Wein, Feuilleton und Gesang

Lebens-Werke Von Claudius über Reifenberg und Hilpert bis hin zu Cliquot Ponsardin – Literaturprofessor Erhard Schütz befasst sich diesmal mit Lebens-Werken

Lassen wir der Dame mit den Bläschen den Vortritt. Immerhin datiert sie von 1777, die Witwe, die sie mit 27 Jahren wurde: Barbe-Nicole Cliquot Ponsardin. Deren Bläschen überall klickern, wo man meint, gehoben zu feiern. Das Geschäft der tatkräftigen und bis ans Lebensende hellwachen Veuve, übrigens nicht die einzige unternehmerische Witwe damals, begann so recht, als in Europa alle Welt auf den Abgang von Napoleon anstieß – mit ihrem Champagner, den sie freilich schon vorher in rauen Mengen nach England und Russland zu schmuggeln gewusst hatte; der aber, erfährt man, sowieso von den Engländern erfunden wurde – immerhin kam der Grundstoff aus der Champagne. Alles das bildet den Grundstock zu einem nicht nur vergnüglich, sondern auch mit großem Zugewinn zu lesenden Buch, in dem die Witwe, bei allem gebührenden Respekt, nämlich zugleich als Aufhänger(in) für erhellendes Wein- wie hintergründiges Geschichtswissen dient.

Matthias Claudius ist noch älter. 1740 bis 1815 lebte er, von dem man inzwischen oft nicht einmal mehr weiß, dass eins der inniglichsten deutschen Lieder, das Abendlied (Der Mond ist aufgegangen) von ihm stammt. Weiß man’s, weiß man längst nicht genug. „Seht ihr den Mond dort stehen? / Er ist nur halb zu sehen, / Und ist doch rund und schön! / So sind wohl manche Sachen, / Die wir getrost belachen, / Weil unsre Augen sie nicht sehn.“ – das gilt nicht nur fürs kommode Wissen über ihn, sondern zeigt zugleich seine milde, bedenkliche Art, mit der er den beliebten Wandsbecker Boten gestaltete und zu den Läuften der Zeit seine besinnlich-hintergründigen Kommentare schrieb. Auch für seine Biografie gilt dieses Verdikt, deren prekäre Armuts-Seite er verbarg, um sich bescheiden als vermeintlich Genügsamer verklären oder belächeln zu lassen. Annelen Kranefuss hat nun diesem merkwürdigen Leben in all seinen Facetten plastisch Kontur gegeben.

Benno Reifenberg hat das Feuilleton der legendären Frankfurter Zeitung (FZ) zu seiner legendärsten Zeit, von 1925 bis 1930, verantwortet, ein Angelpunkt zwischen den älteren, kultivierten Langweilern und den intellektuell heraus­fordernden Jüngeren, Bernard von Brentano, Heinrich Hauser, Siegfried Kracauer, Joseph Roth etwa. Und er, in Nazi-Kategorien „Halbjude“, steuerte die FZ und ihr Feuilleton durch die NS-Zeit bis zu ihrem Verbot 1943. Ein liberalkonservativer Bildungsbürger, auf Vermittlung, Verbindlichkeit wie Distanz zugleich bedacht. Ein Mann mit trefflichem Geschmack, nicht nur im Urteil über Friedrich Wolf oder Käthe Kollwitz. Einer auch, der sich wand: Hatte er vor 1933 Hitler und seine Nazis harschest abgekanzelt, disziplinierte er sich nun zu Loyalität trotz allem. Nach 1945 leitete er die einflussreiche Zeitschrift Die Gegenwart. 1958 ging er als Mit­herausgeber zur FAZ, wo er bis zu seinem Tode 1970 blieb. Dagmar Bussieks Buch ist eine Biografie dieser bemerkenswerten Figur und zugleich der FZ, darüber hinaus aber eine – trotz gelegentlicher Betulichkeiten – höchst spannenden Geschichte der (politischen) Kultur der Kernzeit des 20. Jahrhunderts.

Heinz Hilpert, eine der großen Figuren des Theaters in Deutschland, nach 1933 Direktor des deutschen Theaters in Berlin, nach 1938 auch des Wiener Theaters in der Josefsstadt, beide Bühnen von Goebbels angeblich als „KZs auf Urlaub“ bezynelt, hatte eine jüdische Freundin, Annelies Heuer, die den Judenstern tragen und zwangsarbeiten musste, bis 1943 die Flucht in die Schweiz gelang. Für sie schrieb er seit Mitte 1944 ein Tagebuch, das weit mehr noch als ein weiterer Bericht vom Ende des Reichs in Berlin eine unentwegte Liebes­erklärung ist, anrührend und achtbar zugleich. 1947 haben sie geheiratet.

Veuve Cliquot. Die Geschichte eines Champagner-Imperiums und der Frau, die es regierteTilar J. Mazzeo dtv 2011, 300 S., 9,90 Matthias Claudius. Eine Biographie Annelen Kranefuss Hoffmann u. Campe 2011, 320 S., 23,00 Benno Reifenberg 1892 1970. Eine Biographie Dagmar Bussiek Wallstein 2011, 500 S., 34,90 So wird alles Schwere entweder leicht oder Leben. Tagebuch für Nuschka Heinz Hilpert Weidle 2011, 148 S., 19,00

12:00 09.08.2011

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