Wellen der Einbildung

Erfüllte Zeit Eine Verteidigung der Schundliteratur gegen die bildungsbeflissenen Kanonleser

Allenthalben schallen die Warnrufe. Auch am Welttag des Lesens haben wir sie Ende April wieder vernommen. Das Buch sei das Opfer des digitalen Medienzeitalters. Und mit ihm sei auch der Leser bedroht. Es steht offenbar einiges auf dem Spiel. Denn das Bild des Lesers beinhaltet ebenso wie die des Denkers Eigenschaften und Tugenden, die für die abendländische Kultur fundamental sind: die Leidenschaft der Imagination, die Konzentration der Reflexion, den Willen zum Wissen. Eine Ikonologie des Nutzers digitaler Medien gibt es noch nicht. Die Verfechter der Lesekultur sehen in ihm jedenfalls eine unheilvolle Synthese aus couch potatoes und Buchhaltern. War es das, was wir von der Postmoderne erwarten durften? Ist ihr Heros der picklige Informatiker, aus dessen Thermohose ein Strauß USB-Kabel hängt?

Gegen die spätestens seit PISA amtlich bestätigte Gefährdung der Lesefähigkeit drängen die Wächter des Buches auf verstärkte Lektüre. Selbsternannte Buchweise formulieren auflagenstark jedes Jahr einen neuen Kanon für die Schule und hektisch wird ausgerechnet, wieviel die müden Sprößlinge intus haben müssen, bis sie wenigstens ein Hauptsatz-Nebensatz-Gefüge ohne Stolpern über die Lippen bringen und einen fehlerfreien Lebenslauf für ihre Bewerbungen zusammenschreiben können. Und die Träne trübt das Auge den Altvorderen, die sich an die traumgleiche Zeit ihrer Jugend erinnern. Damals soufflierte der April den Oberprimanern mutmaßlich noch Zeilen wie "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/ Durch des Frühlings holden, belebenden Blick".

Warum eigentlich, fragt sich indessen der arglose Beobachter des neu erwachten Leseansporns in unseren Landen, soll die Jugend denn überhaupt lesen, und noch dazu mehr? Informationen, auch literaturgeschichtliche, wird man über kurz oder lang anders speichern können als auf dem umständlichen Weg der Lektüre von Texten. Ein Lob den dtv-Atlanten und den pädagogisch empfohlenen Computerspielen. Selbst dem guten Luther kann man mittlerweile schon auf der Bildschirmoberfläche durch sein Kloster folgen oder ihn interaktiv durch dessen Räume führen, während hier und da ein paar wissenswerte Slogans aus seinen Predigten und Schriften aufpoppen. Das reicht zur Not auch in der Abitursprüfung. Wissen kann in der piktorialen Kultur des Medienzeitalters ebenso vermittelt und tradiert werden wie in der Lesekultur. Wer seine Hausarbeiten an der Universität bildungsbürgerlich aufpeppen will, wählt eine der einschlägigen Suchmaschinen. Sie liefert die Rundumversorgung mit tiefschürfenden Zitaten. Interpunktion und Grammatik korrigiert das Rechtschreibprogramm. Warum soll man in Zukunft nicht sogar Schreibstile programmieren und abrufen können? Wähle "New Times Roman" und "Thomas Mann".

Allerdings könnte es ja sein, daß es gute Gründe gibt, lesen zu wollen. Nach wie vor. Diejenigen, die ihre Kinder jetzt in die Stadtbibliotheken schubsen, sollten wissen, dass auch sie zum Lesen nur gekommen sind, weil sie es als eine lustvolle Tätigkeit erfahren konnten. Aber vielleicht haben die stets gut Informierten diesen geradezu anrüchig zwecklosen Zeitvertreib, der auf nichts aus ist, als das Glück des Augenblicks, längst vergessen oder durch bildungspolitische und kulturkritische Erwägungen verdrängt. Vielleicht haben sie verdrängt, daß wir gerne nur dann lesen, wenn die Lektüre für uns hier und jetzt etwas abwirft, statt uns bloß mit dem etwas dürren Versprechen künftiger Wissensanwendung zu vertrösten. Bücher erwecken den Furor der Leidenschaften auf eine Art, welche die neuen Medien nicht ersetzen können. Ihr Faszinosum beruht nämlich auf der Spannung zwischen der Sprache und den inneren Bildern, die sie in uns hervorruft.

Vorstellungen dessen, was wir gelesen haben, lassen sich nur schwer wieder in Sprache rückübersetzen. Verstehen ist das eine - zur Lesefähigkeit zählt auch die Kraft der Imagination. Die Qualität von Büchern besteht im Maß der Intensität und Unvorhersehbarkeit der inneren Bilder, welche die Sprache in uns evoziert und die wir nie letztgültig auf den Begriff bringen können. Sind die neuen Medien Bildmedien, dann ist das alte des Buches also neuer als manche denken. Bildverliebten Mediennutzern dürfte das Buch weniger verschlossen sein, als die Oberstudienräte denken.

Zu den Texten, die unsere Lust am ewigen Widerspruch zwischen Bild und Wort erwecken, zählt im übrigen auch die fiktionale Gebrauchsliteratur. Ich meine die Heftchen, die der Nachwuchs an den Kiosken erwirbt und ebenso flink durchblättert wie er im Vorschulalter die Süßigkeiten von demselben Kiosk mit heißen Händchen ausgewickelt hat. Die Kinder wollen seifigen Erdbeergeschmack, Mambo liefert ihn; sie wollen vor Spannung kribbeln, und John Sinclair, der Geisterjäger sorgt für genau den thrill, für den sie ihr Taschengeld investieren. Freunden der Lesekultur sind Mambo und John Sinclair ein Greuel. Warum eigentlich? Von Geisterjägern bekommt man keine Karies. Und die Lektüre schundiger Kinderlesestoffe offenbart keinesfalls das Schreckensbild eines bloß instrumentellen Verhältnisses zu Texten. Instrumentell ist das gehorsame Repetitorium dessen, was wir unseren Oberstudienräten zufolge wissen sollten, nicht aber der Konsum von Groschenheftchen. Wenn wir in einer grundsätzlichen Bestimmung von Kultur als der Summe aller Praktiken übereinstimmen können, die für uns ein Zweck in sich selbst sind, dann sind die Kleinen, die auf Spannung, Grauen, Schrecken hoffen, gewiss kultivierter als ihre Eltern, die verbissen Herrn Schwanitz hinterher lesen, wohlmöglich gar, um ihre Lesefähigkeit zu verbessern.

Was wir in den häßlichen Heftlein nicht mehr finden, und deshalb in der sogenannten schönen Literatur suchen, erfüllt diesen seltsamen kleinen Wesen, die wir in diese Welt gesetzt haben, ihr Groschen-Held, mit dem sie zu ungestörter Lektüre in den Park gewandert sind: die Erwartung, daß etwas Unerwartetes mit ihnen geschieht, daß sie zuerst hassen, dann lieben, daß sie den Sinn der Handlung zu verstehen glauben und ihre Vermutungen doch wieder revidieren müssen, enttäuscht sind, wo sie gerade noch hofften, lachen, nachdem sie ein Tal der Traurigkeit durchmessen haben. Den Gemütsbewegungen, auf denen das Schiffchen der Einbildungskraft Bild für Bild weitergetragen wird, gebietet nur der letzte Satz des Kapitels Einhalt, und dann werden sie plötzlich trockenen Mundes der Situation gewahr: der schnatternden Enten, des fließenden Flüßleins, des Winds in den Weiden. Eben das ist Glück.

Situationen wie diese bleiben noch lange aufbewahrt in den Büchern oder Heftchen, aus deren Lektüre sie so langsam und unmerklich wie Gebirge erwuchsen. Die meisten ihrer Leser verbinden später, noch viel später, mit jedem von ihnen die Geschichte der Umstände, unter denen sie - mit großzügigem Vorschuß an Vertrauen auf das Kommende - erworben wurden. Sie verbinden damit die Geschichte der Menschen, die sie - die Leser - damals waren, als sie so lasen. Die Erinnerung stützt sich dabei auf die Selbstpräsenz, die wir in diesem sich selbst genügenden Lesen erfahren haben. Wenn wir ein vor langer Zeit gelesenes Buch, das auf dem Dachboden überlebt hat, zufällig wieder vornehmen, geht es uns häufig wie mit einer alten Photographie, aus der uns ein fremdes und doch zugleich vertrautes Paar Augen entgegenblickt. Daher das seltsame Zaudern, mit dem die der Kindheit Entwachsenen später die Bücherregale ihrer Jugendzimmer entrümpeln und von so manchem Heftchen sich niemals trennen, auf dessen Folgenummern in den Händen ihrer Kinder sie zwei Dekaden später verächtlich und sorgenvoll herabsehen. Der alte Kram wird aber nicht weggeworfen, wie man angesichts dieser pädagogischen Umsicht vermuten sollte, sondern nach Durchsicht wieder fürsorglich verstaut. Es gälte andernfalls nämlich, auch von den kostbaren Situationen des Lesens unwiderruflich Abschied zu nehmen, die wie getrocknete Blumen zwischen den Seiten aufbewahrt sind und zu den Dingen gehören, die sie um ihrer selbst willen getan haben.

Proust erinnert sich zweifellos treffend und mit deutlicher Melancholie in den ersten Zeilen der Tage des Lesens: "Es gibt vielleicht keine Tage unserer Kindheit, die wir so voll erlebt haben wie jene, die wir glaubten verstreichen zu lassen, ohne sie zu erleben, jene nämlich, die wir mit einem Lieblingsbuch verbracht haben." Und er betont, daß der Gehalt des Buches dabei kaum eine Rolle gespielt hat. Das Ergebnis aber, das man nur mit einem theolegoumenon richtig erfaßt: die erfüllte Zeit des Lesens, ist der Nährstoff jener Lektüre, welche die Bildungsbeflissenen sich selbst auferlegen und ihren Zöglingen nun hektisch aufzwingen, anstatt ihnen die Freiheit zu bewahren, das Lesen, das am Ende gewiß nicht bei den Basteitexten stehen bleiben soll, at their own pace zu erlernen. Ob sie den Schund hinter sich lassen und irgendwann bei Melville landen, ist eine Frage des Ansinnens - aber nicht von Lesestoffen, sondern von Situationen, von Tagen des Lesens. Doch es gibt überhaupt nur eine überzeugende Art des Ansinnens, die das Kostbare, um das es geht, nicht schon im Augenblick der Rede verrät, nämlich die, die nicht viel Aufhebens macht: die unwillkürliche Art einer Lebensform, in der praktisch vollzogen wird, wozu andere lautstark auffordern: "Lies doch mal ein Buch!"


00:00 07.05.2004

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