Marc Peschke
Ausgabe 4716 | 07.12.2016 | 06:00

Welt der Wunder

Ausstellung Peter Keetman und die Gruppe fotoform standen in den 50er Jahren für den Neubeginn, den stürmischen Aufbruch. Manche Bilder wirken heute erstaunlich bieder

Peter Keetman, der 1916 in Wuppertal geboren wurde und 2005 verstarb, war einer jener Fotografen, deren Werk beinahe ein ganzes Jahrhundert durchmisst. Ausgebildet wurde er an der Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München. Nach dem Krieg schloss er sich bald der 1949 gegründeten Gruppe fotoform an, die in den wenigen Jahren ihres Bestands die ganze deutsche Fotoszene durcheinanderwirbelte: Fotokünstler wie Toni Schneiders, Otto Steinert, Heinz Hajek-Halke und eben auch Keetman waren nach dem Ende der Nazi-Diktatur dem Experiment zugetan – und wandten sich von der konventionellen Fotografie ab.

In den 50er Jahren entstehen Keetmans ikonische Industriefotografien, allen voran die Serie über das Volkswagen-Werk aus dem Jahr 1953. Ihn interessiert jene „Ästhetik des Seriellen“, die bis in die Gegenwart Fotografen fasziniert. Grafische Bilder technischer Details, strenge Formen. Es sind Bilder, die Geschichte spiegeln. Die geheimen Strukturen des Lebens, der Natur, der Technik überträgt Keetman in abstrakte, moderne Bilder, in experimentelle Arbeiten auch. An einigen schlendert man schneller vorbei, bei anderen bleibt man stehen: Wie unglaublich elegant der hintere Kotflügel eines Volkswagens aussieht – unter der fotografischen Ägide Keetmans.

Baustellen von oben

Viele seiner Fotografien sind bekannt geworden. Andere jedoch nicht: Sein Frühwerk, Bilder aus dem eigenen Garten, die Nazi-Aufmärsche in München, bei denen er ganz der klassischen nationalsozialistischen Ästhetik folgt, seine dramatischen Bilder aus dem Krieg, aus dem er als Invalide zurückkehrt, Fotografien vom Rückzug der Wehrmacht aus Russland, die Bilder vom Wiederaufbau Münchens – diese waren seltener zu sehen.

Alle Bilder, die nun in der Ausstellung Gestaltete Welt – ein fotografisches Lebenswerk in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sind, stammen aus der dort beheimateten Sammlung F. C. Gundlach. Gundlach, Alleinerbe des Nachlasses von Keetman, hatte diesen bereits in den frühen 80er Jahren in seiner Galerie PPS in Hamburg gezeigt. Dass Keetman ein großer Neuerer war, wurde bei der Vernissage nun einmal mehr betont. Doch manches, was in der Ausstellung gezeigt wird, erscheint uns heute bieder. Baustellen von oben, in München 1953 und 1954 fotografiert: Schon die Bauhaus-Fotografie hatte ähnliche Bilder gefunden. Vor allem die Lehre des Neuen Sehens führt Keetman weiter: Alles, jede Form kann von Bedeutung sein. „Es öffnet sich uns“, schreibt Keetman „eine zauberhafte, über die Maßen wundersame Welt – vom Gewaltigen bis zum allerkleinsten zarten Detail; vielleicht einem Wassertropfen, durch dessen linsenhafte Wirkung sich das Licht bricht und uns eine neue Dimension verblüffender Einsichten offenbart.“

Keetman war fasziniert von Bildautoren wie Albert Renger-Patzsch oder László Moholy-Nagy, aber auch vom französischen Existenzialismus. „Wir wollen“, schreibt er 1949, „den Leuten die Augen öffnen.“ Die Augen öffnen – auch durch das fotografische Experiment: Überblendungen, Verfremdungen, Spiegelungen, Lichtzeichnungen. Doch muss man in dieser Ausstellung immer wieder feststellen, dass viele der Bildfindungen Keetmans den bekannten Experimenten der Foto-Avantgarde der 1920er und 1930er Jahre nicht viel hinzufügen. Im Gegenteil: Vieles, was etwa die so obsessive surrealistische Fotokunst Dekaden früher ins Bild brachte, scheint uns heute atemberaubender als die bundesdeutsche Nachkriegsfotografie von Keetman und der fotoform-Gruppe.

Es ist das Werk eines Mannes, dessen Modernität auf vielen und nicht nur auf eigenen Füßen steht. Ohne die Vorkriegsavantgarde lässt sich ein Fotograf wie Keetman nicht denken – und manche seiner grafischen Strukturen, Lichteffekte, Vogelschwärme oder Nahaufnahmen von Wassertropfen, Grashalmen und sich spiegelnden Eisschichten lassen uns heute etwas ratlos zurück. Die 1998 entstandene Nahaufnahme eines Mikrochips lässt uns sogar ganz kalt. Wie kann das, was früher atemberaubend modern war, heute so abgenutzt wirken?

Ganz anders dagegen die Fotografien, die unter dem Titel The Concept of Lines zeitgleich in der Halle präsentiert werden. Auch sie stammen aus der Sammlung F. C. Gundlach, es sind ausgewählte Porträts von George von Hoyningen-Huene, Richard Avedon und Irving Penn. Wie brandaktuell, wie radikal Fotografie in der Bildwirkung sein kann, auch wenn sie beinahe schon 40 Jahre auf dem Buckel hat, verdeutlichen hier vor allem die kargen, eindrucksvollen Porträts von Richard Avedon. Vor einem dieser Bilder, vor dem Porträt von „B. J. Van Fleet, Nine Year Old, Ennis, Montana“ bleibt man lange stehen. Der 1982 fotografierte Silbergelatineprint zeigt einen Jungen mit einem Gewehr. In seinen leeren Augen liegt die Tragödie eines ganzen Lebens. Gegen diesen subtilen, mit der Großformatkamera aufgenommenen Höhepunkt amerikanischer Fotokunst bleibt Keetmans Nachkriegsmodernismus an einigen Stellen der Schau erstaunlich fade.

Info

Peter Keetman. Gestaltete Welt – Ein fotografisches Lebenswerk und The Concept of Lines Haus der Photographie / Deichtorhallen Hamburg, bis 12. Februar

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 47/16.