Weiße Spaßvögel, schwarze Bauern, rote Sterne

Planet Mosambik Der lange Schatten Südafrikas reicht bis hinauf zum Sambesi

Seit dem Morgengrauen fährt der vollgepackte Bus durch eine Savanne, die kein Ende hat. Grüne Wände aus Bäumen und Sträuchern versperren uns immer wieder den Blick auf ein leeres Land. Keine Orte weit und breit, Mosambik scheint ein unbewohnter Planet zu sein. Doch dann, in der Hitze des Mittags, erreichen wir nach Stunden tatsächlich einen Stadtrand. "Wählt gegen die Mörder von der Renamo", schreit ein Graffitto von einer Mauer, und es sieht noch recht frisch aus. 16 Jahre nach dem Bürgerkrieg sind die Gräuel der vom damaligen Apartheid-Regime Südafrikas bezahlten Söldnertruppe, die sich gegen die regierende Frelimo-Partei (sie führte das Land 1975 in die Unabhängigkeit) stellte, auch in Chimoio nicht vergessen.

In der Stadt öffnen sich breite Alleen und Straßen im Schachbrettmuster, ein riesiger rechteckiger Platz, ein Kreisel mit einem Betonmonument in Form eines fünfzackigen roten Sterns. Die Spuren eines verblichenen afrikanischen Sozialismus und eine geradezu mediterran-romanische Atmosphäre irritieren - ist das noch Ostafrika, oder sind wir etwa plötzlich in Kuba gelandet? Auf den Dächern prangen riesige alte Neonreklamen für Bier und Batterien, wie man sie in Lissabon, Barcelona oder Madrid sehen kann. Die Kellner in den Straßencafés tragen Fliege, servieren guten starken Kaffee und Tosta mista.

Mein Versuch, einen Toast mit einigen Brocken Portugiesisch zu bestellen, scheitert allerdings kläglich. Ein Einheimischer springt mir zur Seite und fragt mich auf Deutsch, was ich ordern möchte. Ich staune nicht schlecht, und Minuten später stoßen wir mit Pedro Dove bei einem Bier an. 1988 sei er für drei Monate in Dresden gewesen, erzählt er, "in der DDR". Damals, als Frelimo und Renamo noch jenen Bürgerkrieg führten, der die verstümmelten Minenopfer in den Straßen von heute hinterlassen hat, und der Sozialismus in Europa und Afrika noch nicht abgedankt hatte.

Drei Monate habe er sich im Wesentlichen von Bier ernährt, erinnert sich Pedro Dove, weil ihm das Essen in Dresden seltsam vorkam. Und kalt sei es gewesen. Gestenreich beschreibt er, wie viele Kleidungsstücke er sich damals anziehen musste. Heute handelt er mit Billardtischen und Queues und profitiert von dem neuen Geld, das sich offenbar auch im armen Mosambik mit Dingen verdienen lässt, die über den Alltag hinaus weisen. Ein 24-jähriger Barbesitzer in Tete bezahle ihn jedes Mal cash in Dollar, es sei unglaublich, wie viel Geld der habe. Noch drei Jahre will Pedro hart weiterarbeiten, bis seine Tochter volljährig ist. "Dann kann ich mich entspannt zurücklehnen, dann muss sie selbst das Leben meistern."

Ein Freund von Pedro ist ebenfalls in der DDR gewesen, wenn auch sein Deutsch ein wenig gelitten hat. "In Leipzig", erzählt Luis grinsend. Da muss ihm, dem Busfahrer, deutsche Pünktlichkeit in die Knochen gefahren sein. Als wir morgens um vier in seinem Bus sitzen, bereit für die nächste schweißtreibende Etappe zur Durchquerung des Planeten Mosambik, fehlen noch Passagiere. Einige ziehen langsam ihre Koffer über den Bürgersteig, andere halten ein kleines Schwätzchen vor dem Fahrzeug. Da platzt Luis der Kragen. "Bleibt zuhause", flucht er, "ich habe doch nicht umsonst ins Fenster geschrieben, dass dieser Bus um vier abfährt. Um vier!" Von wegen Gemächlichkeit à la "This is Africa".

In den Küchen verschwunden

Auch Ricardo Julio Langa erstaunt uns nicht schlecht. Der Geologe ist bei der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft in Chimoio beschäftigt und lässt beim Abendessen in einem kleinen Straßenrestaurant ein Bier nach dem anderen an unseren benachbarten Tisch bringen. Ein kleiner, freundlicher Mann mit einem runden Gesicht, der sich offenbar freut, den wenigen Reisenden, die durch seine Stadt kommen, einen ausgeben zu können. Ricardo ist zufrieden mit dem Fortschritt in Mosambik. Es herrsche Frieden, langsam gehe es bergauf. Obwohl Europa natürlich noch viel, viel besser zum Leben sei, setzt er nach und lacht dabei. Beim vierten Glas überrascht er mit ungeahnten Fußballkenntnissen: Rummenigge und Littbarski seien ausgezeichnete Spieler gewesen, da könne David Beckham überhaupt nicht mithalten.

Rummenigge? Ja, seine Fußballleidenschaft habe bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien angefangen. Im Finale 2002 gegen Brasilien sei er auch für die Deutschen gewesen - mit dem vierten Titel hätten sie endlich mit Brasilien gleichziehen können. Dann verabschiedet er sich und braust in einem modernen Pickup der Wohnungsbaugesellschaft davon.

Es ist nicht der einzige dicke Jeep, den wir sehen. Schon in der weiter nördlich gelegenen Provinzstadt Tete ist uns der üppige Fuhrpark aufgefallen, der durch die Straßen der Innenstadt rollt. In der Statistik des Internationalen Währungsfonds liegt Mosambik auf Platz 172 mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Bevölkerung von 343 Dollar - 70 Prozent der 20 Millionen Mosambikaner leben unterhalb der Armutsgrenze. Doch der lange Schatten Südafrikas, dessen Unternehmen seit Jahren in diesem Land investieren, reicht offenbar bis hinauf zum Sambesi. Viele Banken haben selbst in einer Stadt wie Tete, wo die letzte Brücke 500 Kilometer vor dem Indischen Ozean über den breiten Strom führt, inzwischen ihre Geldautomaten installiert. Nicht wenige Frauen und Männer flanieren wie aus dem Ei gepellt über die Einkaufsstraßen.

Es könnten Vorboten der Veränderung sein, die an der Küste schon fühlbar ist. Südafrikanisches Geld hat dort Touristen- und Tauchressorts entstehen lassen, die nicht nur gestresste Johannesburger oder Kapstädter anziehen. Die übliche internationale Entourage tummelt sich hier in einer Spielwelt, die nicht mehr zu sein vorgibt, als sie ist, und also nur dazu einlädt, den reinen Spaß zu genießen. In Vilanculo oder nahe Inhambane sind die Einheimischen in den Küchen verschwunden, in den Palmengärten der Ressorts und Backpacker.

Südafrika ist nahe, man fühlt den Wechsel, das Erbe der Apartheid sickert über die Grenze und trennt weiße Spaßvögel von schwarzen Bauern und Fischern. Die Spaßvögel nehmen nicht einmal Notiz davon, weil die Tauchreviere spannender sind als die Verwerfungen und Zumutungen der internationalen Politik. Wer überhaupt liest, schmökert in unsäglichen Airport Novels wie dem allgegenwärtigen Da Vinci Code. Am Strand verkaufen Jungen selbstgemalte Acrylbilder und verdienen mit einem so viel wie der eigene Vater bestenfalls in einer Woche.

Blitzartig in den Würgegriff genommen

400 Kilometer weiter ist das "neue" Mosambik am weitesten fortgeschritten. In Maputo, der Hauptstadt tief im Süden - kurz vor der südafrikanischen Grenze - ist vom Charme der Provinz nichts mehr zu spüren. Eine alternde Diva von einer Stadt, 1875 von den Portugiesen unter dem Namen "Lourenço Marques" mit breiten Avenidas für eine dekadente koloniale Zukunft gebaut, weiß sie heute nicht, wer sie ist. Überall türmen sich Müllberge, und auch die neuen Bankentürme und Bürohäuser mit ihren Neonschriftzügen können nicht jenen Hauch von Melancholie vertreiben, der über Maputo zu liegen scheint.

Als ein Schweizer Reisender und ich nachts auf der Suche nach einem letzten Bier durch die verlassene Innenstadt streifen, werden wir von zwei Polizisten angehalten. In einer dunklen Gasse fragen sie uns nach den Pässen. Die haben wir im Hotel gelassen. Nein, das gehe nicht, erwidern sie und kalkulieren im Geiste schon ihren heutigen Nebenverdienst. Mein Schweizer Kompagnon aber redet auf portugiesisch auf sie ein, bis sie tatsächlich entnervt abwinken und uns weiterziehen lassen.

Wir biegen um die Ecke und landen in einer kleinen Ausgabe der Großen Freiheit auf St. Pauli. Grelle Leuchtreklame, stampfende Beats aus den Lokalen, dazwischen Nachtschwärmer auf der Suche nach Zerstreuung. Als wir endlich in einer Bar an unserem Bier nippen, taucht eine heftig geschminkte Mosambikanerin an unserer Seite auf, zwei ebenso aufgedonnerte Freundinnen im Schlepptau. "Do you like me?", fragt sie augenklimpernd, und wir treten, unser Bier hinunter stürzend, den Rückzug an.

Glaubten wir, afrikanische Großstädte seien nur bei Nacht ein heikles Pflaster, werden wir schon bald darauf eines Besseren belehrt. "Wir sind gerade überfallen worden", sagt unser Schweizer Freund, als wir ihm am nächsten Morgen auf dem Weg aus dem Hotel begegnen. Gleich um die Ecke, an einem Samstagmorgen in der belebten Innenstadt, sei es passiert. Eine Gruppe von fünf, sechs jungen Typen habe ihn und seine Freundin von hinten blitzartig in den Würgegriff genommen. Während er das Bewusstsein verlor, habe sie noch instinktiv "ajuda" (Hilfe) gerufen und dafür einen Fausthieb ins Gesicht bekommen. Dann filzten die Räuber den Rucksack der beiden und nahmen das Bargeld aus dem Portemonnaie. Und als er wieder zu sich gekommen sei und seine Freundin blutüberströmt neben sich sitzen sah, habe sich schon ein Auflauf von Passanten gebildet. Alle hätten die Szene verfolgt, aber nicht eingegriffen.

Auf dem Rückzug ins Hotel boten den Schweizern, ramponiert wie sie waren, einige Straßenverkäufer unverdrossen Sonnenbrillen an und setzten lakonisch hinzu: "Welcome to Mozambique!"

Aber die Gewalt kennt keine Hautfarben. Als wir auf unseren Bus nach Johannesburg warten, komme ich mit einem schwarzen Südafrikaner ins Gespräch. Seit zwei Jahren versuche er, ein Geschäft in Maputo aufzuziehen. Er hat einiges Geld investiert, und doch scheint er nicht Fuß fassen zu können. "Ich bin schon mehrere Male überfallen worden", sagt er müde. Dann bringt er seine Frau in den Bus, der gerade angekommen ist. Durchs Fenster sehen wir ihn noch winken, als der Bus auf die breite Avenida einbiegt.


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00:00 28.07.2006

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