Weihrauch und Revolte

Hugo Chávez Der lange Weg der lateinamerikanischen Linken zur kulturellen Identität

Sozialismus oder Tod!" erklärte Hugo Chávez am 10. Januar 2007 vor der venezolanischen Nationalversammlung. Der seit 1999 amtierende Präsident hat eine weitere Amtszeit vor sich, voraussichtlich bis 2013. Auch wenn es keine Garantie gibt, ist es unwahrscheinlich, dass ihm nach seiner überwältigenden Wiederwahl mit 62,85 Prozent im Dezember 2006 irgendwer die Führung des Landes wird nehmen können.

Auf seinem Weg zum "venezolanischen Sozialismus" berief sich Chávez nicht nur auf Fidel Castro, Che Guevara oder auf die Befreier vom einstigen Kolonialjoch der Spanier im 19. Jahrhundert, sondern auch auf den Allmächtigen, der sein politisches Handeln weiterhin bestimme, auf Christus, "den größten Sozialisten der Geschichte", auf die Schmerzen der Märtyrer seines Vaterlandes und "auf seine eigene Seele und Ehre", so die Zeitung La Crónica aus Caracas.

Das Pathos des Katholiken, der sich auch zum Marxismus-Leninismus bekennt, wirkt außerhalb Lateinamerikas schrullenhaft, bedrohlich und irrational. Dort hingegen ist Chávez für viele der neue Held, der dem Volk das Jahrhunderte lang verweigerte Brot gibt. "Dem Volk, was des Volkes ist!" Die populistische Rhetorik, die in den siebziger Jahren auch die uruguayischen Tupamaros pflegten, verknüpft sich hier mit den legitimen Ansprüchen der immer schon Ausgegrenzten, die in Chávez den gütigen Kämpfer um Gerechtigkeit sehen.

Chávez hat mittlerweile angekündigt, die Verfassung des Landes umfassend zu reformieren, um sich die Legitimation zu einer weiteren Kandidatur nach 2013 zu sichern. Um seinen staatssozialistischen Kurs zu konsolidieren, hat er darüber hinaus der Nationalversammlung - die von seiner eigenen Koalition dominiert wird - ein Ermächtigungsgesetz vorgeschlagen, das ihm für ein Jahr Sonderbefugnisse einräumt. Diese würden ihm nahezu uneingeschränkte Macht bescheren. Nach der Nationalisierung der Ölindustrie sind weitere Verstaatlichungen (z. B. des Elektrizitätssektors) geplant, und "kommunale Räte" sollen nach und nach die "bürgerliche Demokratie" ablösen. An Radikalität lässt sich das Programm kaum überbieten, ebenso wenig an populistischem Pathos.

Seine Anhänger lässt der politische Erfolg des Präsidenten auf lange Jahre "revolutionärer Veränderungen" hoffen. Seit Chávez 1998 seine erste Wahl gewann, wurde er zum Enfant terrible Lateinamerikas. Er gilt als "Illusionist aus Caracas", der das Ende der gegenwärtigen Weltordnung ausruft, als "Schreckgespenst an der Ölquelle", als "Che Guevara mit vollen Taschen" - oder als "Karikatur eines Erlösers, der Narziss von Caracas", wie Christoph Zwickel im Vorwort seiner Hugo-Chávez-Biografie die deutsche Presse zitiert.

Derweil wittert die Opposition schwere Zeiten, die zunehmende Isolierung des Landes, politische Gängelung, sogar staatsterroristische Praktiken. Denn Chávez´ Sozialismus habe mit linksdemokratischen Regierungen wie Bachelets in Chile oder Lulas in Brasilien nichts zu tun. Seine harte Linie ziele auf einen "Totalitarismus", der dem in Kuba vergleichbar sei, befürchtet La Crónica.

Mit "Totalitarismus" allerdings haben Chávez´ Eskapaden auf dem internationalen Parkett wenig zu tun. Eher mit unwillkürlicher Komik, die ihm den Ruf eines neuen "Cantinflas" eingebracht hat - ein mexikanischer Komiker, der sich in ganz Lateinamerika großer Beliebtheit erfreut.

Nach einem Besuch George W. Bushs - sein "größter Feind" - sagte Chávez vor der UNO-Generalversammlung: "Der Teufel kam gestern hierher. Gestern war der Teufel hier, an genau diesem Ort. Der Tisch, von dem ich spreche, riecht noch immer nach Schwefel." Allen Ernstes! Der leibhaftige Teufel? Lässt sich Chávez am Ende von seinem ebenso gottesfürchtigen "größten Feind" nicht mehr unterscheiden?

Der Venezolaner besticht zudem durch eine temperamentvolle Direktheit, die ans Grobe grenzt und seine Gegner auf die Palme bringt: Den chilenischen Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, José Miguel Insulza, bezeichnete er als "Pendejo" ("Schlappschwanz"), weil er gegen die Weigerung seiner Regierung protestiert hatte, dem oppositionellen Fernsehsender RCTV die Lizenz zu verlängern.

Auch bei ernsteren Angelegenheiten nimmt der Katholik Chávez mit marxistisch-leninistischer Weltanschauung kein Blatt vor den Mund: Den Iran gegen westliche Angriffe in Schutz nehmend, verurteilt er, wo er kann, den "imperialistischen Zionismus", der keine Nächstenliebe kenne - und erntet damit immer wieder Beifall bei muslimischen Fundamentalisten. Selbst der kranke Castro konnte nur den Kopf schütteln, als Chávez nach einer China-Reise berichtete, er habe bei den dortigen Christen für Fidels Gesundheit gebetet.

Auch wenn diese komischen oder grotesken Eskapaden linksliberalen Intellektuellen und politischen Kritikern nicht schmecken: Das Phänomen Chávez verweist auf die Aktualität lateinamerikanischer plebejischer, "charismatischer Führerschaft" (Max Weber), dessen feudale Urgestalt Gabriel García Márquez in seinem Herbst des Patriarchen literarisch verarbeitet hat. Chávez - wie auch der Bolivianer Evo Morales - verkörpert die "linke" Wende des Patriarchen gegen die kapitalistisch globalisierte Welt, die "magisch-realistisch" autoritäre Züge, eine antiliberale Haltung und - sofern im "Volk" verwurzelt - nationalistisches Pathos gegen die "ausländischen Usurpatoren" in sich vereint. Chávez ist insofern nicht nur "Chávez", sondern drückt ein kollektives Gefühl aus, das als "Chávismus" eine Neuauflage gefunden hat, in vielen Ländern Lateinamerikas beheimatet ist und auf eine alte plebejische Geschichte zurückblicken lässt - die sich von einer oligarchischen oder bürgerlichen unterscheidet.

Dieser Chávismus ist ein kulturhistorisch einmaliges Phänomen, das den atheistisch säkularisierten Marxismus europäischen Zuschnitts (der in Lateinamerika als "Antichristus" noch immer Angst und Schrecken auslöst) ethisch-kulturell mit einem häretischen Katholizismus verbinden will. Es illustriert auch die unzähligen häretischen Bewegungen der Kolonialzeit, die immer wieder eine "populäre Front" gegen die despotische Kirche und das feudale System zu bilden vermochten. Und die schließlich mit der "Theologie der Befreiung" seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer beachtlichen Kraft gegen die verbürgerlichten Oligarchien und die kapitalistischen Metropolen wurde und neue Impulse setzte.

Der populistisch-plebejische Chávez - das sollten seine Gegner nicht vergessen - ist auch Erbe dieser Tradition, die die Rechte in Lateinamerika am liebsten vergessen würde.

Bei den "residualen Völkern", den Nachfahren der alten amerikanischen Hochkulturen, und den "neuen Völkern", die "durch Rassenmischung und Akkulturation entstanden sind" - so beschreibt es der brasilianische Zivilisationstheoretiker Darcy Ribeiro 1969 in Amerika und die Zivilisation - bleibt dieser Katholizismus "von unten" virulent. Weniger ausgeprägt sei er bei den so genannten "verpflanzten Völkern", die durch massive europäische Zuwanderung geprägt wurden und daher eher der "römischen Hierarchie" verpflichtet waren.

Verband die katholische Häresie in Lateinamerika einst die sozialen und kulturellen Beweggründe der plebejisch residualen und neuen Völker gegen die weißen Eliten, so verkörperte die Befreiungstheologie die kulturelle Potenz im Kampf gegen den päpstlichen Katholizismus, den Kapitalismus und den Sowjetkommunismus und - nicht zu vergessen - ihre lateinamerikanischen Stellvertreter. Auch wenn sie in den sechziger Jahren politisch nur wenig ausrichten konnte.

Diese plebejischen Elemente eines lateinamerikanischen "ethischen Sozialismus" in katholisch-häretischer Gestalt, die den charismatischen Führer - nunmehr als Staatschef anerkannt - gegen die Metropolen in Position zu bringen vermochten, sind in Ländern mit einer mehrheitlich indigenen Bevölkerung wie Bolivien weit verbreitet. Evo Morales gilt dort als Sinnbild eines Katholizismus von unten, der sich mit einem pantheistischen Synkretismus der Aymara- und Ketschua-Kultur vermischt und auch die europäischen Bruchstücke einer "verloren" geglaubten Emanzipationsideologie marxistischer, anarchosyndikalistischer und anarchistischer Art gegen die "kulturelle Überfremdung" des globalen Kapitalismus in seinen kulturellen Zusammenhang integriert. Gegenwärtig zeigen sich diese Formen kulturell-diskursiver Integration deutlich auch in Ekuador, Peru, Brasilien, Nikaragua oder Mexiko. Und selbst im als "europäisch" geltenden Argentinien, wohin immer mehr indigene Emigranten einwandern, wird diese plebejische Revolte, der inzwischen auch viele arbeitslose Piqueteros angehören, immer virulenter. Ob sie sich irgendwann zu einer sozialistischen Alternative entwickeln kann, ist nicht ausgemacht. Hier gilt - wie in ganz Lateinamerika - weiterhin das Prinzip Hoffnung.

Gewiss, es wird zu viel Paradies gesät. Der lateinamerikanische Populismus verspricht oft weit mehr als eingehalten werden kann. Man glaubt zu sehr an Che Guevaras: "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!" Ein ebenso radikaler wie frommer Wunsch. Ein marxistisch unterwanderter Katholizismus oder ein katholisch besänftigter Marxismus? Wahrscheinlich beides. Dieses Pathos, das Hugo Chávez, Evo Morales und auch Fidel Castro an den Tag legen, gehört zum langen, zwiespältigen und schweren lateinamerikanischen Kampf um kulturelle Identität, den nur "nüchterne" Augen nicht sehen können.


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00:00 19.01.2007

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