Weiße Maus, zeig deine Krallen

Waffen der Frau Eine Londoner Ausstellung untersucht die Methoden und die Geschichte weiblicher Kriegsführung. Besonders im Zweiten Weltkrieg eroberten Frauen sich das Recht, an den Fronten mitzukämpfen

Jungen setzen harte, aber ehrliche Schläge mit den Fäusten, während Mädchen gemein kratzen und beißen. Aber keinem gestanden Kerl würde solch schwächliche ist und Tücke wirklich etwas ausmachen. Oder?

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wurden im afrikanischen Königreich Dahomey Frauen als Palastwächter und Elitesoldaten eingesetzt. Die 6.000 weiblichen Krieger trugen Feuerwaffen und Schwerter, doch war ihre Spezialität der waffenlose Zweikampf, in dem sie mit Fingernägeln und Zähnen kämpften. Die Franzosen konnten diese Truppe bei ihrem am Ende siegreichen Einmarsch nur mittels ihrer überlegenen Feuerkraft auslöschen. Feige aus der Ferne.

An Beispielen für außergewöhnliche Kriegerinnen fehlt es in der Geschichte nicht, wie die Ausstellung Women and War im Londoner Imperial War Museum vorführt. Sie reichen vom vorchristlichen Mythos der einbrüstigen Amazonen über die Stimmen hörende Jeanne d´Arc bis hin zu Hannah Snell - einer Engländerin, die im 18. Jahrhundert als vermeintlicher Mann in der Armee diente. 1745 verließ sie der Ehemann und werdende Vater. Nach einer Fehlgeburt schlüpfte Hanah, die sich mit diesem Schicksal nicht abfinden wollte, in Männerkleidung und machte sich auf die Suche nach dem Davongelaufenen. In einer Raststätte traf sie auf Schergen, die sie zum Eintritt in die Armee überredeten. Kurze Zeit später kämpfte sie mit den Marines in Indien gegen die Franzosen.

Niemand sollte deshalb meinen, dass Hannah ihren neuen Beruf unbedingt liebte. Doch wie hätte sie sich damals als alleinstehende, nicht mehr junge Frau sonst ernähren sollen? Sie offenbarte sich erst nach Jahren einigen Vertrauten, die ihr dazu rieten, ihr Geheimnis zu enthüllen, da sie so ein Anrecht auf eine staatliche Pension bekäme. Dies tat sie, schrieb zudem einen Bestseller über ihre Abenteuer an der Front, mit dem sie im ganzen Land auf erfolgreiche Lesereise ging. 1792 starb Hannah Snell in einem staatlichen Altersheim.

Es war der erste Weltkrieg, der die "kämpfende Frau" ein Stück weit von der Ausnahme zur Regel machte, suggeriert die Ausstellung des Museums mit dem Namen aus Empire-Zeiten. Am Anfang begnügte sich das weibliche Geschlecht noch mit der traditionellen Rolle als Krankenpflegerin und Landarbeiterin, doch kamen etwa in England im Juli 1915 schon Tausende Frauen in der Hauptstadt zusammen, um sich in dem "Right to Serve March" das Recht zu erstreiten, aktiv am Kampfgeschehen teilzunehmen. "Die Situation ist ernst", stand damals auf einem Banner, "ohne die Hilfe der Frauen ist sie nicht zu retten".

Was bis 1918 den weiblichen Uniformierten zumeist nur den Schritt zu Hilfsdiensten an der Front eröffnet hatte, wuchs sich im Zweiten Weltkrieg stellenweise zur völligen Gleichstellung aus. So kämpften rund die Hälfte der 800.000 russischen Frauen, die in der Roten Armee dienten, als Maschinengewehrschützen, Panzerfahrer, Scharfschützen und Flugzeugpiloten.

Bei all dem sinnlosen Grauen und Sterben, das diese beiden Katastrophen über die Menschheit brachten, kann - so meinen die Ausstellungsmacher - nicht geleugnet werden, dass sie die Emanzipation der Frau beförderten. In Großbritannien hatten die Frauen 1914 noch kein Stimmrecht, 1918 hatten sie es. 1939 standen ihnen die meisten Berufe noch nicht offen, 1945 waren es wesentlich mehr. "Wie können Sie mit einer Hand vor einer Frau salutieren und sie mit der anderen missbrauchen", fragte die Zeitschrift Vogue die Männerwelt damals in Anspielung auf die zahlreichen weiblichen Sergeants, Lieutenants und Colonels.

Doch brachten die großen Kriege den Frauen nicht nur bei, ihre Fäuste zu benutzen. Auch ihre Fingernägel und Zähne waren vor allem in den vierziger Jahren gefragt. Gerade die Franzosen und Engländer setzten eine Vielzahl von Spioninnen ein, die hinter den feindlichen Linien unerkannt und scheinbar harmlos Résistancekämpfer mit Waffen versorgten oder Informationen über Truppenbewegungen sammelten.

Eine von den Frauen, die Winston Churchill in seine 1940 gegründete Special Operations Executive aufnahm, war die Neuseeländerin Nancy Wake, die kürzlich in einem Londoner Veteranenheim ihren 90. Geburtstag feierte. In Schottland wurde sie bei dieser Elitetruppe zur professionellen Spionin ausgebildet und sprang im März 1944 zur Vorbereitung der Operation D-Day über dem besetzten französischen Gebiet ab.

Die alte Dame, die sich heute daran nur mehr mühevoll erinnert, führte einst unter dem Spitznamen die "Weiße Maus" die Meistgesuchtenliste der Gestapo in Frankreich an. Weil sie immer entkam, setzten die deutschen Besatzer auf ihren Kopf einen Betrag von mehreren Millionen Francs aus. "Für eine Frau habe ich´s damals nicht schlecht gemacht", sagt sie lachend, "ich war immer gut gepflegt und sah so aus, als wollte ich bloß im Nachbarsdorf eine kleine Besorgung machen". Die ehemalige Journalistin, die einen Wächter mit bloßen Händen getötet und eine deutsche Spionin persönlich exekutiert haben soll, fügt lächelnd hinzu: "Es ist unglaublich, was ein netter Augenaufschlag alles bewirken kann." Kein deutscher Soldat hat Nancy jemals durchsucht, als sie brisante Codes oder Waffen dabei hatte.

Doch was bringt eine selbstbewusste Frau, die eigentlich nach Europa kam, um in ihrem schreibenden Beruf Erfolg zu haben, dazu, hinter der Maske des lieben Mädels den Feind auf Leben und Tod zu bekämpfen? "Früher dachte ich, nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher", sagt sie und lacht wieder. Und dann erzählt Nancy von einem Gruppen-Interview mit Adolf Hitler in Wien und den Auspeitschungen von Juden, die sie dort beobachtete. "Das war das Ekelhafteste, was ich je gesehen habe."

Sie liebte London und Paris und die Freiheit, die sie mit diesen Städten verband, und fand den autoritären Kult um Hitler nur krank. "Da waren so viele Jungen um ihn herum, und ich dachte zuerst, ist der schwul? Aber dann habe ich gemerkt, dass diese Kinder ihn nur bewunderten wie eine Sonne." Als ihr an der Grenze dann der Film abgenommen wurde, auf dem sie die gequälten Juden aufgenommen hatte, nahm sie innerlich Abschied vom Journalismus und tauschte ihn gegen Fingernägel und Zähne ein. "Man darf das ja heute gar nicht mehr sagen", meint sie abrupt, "aber Hitler war ein sehr gut aussehender Mann, trotz alledem."

Im Anschluss an die Präsentation von Nancy Wake und anderen Kriegsheldinnen verliert die Ausstellung rasch an Gehalt. Aus der Gegenwart zeugen lediglich Fotos von Tschetscheninnen, die beim Überfall auf das Moskauer Musicaltheater im letzten Jahr beteiligt waren, von palästinensischen Selbstmordattentäterinnen und alliierten Soldatinnen aus dem Irak-Krieg. Ist einfach nicht mehr zu sagen oder verstummt die Ausstellung aus intellektuellem Mangel und ohne klare Aussage?

Dieses Unbehagen könnte damit zusammenhängen, dass die Geschichte der kämpfenden Frau nicht nur noch zu keinem Ende gekommen, sondern längst auch nicht so geradlinig verlaufen ist, wie es die Londoner Ausstellung vorführt. Das würde jedenfalls Martin van Creveld sagen, der in seinem 2001 auf Deutsch erschienenen Buch Frauen und Krieg behauptet, dass der Eintritt von Frauen in die Streitkräfte der entwickelten Länder nicht nur mit der Emanzipation nichts zu tun habe. Ihr Einbruch in diese Männerdomäne habe zu deren Verfall geführt, denn heutzutage seien staatliche Armeen in den ehemaligen Blockländern für die Kriegsführung kaum noch wirklich wichtig.

Van Creveld, der in Sachen Emanzipation bislang eher negativ auf sich aufmerksam machte, bestreitet, dass Frauen in der europäischen Geschichte an den Fronten wirklichen Einfluss hatten, auch im Zweiten Weltkrieg sei ihre Rolle als Soldaten zu vernachlässigen gewesen. Dasselbe könne man heutzutage in den Kriegen in den Entwicklungsländern beobachten, die sich kampfestechnisch auf dem Stand des damaligen Europa befänden. Frauen nähmen an diesen kaum aktiv teil. Das weibliche Geschlecht habe von jeher auf ganz andere Weise kämpferische Auseinandersetzungen beeinflusst: als treu zu Hause wartende Gattin, als bester Teil der Heimat, für die der Mann auszieht, als mögliches Opfer, das dem Feind nicht anheim fallen darf. Wenn die Ehefrau heute Seite an Seite mitkämpfen kann, bricht für van Creveld der ganze Sinn des Kämpfens auseinander.

Nancy Wake, die sich ausdrücklich einen "neuen Churchill" an die Spitze Großbritanniens wünscht, passt zwar in van Crevelds Sicht der Dinge. Als Frau und reich dekorierte Heldin, die mit Zähnen und Fingernägeln, kaum aber mit ihren Fäusten am Krieg teilgenommen hat, stützt sie das Bild einer Gesellschaft, in der Frauen anders handeln und anders kämpfen als Männer.

Wenn das Imperial War Museum seine Besucher auch ohne klare Botschaft über den jetzigen Stand der weiblichen Kampfes-Dinge entlässt, so ist es dennoch ein Verdienst der Ausstellung, die Rolle der Frauen im Krieg nicht einseitig behandelt zu haben. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten sich viele Frauen in Fabriken oder auf dem Land kaputt und hofften auf die Rückkehr ihrer Männer. Andere setzten als elitäre Spioninnen ihre "weiblichen Blicke" und sonstige "heimtückische" Waffen ein. Viele kämpften aber auch als gewöhnliche Soldaten, manche sogar in hohen Positionen. Wie die Gesellschaft damit umgehen soll, weiß sie selber nicht so recht.

Bis heute zeichnet sich kein anderes Bild ab: Alliierte Soldatinnen kämpften vor einigen Monaten wie Männer gegen Saddam Husseins Truppen. Und doch waren es die Bilder von einem Iraker, der einer Britin in Uniform eine Blume schenkt, und die Geschichte der von Männern befreiten U.S.-Gefangenen Jessica Lynch, die durch die Medien gingen.

"Ich bin immer schon eine gute Köchin gewesen", sagt Nancy Wake, "mein berühmter Fish Stew bestand aus 17 verschiedenen Sorten Fisch". Als sie einmal über der Auvergne absprang und sich bei der Landung mit ihrem Fallschirm in einem Baum verfing, sagte ein Kontaktmann, der sie befreite, er wünsche sich, dass doch alle Bäume in der Gegend so schöne Früchte tragen mögen. "Lass mich mit diesem französischen Scheiß in Ruhe", war Nancys Antwort.

Es sind vielleicht eher die Männer als die Frauen, die sich über Selbstmordattentäterinnen, Geiselnehmerinnen und Scharfschützinnen wundern. Und vor ihnen Angst haben.

Women and War noch bis 18. April 2004 im Imperial War Museum, Lambeth Road, London SE1 6HZ. Weitere Informationen unter www.iwm.org.uk

Zur Ausstellung ist erschienen: Corsets to Camouflage: Women and War von Kate Adie im Verlag Hodder and Stoughton


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00:00 12.12.2003

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