Weites Feld

Linksbündig Gibt es gute Gründe, ein Land von der Fußball-WM-Teilnahme auszuschließen?

Vor kurzem erregte der grüne Europa-Abgeordnete Cohn-Bendit Aufsehen mit seiner Forderung, Iran von der diesjährigen Fußball-WM in Deutschland auszuschließen. Damit solle ein Zeichen gegen die anti-israelischen Ausfälle des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gesetzt werden. In der Tat ist dieser Präsident kein Verrückter, sondern in seiner Art, sich als Anwalt eines Lumpenproletariats auszugeben, geschickt und gefährlich.

Dennoch ist es fraglich, ob ein WM-Ausschluss ein richtiges Zeichen setzen würde. Zum einen wird der Fußballexperte Cohn-Bendit wissen, dass Fußball in den vergangenen Jahren in Iran ein emanzipatorischer Faktor war. Er erlaubte der iranischen Bevölkerung in unerlaubter Weise zu feiern, Frauen verschafften sich Zutritt zu den Stadien, in denen Länderspiele ausgetragen wurden. Es gab keine Gläubigen und Ungläubigen, sondern nur Fußballfans, die unter den Augen der geschockten Revolutionswächter auf der Straße ausgelassen feiern durften. Es war noch zur Regierungszeit des Präsidenten Khatami, als die deutsche Mannschaft im Sommer 2004 zur allgemeinen Begeisterung der einheimischen Bevölkerung in Teheran gastierte. Und Bundestrainer Klinsmann sorgte dafür, dass seine Spieler sich nicht nur auf das Spiel, sondern auch auf das gastgebende Volk und seine Lebenslage vorbereiteten, wie es ein guter Außenminister nicht besser hätte dirigieren können.

Zum andern würde ein iranischer WM-Ausschluss ein weites Feld öffnen. Wie sieht es mit der politischen Führung der anderen 31 Teilnehmerländer aus? Hier wäre zuvörderst die Elfenbeinküste (Côte d´Ivoire) in den Blick zu nehmen. Dort tobt seit 2002 ein Bürgerkrieg mit allen politischen Ingredienzien für ein "zweites Ruanda" (zur Erinnerung: dort kamen 1994 in 100 Tagen rund 800.000 Menschen durch einen systematisch organisierten Völkermord ums Leben). So wie damals in Ruanda schürt der ivorische Präsident Gbagbo rassistisch und religiös aufgeladene Auseinandersetzungen zwischen den angeblich echten Ivorern (Christen) im Süden und den angeblichen Nicht-Ivorern (Moslems) im Norden. Die ökonomischen Ressourcen des Landes sind einerseits knapp (Kakao) und umkämpft, andererseits potenziell groß (Ölvorkommen) und umso stärker umkämpft. Da kann es nicht verwundern, dass eine 5.200 Mann starke französische "Friedenstruppe" im Land ist, sich allerdings so geringer Beliebtheit erfreut, dass 1.600 französische Zivilisten vorsichtshalber schon mal evakuiert wurden (auch das eine Parallele zu Ruanda 1994).

Also WM-Ausschluss der Elfenbeinküste, bevor es zum "zweiten Ruanda" kommt? Dazu vielleicht noch ein Kakaoboykott? Es diente einem guten Zweck, wenn unter dem Druck einer gefährdeten WM-Teilnahme in Côte d´Ivoire endlich ein wirksames Friedensabkommen zustande käme.

Es ist aber auch eine andere Variante denkbar. Die ivorische Mannschaft ist sehr spielstark, fast alle Spieler arbeiten in Europa, die Hälfte allein in Frankreich. Wie in Iran könnte ein starker Auftritt der Mannschaft das Klima im eigenen Land positiv verändern. Viel Verantwortung käme dabei auf die Spieler zu: nicht nur für eine gute Leistung "auf dem Platz", sondern auch anschließend vor den Mikrofonen der Medien.

Für deutsche Medien ist Côte d´Ivoire (wie übrigens auch die WM-Teilnehmer Ghana und Togo) nämlich bisher nicht existent. Korrespondenten-Sitze befinden sich dort nicht. In Westafrika arbeiten mehr europäische Fußballtalentscouts als Journalisten.

Die Medien werden, in Deutschland also erstmals, ihre Scheinwerfer auf das angeblich "exotische" Land richten. Und wenn sie es gut machen, wozu einige Auslandskorrespondenten von ARD und ZDF durchaus in der Lage sind, dann werden sie uns, dem deutschen Fußballpublikum vielleicht auch das eine oder andere Auge öffnen. Dass da nicht nur Verbrecher und Mörder in so mancher Regierung und so mancher "Rebellentruppe" agieren, sondern dass dort auch Strippen gezogen werden, von US-amerikanischen, französischen, chinesischen und ja, auch deutschen Rohstoffinteressenten, denen ein paar tausend massakrierte Schwarze so egal sind, dass man sich unvermittelt fragt, wer hier eigentlich wirklich von einer WM ausgeschlossen werden müsste. Auf jeden Fall etliche Inhaber der VIP-Plätze.


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00:00 13.01.2006

Ausgabe 38/2020

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