Weinende Engel am Amazonas

BRASILIEN Die Inspektoren der Umweltagentur IBAMA auf verlorenem Posten gegen Schwarzhändler, Wilderer, Dynamitfischer, Goldschürfer, Schildkrötenjäger, Brandstifter ...

Die Pistole griffbereit am Gürtel, schieben sich Albino Torres und Juberto Pereira durch das Gedränge am pittoresken, kilometerlangen Kai des Amazonas-Flusshafens von Santarèm. Beide ziehen misstrauische Blicke auf sich, denn sie sind als Agentes de Defensa Florestal - der staatlichen Umweltagentur IBAMA - unterwegs und haben ein Revier von der Größe Österreichs zu inspizieren. Über den Flussmarkt von Santarèm treibt sie die Frage: Handelt irgendjemand mit den vom Aussterben bedrohten kiloschweren Schildkröten oder mit dem Fleisch von Seekühen? Zu Jahresbeginn, während der Piracema, der Laichzeit, ist außerdem im gesamten Amazonasgebiet und am Rio Tapajòs das Fischen mit Netzen verboten. "Wer dennoch am Santarèm-Kai Fisch verkauft, muss mit drastischen Geldstrafen rechnen", warnt Torres. "Allerdings wird dort, wo wir nicht hinkommen, in den ein paar Kilometer entfernten Häfen, die verbotene Ware massenhaft verkauft. Während der Piracema lässt er sich am leichtesten fangen." - Eigentlich könnten die überall präsenten Militärpolizisten Amtshilfe leisten, doch sie unterlassen es demonstrativ. Die Kooperation mit den IBAMA-Leuten wird sabotiert, weil die dafür nötigen Haushaltsmittel nicht im Januar, sondern erst Monate später freigegeben werden, wenn die Schonzeit der Fische vorbei ist.

Millionen leben vom Urwald

Für die IBAMA-Inspektoren Pereira und Torres in der vergleichsweise sicheren Stadt Santarèm ist vor allem Abgeklärtheit gefragt. "Würden wir die Gesetze zum Naturschutz hier wirklich durchsetzen, wären wir längst tot. Amazonien ist eigentlich ein rechtsfreier Raum, und in Santarèm gibt es viele Gangs, die ›Interessenkonflikte‹ auf ihre Weise lösen", beschreibt Torres sein Revier. Die größte Bedrohung gehe jedoch nicht von den lokalen Kaziken der Unterwelt, sondern von den Goldschürfern (Garimpeiros) aus.

Itaítuba - eines ihrer Erkundungsgebiete - liegt ausgerechnet in einer Naturschutzzone. Nirgendwo in der Welt starten und landen mehr Kleinflugzeuge. Torres zeigt eine Studie über die Vergiftung der Umwelt: "Die Schürfer werfen Quecksilber direkt in den Rio Tapajòs, viele Anwohner leiden dadurch an gefährlichen Krankheiten, weil sie mit Quecksilber vergifteten Fisch gegessen haben - für die meisten hier das Grundnahrungsmittel. Es gibt Tote, missgebildete Kinder ..." Um Gold von Verunreinigungen zu trennen, ließen sich auch andere Verfahren anwenden. Aber niemand nutzt es. Pereira: "Sie ignorieren einfach, was Quecksilber anrichtet. Wir sagen ihnen, wie es auf ihre schwangeren Frauen wirken kann, doch sie glauben es nicht."

In den frühen Neunzigern sollen am Rio Tapajòs jährlich bis zu 800 Tonnen eingeschmuggeltes Quecksilber verbraucht worden sein. Es wirkt in Amazonien als biologische Zeitbombe, erreicht über die Nahrungskette nahezu alle Lebewesen. Pereira ergänzt: "Mit einem halben Kilo Quecksilber könnte man hier lange auskommen, es immer wieder verwenden. Aber die Schürfer denken nicht daran. Sie nehmen für jede Goldwäsche neues und werfen dann alles ins Wasser. Ein Wahnsinn, wir können es nicht verhindern ..."

Einmal sind Garimpeiros in ein nahes Schildkröten-Reservat eingedrungen, haben etwa 500 Tiere totgeschlagen, Einrichtungen zerstört. Ein unbewaffneter Bewacher wurde erschossen. Seitdem verzichtet die IBAMA darauf, die Schürfer zu kontrollieren, da ihre Inspektoren erklären, um zu überleben, müssten sie auch töten. Also legen sich auch Torres und Pereira mit den Garimpeiros grundsätzlich nicht an, wenngleich die Konfrontation mit Wilderern und Dynamitfischern kaum weniger gefährlich ist. In Süd-Parà, erzählt Torres, wollten zwei Kollegen gewilderte Tiere noch im Wald beschlagnahmen - sie wurden an Ort und Stelle erschossen. Theoretisch könnten wie gesagt Beamte der Policia Federal derart gefahrvolle Operationen begleiten - doch dann müsste das IBAMA-Büro von Santarèm deren Spesen bezahlen. Da die Agentur diese Sätze ständig kürzt, winken die Polizisten nur noch ab.

Die Santarèm-Region ist wie ganz Amazonien dünn besiedelt - dennoch bedroht ein inzwischen rasanter Bevölkerungszuwachs das biologische Gleichgewicht. Torres: "Wenn wir in ein Dorf von Uferbewohnern, den Ribeirinhos, kommen, sehen wir in Palmstrohhütten Familien mit zehn bis zwölf Kindern. Um die zu ernähren, holen die Eltern aus der Natur, was sich ihnen bietet. Sie fragen nicht, was wertvoll oder selten ist, sie schlagen es tot. Den Ribeirinhos fehlt die Bildung, um Plantagen anzulegen - sie leben vom Urwald." Tatsächlich sind die meisten Bauern in der Amazonasregion im Grunde gar keine. Es gibt nicht einmal Mindestkenntnisse über Boden, Anbaumethoden, Fruchtfolge. Das müssen die IBAMA-Agenten zwangsläufig berücksichtigen, nicht zuletzt wenn sie Bußgelder von umgerechnet bis zu 500 Mark gegen Wilderer verhängen, die nicht einmal den Mindestsatz aufbringen können und deshalb ungeschoren davon kommen.

Die IBAMA- Zentrale in Brasilia räumt ein, dass landesweit etwa 80 Prozent der Strafen - davon auch die in Millionenhöhe - nie eingetrieben werden. Torres deutet an, in welche Lage ein IBAMA-Agent bei seinen Inspektionen geraten kann: "Wir erwischen Vater und Sohn beim illegalen Schildkrötenfang, leisten sie Widerstand könnten wir die Täter - gedeckt vom entsprechenden Umweltgesetz - erschießen. Aber wir sind doch schon die Bestgehassten, werden beschimpft und bedroht, weil wir die Ernährungsgewohnheiten stören. Also verwarnen wir die beiden nur. Professionelle Schildkrötenfänger würden ohnehin sofort ihre Gewehre auf uns richten, und wir könnten uns für Flucht oder Märtyrertod entscheiden, weinende Engel, die wir sind ..."

Noch ein elendes Thema

Diese Absurdität passt zu dem Irrsinn der Natur und Bodenfruchtbarkeit vernichtenden Brandrodung (Queimada). "Die Fazendeiros übertreiben es gerade", sagt in Santarèm ein Fischer, "20 Stunden bin ich in einem Amazonas-Nebenfluss nur an brennenden Ufern entlang gefahren." Torres und Pereira danach befragt, winken nur ab - noch ein elendes Thema.

Diese entsetzliche Mentalität macht selbst vor den Metropolen des Landes nicht halt. Sogar in Rio de Janeiro gibt es nahe der City die Gewohnheit, wunderschöne Hänge voller Bananenstauden, Bäume und Hecken abzubrennen. Zuweilen entwickelt sich dadurch eine bis vier Meter hohe Feuerwalze, die auf Gebäude und geparkte Autos übergreift.

"Bereits der erste Regen nach dem Feuer nimmt wieder einen Großteil der Nährstoffe mit", so Paulo Torres Fenner, Queimada-Fachmann aus Sao Paulo. Selbstverständlich hätte Brasilien als eine der zehn größten Wirtschaftsnationen die Mittel, um eine adäquate, nachhaltige Bodennutzung durchzusetzen und den niedrigen Bildungsstand von Kleinbauern und Neusiedlern zu heben. Doch Präsident Fernando Cardoso - selbst Großagrarier - und seiner Mitte-Rechts-Regierung fehlt dafür sichtlich der politische Wille. Brasiliens Greenpeace-Präsident Roberto Kishinami in Sao Paulo meint resigniert, der jetzige Staatschef (immerhin Ehrendoktor der FU in Berlin) werde einst als Olympier der Amazonasvernichtung in die Geschichte eingehen. Nicht einmal unter der Militärdiktatur sei soviel Regenwald zerstört worden. In ihrem Jahresreport 2000 stellt die IBAMA fest, dass 90 Prozent der verheerenden illegalen Feuer von Farmern gelegt wurden. In Campo Grande, der Hauptstadt des Teilstaates Mato Grosso do Sul, seien dadurch im Dezember teilweise Temperaturen von 44 Grad gemessen worden. Ungezählte Kleinkinder, aber auch alte Leute wurden mit Rauchvergiftungen in Hospitäler gebracht - der Airport konnte wegen des Qualms mehrere Tage nicht angeflogen werden. Wer um diese Zeit durch das Zentrum von Campo Grande ging, traute seinen Augen nicht - auf einer Baustelle wurden Bäume und Sträucher nicht etwa gerodet, sondern abgebrannt, mitten in der Stadt.

In Brasilia lässt Garo Batmanian - WWF-Direktor für Brasilien - keinen Zweifel, die Cardoso-Regierung trage die Hauptverantwortung für die Queimada-Umweltkatastrophe. Millionen Brasilianer hätten kaum etwas zu essen, aber allein 1998/99 seien nur im Teilstaat Mato Grosso do sul wegen der Feuer, die einen jähen Wassermangel bewirken, über 33.000 Rinder eingegangen und mehr als 3.700 verbrannt.

Schon José Bonifacio - Vorkämpfer für die Unabhängigkeit Brasiliens und Freund Alexander von Humboldts - sprach im 19. Jahrhundert von "zerstörerischen Flammen der Dummheit". Und auch der messianische Wunderheiler Padre Cicero forderte in den zwanziger Jahren Wald und Buschwerk weder zu fällen noch abzubrennen, sondern stattdessen aufzuforsten. Ansonsten werde sich die Amazonasregion zum Schaden aller in eine Wüste verwandeln. Zum Denkmal des Padre Cicero in Juazeiro do Norte pilgern noch heute Hunderttausende, erwarten Wunder und missachten seine ökologischen Ratschläge. Die Mentalidade predatoria - die Zerstörungsmentalität - herrscht ungebrochen.

00:00 26.01.2001

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