Welche Dummheit war es, Jugoslawien nicht zu retten

Im Gespräch Der Regisseur Zoran Solomun über den Verlust eines einzigartigen Staates und ein Gleichnis, das in Europa bis heute nicht begriffen wird

FREITAG: Vermutlich begegnet Ihnen bis heute manchmal das Bild vom aggressiven Serbien, das seine Nachbarrepubliken überfallen hat. Haben Sie das Bedürfnis, Serbien zu verteidigen?
ZORAN SOLOMUN: Mein Schmerzpunkt ist der serbische Nationalismus. Ich habe mich zwar immer als Jugoslawe und nicht als Serbe verstanden - aber in Belgrad bin ich aufgewachsen, dort habe ich studiert, das ist meine Stadt, meine Identität, neben anderen. Darum hat mich der serbische Nationalismus mehr getroffen als der kroatische, slowenische, muslimische oder albanische. Ich habe die serbischen Tschetniks (einst monarchistische Kämpfer - d. Red.), Milosevic´ und seine Manipulationen aus tiefster Seele gehasst. Aber die Vorstellung, der ich in Deutschland begegne, die Serben seien wild und gewalttätig, finde ich scheußlich. Solcherart Feindproduktion betreibt Europa immer.

Erleben Sie es, dass man Sie zu den "bösen Serben" zählt?
Nein, böse sind inzwischen irgendwie alle, auch die Kroaten, die Muslime, Kosovaren. Was vorherrscht, ist ein Nicht-Begreifen. Das war auch während der Kriege in Jugoslawien die Botschaft aller Politiker-Reden und Medien-Berichte: man kann es nicht verstehen. Den Grund dafür habe ich erst allmählich herausgefunden. Man hätte hier, um die Entwicklungen auf dem Balkan zu durchschauen, viele Kategorien, die in Westeuropa selbstverständlich und positiv sind, in Frage stellen müssen

Sie meinen, Westeuropa hat den nötigen kritischen Blick auf sich selbst verweigert. Der Gerechtigkeit halber sollte man erwähnen, dass es sich wegen seines zögerlichen Eingreifens der Schwäche geziehen hat.
Ich meine etwas ganz anderes: Man wollte die nationalen Kategorien nicht antasten. Für Westeuropäer gehört das Nationale zur Natur wie die Bäume oder die Luft. Sie wissen es nicht einmal. Es steckt tief in ihrem Denken. Sie glauben an nationale Eigenschaften, als wären das uralte Unterschiede zwischen den Menschen. Als ich 1990 nach Deutschland kam - aus einem Jugoslawien, in dem der Nationalismus aufblühte - sah ich hier im Supermarkt eine Packung mit zehn "deutschen Eiern" und habe laut gelacht. Auf dem Balkan wäre so etwas ein Witz gewesen. Früher zumindest. So weit gingen dort die nationalen Identifikationen nicht.

Hätten die Westeuropäer angesichts der Kriege in Jugoslawien das nationale Denken verurteilt, das sich auch in der so überzeugend klingenden Formel vom "Selbstbestimmungsrecht der Völker" verbarg, hätten sie über ihren eigenen Nationalismus reden müssen. Um das zu vermeiden, haben sie betont: Es geht in Jugoslawien um alte Rechnungen aus dem Zweiten Weltkrieg oder aus der Zeit des Berliner Kongresses Ende des 19. Jahrhunderts.

Stimmte an diesen Erklärungsversuchen nichts?
Triebfeder in Jugoslawien waren ganz und gar heutige Interessen von Eliten, die eine privilegierte Stellung behalten oder erringen wollten. Dafür haben sie die Nationalismen fabriziert, die etwas Virtuelles hatten - schnell für den sofortigen Gebrauch hergestellt. Das war und ist sehr sichtbar, wenn man es sehen will.

Für Westeuropäer gehört das Nationale zur Natur wie die Bäume oder die Luft

Ja, man sieht oft nicht, was völlig offen abläuft: Kassandra ist nicht nur deswegen eine Prophetin, weil sie in die Zukunft schaut, sondern weil sie ausspricht, was sich vor aller Augen abspielt. Haben Sie und andere in Jugoslawien den Nationalismus in seinen Anfängen erkannt?
Zwischen 1980 bis 1990 ließ sich im Fernsehen und auf der Straße beobachten, wie Nationalismus und dann Krieg produziert wurden. Das lief offen ab, eine geplante Produktion, ein Schritt nach dem anderen. Es begann mit einer Krise im Kosovo Anfang der achtziger Jahre, als die Arbeiter dort - die serbischen wie die albanischen - zu Recht unzufrieden waren und streikten. Die Politiker begannen, die serbischen Arbeiter, eine Minderheit, zu bestechen - mit Wohnungen oder besseren Jobs. Eine Spaltung auf nationaler Basis. Dann gab es keine Streiks mehr, sondern eine separatistische, albanische Bewegung. Die Kosovo-Krise von 1981 diente der Armee Jugoslawiens dazu, wieder eine Legitimation zu finden.

1999 diente wiederum der im Kosovo entfachte Krieg der NATO zu ihrer Legitimierung, die sie nach Auflösung der Sowjetunion schwinden sah. Weshalb fürchtete die jugoslawische Armee 1981 um ihr Existenzrecht?
Ich kann es vielleicht anhand der Geschichte meines Vaters erklären. Er wurde in einer der ärmsten Gegenden Bosniens geboren, in einer Bauernfamilie mit elf Kindern. Sozial engagierte Leute brachten ihn und andere nach Belgrad in eine Lehre. Auch in der Stadt liefen sie barfuss, so arm waren sie, es gibt ein Foto davon.

Diese jungen Männer wurden von der Kommunistischen Partei angesprochen, als 1941 die deutschen Truppen einmarschiert waren. Die Partei sagte meinem Vater, der 19 war: Geh in dein Dorf und organisiere den Widerstand. Er wusste nicht, wie man schießt oder eine Truppe zusammenhält. Und was hat er getan? Zuerst hat er seine Familie mobilisiert, seine Schwester, zwei Brüder. Die gingen in den Wald, andere folgten. Nach einem Jahr erst hörten sie von Tito. Am Ende des Krieges, nach vier Jahren, zählte diese Armee 800.000 Mann, alle in Uniform, streng und gut organisiert. Mein Vater blieb in der Armee und wurde Offizier.

Die Armee wurde nach dem Krieg halbiert ...
... aber sie blieb eine der größten der Welt und war ein sozialer und wirtschaftlicher Faktor. Sie vergab Wohnungen und Renten, für sie arbeiteten ganze Industrien. Die Legitimationskrise kam, als die internationalen Spannungen abnahmen, und Jugoslawien mit einer wirtschaftlichen Depression zu kämpfen hatte. Die Armee suchte eine Lösung für sich, und die einzige, auf die ein solcher Apparat kommen kann, ist Krieg. So wurde ein Krieg produziert, im Kosovo 1980, 1981.

Begannen damit die Manipulationen mit dem nationalen Denken?
Damit begann der Nationalismus, seine Aggressivität zu zeigen. Die Weichen dafür wurden schon 1968 gestellt. Ich habe das intensiv miterlebt. Studenten besetzten in Belgrad die Uni. Die jugoslawischen Kommunisten waren schockiert, dass es eine spontane Opposition gegen sie gab und sie trotz ihres großen Geheimdienstes nichts davon wussten. Sie fühlten sich gefährdet. Da war ein Knick.

Inwiefern?
Weil die Regierung nach 1945 zunächst ungeheuer erfolgreich war. Das Wachstum lag über Jahre bei zehn bis zwölf Prozent. Mit ihrer Disziplin und ihrer Idee, die noch sehr unverbraucht war, haben die Kommunisten Millionen Menschen alphabetisiert. Die Absage an Stalin 1948 und die Arbeiterselbstverwaltung ab 1953 hatten aus Jugoslawien etwas Besonderes gemacht, ein Land, das experimentierte und tatsächlich neue Wege suchte, auch wenn die Kommunisten immer die Kontrolle über alles ausübten. Aber dann zeigte sich 1968 diese oppositionelle Energie. Ich war 15. Ich sah die Universität, das ganze Gebäude mit roten Tüchern behängt und mit einem großen Bild von Karl Marx.

Weil wir heute alle Skeptiker sind, möchte ich doch fragen, ob sich in den Studentenprotesten wirklich ein politischer Wille ausdrückte oder dies geliehen war, da solche Aktionen 1968 einen westlichen Appeal hatten?
Natürlich haben die Studenten Ideen entlehnt, aber sie waren links, sie wollten den Sozialismus reformieren, die Selbstverwaltung zu einer echten machen. Sie waren gegen die sogenannte rote Bourgeoisie, wollten Gerechtigkeit. Die Dichterin Desanka Maksimovic - später leider auch eine serbische Nationalistin - trat auf und sagte: "Junge Leute, merken Sie sich, was Sie jetzt fühlen. Sie werden das ganze Leben davon zehren." Eine solche Energie gab es in Jugoslawien nie wieder, höchstens eine Ahnung davon, als im Winter 1996/97 die Belgrader drei Monate lang täglich gegen Milosevic demonstrierten. Aber das war keine Bewegung mit sozialen Visionen. 1968 stiegen in Bosnien Arbeiter in Züge und wollten die Studenten unterstützen. Da haben die Kommunisten eingegriffen und mit Militär und Polizei die Züge gestoppt. In Belgrad haben sie auch mit auffahrenden Panzern die Studenten auseinandergetrieben.

Gleich danach wurde der jugoslawische Studentenbund aufgelöst, der die Basis der Proteste war. Statt dessen wurden Studentenbünde Serbiens, Kroatiens, Mazedoniens - also separat in den einzelnen Republiken - gegründet. Das nannte sich Dezentralisierung und war eine Teilung nach nationalen Kriterien.

Tito hat damals gesagt und zwar zum ersten Mal: "Ich bin Jugoslawe, aber ich bin auch Kroate"

Wie es immer wieder gelingt, einen Begriff zu finden, der den Menschen akzeptabel scheint, aber in Wirklichkeit das Gegenteil dessen zu tun! Mir fällt die "antibürokratische Revolution" ein, die Milosevic Ende der achtziger Jahre in der serbischen KP ausrief. Dafür gab es zeitweilig echten Enthusiasmus - und Milosevic konnte unter dieser Losung den Partei-Apparat mit seinen Leuten besetzen.
Tito hat nach der Studentenrevolte von ´68 mit sparsamsten Worten sein Zeichen gesetzt, wie die nationale Frage künftig behandelt werden sollte. Er hat damals gesagt - und zwar zum ersten Mal: "Ich bin Jugoslawe, aber ich bin auch Kroate." Wem er damit eine Botschaft schickte, wusste er genau. 1972 gab es schon die erste große nationalistische Welle in Jugoslawien, den "kroatischen Frühling". Tito hat diese Bewegung mit übergroßer Schärfe gestoppt und trotzdem ihre Ideen aufgenommen. In der neuen Verfassung Jugoslawiens von 1974 fanden sie sich wieder.

Die jugoslawischen Kommunisten haben demnach selbst ihr Fundament zerstört? Das wäre kein Einzelfall in der Geschichte, ist aber wie immer schwer nachvollziehbar.
Die maßgebenden Personen waren alt. Ihre Autorität bezogen sie aus dem Befreiungskrieg der Partisanen bis 1945, weniger aus der kommunistischen Idee. Diese Legitimation übertrug sich nicht auf die nachfolgende Generation. Eigentlich hatten nur die Befreier, die Partisanen, das Recht, das Land zu regieren. Mit ihrem Tod war das System am Ende. Und als in Serbien, der größten Republik, ein Milosevic von der jugoslawischen Option Abstand nahm, war es so weit.

Die jugoslawischen Kommunisten sahen ihren Feind im Nationalismus. Als er schwächer wurde, reproduzierten sie ihn, um sich als Gegensatz definieren zu können, so dass es am Ende wirklich nur noch zwei Optionen gab: die kommunistische oder die nationalistische. Und da unterlag die kommunistische.

Das fiel mit dem Ende der Sowjetunion zusammen - diese Parallelität müsste man wohl einbeziehen.
Ja, anfangs haben weder Tudjman noch Milosevic damit gerechnet, dass man in Europa Grenzen verändern könnte! Sie haben gepokert. Als sie merkten, dass es ernst wurde, liefen sie zum Feind von gestern über. Innerhalb von sechs Monaten wurden die Kommunisten zu Nationalisten. Und die serbischen und kroatischen Nationalisten waren gewillt, Bosnien unter sich aufzuteilen. Die Tür zum Krieg war weit aufgestoßen.

Mir schien es damals so, als sei Jugoslawien von Deutschland - Westeuropa überhaupt - "zum Abschuss freigegeben" worden. Man warf ständig Köder aus, die in den Republiken der Föderation heftig wahrgenommen wurden. In Deutschland merkte man es an der erzeugten Stimmung. Jugoslawien hatte keine Verteidiger mehr. "Jugo-Nostalgiker" wurde zum vernichtenden Schimpfwort. Mit welchem Eifer wurde es durchbuchstabiert: Dieser Staat ist künstlich, Tito hat einen Deckel auf den Topf gedrückt, in dem es immer brodelte, Jugoslawien hat keinen Bestand, es muss zerfallen. Und das ist besser so.
Trotzdem will ich nicht sagen, dass die Ursachen für den Zerfall außen liegen. Ich habe erlebt, wie meine Familie, wie Nachbarn und Freunde in die Herde der Nationalisten übergelaufen sind. Mit Erstaunen, mit Angst, unter Schock habe ich gesehen, wie glatt das ging. Die Bevölkerung hatte zu dem Zeitpunkt nicht den Wunsch, Jugoslawien zu erhalten.

Alle fühlten, schien mir, dass die Zeichen der Zeit auf nationale Kleinstaaten zeigten. Es gab die Hoffnung, in dieser Form - ohne Ballast - Anschluss an Westeuropa zu finden und auch belohnt zu werden. Das Eigenartige aber ist, dass ich später bei meinen Reisen nur auf Leute stieß, die den Zerfall Jugoslawiens schrecklich fanden.
Das war eine Minderheit.

In Zügen, in Bussen, beim Warten irgendwo lief dieses Gespräch, wie eine Litanei. Mir begegneten ständig Leute, die an Jugoslawien festhalten wollten. Vielleicht habe ich diese Emotion bei ihnen geweckt. Aber sie waren ohne Resonanzboden in ihrer Gesellschaft - es geschah etwas, das sie nicht aufhalten konnten.
Ich habe es leider anders erlebt und mich immer wieder gefragt: Wie kann es passieren, dass die Menschen so eindeutig gegen ihr Interesse handeln? Die Absichten der Eliten waren leicht zu durchschauen. Aber warum haben die Leute mitgemacht? Sie haben - bis vielleicht auf Slowenien - nur verloren. Sie hätten wissen müssen, dass Jugoslawien trotz seiner Krisen eine staatliche Struktur war, die ihnen nutzte; dass so kleine Staaten noch mehr ökonomische Probleme haben werden; dass ein Krieg nur Leid, kulturellen Verfall und Armut bringt! Es ist für mich immer noch ein Rätsel.

Ich habe erlebt, wie meine Familie, wie Nachbarn und Freunde in die Herde der Nationalisten überliefen

Ein Rätsel ist auch, dass es dann zu so großen Grausamkeiten kam.
Um den Krieg zu produzieren, musste man die Menschen trennen, und dazu schickte man Killer in die Dörfer, sie mordeten und lösten eine Kettenreaktion aus. Mich überrascht diese Frage, die oft gestellt wird, immer wieder. Gibt es Kriege ohne Entmenschlichung? Die Vorstellung von abnormen Grausamkeiten gehört zu dem Bild vom wilden Balkan, der fern und anders ist.

Im September 1991, als es die pogromartigen Nächte in Rostock gab und der Mob Wohnungen von Vietnamesen in Brand steckte, habe ich folgendes erlebt. In einem Laden fragte mich eine Frau, woher ich käme, und sagte dann voller Abscheu: Ist es nicht unglaublich, was dort passiert? Diese Brutalität, diese Grausamkeit! Ich wollte es relativieren und sagte, ja, aber haben Sie nicht auch gesehen, was vor zwei Tagen in Rostock passiert ist? Da war sie beleidigt, sie hat geschrieen: Das ist etwas vollkommen anderes!

Da sind wir wieder in Deutschland. Geben Sie den Deutschen eine Mitschuld an den Kriegen?
Ich würde nie Genscher und Kohl, weil sie Kroatien und Slowenien so eilig als Staaten anerkannt haben, für den Zerfall Jugoslawiens verantwortlich machen. Ich werfe ihnen anderes vor. Schon ihr Argument, Jugoslawien sei nur ein Konstrukt, war furchtbar. Was sollte das heißen? Jeder Staat ist ein Konstrukt. Wie unterscheiden sich in dieser Hinsicht Deutschland und Jugoslawien? Ich denke, den westeuropäischen Politikern fehlen die intellektuellen Instrumentarien, um sich eine politische Kultur vorzustellen, die nicht auf nationalen Bindungen beruht. Sie verstehen in ihren Herzen nicht, was eine multinationale Gesellschaft ist. Nationales Denken ist ihre Identität, aber auch ihr bewährtes Herrschaftsmittel, das sie nicht aufgeben wollen. Jetzt reden sie zwar über Europa und Multikulturalismus, aber ich bin überzeugt, dass sie nicht wissen, wovon sie sprechen.

Amerikanische Analytiker wissen eines sehr genau: Europa ist über seine Nationalismen zu kontrollieren

Die Ökonomie kann sich längst über das Nationale hinwegsetzen.
Das tut sie schon seit dem 15. Jahrhundert. Aber die Ideologen, die Staatsmänner, sind national gestrickt und deshalb mental begrenzt. Darum haben sie Jugoslawien nicht gerettet. Europa hätte auf keinen Fall zulassen dürfen, dass ein Krieg auf seinem Territorium stattfindet, denn es hatte das Glück, 50 Jahre ohne Krieg zu sein. Ganz allmählich fing man an zu spüren, was für eine wunderbare Qualität das ist - und dass vielleicht irgendwann das Trauma der Kriege vergehen kann. Europa hat diese Chance verspielt, das finde ich absolut selbstzerstörerisch. Der Erhalt Jugoslawiens wäre zudem eine ausgezeichnete Gelegenheit gewesen, das nationale Prinzip zu relativieren. Es gab eine solche staatliche Konstellation wie die Jugoslawiens in Europa nur einmal, nun gibt es keine mehr.

Westeuropa scheint in ähnlicher Weise an seinen Fundamenten zu sägen, wie Sie es am Beispiel der jugoslawischen Kommunisten erzählen!
Auf jeden Fall haben seine Politiker zugelassen, dass sich die USA zum ersten Mal in der Geschichte auf dem Balkan als Machtfaktor etablierten. Der Balkan war bisher ein europäisches Thema. Die Amerikaner kamen, beendeten den Krieg und blieben. Heute haben sie eine der weltweit größte Militärbasen im Kosovo. Sie haben das Gebiet militärisch unter Kontrolle. Amerikanische Analytiker wissen - so glaube ich - eines sehr genau: Europa ist über seine Nationalismen zu kontrollieren. Warum sollte man so einen perfekten Mechanismus nicht benutzen? Und die europäischen Politiker sind so borniert und machen mit.

Man hätte Jugoslawien als Ganzes gleich in die Europäische Union aufnehmen und integrieren können. Es wäre nicht leicht gewesen, aber im europäischen Interesse.

Jugoslawien hätte als eine Art Modell für Europa gerettet werden müssen?
Ja, als Prinzip, als Muster. Denn die multinationale Tradition ist in Europa nach dem Ersten Weltkrieg verloren gegangen, als das Osmanische Reich und die Habsburger Monarchie zerfielen. Als politische Option war diese Tradition zu jenem Zeitpunkt schwächer als die nationale Tendenz. Die hat triumphiert. Aber ist eine zeitweilige Schwäche der Beweis, dass es unbedingt eine schlechtere Möglichkeit ist? Das Osmanische Imperium war kein liberales Modell, aber als staatliche Struktur hat es über Jahrhunderte mit einer Kommunikation zwischen verschiedenen Religionen besser als alle westeuropäischen Länder funktioniert.

Ethnische Staaten, kann man sich so eine Scheußlichkeit vorstellen? Kroatien ist ethnisch rein, Slowenien ist es, jetzt muss ein Albanien entstehen, ein Serbien und so weiter. Man hätte das jugoslawische Modell erneuern und heutige Lösungen suchen müssen. Wie kann Europa funktionieren, wenn Nationalstaaten sein Hauptprinzip bleiben? Für mich ist das europäische Projekt zum Scheitern verurteilt.

Nationalstaaten sind mit dem kapitalistischen System entstanden, das eine geht mit dem anderen einher - das ist offenbar nicht voneinander zu trennen.
Man kann tatsächlich annehmen, dass die jugoslawischen Republiken auf ihrem Weg zum neoliberalen Kapitalismus diesen Schritt einfach tun mussten. Sie waren gezwungen, sich in Nationalstaaten zu verwandeln.

Die NATO und die USA haben Milosevic gebraucht wie der den Konfliktherd Kosovo

Kommen wir noch einmal auf Ihre jugoslawische Erfahrung zurück. Sie ließen vorhin den Satz fallen: "Wir haben uns nicht toleriert, wir haben kommuniziert."
Ja, ich meine den wirklichen Austausch untereinander, zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Sprachen. Das war nicht auf eine Elite beschränkt, sondern fand auf breiteren Ebenen statt und war eine befreiende Erfahrung. Ich glaube, Menschen sind bereit und geneigt, sich zu mischen, wenn die Türen offen sind, wenn keine Tabus, Verbote und sozialen Schranken sie hindern. In Jugoslawien war das eine authentische Entwicklung und ein starkes emotionales Erlebnis. Man wird reicher und sicherer. Als ich mich in eine Frau aus Berlin verliebte und sie nach Jugoslawien einlud, bin ich mit ihr zuerst nach Ljubljana, weiter nach Zagreb und dann nach Belgrad gefahren. Ich wollte ihr zeigen, woher ich komme und dass wir so etwas Menschliches zu bieten haben. Solche Empfindungen hatte nicht nur ich, viele hatten sie. Die serbischen und kroatischen Faschisten wollten uns wieder trennen und in nationale Schubladen stecken.

Sie fahren regelmäßig nach Belgrad. Es scheint immer, dass sie dort Kräfte sammeln, die das Leben hier verbraucht. Wie sehen Sie Serbien heute?
Ich erlebe bei den Reisen ein tiefes Bedauern. Durch den Nationalismus, die Kriege und die Isolation wurde eine offene Gesellschaft, eine politische Kultur, die in großer Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert geschaffen wurde, vernichtet. Zehn Jahre Embargo haben Milos?evic´ an der Macht gehalten. Auch das war ein Verbrechen. Die NATO und die USA haben ihn gebraucht wie er den Konfliktherd Kosovo. Milos?evic´ war nicht gegen die NATO, wie es vielen hier schien. Er hat mitgespielt, so lange er nur konnte, wie auch Saddam Hussein. Beide wussten, dass sie gebraucht wurden, als Feinde, und sie haben diese Rolle angenommen und genutzt. Die Westeuropäer und Amerikaner haben mit dem Boykott Serbiens eine ganze Generation mental beschädigt. Das ist in Belgrad an jeder Ecke zu spüren: Aus einer relativ offenen Gesellschaft ist eine autistische gemacht worden.

Vor einem Jahr sah ich einen jungen Mann im Zug von Belgrad nach Zagreb, er drückte seinen Kopf ans Fenster und schaute unablässig auf die Landschaften und Bahnhöfe, als wollte er alle Eindrücke einsaugen. Er war Student, und das war seine erste Reise nach Kroatien.
Alle diese Länder - Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Montenegro, Mazedonien - das sind kleine Länder: sie sind klein in den Köpfen der Menschen, in ihrem Geist, nicht nur geografisch. Etwas ist mit ihnen passiert, das teilweise irrational ist. Diesen Staaten fehlt etwas, sie sind wie Einzelteile, nicht komplett. Und die Leute fühlen es. In Slowenien wirst du jetzt als Belgrader innig begrüßt. Auch in Kroatien trifft man trotz der starken katholisch-nationalen Identität auf dieses Leiden am Verlust. Jene Serben, die sich als Serben definieren, erleben sich als Verlierer. Ihr Nationalismus ist noch stärker geworden, aus Trotz. Jetzt sind sie darin versunken.

Trotzdem brauchen Sie diese Stadt Belgrad?
Ja, meine Freunde brauche ich. Ein geistiger Aufbruch ist höchstens in kleinen Gruppen zu bemerken. Sonst sieht man die Masse der Resignierten und die paranoiden Nationalisten. Wenn ich nach Belgrad komme, fragen die Leute: Was machen die Deutschen? Und ich frage zurück: Welche Deutschen? Für sie sind die Deutschen ein Kollektiv.

Aus dem Westen kommen leider auch nur national durchsetzte Impulse. Ob irgendwann einmal etwas Positives zu erwarten ist? Möglicherweise in 20 Jahren, wenn Europa wirklich multinational geworden ist - wogegen es sich so sehr sträubt - und die Türkei dazu gehört. Vielleicht werden dann belebende Ideen aus Europa kommen.

Das Gespräch führte Marina Achenbach


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Marina Achenbach ...

... in Zagreb geboren, lebte bis 1957 in der DDR, dann in der BRD. Slawistik-Studium in München und Tübingen, in Moskau der russischen, polnischen und serbokroatischen Literatur. Freiberufliche Autorin, seit 1987 in Berlin (West), seit 1990 Reporterin für den Freitag. Zwischen 1992 und 2004 mehrere Reisen durch Ex-Jugoslawien. 1994 erschien ihr Buch Auf dem Weg nach Sarajevo. Zuvor Dokumentarfilme: Oder wie sieht die Welt aus (1982), Il dottore onorario (1985), Vom Feilen und Lächeln (1986).


Zoran Solomun ...

... 1953 in Pula/Istrien geboren, absolvierte bis 1979 die Belgrader Akademie für Theater, Film und Fernsehen und drehte danach sozial und politisch engagierte Dokumentarfilme: Der Meteor (1979), Der Staub in Belgrad (1982), Aus dem Leben böser Kinder (1986), Tarzan, Herr der Bären (1986), Die Bosnier (1987), Adieu, Patriarchat (1989), Ach, ein Untertan (1989), Ein verrostetes Irrenhaus (1990), den Spielfilm Weltmeister (1993 für das ZDF). - Seit März 1990 lebt Zoran Solomun mit seiner Familie in Berlin.


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00:00 26.11.2004

Ausgabe 38/2020

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