deutsche Bühnenverein - und zum anderen darauf, dass der pädagogische Anspruch staatlich subventionierter Kunst sich verbraucht habe. Naumann bekannte sich dazu, im Theater lieber geohrfeigt als an die Hand genommen zu werden. Letzteres eine Forderung, die oft erklingt, wenn die Unverständlichkeit und Unzugänglichkeit des Gegenwartstheaters beklagt wird.

Dass das Theater der Gegenwart nicht nur in einer Finanz- sondern auch einer Sinnkrise stecke, gab auch Günther Rühle, der die Position der Theaterkritik vertrat, zu. Doch habe es solche Krisen immer wieder gegeben; das Instrumentarium an sich, die Theaterlandschaft, müsse jedoch erhalten werden, gerade damit das Theater auch wieder heraus finden kann.

Was ein Intendant in der angespannten Haushaltslage an Maßnahmen ergreifen könne, erläuterte Ulrich Khuon. Als vorbildlicher Unternehmer auftretend, klopfte er den Theaterbetrieb daraufhin ab, wo Ressourcen brachliegen, wo Tarifverträge vereinheitlicht werden könnten, und wo man das Zugeständnis der Gewerkschaften suchen müsse. Man solle sich nicht gegen andere soziale Einrichtungen ausspielen lassen: Kein Stadtbad werde gerettet, weil ein Theater seine Techniker entlässt. Als Theatermacher sieht er sich selber in einer Art "euphorischer Verzweiflung": Die Vielfalt ungelöster Probleme setzte letztlich viel Ressourcen zu deren Lösung frei.

Was nicht eigens zur Sprache kam, aber sich durch sämtliche Beiträge hindurch abzeichnete, war die schleichende Veränderung der Prinzipien staatlicher Kulturförderung. Mit interesselosem Wohlgefallen betrachteten die Politiker die vorgelegten Spielpläne, gespart werden müsse unbeschadet dessen, was in den Theatern stattfindet, erzählte Opernintendant Klaus Zehetlein. Sämtliche akademischen Selbstdefinitionen, alle ästhetischen oder pädagogischen Aufgabenstellungen des Theaters werden vor dieser Gleichgültigkeit der Politik bedeutungslos. Man fragt sich, wie es so weit kommen konnte.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Kette an Verlautbarungen von namhaften Schauspielern, Regisseuren und Autoren. Alle sprachen sich für den Erhalt des Theaters und gegen weitere Kürzungen aus. Fast schon zum unfreiwilligen running gag wurde in den nicht aufeinander abgesprochenen Kurzstatements der Bezug auf Lessing und Schiller. Und wie beim trotzigen "Theater muss sein" trat dahinter, sozusagen als Negativabdruck, eine Angstvorstellung in Erscheinung: Was, wenn das Theater tatsächlich seinen zentralen Platz in der öffentlichen Kultur verloren hat? Wenn es nur die reale Entbürgerlichung der Gesellschaft, den Zerfall in Szenekulturen mit Popularitätswerten spiegelt? Wenn Theater einfach marginaler und als solches manchmal richtig schön würde? Der vielzitierte Vorschlag, die deutsche Theaterlandschaft unter Denkmalschutz zu stellen, bekommt da eine ganz andere Konnotation - sind Denkmäler nicht immer Zeugen einer ausgestorbenen Lebendigkeit?

Noch, so wurden die versammelten Theaterfreunde nicht müde zu betonen, besäße Deutschland die reichste, die bedeutendste, die beste Theaterlandschaft der Welt. Weiß die Welt davon? Von hier aus gesehen erscheint die Behauptung so evident, dass keiner sich die Mühe macht, einen Blick über die nationalen Grenzen zu werfen.

Der eingangs erwähnte ungarische Theaterschaffende zählte übrigens geruhsam auf, wie viel Theater für wie viel Subventionen es in seiner Heimat gibt. Es klang nach einem guten Schnitt. Die deutschen Klagen kämen ihm vor wie die eines verwöhnten Kindes, das nur den Überfluss kennt. Er wollte an den deutschen Theaterbetrieb als leading industry appellieren, über die eigenen Nöte nicht zu vergessen, dass Andere unter weniger komfortablen Umständen arbeiten. Kein Redner nahm darauf Bezug. Soweit ist man in Deutschland noch nicht, dass man ärmere Länder nach ihren Erfahrungen befragt.

00:00 10.10.2003

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