Weiße Flecken

Aufarbeitung Statt als „Sieger der Geschichte“ zeigt sich die DDR als „Sieger der Geschichtsschreibung“
Christoph Hein | Ausgabe 42/2019 2

Fast jeder Staat der Erde ist bemüht, seine Vergangenheit für die Gegenwart zu schönen, um sich mit Stolz seiner Geschichte zu versichern und das nationale Bewusstsein zu stärken. Mit dem Slogan „Love it or leave it“ reagierte in den USA eine irritierte Öffentlichkeit, als nach dem Krieg in Vietnam einige Landsleute allzu heftig die jüngste Geschichte ihres Landes befragten. Der deutsche Wortschatz weist dafür die Denunziation „Nestbeschmutzer“ auf, eine sehr deutsche Vokabel: Es wird nicht nach Wahrheit gefragt, sondern eine Bedrohung des gemütlichen deutschen Heims signalisiert. Geschichte interessiert uns um der Gegenwart willen. Geschichtsbetrachtung ist stets ein Benennen des augenblicklichen Standorts. Die Wertungen der Geschichte sind von aktuellen Interessen nie frei und wirken auf die gegenwärtige Gesellschaft ein. Der westdeutsche Historikerstreit von 1986, in dem auch eine Um- und Neubewertung des Faschismus und seiner Verbrechen und der Ursachen des Zweiten Weltkriegs versucht wurde, hatte – so behaupte ich – Auswirkungen auf die westdeutsche Gesellschaft. Nach diesem Streit, der die Öffentlichkeit stark beschäftigte, gelang es einer Partei, die als rechtsradikal und sogar als faschistisch eingeschätzt wird, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

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Ein unendlicher Prozess

Unter dem Schlussstrich unserer aus Schule und Zeitung sattsam bekannten Geschichtsbetrachtung stand und steht das kräftige Wort vom „Sieger der Geschichte“. In Schule und Universität, in unseren täglichen Zeitungen wurde und wird uns Geschichte nie anders vermittelt: Alles Vorhergehende war ein notwendiger und zielgerichteter Weg des historischen Weltgeists, um zu diesem Staat und zu dieser Gesellschaft zu führen – zu uns. Wir sind die Sieger der Geschichte. Das damit verbundene Sieges- und Glücksgefühl wird nicht allein durch ein paar Widrigkeiten des Alltags konterkariert; verwunderlich ist die fehlende Dialektik dieser Geschichtsschreibung, die sich überdies auf die Dialektik beruft. Geschichte nämlich kennt keinen Abschluss, sie ist ein unendlicher Prozess – Unendlichkeit dabei verstanden, wie sie menschlich erfahrbar ist, also das begrenzte menschliche Leben als eine Unendlichkeit nehmend. Folglich kennt die Geschichte gewonnene und verlorene Schlachten, aber sie kennt nicht jenen Schlussstrich, der eine abschließende Formel wie „Sieger der Geschichte“ erlaubt. Frühestens am inzwischen nicht mehr undenkbaren Weltende, also in jenem Moment, wo auf dieser Erde das menschliche Leben erlischt, kann diese Spezies von Geschichtsschreibern feststellen, wer der „Sieger der Geschichte“ ist, welcher Leiche der Triumph zukommt.

Noch haben wir unsere eigene Geschichte, die unseres Landes und des Sozialismus nicht ausreichend geschrieben. Und nicht ausreichend geschrieben heißt: nicht geschrieben, das sollten Literaten wie Geschichtsschreiber wissen. Ein mit gewichtigen Lücken entstandenes Gebäude existiert nicht wirklich, mit dem ersten Wind wird es zusammenbrechen.

Wenn aber – statt an einer schonungslosen, vollständigen, nichts aussparenden Aufarbeitung unserer Geschichte zu arbeiten – wir in dem im Neuen Deutschland erschienenen Artikel „Zur Geschichte der Komintern“ wieder mal vermahnt werden, „nicht nur die sogenannten weißen Flecken und Lücken zu suchen“, denn „täten wir es, würden wir die ganze Wahrheit verletzen“, so wird damit eine neue Logik geschaffen: nach der klassischen und der mehrwertigen, ist nun die vieldeutige Logik zu studieren.

Selbstverständlich wäre eine Geschichtsbetrachtung, die sich lediglich auf die durchaus nicht zufälligen „weißen Flecken“ unserer Geschichte richtet, mehr als nur unvollständig. Ein solches Geschichtsbild wäre gleichfalls verlogen. Aber wenn diese Warnung nur dazu benutzt wird, um die damit zugegebenen Auslassungen in unserem Geschichtsbild nicht zu korrigieren, weil sonst die Gefahr bestünde, „die ganze Wahrheit zu verletzen“, so ist das Heuchelei und demagogische Scholastik.

Auch in unserem Land gab es in der Stalinzeit politische Prozesse, bei denen die Angeklagten unter abenteuerlichen Beschuldigungen zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Besonders empörend für mich war, als ich bei entsprechenden Fragen erfuhr, dass man den Zellenschließern, die mit den Gefangenen nicht sprechen sollten, mitgeteilt hatte, diese seien Nazikriegsverbrecher. Eine Lüge, die für die Inhaftierten nicht zu entlarven und für die Zuchthausbeamten – auch sie „Sieger der Geschichte“ – glaubhafter und beruhigender war als die Wahrheit. Eine Lüge, weil man nicht einmal den Zellenwächtern die Wahrheit zu sagen wagte.

Tödliche Illusionen

Keine Macht und kein Mensch hat der Sowjetunion und der kommunistischen Idee schwereren, nachhaltigeren Schaden zugefügt als Stalin. Noch heute kämpft die Sowjetunion mit den fast unlösbar scheinenden Problemen, die das Land der stalinistischen Politik verdankt.

Stalin – das ist auch ein Problem des deutschen Sozialismus, der DDR. Noch immer kennen wir die Wahrheit nur andeutungsweise, denn die knappen offiziellen Formulierungen – wie „in der Sowjetunion unter falschen Anschuldigungen verhaftet“ oder „von ungesetzlichen und ungerechtfertigten Repressalien betroffen“ – sind Andeutungen, die Geschichte nicht erhellen, sondern verdecken sollen.

Noch wissen unsere Geschichtsschreiber nur etwas von „tragischen Ereignissen“, als sei damals Stalins Sowjetunion von einer Naturkatastrophe heimgesucht worden.

Stalin brach Hitler das Genick, das ist eine unbestreitbare Wahrheit, die keiner vergessen soll. Aber Stalin brachte auch seine Genossen und Millionen seiner Landsleute um, auch das eine unbestreitbare Wahrheit. Und wer so verschiedene Wahrheiten nicht erträgt und die eine mit der anderen zu verdecken und auszulöschen sucht, fälscht die Geschichte.

Ich will einige Zahlen nennen, die von sowjetischen Historikern stammen und in sowjetischen Zeitungen wiedergegeben wurden: Von 60 Mitgliedern des revolutionären Militärkomitees des Petrograder Sowjets wurden 54 ermordet. Außer Kollontai, Muranow und Stalin wurden zwischen 1935 und 1940 die restlichen Mitglieder der ersten sowjetischen Regierung umgebracht. Von 1.986 Delegierten des XVII. Parteitags im Jahr 1934, bei dem Stalin 300 Gegenstimmen bekam, wurden 1.108 Delegierte Repressalien ausgesetzt. Vom Kommandostab der Roten Armee wurden schätzungsweise 40.000 Offiziere getötet.

Und das ist nur die Spitze des Terrors. In einem Gespräch mit Veljko Mićunović, damals jugoslawischer Botschafter in der UdSSR, sagte Chruschtschow am 2. April 1956 im Hinblick auf sein Geheimreferat und den XX. Parteitag: „Je älter er wurde, umso stärker entfaltete sich sein krankhaftes, entartetes Naturell. Unter der Last von Alter und Krankheit hat sich Stalin in seinen letzten Lebensjahren durch Filme, die man speziell für ihn herstellte, über Russland und die Welt unterrichten lassen. Er herrschte in der Überzeugung, dass in der Sowjetunion alles bestens gedeihe.“ Eine speziell hergestellte Geschichtsschreibung kann uns zwar die Illusion geben, dass alles bestens gedeihe. Aber solche Illusionen sind für uns letztlich tödlich, da sie uns unfähig machen, unsere Gegenwart zu bewältigen. Und dann sind wir nicht „die Sieger der Geschichte“, allenfalls die „Sieger der Geschichtsschreibung“. Und Hybris war stets der Anfang vom Ende.

Ich bitte Sie, noch eine kurze Anmerkung machen zu dürfen, die mit dem Thema Geschichte, Geschichtsschreibung und Schriftsteller durchaus zu tun hat, auch wenn es sich dabei um stattfindende Geschichte handelt. Es macht mich krank, es macht mich physisch und psychisch krank, in einem Land und in einer Stadt zu wohnen, in denen fortwährend Bürger Ausreiseanträge stellen und ausreisen. Es macht mich krank, die besorgten oder hämischen Kommentare in unseren Zeitungen zu lesen, die den Vorgang zu banalisieren und zu erklären versuchen, indem sie nicht die Ursachen nennen, sondern die Folgen. Und ich bin darüber verzweifelt, dass der Staat offensichtlich diese Verluste für bedeutungslos hält, jedenfalls für so bedeutungslos, dass er es nicht für notwendig erachtet, die Ursachen für diesen ständigen Verlust zu bekämpfen. Es macht mich krank, weil die Gesellschaft irgendwo krank ist.

Es gibt Möglichkeiten, diesen Aderlass ohne Gewalt oder Zwang oder neue beschränkende Gesetze zu stoppen. Dafür gibt es sogar mehrere Möglichkeiten, allerdings gibt es keinen Weg, bevor nicht ein offener Dialog zwischen Regierung und Regierten darüber stattfindet.

Info

Gekürzte Fassung der Rede, die unter dem Titel Gut gemeint ist das Gegenteil von wahr erschien. Der Autor widmete sie Gustav Just, der als Journalist in der DDR politisch verfolgt war. Zwischentitel von der Redaktion

Info

Dieser Beitrag ist Teil unserer Wende-Serie 1989 – Jetzt!

06:00 27.11.2019

Ausgabe 15/2020

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