„Weil man an Selbstheilung glaubt“

Porträt Uwe Müller leitet seit 30 Jahren die Kirchliche Telefonseelsorge Berlin-Brandenburg. Kollegen finden, er sollte das Bundesverdienstkreuz kriegen. Er will etwas anderes

Menschen tun die verrücktesten Dinge – nur um jeliebt zu werden“, sagt Uwe Müller, während er heftig an seiner Zigarette zieht. Sein Berlinerisch klingt dabei weich, nicht ruppig. Müller, 57, hat die Kirchliche Telefonseelsorge Berlin-Brandenburg 1988 aufgebaut und leitet sie noch immer. Lang behält er den Rauch in seinen Lungen, dann bläst er ihn aus, langsam und bedächtig. Sein Blick schweift in die Ferne. Die endet draußen vor seinem Balkon nach 20 Metern, eine Betonwand versperrt die Sicht.

Getragen wird Müllers Institution vom Erzbistum Berlin, der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, den evangelischen freikirchlichen Gemeinden und von Caritas und Diakonie. Müllers ist die jüngere von zwei Telefonseelsorge-Einrichtungen in Berlin. Die ältere – und gleichzeitig die erste dieser Art in Deutschland – wurde 1956 in einer Westberliner Privatwohnung gegründet. Sie ist nicht konfessionell, wird über Spenden finanziert, zu einem kleinen Teil auch aus Zuwendungen der evangelischen Kirche.

Müller drückt seine Zigarette aus und geht vom Balkon in die Küche. Seine Schritte sind gemächlich. Einen Meter achtzig ist er groß, von kräftiger Statur, in Jeans und schwarze Strickjacke gekleidet, Leder-Slipper an den Füßen. Im Winter trägt er Hut.

Müller räumt den Einkauf auf, den er morgens vor der Arbeit getätigt hat. „Nervennahrung“ für seine Mitarbeiter: Schoko-Kekse, eine große Packung Haribo, Bio-Äpfel, Waffeln. Und rote Rosen. Blumen stehen in jedem Raum. Das Bad ist mit Duschgel, Kölnisch Wasser und Handtüchern ausgestattet. Ein Schild weist darauf hin, dass die Mitarbeiter das „Wellness-Paradies“ rund um die Uhr nutzen dürfen. In einem der Räume hängt eine Postkarte an der Wand, darauf steht: „Als Gott dich schuf, sagte er: Wow. Prima.“

Die Nummer seiner Einrichtung wählen Menschen, die gemobbt oder geschlagen werden. Die nicht wissen, wie sie am Monatsende ihren Kühlschrank füllen sollen. Die allein leben und seit Jahren nicht mehr das Haus verlassen haben, aber jemandem eine gute Nacht wünschen wollen. Die ankündigen, sich das Leben nehmen zu wollen. Und es manchmal – trotz der langen Gespräche – auch tun.

„Man wird Telefonseelsorger, weil man an Selbstheilung glaubt.“ Die meisten von Müllers rund 130 Mitarbeitern arbeiten ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge. Ihr Geld verdienen sie in Anwaltskanzleien, Apotheken, Reisebüros, Software-Firmen und Kindergärten. Auch Schauspieler und Drehbuchautoren sitzen am Hörer. Die suchten bei der Telefonseelsorge oft Stoff für neue Filme, sagt Müller. Er findet das nicht schlimm. „Niemand macht das ganz uneigennützig.“

Verschüttete Gefühle

Telefonseelsorgern werde viel abverlangt, sagt Müller. Einer sei mal drei Stunden am Telefon geblieben, während der Anrufer mit 180 Stundenkilometern über die Straße gebrettert sei und gedroht habe, gegen einen Baum zu fahren. „Ist er dann nicht, aber mein Mitarbeiter war janz schön erledigt“, erinnert sich Müller. Und in jedem zweiten Dienst müsse man mit Anrufern fertig werden, die von ihren sexuellen Gelüsten erzählten oder sich am Telefon Befriedigung verschaffen wollten.

Müller bildet jedes Jahr 20 Telefonseelsorger für seinen eigenen Dienst aus. Auch bei der Ausbildung der muslimischen Telefonseelsorger hilft er mit. Die muslimische Telefonseelsorge – MuTeS abgekürzt – hat er mitgegründet. Auch bei der Einrichtung der russischen Seelsorge – Doweria, „Vertrauen“ auf Russisch – hat er mitgeholfen. Alle drei Einrichtungen sind am gleichen Ort untergebracht. In den meisten Fragen sei man sich einig, sagt Müller. Hoffeste gestalte man so, dass nur auf einem von zweien Alkohol ausgeschenkt werde.

Nummern in der Not

Seelsorge ist ein christlicher Begriff und bezeichnet die Begleitung eines Menschen in einer Lebenskrise durch einen Geistlichen oder eben einen ausgebildeten Seelsorger. Erstes Ziel der Telefonseelsorge war es, Menschen mit suizidalen Gedanken eine Hilfe zu sein.

Ende des 19. Jahrhunderts war Selbsttötung ein viel diskutiertes Thema. Der Soziologe Émile Durkheim analysierte Selbstmord 1897 auf empirischer Grundlage und stellte Hypothesen zu den unterschiedlichen Suizidraten von Katholiken und Protestanten auf. Das Jahr 1892 gilt als die Geburtsstunde der Telefonseelsorge. Das Telefon war damals noch eine relativ junge Erfindung, die auch Geistliche für sich zu nutzen begannen. In New York erschienen die ersten Inserate von Geistlichen mit ihren Telefonnummern in Zeitungen. Diese Form der Telefonseelsorge blieb lange Zeit üblich. Zum Beispiel lautete die Anzeige eines anglikanischen Pfarrers einer Londoner Gemeinde in der Times 1953 : „Rufen Sie mich an, bevor Sie sich umbringen.“

Institutionalisiert wurde die Telefonseelsorge erst in den 1950er Jahren. Inzwischen ist sie weltweit etabliert. In Deutschland gibt es verschiedene Notfalltelefone, nicht alle sind kirchlich geführt. Darunter ist ein Kinder- und Jugendtelefon, ein Hilfetelefon für Frauen, die Gewalt erfahren oder auch Nightline, an das sich Studierende wenden können.

Meistens sind die Notfallnummern Tag und Nacht erreichbar und gebührenfrei. Menschen, die sie in Anspruch nehmen, können anonym bleiben. Die meisten Mitarbeiter sind ehrenamtlich aktiv. In Deutschland übernimmt die Telekom die anfallenden Gesprächskosten. Johanna Montanari

Die Ausbildung zum Telefonseelsorger dauert sieben Wochenenden und zehn Abende. Insgesamt müsse man über zweihundert Stunden investieren. Zwei bis drei sprängen ihm jedes Jahr ab, sagt Müller. „Meist nach dem zweiten oder dritten Wochenende.“ Da geht es um Familie und um Sexualität. Bei Letzterem würden Männer und Frauen voneinander getrennt. „Immer wieder treten Missbrauchserfahrungen zu Tage.“ Müller rät den Betroffenen dann zu ein paar Stunden Einzeltherapie mit einem Psychologen: „Am Telefon kommt alles Unbearbeitete wieder.“

Vor allem Männer seien anfangs überfordert, über Emotionales zu sprechen. „Was ihr alles fühlt! So viele Gefühle habe ich gar nicht“, habe neulich ein Auszubildender gerufen und sich die Haare gerauft. Geblieben sei er dann doch.

Verschüttete Erinnerungen zu Tage fördern – Müller und sein Team machen das durch Entspannungsübungen. „Zunächst muss der Kopf ausgeschaltet werden.“ Dann frage er die Teilnehmer nach Sinneseindrücken. „Wirklich jeder kann sich noch daran erinnern, wie das Haus seiner Kindheit roch.“

Müller macht sich noch einen Kaffee und geht in sein Büro. Es ist ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit hohen Decken und lilafarbenen Vorhängen. Müllers Telefon klingelt. Es ist kein seelsorgerischer Anruf. Müller selbst übernimmt zwar noch Dienste, aber nur einmal im Monat, den Rest der Zeit ist er mit Verwaltung beschäftigt. In der Ecke seines Büros steht ein Bett. Es ist eines von zwei Betten in der Einrichtung. Hier schlafen Mitarbeiter vor der Frühschicht oder nach der Nachtschicht. Eine Schicht dauert vier Stunden, rund um die Uhr ist Müllers Dienst erreichbar.

Nach seinem Studium, Sozialpädagogik in Potsdam, besuchte Müller zunächst Arbeitslose, Alkoholabhängige und alleinerziehende Mütter, alles im Auftrag der Diakonie. Ausgefüllt habe ihn das nicht. „Vielen konnte ich nicht helfen.“

Der Kirchenrat war von der Idee begeistert

Müller wollte mehr. Nach der Arbeit traf er sich oft auf ein Bier mit einem ehemaligen Studienkollegen. Zusammen arbeiteten sie Pläne aus, wie den Ostberlinern wirklich geholfen werden könnte. Ein Frauenhaus war darunter. Eine Einrichtung für psychisch Kranke. Und eine Telefonseelsorge. Denn die im Westen vorhandene konnten die Ostberliner nicht nutzen: 1952 hatte man das Telefonnetz in West- und Ostberlin getrennt.

Müller und sein Freund verschickten ihr Konzept für eine Telefonseelsorge unter anderem an den Bischof. Der Kirchenrat fühlte sich übergangen, gab aber trotzdem grünes Licht, da er von der Idee begeistert war, erzählt Müller. Auch wenn der Ausgang ungewiss gewesen sei, schließlich hätten nur geschätzte 16 Prozent der DDR-Haushalte ein Telefon gehabt.

Müller erinnert sich, wie am 1. November 1988 zum ersten Mal das Telefon klingelte: „Dran war ein Mann um die 70, der seinem Leben ein Ende setzen wollte, seine Frau und sein Kind waren tot. Er rief aus Thüringen an, dort gab es keine eigene Telefonseelsorge.“ Müller und sein Freund fühlten sich überfordert, sie wussten nicht, an wen sie den Mann verweisen sollten – in Thüringen kannten sie sich ja nicht aus. Über das weitere Schicksal des Mannes erfuhren sie nichts. Eigentlich hatten sie für den ersten Tag eine Flasche Sekt kalt gestellt. Die blieb verschlossen.

Ein Problem hatten Müller und sein Freund unterschätzt: Die Stasi hörte mit. Müller sagt, jeden Abend um Punkt sechs habe jemand angerufen, um dann gleich wieder aufzulegen. Nachts sei die Leitung oft stundenlang gestört gewesen. „Ausgerechnet nachts, wenn die meisten Menschen bei uns anriefen – viele von einer Telefonzelle aus.“ Morgens um Punkt sechs habe die Leitung wieder funktioniert. Müller ist sich heute sicher: Die Stasi hatte die Leitungen sabotiert.

Er wies Anrufer, die sich kritisch über das Regime äußerten, auf Mithörer hin. „Die eigene Flucht war gar nicht mal Thema“, sagt er. „Viele machten sich Sorgen über ihre nach Ungarn und Tschechien ausgereisten Kinder.“ Es sei um Beziehungsprobleme, Ärger bei der Arbeit oder die „miese Wohnsituation“ gegangen – „zum Teil ähnliche Probleme wie heute, wenn auch in vollkommen anderem Kontext“.

Im Sommer 1989 zitierte ihn die Abteilung Inneres des Stadtbezirks zu einem „Kaminfrühstück“, wie es hieß. Müller machte sich auf das Schlimmste gefasst. Doch dann habe man ihm gratuliert: „Unsere Ängste haben sich nicht bestätigt. Ihr macht eine tolle Arbeit, wir wünschen euch alles Gute!“

Ein Freund bespitzelte ihn

Im November fiel die Mauer. Nun suchten entlassene Stasi-Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge Beistand: Sie sahen sich als Opfer. „Wir dachten, wir sind im falschen Film“, sagt Müller. „Es hat echt gedauert, bis wir mit dieser Situation klarkamen, so paradox war die.“

Anfang der 1990er beantragte Müller Akteneinsicht und erzählte davon bei der Arbeit. Zwei Mitarbeiter hätten daraufhin sein Team verlassen. Auch ein Freund habe ihn ausspioniert. Gut möglich, dass es bei der Telefonseelsorge noch mehr waren, aber so genau will er das lieber nicht wissen. „Und wenn schon, dann hätten sie wenigstens was gelernt bei uns.“

Müller blickt auf seine Uhr und springt auf, er muss los. Er steigt in sein Auto. Draußen wird es ruhiger und grüner, die Häuser niedriger. Nach zwanzig Minuten hält Müller am Berliner Stadtrand.

Er geht direkt in den Garten, wo sein zwölf Jahre alter Sohn, eines von seinen drei Kindern mit seiner jetzigen Frau, im aufblasbaren Pool tobt. Der Garten ist riesig. Jedes der drei Kinder hat sein eigenes Beet, darin wachsen Kohlrabi, Schnittlauch, Kartoffeln, Bärlauch und Zitronenmelisse. Müller schnappt sich eine Basttasche und seinen Einkaufszettel, er sei gleich wieder zurück. „Meine Tochter mag es nicht, wenn sie nach Hause kommt und ihr Vater nicht da ist.“

Und Müller will da sein. Zumindest diesmal. Eine Kindheit hat er verpasst, die seines Sohnes aus erster Ehe, 34 ist der heute. Müllers Exfrau nahm den damals Siebenjährigen mit in die Schweiz, zu ihrem neuen Partner. Noch vor dem Mauerfall. Heute hat Müller kaum Kontakt zu ihm, früher sei das Verhältnis mal besser gewesen.

Zu seinem eigenen Vater habe er auch eine schwierige Beziehung, erzählt er, während er Salatblätter wäscht. Der habe ihn nur beachtet, wenn er ihm zur Hand gegangen sei. „Die Erfahrung, nicht um meiner selbst willen geliebt zu werden, war prägend“, sagt Müller.

Auch bei den Anrufern sei das ein häufig genanntes Thema. „Letztendlich geht es immer um die gleichen Punkte: Schmerz durch Liebesentzug, Abwertung, Verlust.“

Der Salat ist fertig, Müllers neunjährige Zwillinge haben den Tisch gedeckt, der ältere Sohn die Salatsauce angerührt. Zu viert setzen sie sich an den Tisch und beten kurz, bevor sie mit dem Essen beginnen. Beim Essen kommt Müller zur Ruhe. Für Essen hat er eine Leidenschaft, ein ganzes Regal in der Küche ist mit Kochbüchern vollgestellt. „Koch als Zweitjob, das wär’s doch.“

Noch eine Zigarette nach dem Essen, dann bringt er die Kinder ins Bett. Müller will noch an den Rechner. Um ein Konzept für ein Seelsorgetelefon speziell für Flüchtlinge zu erarbeiten. Darum hat ihn der Senat gebeten – nachdem das doch mit der muslimischen und der russischen Seelsorge so gut geklappt habe.

Imran Sagir, der Leiter der muslimischen Telefonseelsorge, findet, Müller hätte längst ein Bundesverdienstkreuz verdient.

Alles, was Müller sich wünscht, ist etwas mehr Zeit. Für sich selbst.

06:00 06.09.2017

Kommentare 1