Weichspüler des Lebens

Ausstellung Eine Karlsruher Ausstellung zum Schönheitskult in der aktuellen Kunst zeigt, dass Schönheit nicht nur schön ist

Fingernägel mit Motiven aus der Kunstgeschichte gefällig? Gabriela Oberkofler hat in der Städtischen Galerie Karlsruhe ein rosa Nagelstudio aufgebaut und appliziert Besuchern den Schrei von Edvard Munch oder ein Seerosenmotiv à la Claude Monet auf die Finger. Es steht auch eine Fettplastik von Joseph Beuys zur Auswahl, ein Design, das wahrscheinlich weniger gefragt sein wird.

Die Stuttgarter Künstlerin greift nicht nur augenzwinkernd den Trend zum gestylten Nagel auf, sondern auch die Vermarktung der Kunstgeschichte als Lifestyle. Das tut sie unverkrampft und weit davon entfernt, einen kritischen Kommentar zum grassierenden Schönheitskult abgeben zu wollen. Doch gehen Künstlerinnen und Künstler mit diesem Thema ganz unterschiedlich um. Rund 40 Positionen hat die junge Kuratorin Melanie Ardjah unter dem Titel bildschön. Schönheitskult in der aktuellen Kunst in der Städtischen Galerie Karlsruhe zusammengetragen.

Die Schau dreht sich um die wachsende Bedeutung der Attraktivität des Menschen, Männern und Frauen. Niemand sei mehr ausgeschlossen, keine Altersstufe, kein Geschlecht, so die Direktorin Brigitte Baumstark im Vorwort des als Mode-Magazin aufgemachten Katalogs.
Doch unterschlägt eine solche Konzeption, dass es in erster Linie die Frauen sind, die durch den Vergleich mit den künstlichen Figuren der Glamourmagazine unter Druck geraten, von diversen TV-Shows mal ganz abgesehen. Dies legen auch viele Werke in der Karlsruher Ausstellung nahe. Schönheit ist nicht nur schön.

The artist must be beautiful

Das Thema ist also topaktuell, doch gar nicht so einfach umzusetzen. Die Städtische Galerie konnte zwar auf die grandiose 217-teilige Serie Female von Marlene Dumas zurückgreifen, welche aus der Sammlung Garnatz als Dauerleihgabe vor Ort ist. Doch entfaltet sich die Schönheit des Eigensinns ihrer nass in nass getuschten Frauenköpfe nicht gegenüber den ebenmäßigen Gesichtszügen Jugendlicher, die Marie-Jo Lafontaine fotografiert hat.

Im Gegenteil, die Köpfe wirken plötzlich hässlich und deformiert, auch im Vergleich zu der Plakatserie Beauty von Rosemarie Trockel, die – wie in der Werbung üblich – sogar die Gesichtshälften der frontal aufgenommenen jungen Frauen gespiegelt hat. In ihrem Tableau hat sie nur einen Alibimann untergebracht, als Zeichen, dass es weiterhin in erster Linie die Frauen sind, die mit dem Schönheitswahn zu kämpfen haben.
Etwas anders formuliert, nämlich als feministische Performance, hat das Thema bereits Tradition, was in der Ausstellung nicht komplett unterschlagen wird. Bereits 1975 hatte Marina Abramovic in einer Performance den autoaggressiven Zug der zum Terror ausartenden Körperpflege demonstriert. „Art must be beautiful, the Artist must be beautiful“ murmelte sie, während sie sich zunehmend heftiger ihre Haare bürstete, 45 Minuten lang.

Das heute nach wie vor aktuell wirkende Video hat eine Entsprechung in der Produktion der jüngeren Generation. So zupfte sich die Polin Patrycja German 2004 vor der Kamera komplett die Augenbrauen aus – bis ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Und auch in Isabell Heimerdingers Video tut eine Frau nichts anderes als sich abzuschminken, entschlossen, aber auch resignativ, denn vorher war eben schöner in diesem Fall als nachher.

Abmagern bis an die Grenze des Grotesken

Auch listet die Schau jene Positionen auf, die unmissverständlich mit der Welt der Beauty-Ikonen ins Gericht gehen. Ivonne Thein etwa fotografierte unter dem Titel „zweiunddreißig Kilo“ Freundinnen in Modelposen und ließ sie mit Hilfe von Photoshop bis an die Grenzen des Grotesken abmagern. Diese Aufnahmen gingen im vergangenen Jahr durch die Presse, genauso wie vor mehr als zehn Jahren die am Computer manipulierten Aufnahmen der Modefotografin Inez van Lambsweerde, die ihren Modellen die sekundären Geschlechtsmerkmale wegretuschierte.

Es wird also nichts ausgespart in Karlsruhe, aber es wird auch nichts verdichtet zu einem spürbaren Statement. Vielleicht waren einfach nicht die finanziellen Mittel vorhanden, etwa eine ausgewiesen politisch agierende Künstlerin wie die Wahlamerikanerin Josephine Meckseper um eine speziell für die Ausstellung gedachte Arbeit zu bitten. Von ihr ist nur die ironische Persiflage CDU-CSU zu sehen, eine wie Werbung wirkende Fotografie, die zwei makellose Models mit tiefem Dekolleté zeigt. Darauf prangen Kettchen mit dem Schriftzug der Schwester-Parteien. Mit allen Mitteln wird heute Wahlkampf geführt, so die sarkastische Botschaft, auch mit den Mitteln der Verführung durch glatte Oberflächen.

Eine enorme Präsenz dagegen entwickelt das eigens für Karlsruhe konzipierte Duftbad von Sonja Alhäuser, das aber einfach nur humorvoll die Eitelkeiten eines jeden verhandelt. Auch wenn ihre von Dr. Hauschka gesponserten Cremetöpfe, bei denen sich die Besucher bedienen können, ironisch an Weihwasserbecken - und damit an den Schönheitskult - anspielen, bleibt dieser Beitrag doch unter dem Niveau der für ihre subversiven Zeichnungen bekannten Künstlerin.

David in rosa Aluminium

Und die Herren der Schöpfung? Alt dürfen sie schon einmal nicht sein. Harding Meyer malt das Antlitz eines Blondschopfs, dessen Züge in der großformatigen Malerei zerfließen. Von dem Foto-Künstler Bernhard Prinz ist der „Parvenue“ von 2000 ausgestellt, auf dessen ephebenhafter Brust der Schriftzug „Gott“ tätowiert ist, der Kult um die Schönheit also eine buchstäbliche Entsprechung findet. An dieser Stelle deutet sich zaghaft eine Bezugnahme auf die homoerotische Szene an, die aber nicht ausformuliert wird.

Schönheit war in anderen Zeitaltern ein Thema, das auch am Beispiel des männlichen Körpers verhandelt wurde. Gedacht als Bezugnahme auf klassische Schönheitsideale steht im Eingangsbereich Giovanni Rizzolis „Donatella“. Der Italiener goss 2008 den „David“, die berühmte Statue der florentinischen Renaissance von Donatello, in rosa Aluminium und ließ der androgynen Figur Brüste sprießen.

An dieser Stelle kippt die - das brisante Thema runterdimmende - Schau um in eine Farce. Alle starken, aber zu wenig in den Vordergrund gestellten Positionen, Cindy Shermans grotesken Rollenspiele oder Nan Goldins Schnappschüsse aus der Schwulenszene, gehen unter. Sie sind nur Verweisstücke, entfalten keine Kraft, um dem Weichspüler des gesellschaftlichen Lebens, den in der Ausstellung dominierenden attraktiven Oberflächen, irgendetwas entgegenzusetzen.

Städtische Galerie Karlsruhe. Bis zum 7. Juni 2009, Katalog 9,80 €

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