Weiße Brasilianer

A–Z Nicht erst seit der WM 2014 hat der Nimbus des brasilianischen Fußballs gelitten. Das Wochenlexikon über „weiße Brasilianer“ wie Mario Götze und Alain Sutter (Foto)
Weiße Brasilianer

Foto: Fred Joch/Imago

A

Ansgar Brinkmann Der Ur-Weiße-Brasilianer war Proletarier und forderte den Ball. Sein Spiel hat etwas Raumgreifendes. Und all die Geschichten aus seiner Zeit bei TeBe, wie er sich angeblich einmal selbst einwechselte und behauptete, sein Trainer Winnie Schäfer könne noch nicht mal einen Kiosk leiten. Er rief auch gerne mitten in der Nacht Mitspieler an, um sie mit dem Ausspruch „Wenn ich du wäre, wäre ich lieber ich“ auf den nächsten Trainingstag einzustimmen. Einmal sah ich Brinkmann außerhalb des Mommsenstadions, in der Nähe der Humboldt-Universität, er stieg die Treppe zu einem Club herunter, aus dem ich gerade herausgekommen war. Eigentlich eine biedere Studentendisco. Ich hätte ihm damals folgen sollen, um zu sehen, was er auf der Tanzfläche machte, ob er das auch so gut hinbekam wie das Passspiel. „Selbstvertrauen“, sagte er einmal, „das ist ein Hobby von mir.“ Rainer Merkel

B

Bernd Schneider Eine brasilianische Seele, gefangen im Körper eines teutschen Terriers. Stieg Bernd Schneider aus dem Bus, hielt man ihn für den Masseur, am TV-Mikrofon hätte er am liebsten nur seine Oma gegrüßt. Wer ihn sah, tippte auf Sechser: abräumen, heimgehen, irgendwo Landesliga vielleicht. Bernd Schneider war der Antiglamour in Person. Er war der beste deutsche Fußballer seiner Generation. Wo er spielte, sprühte Konfetti, blühten Herzen. Seine Karriere hat er bei der Betriebssportgemeinschaft Leverkusen verbracht. Die schönste Geschichte von ihm spielt am Strand: Herr Schneider hat Urlaub. Im Sand wird gekickt, und Herr Schneider, natürlich, ordert keine Aktien und sondiert keine lukrativen Transfermöglichkeiten. Er sieht den englischen Touristen beim Kicken zu. Irgendwann fragen die ihn, ob er mitkicken wolle, haha, ein Deutscher! Und er kommt. Tanzt und trickst und schnixt über den Strand wie ein Wirbelsturm, er feiert eine wilde Capoeira am Leder. Die Engländer staunen Bauklötze, what’s happening? Sie haben den Mann schlicht nicht gekannt. Zu diesem Zeitpunkt ist Bernd Schneider allerdings amtierenderVizeweltmeister. Klaus Ungerer

Bernd Schuster Zugegeben, an dieser Stelle wird es ein wenig ungenau, man könnte auch sagen: gefährlich halbseiden. Denn natürlich wurde Bernd Schuster bis zum heutigen Tage noch nie als „weißer Brasilianer“ gehandelt, sondern hörte stets auf den poetischen Namen „der blonde Engel“. Unbedingt aber gehört der gebürtige Augsburger und geborene Mittelfeldästhet trotzdem in diese Reihe, denn dass er nicht als „weißer Brasilianer“ gehandelt wurde, hat nur mit seinem Wechsel in La Liga und kulturellen Differenzen zu tun.

Die längste Zeit seiner schillernden Karriere spielte Schuster in Spanien, zunächst acht Jahre für Barcelona, dann zwei weitere für Real Madrid und noch einmal drei für Atlético Madrid. Kaum hatte er 1980 mit seinem stilvollen, übersichtlichen, technisch anspruchsvollen Spiel im stets mit 100.000 Fans prall gefüllten Camp Nou begonnen, nannten die Katalanen ihn, den Deutschen mit den langen blonden Haaren, fortan „el ángel rubio“, blonder Engel. Was den ungläubigen Deutschen der Brasilianer als höchste und formvollendete Daseinsform, ist den katholischen Katalanen und Spaniern naturgemäß der Engel – hätte Bernd Schuster ausschließlich in Deutschland gespielt, ➝ Ansgar Brinkmann hätte es niemals bis ins Dschungelcamp geschafft. Timon Kaleyta

E

Ebert, Patrick Er hätte der Inbegriff des Berliner Fußballs werden können: halb Piefigkeit, halb Party. Hertha war immer am besten, wenn sie sich Brazzen-Grandezza verpasste; Feiervögel wie Marcelinho oder Alex Alves ließen die Ostkurve tanzen. Party aber war Patrick Eberts Metier. Er gehörte zur unerziehbaren Hertha-Generation der Prince-Boatengs und Ben-Hatiras, seinen größten Fame bekam er für Straßenrandale nach einem ausgeuferten Fest: „Oh, Patrick Ebert! Du alter Rowdy! Du trittst die Spiegel ab, machst Kratzer in den Lack und schmeißt die Roller uuuuum ...“ Sang die Kurve. Hüpfte. Lachte. Feierte. Da unten auf dem Feld versandeten Eberts Dribblings immer öfter, flogen seine Flanken ins Marathontor, verschwand er irgendwann völlig. Als guter Geist lebt er bis heute im Olympiastadion, überall dort, wo nach Kräften gefeiert wird. Klaus Ungerer

G

Götze, Mario – das sind wir. Wir, die Professorentöchter und Lehrersöhne, gefühlt gehobener Mittelstand, aber irgendwie schon am Rande des Prekariats. Nach der langwierigen Stoffwechselerkrankung sind Mario und wir nicht mehr richtig in Trab gekommen. Es hat die Spritzigkeit gefehlt, aber auch die Bereitschaft, an die Grenzen zu gehen. Also haben wir dann gemeinsam entschieden, Mario nicht mit nach Russland mitzunehmen, Wir spielen ohne ihn weiter, mit einer jetzt aber eher unterschwelligen Schönheit. Rainer Merkel

L

Lingor, Renate Man kann die Bedeutung Renate Lingors für den deutschen Frauenfußball nicht hoch genug bewerten. 149 Länderspiele absolvierte die Mittelfeldregisseurin, erzielte dabei selbst 35 Treffer und legte mit ihren tödlichen, präzise in die Tiefe des Raumes gespielten Pässen gefühlt die Hälfte aller 214 Tore von Birgit Prinz auf. Insbesondere in einer Zeit, in der die Deutschen noch über ihre Physis Titel einsammelten, machte Lingors feiner Fuß den Unterschied aus, weswegen sie die weiße Brasilianerin genannt wurde. Was bislang keinem Mann gelang, zweimal Weltmeister zu werden, schaffte Lingor 2003 und 2007 – bei der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres musste sie sich 2008 nur knapp der „echten“ Brasilianerin Marta geschlagen geben. Timon Kaleyta

P

Prinz, Birgit Alle im Frauenfußball freuten sich, als der Sport an Popularität gewann. Fast alle. Birgit Prinz war die neue Aufmerksamkeit unangenehm. Sie wollte Fußball spielen, siegen, fertig. Ständig angeguckt zu werden, das brauche sie nicht, sagte sie einmal. Das war Gift für Journalistenohren, weckte aber auch mediales Interesse. Immerhin ist Prinz Ausnahmeathletin. Mit 15 schon stürmte die gebürtige Frankfurterin, Jahrgang 1977, mit dem FSV Frankfurt in der Bundesliga. Zwei Jahre später spielte sie in der Nationalmannschaft. Zweimal wurde sie Weltmeisterin, mehrfach wählte man sie zur Fußballerin des Jahres. Allein für die Nationalmannschaft schoss sie 214 Tore. Als sie 2011 ihre Karriere beendete, trat die Presse noch einmal nach, nannte sie „bockig“ und „nicht erwachsen“.Seitdem arbeitet Prinz als Psychologin. Auf Fernsehexpertin hatte sie offensichtlich so wenig Lust wie auf allzu viel Öffentlichkeit. Ihre Homepage, die „alle wichtigen Informationen zu Birgit Prinz“ offeriert, ist eine Baustelle. Tobias Prüwer

R

Rink, Paulo Von 164 Profi-Spielen hat Paulo „Paolo“ Rink 68 gewonnen, 51 verloren und 45 gingen unentschieden aus. Keine schlechte Bilanz für den Spieler, der in Brasilien bei Chapecoense, später bei Bayer Leverkusen, Nürnberg, Cottbus, Nikosia, Arnheim und Jeonju in Südkorea seinen Dienst am Ball verrichtete. 13-mal kickte er für die DFB-Auswahl: Rink war einer jener Spieler, die der DFB einbürgerte, als es alles andere als gut um den deutschen Nationalfußball stand. Bei Paulo Rink war die Einbürgerung einfach, denn Rink hat einen deutschen Urgroßvater, der 1904 nach Brasilien ausgewandert war. An den Niederlagen der DFB-Elf bei der EM 2000 war Rink keineswegs unbeteiligt: Dem Stürmer gelang kein einziger Treffer. Nach seiner aktiven Zeit wurde Rink Sportdirektor des brasilianischen Erstligisten Atlético Paranaense und machte danach als Kommunalpolitiker der PPS Karriere. Er war der erste Brasilianer, der für Deutschland Fußball spielte. Seit 2007 lebt Paulo Rink wieder in Brasilien, wo er, wie auch sonst, bis heute „der Deutsche“ genannt wird. Marc Peschke

S

Stickroth, Thomas Die einzig wirklich ruhmreiche Phase beim VfL Bochum dauerte rund eine halbe bis anderthalb Saisons und wird auf ewig mit dem Namen Thomas Stickroth verbunden sein. Nicht nur war der gebürtige Stuttgarter ausgesprochen gutaussehend, groß, schlank und mit langem schwarzen Haar gesegnet, er besaß am Ball eine beiläufige Leichtigkeit und eine Eleganz, wie sie im Ruhrstadion bis zu seinem Erscheinen nicht bekannt war. 1995 wechselte er zum VfL, und weil sie dort ihren Augen nicht trauten, als er als Verteidiger (!) zu seinem filigranen Spiel ansetzte, tauften sie ihn für alle Zeit: Stickinho. Gleich in seiner ersten Saison unter Klaus Toppmöller feierte er mit dem VfL die Zweitligameisterschaft, und eine Spielzeit später hatte er Bochum mit seinen Kabinettstückchen erstmals in den UEFA-Cup und dort dann bis in die dritte Runde geführt.

So viel Schönheit und Eleganz kamen nicht von ungefähr. Schon sein Vater Bruno hatte als Model (Mr. Baden-Württemberg), Star-Frisör (Elvis Presley, Arnold Schwarzenegger) und Schauspieler für Furore gesorgt und war in Stuttgart als „der schöne Bruno“ bekannt. Bochum hatte nach Stickinho noch ein paar echte Brasilianer, von denen jedoch keiner seine Klasse besaß – ganz im Gegenteil: Als der VfL sich zehn Jahre später zum zweiten Mal für den Europapokal qualifizierte, war es der „Brasilianer“ Eduardo Gonçalves de Oliveira, der mit einem amateurhaften Stolperer in der Nachspielzeit dafür sorgte, dass man bereits in der ersten Runde ausschied. Timon Kaleyta

Sutter, Alain Er ist in Bern aufgewachsen, spielte aber beim Grasshopper Club in Zürich. Egal: „Vom Talent her ist Alain Sutter ein Brasilianer, der zufällig in Bern-Bümpliz auf die Welt gekommen ist“, schrieb die Zeitung Sport. Ein Star wurde Alain Sutter bei der WM ’94. Ein Spiel war es, das den offensiven Mittelfeldspieler berühmt machte: das 4:1 gegen Rumänien. Sutter spielte mit gebrochenem Zeh. Nach der WM wechselte er nach Nürnberg, dann holte Uli Hoeneß ihn zu den Bayern, wo er nicht glücklich wurde. Sutter, dem esoterische Neigungen nachgesagt wurden, weigerte sich, „ab und zu mal auf sein Müsli zu verzichten“ (Hoeneß) und mehr Fleisch zu essen.

Er, der einmal zum schönsten Spieler der 1990er gewählt wurde, mokierte sich über Mitspieler, die nur Geld, Trophäenfrauen und Autos im Kopf hätten. Schließlich infizierte er sich mit einem Virus und verweigerte die Antibiotika. Das alles klang nicht mehr brasilianisch. Beim SC Freiburg lief es dann wieder etwas besser. Nach dem Karriereende machte sich Sutter einen Namen auch als Buchautor (Stressfrei glücklich sein). Heute ist er Sportchef in St. Gallen. Die blonden Haare trägt er heute kurz. Michael Angele

Z

Zico 1986: Ich verfolge in der Brazil-Bar das Viertelfinale Brasilien – Frankreich. In der 72. Minute wird er beim Stand von 1:1 endlich eingewechselt und kann den Ball bereits eine Minute später auf dem Elfmeterpunkt drapieren. Der Jubel ist unbeschreiblich. Auch für mich ist es vollkommen klar, dass Arthur Antunes Coimbra versenken wird und die Seleção damit siegt. Alles, was ich an Fußball liebe, ist in dieser Mannschaft verkörpert. Als Siebenjähriger glaubte ich noch, dass er als Weißer kein richtiger Brasilianer ist. Er verschießt, Brasilien wird ausscheiden. Ich bin geschockt, verlasse die Bar in ein regnerisches Zürich. Socrates, Junior, Müller und eben Zico habenmich endgültig aus der Kindheit geleitet. Marc Ottiker

06:00 23.06.2018

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