Weiße Neger

Eine Weihnachtsgeschichte Wir waren ins Eis eingebrochen und kamen zu spät zum Training, das Weihnachtsturnen hatte schon begonnen. ...

Wir waren ins Eis eingebrochen und kamen zu spät zum Training, das Weihnachtsturnen hatte schon begonnen.

Wie jedes Jahr würde Willy Kufenbach zu Beginn der Übungsstunde eine rote Zipfelmütze aus dem Geräteraum geholt und den vor ihm in zwei Riegen aufgereihten Jungen das Krafttraining erlassen haben. Wie jedes Jahr würde er am Ende des letzten Trainings vor den Ferien, die rote Mütze mit der weißen Bommel auf dem fast kahlen Kopf, die Plus- und Minuspunkte des Krafttrainings verlesen, die Liste der Ergebnisse, die jeder Turner während des vergangenen Jahres hatte erzielen können. Und wie jedes Jahr würde Willy Kufenbach "Wie ´n weißer Neger" sagen, wenn die drei Besten des Vereins einen Weihnachtsmann bekämen, einen Weihnachtsmann aus weißer Schokolade.

Wie immer waren die Umkleidekabinen mit Beginn des Trainings abgeschlossen worden, und deshalb schlichen Pallasch und ich, unschlüssig, was wir unternehmen sollten, hoch zur Galerie und duckten uns hinter die Brüstung. Wir legten uns auf den Rücken, streckten die Beine in die Luft und ließen das Wasser aus den Gummistiefeln laufen. Ehe es auf das Linoleum tropfte, staute sich das Rinnsal kurz in den Kniekehlen - als scheue es die Kälte, dachte ich.

"Reiß dich zusammen, Segel! Den großen Bock hierhin!" Das war die Stimme Willy Kufenbachs.

Pallasch und ich lugten über die Brüstung. Neben Willy Kufenbach wartete Uwe Schuhberg, der Vorturner, und hinter Uwe Schuhberg stand, als wolle er unsichtbar werden, Diddi Segel neben dem großen Bock.

Diddi war fast drei Jahre älter als die meisten in unserer Klasse. Sein Taschengeld gab er für Kirmeserdbeeren aus, die er großzügig verteilte, oder für Sahnebonbon, Gummibärchen, für Brausepulver, Himbeer oder Waldmeister, für Lakritzschnecken und Pfennigmäuse, die süß und mehlig schmeckten. Manchmal entgalt es ihm ein Mitschüler, indem er Diddi Segel ein Matchboxauto schenkte. Oft fehlte dem Auto eine Tür, oder ein Rad war geschmolzen. Dennoch stahl sich auf Diddis Gesicht ein Lächeln, das breiter und immer breiter wurde, wenn Diddi Segel lächelte, dann lächelte er lange. Jetzt lächelte er nicht.

Obwohl uns Willy Kufenbach seit einiger Zeit nicht mehr den einarmigen Kopfstand auf blankem Parkett vorführen konnte, war er noch jederzeit in der Lage, uns im Genick zu packen. Er "kriegte uns am Schlafittchen", damit wir auch beim vierten Mal Anlauf nahmen, um über die fest verankerte Reckstange zu springen. "Beim nächsten Mal", sagte Willy Kufenbach zu denen, die sich humpelnd das Schienbein rieben, "schaffst du es bestimmt!"

Nur Pallasch hatte sich geweigert. Einen Moment war es still in der Halle geworden, während Willy Kufenbach mit rotem Kopf auf Pallasch zutrat und leise zu ihm sagte: "Wir sind hier nicht bei den Hottentotten." Als Pallasch dennoch sitzen blieb, trug ihm Willy Kufenbach einhundert Liegestütze auf, die Pallasch ohne Murren absolvierte: die vorletzten und letzten zehn auf jeweils einem Arm.

Damals hatte Diddi gelächelt, jetzt lächelte er nicht. Ohne hinschauen zu müssen, wusste ich, dass Diddi Segel schwitzte. Nicht, weil er den Bock über das Parkett zu rücken und das Federsprungbrett hinterher zu wuchten hatte, sondern weil er gezwungen sein würde, während des letzten Trainings vor den Ferien über den Bock zu springen.

Noch hielt Uwe Schuhberg die anderen zum rascheren Aufbau der Geräte an. Seit ihn Willy Kufenbach zum Vorturner ernannt hatte, trug er um den Hals eine Trillerpfeife und verwaltete den Schlüssel der Herrentoilette. Sobald er mit angewinkelten Beinen auf dem Hallenboden saß, hing ihm meist ein Hoden aus der Hose. "Sollte einem Vorturner", meinte Pallasch manchmal, "besser nicht passieren".

Noch immer pfiff Schuhberg und dirigierte und verschaffte Diddi Segel, der den Bock so langsam wie möglich durch die Halle bugsierte, einen Aufschub. Kufenbach, die Zipfelmütze wippte auf der roten Stirn, winkte Schuhberg unwillig, Diddi mit dem großen Bock - "mach doch mal!" - zu helfen.


Kaum hatten sie den mächtigen Bock an die richtige Stelle geschoben, boxte mich Frank Pallasch in die Seite, um mich auf ein Mädchen aufmerksam zu machen, das gemeinsam mit zwei Freundinnen auf der Galerie gegenüber hockte. Die Mädchen trainierten in der Halle über uns, vielleicht hatte die Übungsstunde dort noch nicht begonnen.

Als Schuhberg sich den Schweiß abwischte und ächzte, als hätte er den Bock allein durch die Halle gehievt, kicherten die Mädchen. Sie kicherten über Schuhberg, dem das Unterhemd aus der Hose gerutscht war, und über Diddi, der sich, nah dem Reck, erneut versuchte unsichtbar zu machen. Und sie kicherten über Willy Kufenbach, dem die weiße Bommel seiner Mütze ins Gesicht hing.

Pallasch, der seine Sportbrille von Schlammresten gereinigt hatte, sah das Mädchen nun deutlicher, auf das er mich hatte hinweisen wollen. Ich kannte den Namen des Mädchens - Susanne -, Pallasch kannte ihn nicht.

Unten in der Halle begannen die Aufwärmübungen. Pallasch zottelte unruhig an meinem feuchten Anorakärmel. Susanne und ihre Freundinnen duckten sich hinter die Brüstung.

Diddi wurde nach dem Warmmachen der Riege am Bocksprung zugeteilt. Schuhberg sollte dort Hilfestellung geben.

Pallasch pfiff leise durch die Zähne, boxte mich ein zweites Mal in die linke Seite und fragte: "Wer is ´n das da drüben? Die mit den dunklen Haaren? Ich meine, kennst du die?"

"Nicht richtig", sagte ich.

"Heißt ´n das?"

"Vom Kiefernorthopäden", sagte ich. Und Pallasch riss den Mund auf.

In der Halle wurde Diddi, der sich wieder zum Reck geschlichen hatte, erneut dem Bocksprung zugeteilt. Schuhberg klemmte die Trillerpfeife zwischen seine Vorderzähne und stopfte sein Unterhemd zurück in die Hose.

"Bock", sagte Kufenbach und schob Diddi in die Riege, "schaffst du."

Diddi senkte den Blick.

"Wieso Kiefernorthopäde?", fragte Pallasch neben mir.

"Spange", erwiderte ich.

Vor einem Vierteljahr hatte ich allein mit Susanne im Wartezimmer des Kiefernorthopäden gesessen und hatte gehofft, während sie in einer Zeitschrift blätterte, die Frauen wie meine Mutter lasen, dass mir der Kiefernorthopäde erlauben würde, die hellrosa Paste mit Minzgeschmack und den Abdrucklöffel endlich aus dem Mund zu nehmen, aber ich hoffte vergeblich. Nach einer Weile fragte Susanne: "Kenn´ wir uns nicht? Vom Turnen?".

Sie schaute von der Zeitung auf. Und ich sagte: "Empff, empff."

Und während ich "empff, empff" sagte, versuchte ich zu lächeln.

"Ach so", sagte Susanne und musterte mich mitleidig. An meinen Zähnen härtete die Paste, und der Stiel des Abdrucklöffels stak aus meinem Mund.

"Na ja", sagte Susanne. Sie hob die Schultern, nickte kurz. "Vielleicht beim nächsten Mal, nicht wahr? Wenn du die Pastenabdruck-Phase dann hinter dich gebracht hast."

Und als sie sich erhob, weil der Kiefernorthopäde sie ins Behandlungszimmer bat, sagte sie lächelnd: "Übrigens, ich heiße Susanne."

Danach verschwand sie, während ich erneut "empff, empff" erwiderte und dem Stiel des Abdrucklöffels zusah, wie er wippte, als wäre er ein Teil meines Gesichts.

Pallasch boxte mich ein drittes Mal unruhig in die Seite und rückte hinter der Brüstung näher zu mir heran.

"Wieso Kiefernorthopäde?".

"Erzähl ich dir ein andres Mal."

Ich dachte an den Abdrucklöffel und an die Paste, Minzgeschmack. Pallasch verzog unzufrieden das Gesicht. Und unter uns ertönte Schuhbergs Pfiff.

"Der nächste bitte!", sagte er, während sich die Mädchen gegenüber tiefer hinter die Brüstung duckten. Unten in der Halle spuckte Diddi Segel vor sich auf das selten gebohnerte Parkett.

Alle in der Halle schwiegen. Am Reck war das Turnen eingestellt worden. Kufenbach wischte sich die weiße Bommel aus dem noch kaum geröteten Gesicht.

Diddi Segel war der letzte, der am Bocksprung anstand, er hatte alle anderen vorgelassen. Er turnte barfuß, spuckte aus, um seine Sohlen anzufeuchten, um Halt zu haben, wenn er anlief, er rieb den rechten, dann den linken Ballen mit einer Mischung aus Speichel und hellgrünem Hallenstaub ein. Die blasse Farbe rührte von den Sägespänen her, die, ebenfalls ein wenig feucht, den Staub der Halle binden sollten und, versetzt mit einem Mittel zur Reinigung des Hallenbodens, wie Essigerde rochen. Diddi spuckte noch einmal vor sich auf das Parkett. Für die Länge eines Lidschlags glitt sein Speichel durch das Neonlicht der Halle, dann rieb Diddi mit seinen nackten Füßen ein weiteres Mal über den feuchten Fleck.

Schuhberg stand beim Bock und hielt die Pfeife zwischen den Zähnen, wagte aber nicht zu trillern. Kufenbach, der bei den Reckturnern Hilfestellung gegeben hatte, schaute zum Bocksprung hinüber. Noch pochten seine Schläfen nicht, war keine Stirnader geschwollen, noch schien der stämmige Hals nur wenig gerötet. Vielleicht fragte sich Kufenbach, ob er zu weit gegangen sei, vielleicht dachte er auch an Weihnachten, das Fest der Liebe und Versöhnung, während Diddi Segel das Turngerät anstarrte. Verstohlen rutschte die Reckriege ein Stückchen auf ihn zu.

Uwe Schuhberg trippelte am Bocksprung auf der Stelle, die Trillerpfeife fiel ihm aus dem Mund. Und obwohl die Spucke vor Diddi aufgebraucht sein musste, wetzte er seine Ballen weiter am Parkett.

"Was wird das?", fragte Pallasch leise, zog seine Gummistiefel mit einem Ruck von seinen Füßen und richtete sich auf. Auch ich zog meine Stiefel aus und achtete nicht mehr darauf, ob Kufenbach uns auf der Galerie entdecken würde.

"Was machen wir jetzt?", fragte ich, und Pallasch hob die Schultern, während Susanne, die gegenüber an der Brüstung lehnte, Diddi, als wolle sie ihm Mut machen, kurz zuzulächeln schien. Während Diddi Anlauf nahm, schob Kufenbach die Mütze unruhig in die Stirn.

Es schien, als stampfe Diddi das Holzparkett der Halle ein bisschen tiefer in den Boden. Alle in der Halle hielten den Atem an.

Diddi erreichte das Federsprungbrett und rannte, ohne abzuspringen, gegen das Turngerät.

Susanne atmete aus, als würde sie ihr Lächeln gern zurücknehmen. Pallasch zog beide Socken aus und huschte hinüber zum Treppenschacht, der in die Halle führte.

Getragen vom Schwung schoss Diddi seitlich am Turngerät vorbei, presste die Arme auf den Brustkorb und schlug auf das Parkett.

Schuhberg riss sich die Pfeife vom Hals und rannte zu Diddi hin. Susanne verbarg ihr Gesicht in den Händen. Auch ich zog meine Socken aus und folgte Pallasch zur Treppe.

Schuhberg reichte Diddi die Hand. Diddi schlug sie zur Seite.

"Lass doch", sagte Schuhberg.

"Lass mich", sagte Diddi.

"Lass ihn", sagte Kufenbach, auf dessen Hals, Gesicht und Stirn die dunkelroten Flecken größer wurden und leuchtender. Diddi stapfte durch die Halle, stellte sich an den Anlaufpunkt und spuckte erneut auf den Boden.

Pallasch verharrte am Fuß der Galerietreppe, ich hockte mich neben ihn, in der Stille hörten wir das Summen der Neonröhren. Unbarmherzig schmirgelte Diddis Sohle über das Parkett.

Schuhberg hatte sich abgewandt. Diddi rieb den rechten Ballen solange am Hallenboden, bis der feuchte Fleck verschwunden war.

Als Diddi einen Fuß vorsetzte, starrte Schuhberg wie gebannt auf das verrutschte Sprungbrett.

Er kaute auf der Trillerpfeife. Die Reckriege erhob sich. Neben mir stieß Pallasch Luft durch die Zähne. Und ich flüsterte: "Los!"

Und ehe Diddi Segel den zweiten Fuß vorsetzen konnte, stand Pallasch auf und brüllte: "Jaa!" und rannte quer durch die Halle auf die Bocksprunganlage zu.


Das Staunen ließ die Zuschauer und sogar Willy Kufenbach reglos verharren. Als Pallasch absprang, die Hände in den Bock stemmte und sich mit seiner nassen Hose zum Handstandüberschlag abdrückte, fiel Schuhberg die fast zerkaute Trillerpfeife zum zweiten Mal aus dem Mund.

Pallasch landete, ohne zu wackeln, auf der harten blauen Matte. In seinem Rücken setzte sich Diddi mit einem ungläubigen Lächeln langsam hin.

"Ausgerechnet du", sagte Willy Kufenbach.

Und nachdem er die Mütze, die ihm über die Augen gerutscht war, wieder zurecht geschoben hatte und während die Ader auf der Stirn anschwoll, als würde sie gleich platzen, fügte er hinzu: "Was bildest du dir ein?".

Susanne, die sich weit über die Brüstung beugte, schaute zu mir herüber, als Pallasch auf den Trainer zutrat und vorsichtig entgegnete: "Es ist nicht vernünftig, Bocksprung zu trainieren."

Kufenbach schob sich die Mütze in die Stirn und musterte den Jungen, der vor ihm stand, auf eine Weise, die meine Hände zittern und die mich mit den Zähnen knirschen ließ. Dann sagte er noch leiser als zuvor: "Was soll das, weißer Neger?"

Während niemand in der Halle sich zu rühren wagte, winkte mir Susanne von der Galerie aus zu. Und weil es mir schien, als würde sie auf etwas warten, erhob ich mich, nahm quer durch die Halle Anlauf und sprang über den Bock auf eine Weise, die ich mir vorher nie zugetraut hatte. Ich traf das Federsprungbrett an der richtigen Stelle, obwohl es schief vor dem Sprunggerät lag, stemmte die Hände in das Leder, ohne in den Armen einzuknicken, schwang, getragen vom Schwung, die Beine hoch in den Handstand und drückte mich ab, so dass ich das Gefühl hatte, für die Länge eines Lidschlags schwerelos zu sein.

Ich landete sicher dicht neben Pallasch, der sich überrascht nach mir umsah. Auch ich musste weder wackeln, noch musste ich, um die Balance zu halten, einen Nachstellschritt machen.

Ich stand - "wie eine Eins", hätte Kufenbach an einem anderen Tag gesagt. Jetzt sagte er nichts und schwieg wie die übrigen in der Halle.

Obwohl sie tief und groß und beinahe weihnachtlich wirkte, währte die Stille nicht lange. Als erste klatschte Susanne. Gleich nach ihr Uwe Schuhberg. Gleich nach ihm Diddi Segel. Und danach klatschten alle bis auf Willy Kufenbach.

Sie klatschten trocken und gleichmäßig und fordernd und ohne aufzuhören, bis Kufenbach, der Trainer, dem schon seit einer Weile kein einarmiger Kopfstand mehr gelang, zur Sprossenwand zurückwich und sich, als sei er müde geworden, auf eine Gymnastikbank setzte.

Er starrte vor sich auf den Boden. Ich schaute hoch zur Galerie. Susanne lächelte noch immer. Schuhberg zertrat die Trillerpfeife. Und während Diddi, von niemandem gehindert, die Schokoladenweihnachtsmänner aß, legte mir Pallasch den Arm um die Schulter und sagte wie zu sich selber: "Bock ist kein olympisches Gerät."

Michael Wildenhain, geboren 1958, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm der Roman Russisch Brot und der Lyrikband Das Ticken der Steine.


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00:00 23.12.2005

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