Weit voraus denken, wenn sonst nichts geht

Berliner Wahlkampf Die PDS rühmt die kleinen Erfolge auf schmalem Haushaltsgrat, die Lucy Redler Sozialabbau nennt

Roland W. ist mit seiner Freundin ins Stadtbad an der Oderberger Straße gekommen. "Substanzielles, worüber man später noch nachdenken und diskutieren kann", erwartet er. Hier, zwischen Schönhauser und Kastanienallee, wo der legendäre Prenzlauer Berg am quirligsten ist, sind Gregor Gysi und Thomas Flierl angesagt, der Frontmann der Linken im Bundestag und der Berliner Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur.

"Wie intelligent darf Politik sein?" Solchen Fragen stellt man sich gern. Gysi und Flierl schweifen in zeitgeschichtliche und biografische DDR-Vergangenheiten, bewegen sich durchs Berliner Politikdickicht und einigen sich darauf, dass Intelligenz in der Politik nicht schadet. Naja. Roland W. zuckt die Schultern. Zu viele Floskeln. Die Unterschiede zur SPD seien nicht wirklich klar. Das ist von dem arbeitslosen Bauingenieur weniger als Vorwurf denn als Tatsachenfeststellung gemeint. Schließlich kennt er die Berliner Bestimmungen, die den zulässigen Wohnraum von ALG II-Empfängern regeln, und er weiß von betroffenen Bekannten, dass durchaus geprüft wird, ob ein Härtefall vorliegt. "So abgewogen macht das keine andere Stadt in Deutschland", meint er. Das ist nicht wenig, aber reicht es als Wahlmotivation?

Gern hätte Roland W. von den beiden Politikern beispielsweise eine Antwort auf die Publikumsfrage nach den "ausgetrockneten Oasen der Utopie", von denen Jürgen Habermas einst sprach. Gern hätte er eine Meinung, die nicht nur taktisch klug ist, eine Sicht, die weiter reicht als bis zur nächsten Regierungsbeteiligung. Roland W. nimmt sich sicherheitshalber eine Wahlzeitung und geht mit der Freundin ins Café. Der Abend ist schließlich noch nicht vorbei.

Erika Otto dagegen hat genug und will zurück nach Hause, in die Karl-Marx-Allee. Sie ist 64 Jahre alt, Mitglied der PDS und weiß nicht, wen sie wählen soll. Das geht einigen so an der Basis, sagt sie und guckt bekümmert: "Automatische Stimmen von uns sind Geschichte." Frau Otto hat so ihre Schwierigkeiten mit der rot-roten Koalition in Berlin. Es ist das alte Lied der Linken: Was wird mit dem Anspruch in der Wirklichkeit? "Daran sind wir doch historisch gescheitert, dass man uns nicht mehr geglaubt hat."

Vom Kapital-Kurs in Ostfriesland zum Haushalt in Berlin

"Ich werde Ihnen keine Versprechungen machen, die ich später nicht halten kann." So steht es geschrieben und so sagt es Carl Wechselberg den Bürgern in Marzahn-Hellersdorf, wo er für die PDS als Direktkandidat zum Berliner Abgeordnetenhaus antritt. Etwa 20 Leute haben sich auf den Weg ins Schloß Biesdorf gemacht, um den haushaltspolitischen Sprecher der PDS-Fraktion zu befragen. Es gibt Schmalzbrot, saure Gurken und Informationsmaterial, alle werden sehr herzlich begrüßt, die Band Micks Washboard spielt Blues und Jazz. In der Pause erzählt der Kandidat, wie er zur Politik gekommen ist.

Als er 1989 sein Abitur an der Gesamtschule im ostfriesischen Aurich macht, hat er sein "ganz kleines 1968" schon hinter sich: Politisierung durch Heimatgeschichte. 1987 erforscht der 16-Jährige mit einer Jugendgruppe die Geschichte von Aurich während der NS-Diktatur und bekommt dabei eine deutliche Vorstellung von der Sprengkraft gezielter Fragen und konkreter Antworten. Später absolviert er Kapital-Kurse und demonstriert gegen den Rüstungswahn. Vom Opportunismus der SPD fühlt er sich ebenso abgestoßen wie von der ideologischen Enge der DKP. Er ist auf der Suche. 1992 geht Carl Wechselberg von der Uni Bremen nach Berlin, studiert Politikwissenschaften an der FU, bewegt sich "sehr interessiert auf die PDS zu", gründet die erste Partei-Gruppe an der Freien Universität und organisiert das Bündnis gegen Sozialabbau und Ausgrenzung.

Heute möchte Wechselberg gern etwas Pfeffer in den Wahlkampf bringen. Aber wie soll er das tun, wenn es keinen Senat gibt, der anzuklagen wäre? So bleibt nur die Vergangenheit, der berüchtigte Berliner Sumpf des ersten Nachwende-Jahrzehnts. "Was die mit der Stadt gemacht haben. Filz, Korruption, Lug und Trug. Den Bankenskandal und die uferlose Verschuldung verdanken wir dieser CDU/SPD-Clique."

Doch der Funke will nicht so richtig zünden. Wähler registrieren gewissermaßen seismografisch, ob ein Politiker wirklich Haltung hat, ob die Leidenschaft nur eine gespielte ist. Sachliche Zwischenfragen sind vielleicht besser, vielleicht bekommt man dann wenigstens eine vernünftige Antwort, mag sich manch einer denken. Zum Beispiel: "Was ist dran an den Gerüchten über die Gebühren zum Straßenausbau?" Die Bewohner der Siedlungsgebiete wissen, was auf sie zukommen könnte. Carl Wechselberg versucht zu beschwichtigen: "Das ist eine Lüge." Und geht gleich zum Gegenangriff über: "Das ist ein schamloses Spiel der CDU mit den Existenzsorgen der Häuschenbesitzer." Der Chef-Haushälter der Linkspartei versichert, dass es mit ihm "keinen Straßenausbau geben wird, den Sie nicht wollen".

Nach dem kleinen Intermezzo kehrt Carl Wechselberg zurück zu seinem Werdegang. "Ich bin in einfachen Verhältnissen groß geworden. Und Not kenne ich aus Neukölln, ich wohne in der Nähe der Rütlischule." Ein Thema seiner Studienzeit waren soziale Spaltungsprozesse in Metropolen. Natürlich finde das in Berlin statt und habe verheerende Folgen. Jeden Tag hat er damit nun politisch zu tun. Wie sollen Belastungen verteilt werden? Was ist gerecht? Ein verdammt schmaler Grat. Dynamit in jeder Diskussion.

"Wenn Sie ganz weit voraus denken, Herr Wechselberg, wie soll dann Gerechtigkeit werden?" Die Antwort kommt überraschend schnell und bestimmt, so, als hätte er schon lange darüber nachgedacht. "Durch Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums, durch den rigorosen Umbau des Systems - den ich demokratisch organisieren möchte, unerbittlich demokratisch." Bis dahin allerdings muss er sich, wie er sagt, "auf die realen Verhältnisse einlassen und für die Menschen was rausholen". Die kleine Gerechtigkeit, ein bisschen sozialer Ausgleich, wie das BVG-Sozialticket oder das Drei-Euro-Ticket, mit dem ein armer Mensch ins Theater gehen darf, wenn er seine Bedürftigkeit nachweisen kann. Das immerhin hat die Linke im Abgeordnetenhaus erkämpft. Davon hat Senator Flierl im Stadtbad geschwärmt. Das steht in allen Materialien. "Wählen Sie mich", sagt Kandidat Wechselberg zum Schluss, "ich setze mich für Ihre Interessen ein."

Vom Chamissoplatz in Kreuzberg zu den Kriegen in der Welt

Vom Heidelberger Krug aus sieht man direkt auf den Chamissoplatz. Um die Ecke ist die Bergmannstraße. Hier ist Kreuzberg, tiefes Kreuzberg. Gedrängel auf dem wöchentlichen Biomarkt. Zwischen Obst, Zickenfleisch und Holzspielzeug haben sich Wahlstände postiert. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, es riecht nach Kräutern, Bratwurst und gerösteten Mandeln.

Am Stand der WASG geht es lebhaft zu. Eine ältere Frau fragt nach dem politischen Programm und was die WASG von der PDS unterscheidet. Lucy Redler, die Spitzenkandidatin, antwortet höchstpersönlich: "Die Politik der rot-roten Koalition lehnen wir rigoros ab. Die PDS organisiert den Sozialabbau mit." "Nicht mit uns" ist auch das Wahlmotto, und Lucy Redler sagt, was gemeint ist, etwa die Ein-Euro-Jobs und die Umzüge, die sie Zwangsumzüge nennt. Das gefällt der Fragerin. Das ist ihre Wirklichkeit, das sind ihre Sorgen.

Lucy Redler ist schon im nächsten Gespräch, zeigt sich geduldig und lächelt. Wenig später hat sie etwas Zeit. Sagt, was ihr wichtig ist. Die Auseinandersetzung in Berlin zwischen WASG und PDS zeige wie in einem Brennglas, worum es grundsätzlich geht: Mitmachen oder sich wehren. Die staatstragende Rolle der PDS sei nicht ihr Ding. "Mein Konzept ist eine Sammlungsbewegung von Leuten, die sich wehren."

Vorm Heidelberger Krug macht ein Ehepaar Kaffeepause. Beide wissen, was sie für Berlin wollen. Er wählt die PDS, "allerdings mit Abstrichen", wie er betont. Seine Frau kreuzt die Grünen an, ist "aber schon lange nicht mehr glücklich damit." Besonders schlimm seien die Kriegseinsätze, von den Ex-Pazifisten abgesegnet, und von der ursprünglichen Programmatik wäre kaum noch etwas übrig. Der Mann am Nebentisch nickt zustimmend, legt den Tagesspiegel zur Seite und meint in einer Mischung aus Bitter- und Heiterkeit: "Ja, man wählt immer nur das kleinere Übel."


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00:00 15.09.2006

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