Weiße Nacht über Jonestown

Spurensuche in Port Kaituma/Guyana Vor mehr als 27 Jahren befahl hier ein Prediger seiner Gemeinde, gemeinsam eines "revolutionären Todes" zu sterben

Welcome to the jungle, das Lied von Guns Roses geht durch meinen Kopf, als ich aus dem Kleinflugzeug von Trans Guyana Airways aussteige, hinter mir neun dicke amerikanische Missionare, vor mir Hitze, Dunst und Regen. Ich sehe Urwald und einige Holzhäuser, gleich neben dem Airstrip hingebaut. Ein paar Schwarze und Inder fangen sofort an, das Gepäck aus der Maschine zu räumen. Einer ist enttäuscht, die Ausstattung für seine Hochzeit ist nicht dabei. "Tut mir leid", sagt der Pilot, aber die Amerikaner waren zu schwer, morgen bringe ich alles mit."

Port Kaituma, ein Goldgräber- und Holzfäller-Flecken im Westen Guyanas, sieht aus wie eine Mischung aus verregnetem Popfestival und Flüchtlingscamp im Kongo. Die lehmig rote Schlammpiste zum Ortskern führt an farbrissigen Holzhäusern vorbei und von einem Schlagloch zum anderen. Kinder und Frauen stehen apathisch unter Vordächern aus Plastikplanen. Port Kaituma ist dem Urwald, aber auch jedem Zeitmaß entronnen. Was der Mensch zu Ende gebaut hat, fängt im nächsten Augenblick an zu verrotten. Überall stehen rostende Jeeps und uralte Bedford Trucks herum - Port Kaituma scheint stetem Verfall ausgeliefert, ob es will oder nicht.

Es ist Samstagnachmittag, und die Einwohner verbringen ihre Zeit damit, Carib Beer zu trinken, während überall Reggae-Musik aus den Boxen knallt. Beim Trinken haben die meisten Männer nicht sonderlich viel zu erzählen, nur Claude Saint Romain sorgt für die Ausnahme, ein älterer, gebildeter Mann, der in Europa studiert haben will und sich "Vorsitzender des Abholzungsvereins Port Kaituma" nennen darf. "Ich muss darauf achten, dass bei uns nur die Bäume gefällt werden, die dafür vorgesehen sind, und der Wald keinen Schaden nimmt." Saint Romain besitzt außerdem eine Goldmine. "Ich habe mir vor Jahren eine Konzession gekauft für 500 mal 270 Meter Land. Diese Fläche kostete damals lächerliche 24.000 Guyanese-Dollar*. Man braucht seine Zeit, um ein solches Gelände abzuarbeiten, aber der Gewinn ist gut. Ich zahle nur meine Steuern, der Rest bleibt mir allein."

Gleich gegenüber von meinem Hotel ist eine Bühne aufgebaut. Cambio, ein junger Schwarzer, leitet mich ungerührt an einer Schlange wartender Besucher vorbei und vertreibt zwei seiner Leute von ihren Sitzplätzen ganz vorn. Cambio trägt das meiste Gold, er hat die schönste Trainingshose, auf seinem Rücken die Nummer Eins kleben und ein sorgfältig schief aufgesetztes Baseball-Cap auf dem Kopf, dass ihn wie den Sänger von Public Enemy aussehen lässt.

Die knallharte jamaikanische Dubmusik verhindert später jedes Gespräch, niemand stört sich daran, alle brüllen herum und trinken Bier. Plötzlich erscheinen zwei schwarze Teenie-Mädchen in extrem kleinen fluoreszierenden Höschen und fangen an, auf der Bühne zu tanzen. Das Publikum heult ekstatisch auf. "This is how Guyanese dance", brüllt Cambio in mein Ohr. Danach erscheint der Monkeyman. Ein Schwarzer, gleichfalls nur mit einer Hose bekleidet, tanzt wie ein Verrückter nach einer eigenartig skurrilen Musik, trägt eine Blues-Brothers-Sonnenbrille und hat sein Gesicht grell weiß bemalt, damit er wie ein Geist aussieht. Was der Monkeyman aufführt, hat etwas von einem Voodoo-Tanz. Beugt er sich weit nach vorn und droht von der Bühne zu stürzen, suchen die Frauen rechts und links von mir kreischend das Weite - bis gegen vier Uhr nachts höre ich noch in meinem Hotelzimmer die hämmernde, betäubende Reggaemusik.

Und alle tranken

Am nächsten Morgen ist Cambio um acht Uhr bereit. In seinem Toyota Jeep treiben wir über eine schwer befahrbare Urwaldtrasse gemächlich in Richtung Westen. Unterwegs tauchen ab und zu Hüttendörfer der Amerindians, der Ureinwohner Guyanas, auf. Die Amerindians haben mit den Goldminen oder dem Holzeinschlag wenig zu tun, sie leben von der Jagd und der Landwirtschaft. "Das sind wirklich gute Arbeiter", versichert Cambio. "Nur saufen sie zu viel. Du musst höllisch aufpassen, manchmal schlafen sie ihren Suff mitten auf der Straße aus."

Cambio biegt eine kaum sichtbare Abzweigung nach links in den Dschungel ein. Äste schlagen gegen die Autofenster. Dann erreichen wir einen offenen Platz, den hohes Gras und Gestrüpp überwuchern. "Hier ist es vor 27 Jahren passiert. Dort drüben standen die Schweineställe des Camps", erzählt Cambio. "Inzwischen kannst du davon kaum noch etwas erkennen."

Auf der Schneise im Dschungel lasten Stille und Hitze. Schweiß tropft von meiner Stirn. Vor uns steht das Gerippe eines total verrosteten Lastkraftwagens. "Das sind die Reste des Trucks", erklärt Cambio, "mit dem die Leute von Jim Jones immer zum Airstrip von Port Kaituma gefahren sind. Soviel ich weiß haben sie den Wagen dann auch benutzt, um Leo Ryan und die anderen vier, die aus Jonestown flüchten wollten, zu erschießen." Mit der Ermordung des Senators Leo Ryan begann am 18. November 1978 das furchtbarste Sektendrama, das Guyana je erleben musste.

Angefangen hat alles in San Francisco.

In den frühen siebziger Jahren gründet dort der charismatische Priester Jim Jones seine eigene Kirche, die "People´s Temple", deren Gemeinde schnell wächst. Jones nennt sich Prediger und Missionar, betreibt Armenküchen und redet viel von Rassengleichheit. 1974 beschließt er, mit seinen treuesten Anhängern die Vereinigten Staaten zu verlassen, um nach Guyana auszuwandern und dort eine Agrarkommune - die Siedlung Jonestown - aufzubauen. Doch bald verfällt der Diener Gottes einem hemmungslosen Kult um die eigene Person, indem er seinen Anhängern Tag für Tag verkündet, er fühle sich als Reinkarnation von Jesus Christus. Jones wird zusehends paranoider. Wer zu fliehen versucht, wird streng bestraft und tagelang in einen Schacht oder ein Erdloch gesperrt. Eltern müssen sich von ihren Kindern trennen. Das Paradies der Erleuchteten wird zum Gefängnis der Verdammten. Jones fängt an, seine Schüler mitten in der Nacht mit Sirenen zu wecken und zur Andacht zu rufen. Während dieser "weißen Nächten" werden immer wieder kollektive Selbstmordszenarien geprobt. Sämtliche Mitglieder der Kommune - zuletzt mehr als 1.000 Menschen - bekommen ein Glas mit einer roten Flüssigkeit und haben es auszutrinken. Jones schreit, alle sollten beten, die nächste Stunde werde niemand überleben. Keiner weiß, ob ihr Anführer die Wahrheit verkündet. Alle trinken.

Als am 17. November 1978 der Kongressabgeordnete Leo Ryan mit einem kleinen Pressetross nach Jonestown kommt, ist das Ende der Kommune schon nicht mehr abzuwenden. Ryan scheint zu spüren, dass grauenhaftes Unheil droht, und versucht am Morgen des nächsten Tages, mit vier Abtrünnigen aus der Kommune sein Flugzeug auf dem Airstrip von Port Kaituma zu erreichen, doch die Flucht misslingt - Ryan und die anderen werden von Jones-Anhängern auf der Ladefläche des Trucks kaltblütig exekutiert.

Unmittelbar danach befiehlt der Apostel von Jonestown seinen Leuten, eines "revolutionären Todes" zu sterben. Nachdem Fruchtsaft mit Zyanid präpariert worden ist, müssen zuerst alle 276 Kinder, die im Camp leben, die tödliche Mixtur trinken, dann die Eltern. Jones hat einige Bewacher angewiesen, jeden, der sich weigert, sofort zu erschießen. Den Sektenführer selbst findet man 24 Stunden später tot mit einer Schusswunde am Kopf.

"Ich denke, ein paar haben es trotzdem geschafft, sich abzusetzen", glaubt Cambio. "Ein paar sind in den Dschungel gerannt und erst nach drei oder vier Tagen wieder aufgetaucht, als alles vorbei war."

Bis heute bleibt ungeklärt, wie diese Massenhysterie entstehen konnte und Jonestown dem Untergang weihte. Mehrere Sektenmitglieder gelten noch immer als "verschollen". Auch kann die Frage nicht eindeutig beantwortet werden, wie viele damals bewusst Selbstmord verübt haben und wie viele gegen ihren Willen das tödliche Zyanid einnahmen oder erschossen wurden. Der 5.000-Seiten-Report der CIA über die Geschehnisse vom 18. November 1978 bleibt unter Verschluss.

"Übrigens, die Schwester von Jones predigt jetzt in Port Kaituma", höre ich plötzlich Cambio sagen.

Irgendwo zwischen viel Müll

Auf dem Rückweg fahren wir an einer der vielen Kirchen von Port Kaituma vorbei. Es ist Sonntagmorgen und auf dem Gelände der Independent Baptists wird unter freiem Himmel eine Messe gelesen. "Schau genau hin, die Frau dort - das ist die Schwester von Jim Jones", flüstert Cambio aufgeregt. Ich sehe eine rothaarige Person und kann es kaum glauben.

Am Nachmittag kehre ich noch einmal auf das Gelände zurück, und es gelingt mir, mit der Frau zu reden. Sie heiße Wendy Mann und komme mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen aus Ohio. "Wir sind Independent Baptists und kümmern uns um die Ureinwohner. Wir gehen in die Dschungeldörfer und predigen: Christus ist unser Retter. Aber wir versuchen keinen zu bekehren, die meisten wollen bei ihrem Naturglauben bleiben und auf böse Geister schwören wie die Kanaima. Und wenn sie uns fragen, ob wir daran glauben, sagen wir einfach: Wir sind der Meinung, das Geräusch der Kanaima wird von Eulen verursacht."

Als ich die entscheidende Frage nicht länger zurückhalten will, muss sie lachen. "Die Schwester von Jim Jones? Das ist barer Unsinn. Manche Leute hier mögen uns nicht, deshalb streuen sie diese Gerüchte, um Angst und Schrecken zu verbreiten ..."

Für einen Ort wie Port Kaituma gibt es erstaunlich viele Glaubensgemeinschaften. Ich zähle mindestens acht, die Church of God, die Assembly of God, die Zeugen Jehovas, Baptisten, die Siebenten-Tags-Adventisten, eine evangelische Kirche, eine katholische, dazu die Full Gospel Church. Und sie alle wollen das Seelenheil von vier- bis fünftausend Menschen retten? Wendy meint, "das hat wahrscheinlich etwas mit dem Jim-Jones-Kult zu tun. Die Kirchen sehen Port Kaituma als Gelobtes Land, in dem sie Seelen gewinnen und dem Verderben entreißen können."

Am Abend treffe ich noch einmal Claude Saint Romain. Er kannte Jones und arbeitete für ihn. "Ein hinterhältiger Typ, stets freundlich, aber nie bereit, sein wahres Gesicht zu zeigen." Hat Saint Romain Glück gehabt, am 18. November 1978 nicht mit den anderen sterben zu müssen? "Nein, an dem Tag des Selbstmords war ich in Georgetown. Viel Umgang hatte ich mit den Leuten ohnehin nicht. Ich wollte mich da nicht einmischen, wenn du verstehst, was ich meine." Das Land der einstigen Kommune gehöre noch immer der Familie Jones, das Gelände wurde seinerzeit für 99 Jahre von der Regierung Guyanas gepachtet. Vor ein paar Jahren sei ein Jones-Sohn in Port Kaituma aufgetaucht, um zu sehen, ob man aus dem Ort des Grauens eine touristische Attraktion machen könne. "Der wollte das Camp nach dem alten Muster wieder aufbauen. Aber er wusste natürlich nicht, dass ich der Einzige bin, der die originalen Bauzeichnungen hat. Die liegen bei mir zu Hause, irgendwo zwischen viel Müll ..."

(*) etwa 120 US-Dollar


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare