Weiße Gipfel, rote Sterne

Unterwegs in Kirgisien Lenin streckt noch immer die Hand nach dem Parlament aus

Ich saß auf bunt bestickten Matten an eine teppichbehangene Wand gelehnt und blickte auf die Reste eines sagenhaft üppigen Mahls auf dem flachen Holztisch vor mir. Mayrambeck, mein Gastvater, ein kleiner alter Mann mit klugen Augen, lächelte freundlich. Wir waren allein, für die Frauen des Hauses schickte es sich nicht, mit am Tisch zu sitzen, hatte mir Mayrambeck erklärt, bevor er bereitwillig seine Geschichte erzählte. Er hatte vier Fotoalben hervorgeholt, um den Erinnerungen von Zeit zu Zeit ins Gesicht schauen zu können.

Fast sein ganzes Leben hatte Mayrambeck mit diesem kleinen kirgisischen Bergdorf am Fuße des "Pik Lenin" verbracht, der Siedlung aus flachen geduckten Lehmhäusern auf einer Hochebene, an deren Rändern die Siebentausender mit ihren Schnee bedeckten Gipfeln aufragen. Ich ließ mir von Bergbesteigungen und vom kirgisischen Nationalsport Ulak Tartysh erzählen, bei dem geritten wird und es recht rau zugehen kann. Ich hörte den Alten vom Krieg sprechen, von den Jahren in der Armee. Er erinnerte sich des Rufs "Do Berlina!", der Ende 1944 alle in seiner Einheit noch einmal hochgerissen habe, auch die vom Krieg Erschöpften und Verzweifelten. "Wer hätte geglaubt" - er blätterte ziellos in einem seiner Alben - "dass diese letzten Monate bis zum Ende in Berlin noch so vielen das Leben kosten würden?"

Auch nach einer Reise von mehr als 5.000 Kilometern, dachte ich, ist es mir nicht gelungen, in ein Land zu kommen, dem die Deutschen damals kein furchtbares Leid zugefügt haben.

Während wir sprachen, lief der Fernsehapparat. Ein heftiges Rauschen verhinderte zwar, dass die verschwommenen Bilder mit einem Ton aufwarten konnten. Dem Stolz des Besitzers tat das keinen Abbruch. Eine russische Variante von Wer wird Millionär schien es zu geben an diesem Nachmittag. Mit der gleichen musikalischen Untermalung und einem Moderator, der um die gleichen großen Gesten bemüht war, wie ich sie von zuhause kannte.

Schon während meiner ersten Tour durch Kirgisiens Hauptstadt Bischkek hatte ich mich wie der Hase gefühlt, dem der Igel der Globalisierung sein spöttisches "Ick bin all hier" oder vielmehr "I´m already here, mate" zuruft. Mein Wunsch nach unverfälschter Fremde erfüllte sich nicht. Zwar hatte nicht "H" die Fahnen hoch gezogen, doch waren die Werbetafeln für "DHL" nicht zu übersehen. Des Kleingärtners liebsten Plastikstuhl gab es auch hier, und Bischkeks Flaniermeile war mit den gleichen Steinen gepflastert wie mancher Vorgarten in Berlin.

Marx und Engels plaudern inkognito

Als Mayrambeck den Fernsehapparat abgeschaltet hatte, begann er, auf Stalin zu schimpfen, auch an Gorbatschow blieb kein gutes Haar, der sei Schuld, dass es mit der Sowjetunion so schnell vorbei war. Und so viel kaputt ging. Der Alte sprach vom Zusammenhalt, den es früher gab, und von den gestiegenen Zuckerpreisen.

Gänzlich ausgemustert scheint der kirgisische Sozialismus in Bischkek keineswegs. Da die Nomadenkultur der Gegend nie viel Ehrgeiz auf den Bau von Städten verwandt hat, gibt es keine alten Gebäude, dafür aber die gemeine "Platte" mit orientalischen Ornamenten - immerhin. Der Hauptboulevard ist von Grünanlagen und Regierungsgebäuden gesäumt. Von seinem Sockel darf Lenin auch weiterhin die Hand nach dem Parlament ausstrecken. Marx und Engels plaudern im Park. Inkognito allerdings, die Namensplaketten fehlen. Im Nationalmuseum ist - als Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung - einer ganzen Etage die Ausstattung aus Sowjetzeiten erhalten geblieben. Auch der Name "Lenin" wird nicht verschmäht. Die Themen der Ausstellung umrahmen riesenhafte Reliefs und Deckengemälde des sozialistischen Realismus. Leider ist die Etage schlecht ausgeleuchtet. Absichtlich, vermutete ich.

Obwohl die DDR nicht so lange durchhielt, damit ich das erforderliche Alter erreichen konnte, um mir das Lied Kleine weiße Friedenstaube beibringen zu lassen, spürte ich beim Anblick von Bischkek eine gewisse Seelenverwandtschaft zwischen meinem Herkunfts- und diesem Land. Viele Kirgisen glauben offenbar nicht, ein System zurückgelassen zu haben, sondern vom System zurückgelassen worden zu sein. "Heute leben wir gut, aber damals haben wir sehr gut gelebt", hatte mir Mayrambeck mitgeteilt, als sich seine Erregung über Gorbatschow wieder zu legen begann. Ich sollte auch später niemanden treffen, der mir ins Gesicht sagen wollte, dass es ihm jetzt besser gehe.

Gottesdienst in der Kirche von Rotfront

Welch bescheidener Komfort als "gutes Leben" bezeichnet werden kann, machte mich beinahe verlegen. Mayrambecks Familie gehörte zu den Wohlhabenden in seinem Dorf. Deshalb stand hinter dem Kartoffelfeld ein gemauertes, weiß getünchtes Toilettenhäuschen anstelle des sonst üblichen zugigen Bretterverschlags. Wasser- oder Abwasserleitungen gab es für keinen im Dorf, dafür einen kalten Gebirgsbach, und der Teekessel vor dem Haus diente als Dusche.

Der Alte schlug mit Hilfe des Albums Seite für Seite seiner Erinnerungen vor mir auf und betrachtete manches Bild so konzentriert, als sähe er es in diesem Augenblick zum ersten Mal. Nein, am Issyk-Kul, diesem meeresgleichen Bergsee, in dem sich die Gipfel des Tienschan-Gebirges spiegeln und der als die touristische Attraktion Kirgisiens gilt, war er noch nie. Leider. Aber zu einer Pilgerfahrt nach Mekka - zu der habe er sich aufgerafft.

Dass Kirgisien ein vorwiegend muslimisches Land ist, war mir besonders im Süden aufgefallen. Dabei schien dieser Islam weder verschlossen und noch abweisend zu sein. Würden in Bischkek Kopftücher getragen, dann zumeist aus praktischen Erwägungen, hörte ich, und auf nomadische Art.

Als wir über die Religion sprachen, erzählte ich Mayrambeck von einer kuriosen Begegnung mit dem christlichen Glauben in seinem Land. Aus Neugier hatte ich einen Abstecher nach "Rotfront" unternommen, einem kleinen Dorf unweit der Hauptstadt, in dem wie selbstverständlich Deutsch gesprochen wurde. Vor 300 Jahren waren viele Schlesier auf der Suche nach einem besseren Leben ausgewandert und über Umwege nach Kirgisien gelangt. Hier gründeten sie verschiedene Dörfer, so auch "Bergthal", das unter Josef Stalin in "Rotfront" umbenannt wurde.

Waldemar Jansen, ein Einwohner, der lachend darauf bestand, dass sein Name "arisch" klinge, meinte voller Stolz: "Sie befinden sich im einzigen Dorf Kirgisiens, in dem nachts die Straßen beleuchtet werden und kleine Springbrunnen in den Gärten plätschern." Viele seiner Nachbarn hätten sich in den letzten Jahren entschlossen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und nach Deutschland zu gehen - so sei die Mehrheit in Rotfront längst kirgisischer Herkunft.

Mittlerweile finanziert die Bundesregierung diverse Förderprogramme, um die Kirgisien-Deutschen in Zentralasien und vom deutschen Arbeitsmarkt fern zu halten. Auch der Rotfrontler Peter Schmidt profitiert davon. Die deutsche Botschaft bezahlt sein Germanistik-Studium in Bischkek, dafür betreut er nebenher deutsche Geschäftsleute auf ihren Reisen zu neuen Märkten.

Der kirgisische Peter zeigte mir den etwas heruntergekommenen Bau der Dorfschule von Rotfront, in der sich auch das "Zentrum für Deutsche in Kirgisien" befindet, das Wert darauf legt, eine der vielen Einwanderer-Geschichten längst vergessener Zeit zu dokumentieren. Die Bewohner von Rotfront hätten während des Zweiten Weltkriegs heftige Repressionen ertragen müssen und daher alles daran gesetzt, nicht als Deutsche zu gelten, erklärte mir Schmidt. Auf entfernteste polnische Verwandte habe man sich damals berufen, um nicht als Kollaborateur verdächtigt zu werden.

Schließlich - und deshalb erzählte ich Mayrambeck von Rotfront - konnte ich in der Kirche des Ortes noch einen recht konservativen evangelischen Gottesdienstes erleben und mich die ganze Zeit nicht des Eindrucks erwehren, der christliche Glaube muss offenbar wie eine feste Burg verteidigt werden, damit seine Mauern in diesem muslimischen Land durch nichts zu erschüttern sind.

Neben Mayrambeck stapelten sich alte Zeitungen, die er Tag für Tag von Neuem lese, wie er mir versicherte. Er sei eben politisch interessiert und pflege deshalb diesen sonderbaren Brauch. Besonders Bill Clinton habe er gemocht. Aber George Bush, was solle man da sagen? Was wolle der mit seinen Soldaten ausgerechnet in Kirgisien?

Schon bei meiner Landung auf dem "Manas"-Flughafen nahe Bischkek waren mir die mattschwarzen US-Militärflugzeuge aufgefallen, zwischen denen die zivilen Aeroflot-Tupolews wie bedürftige Kostgänger und deplaziert wirkten. Später erfuhr ich im Büro der amerikanischen Nichtregierungsorganisation IFES, dass auf dem Flughafen seit 2002 ein etwa 3.000 Mann starkes US-Militärkontingent stationiert sei, um die Maschinen in Schuss und für Schläge gegen den "internationalen Terrorismus" bereit zu halten. Dieses amerikanisch-kirgisische tête-à-tête wird nicht nur in Moskau mit Misstrauen betrachtet. Afghanistan liegt zwar in der Nähe, aber eine geplante Pipeline durch Kasachstan und für kaspisches Öl liegt noch näher.

Bisher fließt vor allem amerikanisches Geld an die Regierung in Bischkek. Über die Summen gibt es manche Gerüchte. Gerade die mangelnde Transparenz schürt den Verdacht, dass Präsident Askar Akajew bei diesem Geschäft seine eigenen Taschen füllt oder vielmehr seinen Filzhut, die sperrige Kopfbedeckung, mit der er allenthalben auf Plakaten erscheint.

Für wenig Geld die eigene Stimme verkauft

Der Australier Chedomir Flege, der zunächst für die Vereinten Nationen arbeitete und dann Leiter von IFES in Bischkek wurde, lässt keinen Zweifel, "die Amerikaner sind der Auffassung, sie hätten in Zentralasien eine Mission, sie wollen die Region stabilisieren und humanitäre Hilfe leisten. Die Truppen sind Teil dieses selbst gestellten Auftrags." Doch es sei nicht Sache von IFES, sich damit zu beschäftigen. Man wolle in Bischkek helfen, das Wahlsystem zu verbessern, um die Demokratie voran zu bringen. Eine Arbeit der kleinen und kleinsten Schritte sei das, so Flege. Oft scheitere sie an Bürokratie, Lethargie oder der Macht der Clans, die sich nicht ins Abseits drängen ließen. "Wird hier jemand in ein Amt gewählt, sind alle Freunde aus dem Clan mit im Boot, um von den Vorteilen zu profitieren." Eine viel größere Schwierigkeit sei die Armut der Menschen, die manchen antreibe, für wenig Geld die eigene Wählerstimme einfach zu verkaufen.

Mir schien das keine Skurrilität, die irgendwann wieder verschwinden wird. Eher ein Hinweis darauf, was einem alles verborgen bleiben kann auf der Tour durch ein solches Land, das auf der Flucht nach vorn viele zurück lässt. Die Ärmeren allemal - der Beobachter sieht so viel und doch fast nichts.

Bald, nach der Begegnung mit Chedomir Flege, war die kirgisische Reise zu Ende. Nach meiner Rückkehr via Moskau nach Berlin schickte ich Mayrambeck ein Album von unserer gemeinsamen Zeit am "Pik Lenin". Ich bin nicht sicher, ob es für ihn so wertvoll ist wie für mich.

Laura Laabs studiert Politik, Philosophie und Medienwissenschaft in Potsdam, ist freie Autorin und arbeitete als ltd. Redakteurin für das Blatt Die Unbunte.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 19.11.2004

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare