Weißes Gold

Wasserarmutsindex Ein Forschungsteam hat einen neuen Index entwickelt, um die vielfältigen physikalischen, ökologischen und sozioökonomischen Ursachen von Wasserarmut zu beschreiben

In Deutschland fließt sauberes Wasser zu jeder Tages- und Nachtzeit aus dem Hahn. In anderen Ländern müssen Menschen oft mehrere Stunden pro Tag aufwenden und weite Strecken zurücklegen, um sauberes Trinkwasser zu beschaffen. Mehr als eine Milliarde Menschen haben laut UN-Angaben gar keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und dies, obwohl viele Staaten, in denen Wasserarmut herrscht, im Prinzip über ausreichend Ressourcen des weißen Goldes verfügen würden. Was sind also die Ursachen der beinahe weltweiten Wasserkrise und wie lassen sie sich bekämpfen?

Deutschland auf Platz 35

Wissenschaftler des britischen Zentrums für Ökologie und Hydrologie haben sich nun mit dieser Fragestellung beschäftigt, gemeinsam mit Experten des Weltwasserrats (World Water Council) und zahlreichen Leuten aus der Praxis. Sie haben erstmals physikalische, ökologische und sozioökonomische Faktoren in einem neuen Wasserarmutsindex zusammengefasst mit dem Ziel, die vielfältigen Ursachen von Wasserarmut zu untersuchen. Die fünf Faktoren sind: Ressourcen, Zugang, Kapazität, Nutzung und Umwelteinfluss (siehe Kasten). Für jeden der fünf Faktoren vergibt der Wasserarmutsindex zwischen 0 und 20 Punkten. Ein Land, das alle Kriterien vollständig erfüllt, hätte somit insgesamt 100 Punkte. Eine Länderrangliste, die vor kurzem veröffentlicht wurde und 147 Länder umfasst, stellt Finnland mit 78,0 Punkten auf den ersten Platz, gefolgt von Kanada, Island, Norwegen, Guyana, Suriname, Österreich, Irland, Schweden und der Schweiz. Am Ende der Liste finden sich Burundi, Ruanda, Benin, Tschad, Dschibuti, Malawi, Eritrea, Äthiopien, Niger und Haiti mit 35,1 Punkten.

Deutschland auf Platz 35 der Wasserarmutsliste erreicht insgesamt 64,4 Punkte. Hohe Punktzahlen erhält das Land für Zugang (20,0) und Kapazität (18,0). In Deutschland hat jeder Einwohner sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser, das Einkommen ist hoch und die Bevölkerung ist gebildet und gesund. Auch im Umgang mit der Umwelt schneidet Deutschland mit 13,7 Punkten recht gut ab. Die Pro-Kopf-Wasserressourcen sind allerdings eher knapp (6,5 Punkte), da einerseits vor allem im Nordosten und in der Mitte Deutschlands nur wenig Niederschlag fällt und andererseits die Bevölkerungsdichte sehr hoch ist. Trotz der geringen Ressourcen gehen die Deutschen jedoch eher verschwenderisch mit ihrem Wasser um. Dies hat die eher niedrige Punktezahl 6,2 bei dem Faktor Nutzung zur Folge. Wie fast alle Industrieländer, die genügend Geld haben, um Wasser wieder aufzubereiten, ist Deutschland nicht dazu gezwungen, Wasser sparsam zu nutzen.

Industrienationen verschwenderisch

Insgesamt sind alle Industrienationen in der ersten Hälfte der Rangliste zu finden und weisen ein ähnliches Faktoren-Muster auf. Für Zugang und Kapazität erhalten diese Länder sehr hohe Bewertungen zwischen 17 und 20 Punkten. Für das Kriterium Umwelteinfluss gibt es meist noch zwischen 12 und 16 Punkte. Grosse Unterschiede zeigen sich bei den Wasserressourcen, abhängig davon, wie viel Niederschlag fällt und wie hoch die Bevölkerungsdichte ist. Beim Wasserverbrauch jedoch schneiden alle mittelmäßig oder sogar schlecht ab. Caroline Sullvian, die Leiterin des interdisziplinären Forschungsteams, weist darauf hin: »In vielen Industrienationen besteht ein großes Potenzial, das Management von Wasserressourcen zu verbessern. Einige dieser Länder habe auch bereits Anstrengungen unternommen, die Wassernutzung effizienter zu gestalten und die Verschwendung von Wasser zu reduzieren.« Vor allem die USA gehen sehr verschwenderisch mit ihren Wasservorräten um und erreichen deswegen nur Platz 32 auf der Wasserarmutsliste. William Cosgrove, Vizepräsident des Weltwasserrats, betont: »Die USA sind auf einer relativ niedrigen Position aufgrund der verschwenderischen und ineffizienten Nutzung von Wasser in Haushalt, Industrie und Landwirtschaft. Dies zeigt die Tatsache, dass der Pro-Kopf-Verbrauch der höchste in der Welt ist.«

Armut als Ursache für Wasserarmut

Auf den hinteren Rängen der Wasserarmutsliste finden sich keine Industrienationen mehr. Überraschenderweise gibt es zwar vereinzelt Entwicklungsländer auf den vorderen Plätzen. Guyana und Suriname belegen die Plätze 5 und 6. Die Gründe sind die sehr geringe Bevölkerungsdichte im Vergleich zu ihren ausgiebigen Wasserressourcen, der sichere Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen, gute Gesundheit und Bildung.

Der Großteil der Entwicklungsländer ist indessen in der zweiten Hälfte der Wasserarmutsliste zu finden. Der Wasserarmutsindex demonstriert damit die enge Verknüpfung von Wasserarmut und Einkommensarmut. In vielen Fällen ist der Mangel an Geld die Ursache für ein ineffizientes Wassermanagement und eine unzureichende Wasserversorgung. In Staaten wie Angola, Guinea, Kambodscha, Madagaskar, Sierra Leone oder Zentralafrika gibt es große Mengen an Wasser. Gemäss Wasserarmutsliste sind die Wasserressourcen in diesen Ländern sogar größer als diejenigen der europäischen Wasserschlösser Schweiz oder Österreich. Die Länder verfügen aber nicht über genügend Kapital, um eine funktionierende Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser gewährleisten zu können. Die notwendige Infrastruktur, bestehend aus Wasserleitungen, Kläranlagen oder sanitären Einrichtungen, ist entweder nicht vorhanden oder veraltet. Die Bevölkerung muss immer mehr Zeit aufwenden, um den täglichen Bedarf an sauberem Trinkwasser decken zu können. Die Faktoren Kapazität und Zugang erreichen in diesen Ländern somit nur sehr niedrige Bewertungen und haben trotz der großen Wasserressourcen eine schlechte Platzierung auf der Wasserarmutsliste zur Folge.

Treffen Armut und eher knappe Wasservorräte zusammen, wird die Wassersituation meist dramatisch. Malawi, Eritrea, Äthiopien, Niger und Haiti sind laut Wasserarmutsindex die »wasserärmsten« Länder der Welt. Sie besitzen nur geringe Wasservorräte. Gleichzeitig verfügen sie weder über ausreichend Kapital noch Fachwissen, um diese knappen Ressourcen effektiv nutzen und die Bevölkerung mit Trinkwasser versorgen zu können. Die unzureichende Versorgung mit sauberem Wasser und fehlende sanitäre Einrichtungen führen in diesen Fällen schnell zu der Ausbreitung von Krankheiten. Nach WHO-Angaben fordern allein durch schmutziges Waser verursachte Durchfallerkrankungen jährlich über drei Millionen Todesopfer, meist Kinder.

Die Situation ist jedoch nicht hoffnungslos. Immerhin verfügen viele dieser Länder nach Angaben der Wasserarmutsliste über ähnlich große Wasserressourcen wie Deutschland (6,5 Punkte). Der Bau von Trinkwasseranlagen und sanitären Einrichtungen könnte die Wassersituation in diesen Ländern wesentlich verbessern.

Bei dem Johannesburg-Gipfel hat sich die Staatengemeinschaft dazu verpflichtet, die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen bis 2015 zu halbieren. »Wir erwarten«, so Kenzo Hiroki, der Vizegeneralsekretär des Sekretariats des Forums in Kyoto, »dass die politischen Verpflichtungen des Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg beim dritten Weltwasserforum in konkrete Aktionspläne umgesetzt werden.«

Lawrence, P, J Meigh, Sullvian C, 2002. The Water Poverty Index: an International Comparison. Keele Economics Research Papers.

www.worldwatercouncil.org

Water Poverty Index, www.nwl.ac.uk/research/WPI/

www.wateryear2003.org


Kriterien für den Wasserarmutsindex

Ressourcen: Misst die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser pro Kopf. Dies beinhaltet erneuerbares Grundwasser, Oberflächengewässer im Land, Zufluss aus Nachbarländern und Wasserressourcen, die in Form von Schnee und Eis gespeichert sind. Die eigenen Trinkwasserressourcen werden dabei stärker gewichtet als Zufluss aus Nachbarländern. Fossiles Grundwasser wird nicht berücksichtigt. Zugang: Bewertet den Zugang zu den Wasserressourcen. Die wesentlichen Grundlagen sind der Prozentsatz der Bevölkerung mit Zugang zu sauberem Trinkwasser und der Prozentsatz mit Zugang zu sanitären Einrichtungen. Kapazität: Repräsentiert die menschlichen und finanziellen Fähigkeiten eines Landes, die eigenen Wasserressourcen zu managen oder fremde Ressourcen zu bezahlen. Auch Gesundheit und Bildung werden hier berücksichtigt. Nutzung: Beschreibt, wie effektiv Wasser genutzt wird. Es basiert auf dem Pro-Kopf-Wasserverbrauch in Privathaushalten, in Industrie und Landwirtschaft. Umwelteinfluss: Versucht, verschiedene ökologische Indikatoren zu integrieren. Beispiele hierfür sind Wasserqualität, Verbrauch von Düngern und Pestiziden, Artenvielfalt, Umweltgesetze, Innovationen im Umweltschutz, relative Größe von Schutzgebieten.
00:00 14.03.2003

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