Weiß, christlich, skrupellos

Terror Seine Taten erklären oder ihn ausgrenzen – das scheinen die beiden Reaktionen zu sein, die Anders Breivik seinem Publikum lässt. Darauf müssen wir aber nicht hereinfallen

Große Schrecken halten wir aus, indem wir sie umgehend als das „ganz Andere“ von uns weisen. Oder aber wir erklären uns das Trauma und ordnen es so in unser Verständnis von Normalität ein. Das ist im Fall des jüngsten Terroraktes in Norwegen nicht anders. Die zahlreichen Kommentare und Analysen von Anders Behring Breiviks Tat und von seinem Manifest zur Tat lassen sich in der Regel leicht der einen oder anderen Strategie zur Krisenbewältigung zuordnen.

Jens Breivik zum Beispiel, der Vater des Attentäters, hat seinen Sohn nach der schrecklichen Tat glatt verleugnet. Er bedauerte, dass Anders sich beim Massaker auf der Insel nicht gleich selbst mit umgebracht hatte. Als ein Reporter den ehemaligen Diplomaten fragte, was seine Botschaft für den mutmaßlichen Massenmörder sei, antwortete der Mann, er habe nichts zu sagen. Sein Sohn lebe in einer anderen Welt und würde ihn doch nicht verstehen.

Neben den engsten Familienangehörigen sind es vor allem die rechtsradikalen und rechtspopulistischen Blogger aus Europa und den USA, die Wahlverwandten von Anders Breivik, die sich nun entschieden von dem selbst ernannten „Tempelritter“ distanzieren (siehe Bericht unten auf dieser Seite). Aber auch ein Teil der Medien versucht, sich selber und ihr Publikum durch die Pauschaldiagnose „Wahnsinn“ zu entlasten.

Die linkeren unter den Kommentatoren hingegen verstehen auch noch diesen Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes als Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Konstellationen. Der US-Korrespondent des Guardian, Gary Younge, ist nur einer unter vielen, der den Rechtsterroristen Anders Breivik zum Resultat einer bestimmten europäischen Wirtschafts- und Immigrationspolitik reduziert. Solche Stimmen warnen denn auch, dass die demokratischen Defizite der Europäischen Union und die Globalisierungsfolgen den Hang zum Faschismus noch verstärken werden.

Bluträcher der Gerechten

Besonders aufschlussreich, was den Umgang mit dem Schrecken anbetrifft, ist die aktuelle Norwegen-Berichterstattung in den USA. Im eigenen Land aufgewachsene Terroristen werden dort gemeinhin als wirre Psychopathen und brutale Monster dargestellt – und so verbal aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Egal wie oft sich solche Schreckenstaten wiederholen, immer wieder sprechen US-amerikanische Medien von irren Einzeltätern. Dabei sind die Massenmorde an der Columbine High School in Colorado (1999), in einem amischen Schulhaus in Pennsylvania (2006), an der Virginia Tech University (2007), in der Militärbasis Fort Hood in Texas oder im Januar dieses Jahres auf einer Politikveranstaltung in Tucson in Arizona durchaus Beispiele für einen Wahnsinn mit Methode, der noch funktionierende öffentliche Institutionen anpeilt und trifft.

Im Fall von Anders Breivik ist die Ausgangslage etwas anders, denn Norwegen ist weit weg. Und diese geografische Distanz erlaubt es, das Schreckliche etwas näher zu betrachten. Die New York Times etwa fragt diesmal ausführlich nach den Wurzeln und dem gesellschaftlichen Nährboden der Terrortat. Sie benennt islamfeindliche und rassistische US-amerikanische Stimmen, die Breivik beeinflusst haben. Die Zeitung zitiert sogar einen hohen US-Sicherheitsbeamten, der meint, ein Massaker wie das in Norwegen sei in den USA jederzeit möglich. In Michigan etwa wurde im vergangenen Jahr eine apokalyptische christliche Miliz, die sogenannten Hutaree, vom FBI infiltriert und bei der Planung eines Bombenanschlags verhaftet; diese Gruppe besaß ein größeres Waffenarsenal als alle seit dem 11. September 2001 verhafteten islamischen Terrorverdächtigen zusammengenommen.

Ideologisch motivierte Massaker durch einheimische Terroristen sind in den USA natürlich nicht bloß jederzeit möglich, sondern längst Wirklichkeit. Offenbar hat sich Anders Breivik direkt von zwei der prominentesten weißen Terroristen der USA, nämlich von Timothy McVeigh und Ted Kaczynski, inspirieren lassen.

Timothy McVeigh, der Golfkriegsveteran und Attentäter von Oklahoma City aus dem Jahr 1995, nahm ebenso wie nun der junge Norweger den Tod von Dutzenden von unschuldigen Menschen als unvermeidlichen Kollateralschaden in einem grausamen, aber notwendigen Krieg gegen eine dekadente Regierung und Gesellschaft in Kauf. McVeigh wie Breivik sahen sich als militärisch disziplinierte Freiheitskämpfer, als männlich unerschrockene Retter, Ritter und Rächer der Gerechten.

Breiviks wortreiche Rechtfertigung der Tat hingegen orientiert sich am Harvardmathematiker und Unabomber Ted Kaczynski, der die USA von 1978 bis 1995 durch seine Briefbombenkampagne verunsicherte. Breivik hat Kaczynski in seinem 1.500-Seiten-Wälzer anscheinend sogar plagiarisiert. Zwar sind die beiden Männer durch Jahrzehnte der gesellschaftlichen Entwicklung getrennt. Und während der eine gegen Technologisierung und die Gefährdung der reinen Natur wetterte, schreibt der andere Hasstiraden gegen Islamisierung und die Gefährdung der rein weißen Christenheit (siehe Analyse rechts auf dieser Doppelseite). Doch einig sind sich die beiden in der Dringlichkeit ihres persönlichen Kreuzzuges, für den die edle Aufgabe alle Mittel heiligt.

Beide beschimpfen sie Linke, Humanisten und „kulturelle Marxisten“ als Schwächlinge, deren Mangel an Standhaftigkeit alle ins Verderben führe. Beide Manifest-Autoren haben sich so intensiv in eine pseudointellektuelle Konstruktion ihrer Weltsicht verstrickt, dass sie dabei den Faden zur Wirklichkeit verloren.

Diese Art Realitätsverlust habe er in seiner eigenen Familie erfahren, schreibt der US-amerikanische Autor Frank Schaeffer in Christian Jihad?, einem Text zum Attentat in Norwegen. Als Sohn des militanten evangelikalen Pastors Francis Schaeffer, der unter anderem die konservative christliche Gemeinschaft L’Abri in der Westschweiz gründete, erlebte Schaeffer junior eine fundamentalistisch eingeengte Kindheit. Frank Schaeffer glaubt, die radikalen Schriften seines 1984 verstorbenen Vaters würden in den USA bis heute Abtreibungsgegner, Schwulenhasser und Tea-Party-Anhänger zu Gewalttaten aufhetzen. Schließlich gebe es eine indirekte, aber tödliche Verbindung zwischen aggressiver Rhetorik und aktivem Terrorismus.

Das Unfassbare bewahren

Wer wie sein Vater aus ideologischem Fanatismus – sei dieser nun christlich oder islamisch oder sonst wie gefärbt – der gewählten Regierung und den in demokratischen Prozessen festgelegten Gesetzen ständig die Legitimität abspreche, bereite den Boden vor für Einzelkämpfer oder Milizen, die beanspruchen, Richter und Henker in einem zu sein.

Frank Schaeffer, der in einem ziemlich konspirativen Milieu aufgewachsen ist, warnt auf alternet.org, einer Webseite des Independent Media Institute: „Es braucht nicht viel Fantasie um sich auszumalen, wie eine ‚sezessionistische‘ Gruppe oder Mitglieder irgendeiner ‚Miliz‘ ihren US-amerikanischen Pass, ihre weiße Haut und ihre gutbürgerliche Identität als Deckung benutzen und sich eine Massenvernichtungswaffe beschaffen, mit der sie uns dann alle von der ‚tyrannischen Regierung befreien‘, oder aber die ‚Abtreibungsmetropole‘ New York oder ‚das von Schwulen besetzte‘ San Francisco bestrafen wollen.“

Ausgeschlossen sind solche Szenarien bestimmt nicht einmal in Europa. Aber wer sich zu sehr auf das Denken und die Strategien von Terroristen konzentriert, gerät selbst schnell ins Konspirative, hypostasiert wiederum die Bedrohung und übernimmt das Schwarz-Weiß-Denken der Terroristen. Arme Ritter wie Anders Breivik agieren nie rein zufällig, sondern haben einen emotionalen und politischen Hintergrund, den es sorgfältig zu analysieren gilt. Vollständig verstehen können muss man einen Massenmörder aber nicht. Er bleibt ein Stück weit unfassbar. Das Erschrecken steht uns durchaus zu. Einen Moment lang wenigstens – dann kehren wir hoffentlich zurück zum geduldigen und einigermaßen vertrauensvollen Wiederaufbau einer offenen Gesellschaft.

Die Ziele von Rechtsterroristen sind vielfältig, lassen sich aber eingrenzen: Letztlich gilt es, als fremd, feindlich oder minderwertig bezeichnete Menschen anzugreifen oder einzuschüchtern. Die meisten Rechtsterroristen wollen zudem das herrschende System destabilisieren, um Politik und Gesellschaft gemäß ihren Vorstellungen leichter verändern zu können. Zuweilen sollen Terroranschläge aus dem rechten Spektrum auch althergebrachte Praktiken und Wertvorstellungen einer Gesellschaft festigen, etwa indem sie Angst erzeugen, sich zu abweichenden Meinungen und Glaubensinhalten zu bekennen oder sich auch nur im öffentlichen Raum zu bewegen.

In der Nachkriegszeit erlebt Deutschland vor allem in den siebziger und achtziger Jahren rechtsterroristische Anschläge. So sprengt etwa 1979 das NPD-Mitglied Peter Naumann mehrere Fernseh-Sendemasten, um die Ausstrahlung der Serie Holocaust zu verhindern. 1980 verübt die Organisation Deutsche Aktionsgruppen sieben Anschläge auf Behörden und Asylbewerberheime, bei denen zwei Vietnamesen sterben. Im selben Jahr legt der Rechtsextremist Gundolf Köhler auf dem Münchner Oktoberfest eine Bombe er und 12 weitere Menschen werden getötet. 1982 greift die so genannte Hepp-Kexel-Gruppe mit Autobomben US- amerikanische Soldaten an. Die auch religiös fundamentalistisch orientierte Gruppe Ludwig wiederum ist für mindestens zehn Anschläge in Deutschland und Oberitalien verantwortlich, unter anderem auf Diskotheken und Erotikkinos. 2003 plant die neonazistische Kameradschaft Süd einen Bombenanschlag auf das Jüdische Zentrum in München, der allerdings verhindert werden kann.

Laut seiner Statistik registrierte das Bundeskriminalamt im Jahr 2010 insgesamt 762 rechtsextremistische Gewalttaten. Darunter sechs versuchte Tötungen, 29 Brandstiftungen und zwei Sprengstoffexplosionen. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl rechter Gewalttaten um 14,5 Prozent zurück. Dennoch werden immer öfter auch Anschläge auf Moscheen verübt. Zuletzt erregte Ende 2010 eine Serie von sechs Brandanschlägen auf Berliner Moscheen Aufsehen. Sina Gesell

07:00 28.07.2011

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