Weiße Jungs bringen’s nicht

Landnahme Die 10. Berlin-Biennale spielt mit dem Postkolonialismus und vermeidet dabei alle Moralisierungsfallen

In der Akademie der Künste hat man selten eine besser aufgebaute und installierte Ausstellung gesehen. Die Räume wirken großzügig und frei, Kunstwerke haben Platz, wo sie ihn benötigen. Die Führung von Wegen und Licht ist schlicht großartig. Aufgeräumt und präzise wirkt diese zehnte Berlin Biennale an all ihren Ausstellungsorten, so als sei ihr diesjähriges Motto eben nicht nur eine artifizielle Worthülse; we don‘t need another hero. Konkret scheint das zu heißen: Auf Diskurs-Spektakel wurde verzichtet.

In einem Interview im Katalog spricht die Kuratorin Gabi Ngcobo von der Idee, eine Ausstellung zu machen, die nicht wie eine Ausstellung aussieht. Was vielleicht heißt: Konfrontation muss man suchen, sie findet nicht statt, ausgerechnet dort nicht, wo es sich anbietet. Als da wären die Triggerthemen Rassismus, (Post-)Kolonialismus, Migration. Im Gegenteil, nirgends wird eine simple Identitätspolitik postuliert, mit all den Ausschlüssen und Abweisungen, die sie manchmal mit sich bringt. Plakative Moralisierungen fehlen weitgehend. Die Kunst wird nicht plärrig für politischen Aktivismus zu instrumentalisieren versucht. Stattdessen bekommen subtilere Gesten ihren Platz.

Jetzt bist du mal Objekt

Das hat freilich auch eine Kehrseite. Auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung provozierend unspektakulär. Sie vertritt einen ganz konventionellen Kunstbegriff. Man könnte fast sagen, sie ist bieder. Jedenfalls braucht man Neues, Aufregendes oder allzu Verstörendes nicht zu erwarten, und es gibt einen ganzen Haufen Argumente, mit denen man diese Biennale in Grund und Boden zusammenkartätschen könnte.

Geht man eines der grundsätzlicheren durch. Handelt es sich nicht bei der Globalisierung der Kunst um eine neue Facette eines alten Kolonialismus? Nämlich um eine Kolonisierung kultureller Ausdrucksformen durch genuin alteuropäische Institutionen, wie dem Museum, dem Kunstmarkt, den Galerien? Raubt man damit nicht letztlich den lokalen Kulturen die Luft? Läuft das Ganze nicht einfach auf die fatale Ausweitung der kulturellen Oligarchenherrschaft heraus, die uns schon hier die Kunst ruiniert? Und stellt dann eine noch so gelungene Ausstellung nicht einfach nur eine vergebliche Anpassungsleistung dar? Einen Rückschritt, der nicht einmal vom falschen Weg abweicht?

Der Berlin Biennale ist es in ihren letzten Ausgaben immer wieder gelungen, sehr unterschiedlichen Herangehensweisen Raum zu geben. Das hat sich sowohl bei Artur Żmijewski im Jahr 2012 als auch beim DIS Collectiv 2016 als sehr umstritten, aber zugleich sehr produktiv erwiesen.

Dekolonialisiert

Berlin Biennale Das diesjährige Motto lautet „We Don’t Need Another Hero“ – und an der Pressekonferenz wurde tatsächlich Tina Turners Song gespielt. An vier Ausstellungsorten findet die Biennale bis September statt, traditionell beteiligt sind die Kunst-Werke als Geburtsstätte der Biennale vor 20 Jahren („hybrid“ und „interdisziplinär“ waren da noch die Schlagworte), die Akademie der Künste am Hanseatenweg, das Zentrum für Kunst und Urbanistik im ehemaligen Güterbahnhof Moabit, sowie der gläserne Pavillon neben der Volksbühne. Nur wenige der 47 Teilnehmer tragen bekannte Namen, die Kuratorin Gabi Ngcobo und ihr Team präsentieren vor allem neue KünstlerInnen.

Die Filme, Gemälde, Zeichnungen und Fotografien kommen aus allen Teilen der Welt. Sie alle eint das Angebot der Lesarten, die Maxime: maximal uneindeutig. Die „Sehnsucht nach einer Heldenfigur“, so Gabi Ggcobo, wird nirgends befriedigt. Es geht um eine Positionierung außerhalb der „Logik historischer Ereignisse und Narrative“. So dockt die Biennale an die Diskurse von Stadt und Welt an, und will sich gleichzeitig von niemandem vereinnahmen lassen. Cem Bozdoğan

Was gelingt bei dieser Biennale? Im Einzelnen gibt es sehr viele gute Werke. Und natürlich auch einige, die komplett daneben gehen. Das betrifft leider auch den Film von Mario Pfeifer. Er untersucht den Angriff auf einen irakischen Flüchtling in Sachsen, der ihn letztlich wohl in den Suizid trieb. Den Fall zu recherchieren und in seinen Details aufzuarbeiten, ist ohne Zweifel richtig und wichtig. Darüber ein theatralisch inszeniertes Tribunal Gericht sitzen zu lassen, schon eher zweifelhaft und mit dem Pathos der Bildführung nah am Kitsch. Dazu aber noch einen Schauspieler, der sonst als Tatortkommissar bekannt ist, mit der Aufgabe zu betreuen, wieder und wieder zu mehr Zivilcourage zu ermahnen, überschreitet vollends die Grenze zum Peinlichen. Es ist der sehr deutsche Hang zur Besserwisserei, der sich hier vor allem präsentiert.

Weg von der Moralkeule hin zu den Ambivalenzen. Im Zentrum der Berliner Kunst-Werke in der Auguststraße hat die Performerin Okwui Okpokwasili einen mit halbtransparenter Folie umschlossenen Raum installiert. Von einer Brüstung ein Stockwerk höher kann man auf die Tänzer herabschauen. Die Position macht die Zuschauer zu Voyeuren. Unten bewegen sich die Akteure in ungefähren Paarzuordnungen. Das Ganze hat mit einem Ritual des Widerstands aus Nigeria zu tun, so erklärt ein längerer Text am unteren Eingang zum Raum. Was wir aber sehen, ist eine sehr andere Szene. Da mühen sich die vornehmlich weißen Beteiligten in einer Übung der Einfühlung in die Bewegungen der vorwiegend nicht-weißen Tänzer. So entsteht ein klischeegeladenes und heiteres Bild von weißer Verklemmtheit und Befangenheit. Sollte das Absicht gewesen sein, dann wäre diese Arbeit in ihrem doppelten Spiel mit voyeuristischen Beobachtern, bemühten Beteiligten und Performern ein ganz großartig gelungener Spaß. Aber wahrscheinlich ist leider alles ganz ernst gemeint. Denn Witz und Selbstironie gehen der Ausstellung insgesamt in ihrem Hang zum guten Willen leider ein wenig ab.

In Natasha A. Kellys Video „Millis Erwachen“ geht es um die Perspektiven afrodeutscher Frauen und darum, wie der Expressionist und „Kolonialmaler“ (Kelly) Ernst Ludwig Kirchner einen noch typisch erotisierenden, exotisierenden Blick auf sein Model, die „Schlafende Milli“ pflegte. Kelly setzt sich nun damit auseinander, wie schwarze Frauen traditionell zu Objekten der Begierde reduziert wurden. In Anlehnung an die feministische Tradition des Quiltens hat die Künstlerin afrodeutsche Frauen interviewt, die über Leben und Arbeit in einer weißen Mehrheitsgesellschaft berichten. Da kommt genau diese verzwickte Lage zur Sprache, die Mischung aus der Faszination am Fremden, der Abwehr des Anderen ebenso wie auch dem oft ins Leere oder ins Missverständnis laufenden Versuch der Einfühlung und dem bewussten oder auch unbewussten Reproduzieren letztlich rassistischer Vorurteile. Bei Kelly wird die schwarze Frau vom Objekt der Kunst zum Subjekt ihres eigenen Lebens.

Der Bildhauer Thierry Oussou hat einen etwas verschachtelten Kommentar zum Kult des Ausgrabens und der Rückgabe verschleppter Kult- und Kulturgegenstände durchgeführt. Als die Franzosen das Gebiet des heutigen Benin unterwarfen, raubten sie den Thron des damaligen Königs Béhanzin. Das Stück befindet sich noch heute in Frankreich, wird aber vom Staat Benin zurück gefordert. Der Künstler ließ nun eine Kopie des Throns herstellen. Im Jahr 2015 wurde diese Kopie vergraben. Im darauf folgenden Sommer tat er sich mit einigen Archäologen zusammen und veranstaltete eine Ausgrabung, die den Thron wieder zu Tage förderte, nach allen Regeln anerkannter wissenschaftlicher Methoden. Dieses Ritual wiederum umgab das Objekt mit einem derartigen Hauch von Echtheit, dass der Künstler Schwierigkeiten bekam, es für die Ausstellung zu exportieren. Doch nun befindet es sich in Berlin, neben einer Dokumentation der Ausgrabung und verschiedenen anderen dabei zum Vorschein gekommenen Artefakten.

Blök, Schaf! Bell, Hund

Mein Favorit ist eine Arbeit der Künstlerin Emma Wolukau-Wanabwa. Sie zeigt eine Dämmerung in Uganda. Sonnenuntergänge in den Tropen sind kurz. Die unbewegte Einstellung dauert gut zwanzig Minuten. Wir sehen einen rosa Schimmer hinter Wolken, im Abendwind wogende Äste. Wir hören Stimmen von Kindern, Blöken von Schafen und Ziegen und entferntes Hundegebell. In sechs Episoden berichten verschiedene Stimmen über Variationen zu dem Thema „Promised Land“, so auch der Titel der Arbeit. Das sind teils vorgelesene Texte, teils eingesprochene Unterhaltungen oder Interviews. Eine Stelle ist mir in Erinnerung geblieben. Sie handelt von den Utopien, genauer gesagt von einer ihrer Eigenschaften, über die ich mir noch nie viele Gedanken gemacht habe. Sofern Utopien nicht rein imaginär sind, müssen sie sich an einem realen Ort ansiedeln. Nun ist es leider so, dass die meisten für utopische Vorstellung tauglichen Orte schon von anderen Menschen bewohnt werden. So kommt es, dass die verwirklichten Utopien in der Regel mit einem Akt der Vertreibung und gewalttätigen Landnahme beginnen.

Info

10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst bis 9. September 2018

06:00 24.07.2018

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