Weihnacht mit Shakespeare

Zauberkünstler Wie sich Johann Heinrich Voß beim Christfest an Prospero verlor

Den nachfolgenden Brief, den Johann Heinrich Voß jun. an Jean Paul geschrieben hat, hatte Walter Benjamin aufgenommen in seine Sammlung Deutsche Menschen, die in der deutschen Schande erinnert hat an Ehre ohne Ruhm, Größe ohne Glanz, Würde ohne Sold in der deutschen Vergangenheit. Bei der Untersuchung und Darstellung von Shakespeares Aufnahme in Deutschland ist der Brief nie beachtet worden - obwohl er doch, wie Benjamin schreibt, an die Quelle der deutschen Wiedergeburt von Shakespeare führt.

Als junger Mann hatte Johann Heinrich Voß damit begonnen, für das Weimarer Theater Shakespeare zu übersetzen. Als Helfer seines Vaters, des Homerübersetzers Johann Heinrich Voß (der ein Leben lang das große Vorbild für ihn blieb), gewann er später auch den Vater für das Unternehmen der Shakespeare-Übersetzung, die zu einer Familienunternehmung wurde: Shakespeares Schauspiele, von Johann Heinrich Voß und dessen Söhnen Heinrich Voß und Abraham Voß. Mit Erläuterungen. Leipzig: F. A. Brockhaus, 1818 ff.

Johann Heinrich Voß jun. war, kommentiert Benjamin, kein überragender Geist. Aber wie es die Art der natürlichen Quellen ist, dass sie aus den verlorensten Rinnsalen, aus namenloser Feuchte, aus kaum netzenden Wasseradern sich speisen, so auch die der geistigen. Die leben nicht nur von den großen Leidenschaften, denen Same und Blut entquellen, noch weniger von den vielberufenen Einflüssen, sondern auch vom Schweiß des mühsamen Alltags und den Tränen, die aus der Begeisterung fließen: Tropfen, die sich dann bald im Strom verlieren. Der folgende Brief - ein einzigartiges Zeugnis für die Geschichte des deutschen Shakespeare - hat ihrer einige aufbehalten.

Heidelberg, 25. December 1817
Der heutige und gestrige Tag haben mich zurückversetzt in die früheren Jahre der Kindheit, und ich kann noch gar nicht heraus. Ich weiß noch, mit welcher Ehrfurcht ich des Christkindes gedachte, das ich mir als einen violetten kleinen Engel mit rotgoldenen Flügeln vorstellte, aber seinen Namen wagte ich nicht auszusprechen; bloß gegen meine Großmutter konnte ichs, die mir noch ehrwürdiger schien. Mehrere Tage vor dem Heiligen Abend war ich still in mich gekehrt, aber nie ungeduldig. Rückte aber die heilige Stunde heran, da wuchs die Ungeduld fast bis zum Zerspringen des Herzens. O wie viele Jahrhunderte vergingen, bis endlich die Glocke erschallte. - In späteren Jahren gewannen meine Weihnachtsfreuden andere Gestalt, seitdem Stolberg in Eutin lebte, den ich ganz unaussprechlich liebte, in dessen Gegenwart zu sein, ich, der spielfrohe, jedem Kinderspiele vorzog, dessen Händedruck mich bis ins innere Mark durchschauerte. Dieser Mann gab mir sehr früh Unterricht im Englischen, und als ich vierzehn Jahre alt war, forderte er, ich sollte Shakespeare lesen und mit dem Sturm anfangen. Das geschah, etwa sechs Wochen vor Weihnachten, und am zweiten Weihnachtstage war ich bis an die Maske von Ceres und Juno gekommen. Damals war ich sehr kränklich. Meine Mutter hatte Stolberg gebeten, er möchte mich dann und wann auf Spazierfahrten mitnehmen. Das geschah an diesem Tage. Eben wollte ich anfangen, die Maske zu lesen, da hielt der Wagen und Stolberg rief mir freundlich zu: Komm, lieber Heinrich. Und ich, wie ein Rasender stürzte ich hinaus und in den Wagen hinein. Nun wogte und wühlte es in meinem Herzen. Himmel, wie schwatzte ich dem armen Stolberg die Ohren voll von Shakespeare; und der freundliche Mann ließ sich alles gefallen, und war nur froh, dass Shakespeare bei mir Feuer gefangen. Als wir zurückfuhren, war meine einzige Sorge, der Wagen möchte vor zwölf Uhr, unserer Essenszeit, an unserer Tür halten. Aber Gottlob! es schlug halb eins, als wir noch bei der Fissauer Brücke waren. Nun durfte ich bei Stolberg essen. Ich saß neben ihm, und weiß noch die Gerichte. Wie schmeckte mir nun der Shakespeare, als ich in der Dämmerung zu ihm zurückkehrte. Seit der Zeit sind Shakespeares Sturm, Weihnachten und Stolberg in meiner Phantasie ununterscheidbar verschmolzen oder in eins gewachsen. Kommt der heilige Christ, so muss ich, durch innere Notwendigkeit getrieben, den Sturm lesen, wiewohl ich ihn auswendig weiß, und auf der Zauberinsel jedes Gräschen und Hälmchen kenne. Und das, Du teurer Jean Paul, soll heute Nachmittag von neuem geschehen. Fiele meine Todesstunde aufs Christfest, sie würde mich bei Shakespeares Sturm überraschen.

Dieses Bild der Weihnacht mit Shakespeare ist 1817 schon eine späte Erinnerung. Es führt den Blick weit zurück in die Kindheit des Schreibers ins 18. Jahrhundert. Goethe, der in den Jahren, als Voß Gymnasiallehrer in Weimar war, Direktor des Weimarer Theaters und der erste Auftraggeber für Voß´ Shakespeare-Übersetzungen gewesen ist, packt in dem folgenden Jahrzehnt seine alten Faust-Bruchstücke wieder aus und beginnt sie weiter zu spinnen. Er konnte zu einem Schluss nicht kommen, ohne christlich-feministisch-kommunistisch den Himmel zu bemühn. Es ging nicht ohne.

Die Erlösung des Menschen ist Sache des Menschen; seine Geschichte ist die seines strebenden Bemühens. Schwer zu machen hat Goethe den Schluss genannt, es war Gefahr, sich im Vagen zu verlieren; Alternative: die scharfumrissenen christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen in Dienst zu nehmen und den poetischen Intentionen dadurch Form und Festigkeit zu geben, wie er zu Eckermann gesagt hat (6.6.1831). Um diese historische Notwendigkeit zu denken, wird, als wie immer bucklichte Hilfe, Theologie benötigt. Benjamin hat in seinen Thesen Über den Begriff der Geschichte die Theologie, diesen Drahtzieher, den häßlichen Zwerg, in den Schachautomaten Maelzels gesperrt, wie er von Poe beschrieben worden ist. (Die Klage und Anklage, in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem Protestation gegen das wirkliche Elend, Religion als Seufzer der bedrängten Kreatur, als Gemüt einer herzlosen Welt, als Geist geistloser Zustände, aber doch Geist: von Marx´ Sätzen ist immer wieder nur der letzte zitiert worden, der vom Opium des Volks, und als Knüppel gebraucht worden, ein Schlagwort.)

Faust, zwei Jahrhunderte nach Prospero: Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen/Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen/Stünd ich, Natur, vor dir, ein Mann allein/Da wärs der Mühe wert, ein Mensch zu sein. (Vers 11404-11407) Noch ein Jahrhundert weiter ist die Entfernung der Magie versucht worden. Das ist misslungen. Als schrecklicher Wiedergänger hat sie die Zauberkünstler, die geschworen hatten, ihr abzusagen, und die ihren Schwur brachen, verschlungen, und vor ihnen Millionen Menschenopfer. Und nun regiert der Antichrist uns wie schon immer. Der Kapitalismus ist die siegreiche Religion. (Benjamin sah den Kapitalismus als Religion schon 1921). Die Schuld wächst und wächst.


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00:00 23.12.2005

Ausgabe 39/2020

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