Martin Gerner
10.06.2009 | 05:00

Weiße Flecken im Kriegsgebiet

Medienkritik Die deutsche Berichterstattung über Afghanistan ist oft wenig kompetent, schlecht informiert und voller Vorurteile. Statt Klischees zu hinterfragen, produziert sie neue

Auslandsjournalismus hat es schwer in diesen Tagen. Das Tempo technischer Neuerungen, die kommerzielle Ausrichtung an Auflage und Quote und eine verbreitete Agenturgläubigkeit führen zu einer Verengung in der Berichterstattung über Krisengebiete. Trotz einer Globalisierung der Zusammenhänge ist eine Nationalisierung der Themenauswahl zu beobachten. So lassen sich Porträts über Deutsche im Ausland immer gut verkaufen. Tiefer gehende Erkenntnisse über Lage und Stimmung der dort einheimischen Bevölkerung erhält man dadurch aber nicht unbedingt.

Am Beispiel Afghanistan zeigt sich, dass hiesige Medien sich auf die veränderte Rolle Deutschlands in der internationalen Gemeinschaft und am Hindukusch noch nicht eingestellt haben. Das aber wäre notwendig, wenn die so genannte vierte Gewalt auch in dieser Sache weiterhin Korrektiv von Politik und Militär sein möchte.

Mehr als eine halbe Milliarde Euro deutscher Steuergelder fließt jährlich in Sicherheits- und Aufbaupläne für Afghanistan. Eine verunsicherte Öffentlichkeit fragt nach Aufklärung und Deutungsmustern – warum mehr Militär in Afghanistan nicht zugleich mehr Sicherheit bedeutet, wo ein großer Teil der Hilfsgelder verbleibt oder wie es mit der Zusammenarbeit von zivilen Helfern und militärischen Kräften in Wirklichkeit aussieht. Das Gefühl der Leser, Zuschauer und Hörer trügt nicht, die offizielle Erfolgsbilanz in Afghanistan ist in vielen Punkten geschönt.

Keine investigative Recherche

In Afghanistan agieren einheimische wie internationale Akteure, die durch ineffektives Handeln und durch Korruption auffallen. Projekte der UN und des Militärs sind regelmäßig überteuert. Staatliche wie nicht-staatliche Hilfsorganisationen, darunter auch deutsche, investieren zum Teil in unrentable Projekte. Alle sind Teil einer Strategie, deren schlechte Abgestimmtheit und teilweises Scheitern längst eingestanden wird. Die Medien müssten solche Fälle veröffentlichen. Die wenigsten machen sich allerdings die Mühe, investigative Recherche gibt es nicht. Stattdessen orientiert man sich in Deutschland an Enthüllungen der New York Times und der angelsächsischen Presse.

Ein erster Blick auf die deutsche Berichterstattung über Afghanistan ergibt: Sie ist häufig wenig kompetent, schlecht informiert und voller Vorurteile. Statt Klischees zu hinterfragen werden neue produziert, was vor allem für den Islam gilt, als dessen dunkler Vorposten Afghanistan erscheint. Ein Beispiel ist das jüngste Ehe-Gesetz, das in der Wahrnehmung deutscher Medien die männliche afghanische Bevölkerung einmal mehr pauschal als frauenfeindlich darstellte. Dabei tat man der schiitischen Minderheit Unrecht, die den fortschrittlichsten Teil der Bevölkerung bildet, was Fragen der Moral angeht. Für die Idee einer gesellschaftlichen Modernisierung verdienten gerade die Schiiten Unterstützung. Zwischen Ayatollah Mosheni und der Bevölkerung, die dessen Führungsanspruch zum Großteil ablehnt, wird nicht differenziert.

Zugegeben: Afghanistan ist komplex. Um so mehr empfiehlt es sich, als Journalist gründlich vorbereitet zu sein. Das heißt nicht, sich in die Hände von PR-Experten der Bundeswehr zu begeben, die Journalisten ihre Sicht der Dinge präsentieren. Ein realistisches Bild der Lage ermöglichen erst der Kontakt mit ehemaligen Soldaten und sämtlichen Dienstgraden, die Beobachtungen von Außenstehenden und der Vergleich mit anderen NATO-Kontingenten.

So war früh erkennbar, dass die Bundeswehr in Afghanistan ein Problem mit traumatisierten Soldaten hat. Auch die Fehler Deutschlands als lead nation beim Polizei-Aufbau – zu wenig, zu zaghaft und nicht angepasst an die Gefahrenlage – zeigten sich nicht von einem Tag auf den anderen. In den hiesigen Medien fand beides erst spät seinen Platz.

Rufer in der Wüste

Aktuell beklagen deutsche Hilfsorganisationen, dass Soldaten die Entwicklungshelfer öfter in Lebensgefahr bringen, weil Truppenteile selber als Helfer auftreten und die Grenzen zur Entwicklungshilfe damit verwischen. Viele Medien dagegen stimmen wie die Politik in das alte Lied vom „zivil-militärischen Modell“ der Deutschen ein.

Tatsächlich können Berichte aus dem Umfeld des Militärs nicht ausreichen, um ein Bild der Lage im Land zu bekommen. Journalisten und Redaktionen werden hier zum Opfer ihres Herdentriebs: Indem sie bestimmte Themen und Aussagen reproduzieren, verhindern sie, dass über den Tellerrand hinaus geschaut wird. Was nicht dem Kanon der Agenturen entspricht, ist schwer zu veröffentlichen, für abweichende Meinungen bleibt wenig Platz. Einer breiteren medialen Öffentlichkeit sind diese Umstände vor einem Jahr ins Bewusstsein gerufen worden, als der langjährige ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner mit einer Kritik des verdächtigen Gleichklangs der deutschen Afghanistan-Berichterstattung den Sender verließ. Schon vor Ulrich Tilgner gab es Rufer in der Wüste.

Für deutsche Medien ist es noch immer eine Ausnahme, einen permanenten Korrespondent in Afghanistan zu haben. Amerikaner, Briten, Franzosen, Inder und Chinesen machen vor, dass es die Regel sein kann. Der so genannte Stringer vor Ort, auf den deutsche Redaktionen und Sender zurückgreifen, also ein Einheimischer, der sich informiert und übersetzt, so gut er kann, ersetzt nicht den professionellen Journalisten. Nur wer regelmäßig vor Ort ist, vermag ein differenzierteres Bild zu zeichnen, Stimmungen einzuschätzen, den Menschen eine authentische Stimme zu verleihen. Viele der Statements von Afghanen, die über unsere Bildschirme gehen, erscheinen in meinen Augen nicht oder wenig repräsentativ. Der ARD-Hörfunk hat unlängst sein Regionalstudio in Neu-Delhi personell verstärkt. Für das Krisengebiet Afghanistan/Pakistan wäre Kabul oder Peshawar die geeignete Wahl gewesen.

Auffällig ist das Kurzzeitgedächtnis der Berichterstatter. Die Taliban werden in der medialen Wahrnehmung für Dinge verantwortlich gemacht, für die sie nicht verantwortlich sind, etwa die weitgehende Zerstörung von Kabul vor 2001. Wenig ist bekannt von der Zeit- oder gar der Kulturgeschichte Afghanistans. Kaum einer unterzieht sich der Mühe zu differenzieren, dass der Sammelbegriff Taliban für eine Reihe verschiedener, längst nicht immer ideologisch-fundamentalistisch motivierter Gruppierungen steht – bis hin zum einzelnen Koranschüler, der kein „Taliban“, sondern ein „Taleb“ ist.

Freie wie feste Autoren kritisieren immer wieder die kurze Zeit, die ihnen in Afghanistan zur Verfügung steht. Selbst große Medienhäuser setzen eine Reisedauer an, die oft allein aus geografischen und kulturellen Gründen unpraktikabel ist. Die fremde Sprache, die Weite des Landes, der geringe Verschriftungsgrad und die schwierige Nachprüfbarkeit von Gerüchten sind Hürden für die Arbeit im Land – ebenso der Imperativ der Schnelligkeit, der sich hier schon technisch nicht wie anderswo gewohnt umsetzen lässt.

Keine Begegnungen mit dem afghanischen Alltag

Hinzu kommt die schwierigere Quellenlage. Bei aktuellen Zwischenfällen gilt es die Propaganda von Taliban, Nato- und US-Militär sowie afghanischen Behörden zu identifizieren, die Zahl ziviler Opfer vorsichtig abzuwägen. Es braucht Parameter und Informanten, um einen Sachverhalt einordnen zu können. Von der afghanischen Regierung heißt es, dass sie Opfer von Anschlägen regelmäßig zu niedrig ansetze. Netzwerke wiederum, zumal wenn sie die afghanische Sicht der Dinge einbeziehen sollen, sind Ergebnis regelmäßiger Kontaktpflege. Außerhalb der Städte bestimmen längst die Kampfparteien die Inhalte. Dabei geraten Verlautbarungen ungeprüft als vermeintliche Information in unsere Medien. Auch so entsteht ein schiefes Bild.

Journalisten, die mit dem Land wenig vertraut sind, reisen aus nachvollziehbaren Gründen „embedded“ oder in Konvois, die offiziell organisiert sind, mit hohen, wenn nicht überzogenen Sicherheitsstandards. Begegnungen mit dem afghanischen Alltag bleiben dabei aus. So entsteht der Eindruck, deutsche Medienvertreter träten als Dienstleister der Politik auf. Absichtlich wie unbeabsichtigt. Als Außenminister Frank-Walter Steinmeier Station in Kabul machte, begleitete ihn ein Tross aus einem guten Dutzend Hauptstadtjournalisten. Kritische Fragen an deutschen wie afghanische Experten vor Ort konnten sie nicht formulieren während des rund 30-stündigen Aufenthalts. Entsprechend oberflächlich fällt die Berichterstattung dann aus. Hilfreicher wäre es wohl gewesen, Auslandsexperten aus den Redaktionen zu entsenden.

Sinnvoll im Kontext Afghanistan und Pakistan, aber auch allgemein, wären überdies journalistische Seminar-Angebote zur interkulturellen Kompetenz. Viele Journalisten, auch solche, die häufiger zum Thema schreiben, vermögen acht Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Centre nicht genügend zu unterscheiden zwischen Islam und Tradition, Urteil und Vorurteil. Die fünf Säulen der Religion und der Koran sind wenig bekannt. Deutsche Medien fangen gerade erst an, Afghanistan zu entdecken. Es wäre an der Zeit, dass auch sie ihre Strategie überprüfen.

Martin Gerner ist freier Journalist und Autor. Er war Redakteur des Deutschlandfunk. Seit Anfang 2004 berichtet er regelmäßig aus Afghanistan für Presse, Hörfunk und Fernsehen. Außerdem bildet er vor Ort afghanische Journalisten aus