Weiße Flecken - schwarze Löcher

Polen und der Krieg im Osten Seit 1989 hat die neue Deutungsmacht die alten Halbwahrheiten durch "neue Wahrheiten" ersetzt

Kann in einem relativ kurzen Text die Frage: "Was hat sich 1989/90 in der polnischen Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg - besonders beim heiklen Thema ›Krieg im Osten‹ - verändert?" einigermaßen vernünftig beantwortet werden? - Schon bis zur "Wende" konnte kaum von einem monolithischen Geschichtsbild bezogen auf den 1. September 1939 und den 22. Juni 1941 die Rede sein. Der Stoff aus dem die "objektive Geschichte" des Zweiten Weltkrieges besteht, wurde, wenn auch nicht völlig konträr gelesen, so doch verschieden bewertet. Anders von den Forschern des Pilsudski-Instituts in London, wo nach 1945 der schon vor 1939 bekannte Historiker Wladyslaw Pobog-Malinowski tätig war und seine vielbändige, aus der Sicht eines Anbeters von Pilsudski (*) geschriebene Historia Polski auflegte, anders im Parteiverlag Ksiazka i Wiedza zu Warschau oder im Verlag der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN), noch anders im katholischen ZNAK-Verlagshaus in Krakau. Von den illegalen Samizdat-Publikationen der Opposition seit 1970 ganz zu schweigen.

Den ideologischen Gräben einer "bipolaren" Welt zollte auch Clio als Muse der Historie ihren Tribut. In der offiziellen Geschichtsforschung Polens spiegelte sich überdies der von der sowjetischen Historiographie ausgeübte Zwang. Um nur ein markantes Beispiel zu nennen: Für das sowjetische Geschichtsbild der Jahre 1939-1945 galt jahrzehntelang erst der Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR am 22. Juni 1941 als "eigentlicher" Beginn des Zweiten Weltkrieges. Was seit dem 1. September 1939 geschah, wurde offiziell als "imperialistischer Krieg (...) und Fortsetzung der Auseinandersetzungen innerhalb des imperialistischen Systems nach dem Ersten Weltkrieg" gedeutet. Diese Interpretation wurde in den meisten sozialistischen Ländern übernommen, war aber - auch für die linientreuesten - polnischen Historiker absolut unakzeptabel. Ganz verhuren ließen sie sich nicht! In sämtlichen Schulbüchern war beispielsweise zu lesen: "Am 1. September 1939 begann der polnische Verteidigungskrieg gegen die Aggression des Dritten Reiches ..."

Moskaus "Akt der Verzweiflung"

Noch 1981, als ich mich bei Stefan Olszowski, damals Politbüromitglied der PVAP, darüber beklagte, dass auch die neueste sowjetische Geschichtsforschung zum Zweiten Weltkrieg weiter auf den alten Lügen beharrte, ließ mein Gesprächspartner einen kräftigen Fluch hören und murmelte: "Der Suslow hat uns doch eine Änderung versprochen" (**). Gorbatschows Berater Walentin Falin, von mir 1987 in Moskau auf den Fortbestand stalinistischer Geschichtsklitterung angesprochen, entgegnete mit sarkastischem Unterton, dies zu ändern, sei "nicht so einfach" - man hielt also an der "sowjetischen" Version fest.

Verständlich wird dieses Beharren, zieht man die bizarre Vorgeschichte des Kriegsausbruchs am 1. September 1939 in Betracht. Während der ersten Nachkriegsjahre kursierte bei uns dazu die "halb-wahre" Darstellung über die Bemühungen einer von zweitrangigen Generalstäblern gebildeten britisch-französischen Militärmission, die in Moskau bei Verhandlungen mit Außenminister Molotow eine gemeinsame politisch-militärische Front gegen Hitlers Kriegsandrohungen aufzubauen suchte. Das Scheitern dieses Vorhabens - so die sowjetische Version, die nach 1945 von Polen übernommen wurde - habe Moskau dann zu einem "Akt der Verzweiflung" getrieben: zum Ribbentrop-Molotow-Pakt vom 23. August 1939. Diese "halbe Wahrheit" - halb vor allem hinsichtlich der Motive Stalins mit ihren verbrecherischen Konsequenzen wie dem Einmarsch der Roten Armee am 17. September 1939 in Ostpolen und der IV. Teilung des Landes, der Erschießung Tausender polnischer Offiziere in Katyn, der Verschleppung von Millionen Polen nach Sibirien und Kasachstan - durfte in der offiziellen Geschichtsschreibung Polens bis 1989 nicht als Lüge bezeichnet werden. Dass es eine war - wussten alle, wenn auch ohne genaue Kenntnis der Geheimklausel des Ribbentrop-Molotow-Paktes. Es gab nicht nur das anfangs erwähnte Standardwerk zur polnischen Geschichte von Pobog-Malinowski, das in allen Universitätsbibliotheken für Wissenschaftler zugänglich war. Polens Öffentlichkeit sah sich zudem über die Stimme Amerikas und über Radio Free Europe in München informiert. Außerdem lebten noch Millionen Zeitzeugen. Nach 1956 (Phase der Entstalinisierung unter Gomulka - die Red.) wurde in Lehrbüchern und wissenschaftlichen Publikationen auf die Wiederholung von "Halbwahrheiten" und offensichtlichen Lügen- aber auch auf die "volle Wahrheit" - verzichtet, die blieb ein "weißer Fleck". Ich entsinne mich der langjährigen vergeblichen Mühen von Professor Henryk Zielinski an der Universität Breslau, in seiner Historia Polski den 17. September 1939 im wahren Lichte darzustellen, doch auch er scheiterte in den "Solidarnosc-Jahren" 1980/81 an der Zensur.

Auschwitz und Katyn

Dabei brachte das 56er Tauwetters durchaus Augenblicke, in denen es den Anschein hatte, als würden viele "Halbwahrheiten" über den Krieg im Osten entsorgt. Das galt nicht zuletzt für den 22. Juni 1941. Auf die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU, in der unter anderem das zögernde Verhalten Stalins vor dem deutschen Überfall erwähnt wurde, folgten Veröffentlichungen von zeitkritischen Bücher sowjetischer Autoren (Der 22 Juni 1941 von Alexander Niekritsch wurde 1957 bei uns in über 100.000 Exemplaren verkauft). Die Biografie des sowjetischen Aufklärers Richard Sorge, dessen Funksprüche die These vom deutschen "Überraschungsangriff" widerlegten, schlug damals eine Bresche in die "offizielle Geschichtsschreibung". Damit verflochtene Themen wie das deutsch-sowjetische Geheimprotokoll von 1939, die "Bürgerrechte" in die Sowjetunion emigrierter oder deportierter Polen oder das Schicksal der durch die Komintern aufgelösten Kommunistischen Partei Polens (von deren Mitgliedern etwa 15.000 ermordet wurden) blieben weiterhin ein Tabu.

Mehr als selbstverständlich war mithin, dass 1989/90, beim Systemwechsel, eine bisher so an der Kandare gehaltene Historiographie zu weiten Sprüngen ausholte. Plötzlich sollte es keine "weiße Flecken" mehr geben. Die ganze "Auslandsproduktion" aus London und Paris strömte nun ganz offiziell ins Land, die Samizdat-Verleger (Karta, Krytyka, Nowa), bisher als "zweiter Kreis" bekannt, stiegen zum "ersten Kreis" auf. Dazu kamen Fernseh-Dokumentationen, Spielfilme, Essays. Es schien, als solle das "Volk" mit Wahrheit geradezu überschwemmt werden. Dabei offenbarte sich eine neue Deutungsmacht, indem die bisherigen "weißen Flecken" nun durch "schwarze Löcher" ersetzt. Da war plötzlich nicht mehr der 1. September das wichtigste Datum des Jahres 1939, sondern der 17. September: der Tag des Einrückens der Roten Armee in Ostpolen. Nicht mehr Auschwitz war das größte Inferno, sondern Katyn. Nicht mehr (nur) Hitler, Stalin galt als größter Verbrecher aller Zeiten. Diese Tollheit legt sich allmählich. Vor dem 60. Jahrestag des Überfalls auf die UdSSR findet man zu einer gewissen Normalität in der Geschichtsschreibung zurück. Und was normal ist, lässt sich vielleicht am Besten mit einem Zitat aus Thomas Nipperdeys Nachdenken über deutsche Geschichte beschreiben. Auf die Frage: "Kann Geschichte objektiv sein?" antwortet er: "Der Historiker stellt die Vergangenheit in seiner Perspektive dar, ein standortfreier Historiker ist unmöglich - der Historiker gehört selbst zur Geschichte, mit der er sich beschäftigt". Eine Binsenwahrheit?

(*) Polnischer Regierungschef von 1928 - 1930.

(**) Politbüromitglied Michael Suslow galt in der Breschnew-Ära (KPdSU-Generalsekretär von 1964 bis 1982) als Chefideologe der Partei.

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00:00 22.06.2001

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