Weiße Hölle

A–Z Deutschland friert. Bereits im Oktober. Während die Meteorologen sich noch bedeckt halten, wittern selbsternannte Wetterpropheten einen Jahrhundertwinter. Das Lexikon
Redaktion | Ausgabe 43/2015

A

Alkohol Die auf der antarktischen Ross-Insel gelegene US-Forschungsstation McMurdo ist von drei Dingen umgeben: Dunkelheit, Schnee und Eis (➝ Schweden). Nicht wenigen Wissenschaftlern scheint das aufs Gemüt zu drücken, weshalb die hauseigenen Bars, drei an der Zahl, stets gut besucht sind. Doch mit dem ständigen Gezeche könnte es bald vorbei sein. Denn die National Science Foundation überlegt derzeit, so berichtete das amerikanische Magazin Wired, Alkoholtests auf der Station einzuführen.

In den letzten Monaten sei es nämlich vermehrt zu „Schlägereien, Exhibitionismus und Trunkenheit bei der Arbeit“ gekommen. Zwischen Forschern und Vertragsarbeitern, also Köchen, Fahrern oder Reinigungskräften, kämen deshalb immer wieder Spannungen auf. Zudem wurde ein Wissenschaftler sogar dabei ertappt, wie er eines der Forschungslabore zum Bierbrauen nutzte. Dabei müssten doch eigentlich gerade Naturwissenschaftler wissen: Alkohol ist keine Lösung, sondern ein Destillat. Nils Markwardt

D

DDR Am Morgen des 28. Dezember 1978 misst man in Norddeutschland rund 10 Grad plus. Doch im Laufe des Nachmittags fallen die Temperaturen bis auf 30 Grad minus. Es setzen Schneestürme ein, binnen Stunden versinken ganze Landstriche im Chaos. In der MDR-Reportage Als der Osten im Schnee versank berichtet etwa ein damals auf Prora stationierter NVA-Soldat, dass er mit seiner Einheit unbeschwert ins Kino (➝ Film) ging. Als sie dieses nach 45 Minuten wieder verlassen wollten, der Strom war ausgefallen, bekamen sie die Tür ob der weißen Massen nicht mehr auf. Auch in Schleswig-Holstein herrschte Ausnahmezustand, doch in der DDR war es besonders dramatisch: Rügen blieb tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, Energie- und Landwirtschaft wurden empfindlich getroffen. Das war auch der Unfähigkeit des SED-Politbüros geschuldet, welches die Katastrophe zunächst kleinredete und dann viel zu spät reagierte. Nils Markwardt

F

Film Wer von der weißen Hölle spricht, der muss vom Kino reden. Man denke etwa an Stanley Kubricks eingeschneites Horrorhotel in Shining, den fast erfrierenden Luke Skywalker in Das Imperium schlägt zurück und die schneeverwehte Freiheitsstatue im Klimawandelkatastrophen-Pic The Day After Tomorrow. Genrepionier ist Die weiße Hölle vom Piz Palü. Der Bergsteigerstummfilm von 1929 liefert ein waschechtes Drama im Eis, Lawinenverschüttung inklusive.

Vielleicht bekam Leni Riefenstahl, die die Figur der Maria Maioni spielt, hier ihre bekannte Obsession für die Inszenierung weißer Objekte weg. Bedrückend ist hingegen die Comic-Adaption Snowpiercer. Die schickt die letzten Überlebenden einer Eiszeit in einem Zug durch eine kalte Wüste, die nicht weniger frostig ist als die sich dort herausbildende Klassengesellschaft (➝ Obdachlos). Abgeraten sei aber von Disneys Hundedrama Antarctica. Bei heulenden Huskies in Kitschkulisse läuft’s dem Zuschauer eiskalt den Rücken runter. Tobias Prüwer

G

Game of Thrones „Winter is coming“ ist nicht nur der Titel der allerersten Episode der Serie (➝ Zubehör), sondern auch der Wahlspruch des Hauses Stark von Winterfell. Im Norden gelegen, trifft sie die Kälte naturgemäß besonders hart. Und weil es so herrlich metaphorisch klingt, werden die Charaktere auch nicht müde, bei jeder Gelegenheit zu betonen, dass der Winter auf dem Weg ist. Lord Eddark „Ned“ Starks Ausspruch „Brace yourselves, winter is coming“ wurde schnell zu einem der meistzitierten Sätze der gesamten Serie. Mittlerweile ist „Imminent Ned“ ein populäres Internetmeme, das immer dann gepostet wird, wenn im Herbst zum ersten Mal die Frontscheibe zufriert.

Aber auch ganzjährig warnt es vor allem Möglichen: Abschlussprüfungen, Sommerschlussverkauf, dem Moment, in dem im Radio wieder Last Christmas läuft. Als Anfang Mai an der Uni Mainz eine Tür kaputtging und wochenlang darauf verwiesen wurde, dass der Techiker informiert sei, dauerte es nicht lange, bis ein ausgedruckter „Imminent Ned“ an der Tür verkündete: „Brace yourselves, Techniker is coming.“ Immerhin war der Winter da schon vorbei. Simon Schaffhöfer

L

Literatur Durch ihre persönliche weiße Hölle musste Sigrid Löffler, als sie im Jahr 2000 ihren Abschied vom Literarischen Quartett nahm. Und das ging so: Die heftige Auseinandersetzung (➝ Schneeballschlacht) vor laufenden Kameras zwischen ihr und Marcel Reich-Ranicki entzündete sich an Haruki Murakamis fabelhaftem Roman Südlich der Grenze, westlich der Sonne, der die Geschichte einer unerfüllten, einmalig aber dann doch realisierten Liebe erzählt. Konkret explodierte es zwischen Löffler und Ranicki im Streit über die zentrale Szene des Buchs.

In dieser fährt das Liebespaar mit dem Auto über viele, viele Buchseiten hinweg durch eine Winterlandschaft; seiner tragischen, da einzig bleibenden, dafür aber umfangreich geschilderten Liebesnacht in einer eingeschneiten Berghütte entgegen. Ranicki gab sich begeistert, doch so viel Schnee, Sex und Sehnsucht, das war einfach zu viel für Löffler. Abwechselnd unterstellten sich die Streithähne dann irgendwas zwischen seniler Notgeilheit und altersbedingter Frigidität. Im Anschluss entschwand Sigrid Löffler für alle Zeiten ins weiße Schneerauschen der Flimmerkiste. Timon Karl Kaleyta

O

Obdachlos Viele Flüchtlinge kampieren noch in Zelten. „Uns ist kalt“, stand auf den Schildern derer, die vor ein paar Tagen vor dem Hamburger Rathaus gegen die Unterbringung in unbeheizten Unterkünften protestierten. Die sollen nun zumindest winterfest gemacht werden. Das oberste Ziel sei die Vermeidung von Obdachlosigkeit, sagte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. Man müsse auf die Temperaturen gucken und nicht auf den Kalender, forderte ein Mitarbeiter des Hamburger Straßenmagazins „Hinz & Kunzt“ und schloss sich den Linken an, die das Winternotprogramm, das traditionell am 1. November beginnt, schon jetzt einleiten wollen.

Man könnte etwa das ehemalige Verlagsgebäude von Gruner + Jahr öffnen, schlug er vor. Dort hätten rund 350 Menschen Platz. Für den Winter in Berlin fürchtet Ulrike Kostka, Direktorin des Berliner Caritasverbands, eine wachsende Konkurrenz zwischen Flüchtlingen und Obdachlosen. Wenn der Winter eiskalt werde (➝ Prophet), seien dramatische Situationen möglich. Die niedersächsische Landesregierung hat die Kommunen deshalb verpflichtet, sofort Tausende neue Plätze in Flüchtlingsnotunterkünften bereitzustellen. Man muss an Thomas Hobbes denken, homo homini lupus. Der Mensch wird zum Wolf, wenn er friert. Maxi Leinkauf

P

Prophet Das können, was den Winter betrifft, eigentlich alle Lebewesen sein. Ob Bäume („Ist der Nussbaum früchteschwer, kommt ein harter Winter her“), Bienen („Kommen die Bienen nicht heraus, ist’s mit schönem Wetter aus“) oder Bayern. Sepp Haslinger gehört zu Letzteren und beobachtet die Natur ganz genau. Vor allem mittels seiner „Königskerze“ (auch: „Wetterkerze“), einem wetterfühligen Braunwurzgewächs, welches ihn bei manchen Medien zum gefragten Experten machte. Denn die kann der bajuwarische Volksmeteorologe lesen wie ein Buch (➝ Literatur), so dass sie ihm etwa verrät, wie der kommende Winter wird, nämlich lang und schneereich.

Und diese heißen – oder dann eben: kalten – Infos gibt er an uns weiter. Uns, die normalen Winterverängstigten, oder allen die sich sonst die Mühe machen, einzelne Wörter wie „Jahrhundertwinter“ und „Weihnachtszeit“ aus seinem konsonantenlastigen Gemurmel herauszuhören und zu einer wetterfesten Prophezeiung zusammenzusetzen. Kaffesatzleserei!, findet hingegen der Deutsche Wetterdienst und hält sich bei Prognosen selbst lieber bedeckt. Zumindest bei denen, die über sieben bis zehn Tage hinausgehen. Aber die haben eben auch keine Königskerze. Pia Rauschenberger

S

Schneeballschlacht Das Connewitzer Kreuz in Leipzig ist ein mythischer Ort. Einige meiden ihn, weil er im Zentrum eines Kiezes liegt, den sie in der Hand von Linksradikalen und Autonomen wähnen. Einmal im Jahr kommt es hier zu einem für Außenstehende unverständlichen Ritual: eine Schneeballschlacht. Zum eigentlich harmlosen Vergnügen versammeln sich die frei assoziierten Kombattanten (➝ Game of Thrones), 200 bis 300 Leute, beim ersten liegen bleibenden Schnee. Man teilt sich lose in „Team Rewe“ und „Team Südbrause“ (benannt nach einem Lokal) auf und bewirft sich über die Straße hinweg mit Schneebällen.

Die Umwelt nimmt es meist gelassen hin, feuert an oder macht gar mit. Mancher Autofahrer mag nicht amüsiert sein, aber, hey: Es ist nur Schnee. Irgendwann kommt die Polizei in Einsatzstärke, auch das hat sich zum Ritual entwickelt. Ruppig versucht sie, den Ballsport zu unterbinden, und regelmäßig kommt es dann zu Rangeleien, Flaschen können fliegen, auch mal Mülltonnen brennen. Anschließend berichten die Lokalmedien und schüren so den Mythos Connewitz weiter. Warum die Polizei dem winterlichen Vergnügen unbedingt mit eisernem Schneebesen begegnen muss, wird dabei meist nicht gefragt. Tobias Prüwer

Schweden Es war am Nikolaustag 1998. Das Datum habe ich mir nicht gemerkt, sondern ergoogelt, was sehr einfach war, denn an diesem Abend spielte in der ehemaligen Seemannskirche von Gävle die Band bob hund. Dass ich den Winter in Schweden verbrachte, wo Frühstückskaffee und Sundowner gegen Jahresende in eins fallen, verdankte ich der EU, die Freiwillige nach dem Abitur damals in ihre Mitgliedsstaaten verschickte. Bob hund jedenfalls spielten Zugaben, die dreimal so lang waren wie das eigentliche Konzert, und als wir die Sjömanskyrkan verließen, war Gävle weg.

Von parkenden Autos erkannte man nur noch die Antennenspitzen, ein Mann in Armeeklamotten dirigierte das Ballett der jaulenden Schneeräumfahrzeuge. Einem konnten wir bis zu unserem Wohnblock folgen, die letzten Meter zur Wohnungstür hangelten wir uns an den Verandageländern entlang. Der größte von uns, Thomas aus Frankreich, der 1,90 Meter maß, ließ sich schließlich in unseren Hauseingang fallen und schaufelte das Türschloss frei. Am kommenden Tag rückte die Armee (➝ DDR) ein und organisierte den Abtransport der weißen Massen. Außer den Soldaten musste keiner zur Arbeit. Es wurde ein überraschend herrlicher Montag, ganz Gävle spazierte umher, und die Sonne schien von früh bis, nun ja, früh. Christine Käppeler

Z

Zubehör Der nächste Winter könnte hart werden. Decken Sie sich deshalb umgehend mit Fünf-Minuten-Terrinen ein, die sind schön billig. Ihr Geld sollten Sie nämlich anders investieren: in DVDs. Sind Sie ein Bewegungsmensch? Dann wäre eine Zumba-Tanz-DVD zum Animationssport vor der Mattscheibe das Richtige. Wenn Sie eher eine Sofakartoffel sind, sollten Sie sich den „Kamin-Mix Vol. 2“ zulegen – mit 17 verschiedenen atmosphärisch wärmenden Feueraufnahmen! Außerdem benötigen Sie Räucherstäbchen (oder andere Nasenvernebler), zwei Paar dicke Noppensocken, Hausschuhstiefel, diverse Teesorten, Schnaps (➝ Alkohol), einen Indoor-Whirlpool (wahlweise auch eine Sauna), eine Schneekugel, altes Geschenkpapier und alte Geschenke vom letzten Weihnachtsfest sowie ein Schrotgewehr und eine Knolle Knoblauch. Man weiß ja nie. Ben Mendelson

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06:00 04.11.2015

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