Welt im Fieber

Pandemie Die „Spanische Grippe“ wütete schrecklich, aber sie stärkte auch Wohlfahrtsstaat und Forschung
Welt im Fieber
St. Louis 1918: Das Rote Kreuz im Einsatz

Foto: Everst Collection/Imago Images

Auch in Deutschland starben Hunderttausende an der „Spanischen Grippe“. Dennoch ist sie kaum im kollektiven Gedächtnis verhaftet. Könnte das ein Grund sein, warum sich viele heute schwertun, die aktuelle Pandemie richtig einzuschätzen?

Dabei war diese „Spanische Grippe“ ein Vorläufer der aktuellen Corona-Pandemie. Sie kostete zum Ende des Ersten Weltkriegs weltweit mindestens 25, wenn nicht gar 50 Millionen Menschen das Leben – darunter der deutsche Soziologe Max Weber, der Maler Egon Schiele sowie Sigmund Freuds zweite Tochter Sophie. Manche Schätzungen gehen sogar von bis zu 100 Millionen aus, weil viele Opfer in Afrika und Asien ungezählt blieben. Bis heute gilt sie als größte Pandemie der Moderne, und sie war ein Produkt der Globalisierung. Doch obwohl im Verlaufe des Jahres 1918 auch bis zu ein Viertel aller Deutschen an ihr erkrankten und annähernd eine halbe Million Menschen im damaligen Reichsgebiet an ihr verstarben, ist sie hierzulande kaum im historischen Gedächtnis geblieben. Vielleicht ein Grund, warum sich viele damit schwertun, einen Umgang mit der aktuellen Pandemie zu entwickeln?

Auch Franz Kafka, der Religionsphilosoph Martin Buber, der letzte Reichskanzler Max von Baden und der Revolutionär Ernst Toller lagen im Fieber, während sich die Welt um sie herum rasant veränderte. Schon damals erstaunte es manche Zeitgenossen, mit welcher Gleichmütigkeit die Ausbreitung der „Spanischen Grippe“ vielerorts hingenommen wurde. Das lag zumindest in Deutschland aber auch daran, dass sie hier – mehr als in anderen Ländern – vom Ende des Ersten Weltkriegs und dessen Folgen überschattet wurde.

Dabei kam es im Herbst 1918 deswegen zu erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens, etwa bei der Post, Fernmeldeämtern und im öffentlichen Nahverkehr. „Grippeferien“ waren an deutschen Schulen weitverbreitet. Bergwerke, Fabriken und die Landwirtschaft fuhren ihre Produktion herunter. Die Reichs- und Landesbehörden konnten sich jedoch zu keinen verbindlichen Maßnahmen entschließen, sondern überließen den lokalen Verwaltungen die Verantwortung. Die reagierten ganz unterschiedlich, waren aber auch unterschiedlich stark betroffen. Zu einem generellen Verbot von Versammlungen, der Schließung von Gaststätten und dem Aussetzen von Gottesdiensten, wie sie einige Kantone der Schweiz verordneten, konnte sich kein Bundesstaat und keine Kommune im Deutschen Reich durchringen, auch wenn die Presse das forderte. „Es ist Zeit, dass durchgegriffen wird. Und zwar erstens unverzüglich, zweitens für Groß-Berlin einheitlich“, forderte die Tägliche Rundschau im Oktober 1918. Vergeblich.

Die schlechte Versorgungslage und die politische Unsicherheit jener Zeit führten dazu, dass die breite Öffentlichkeit die Grippe eher achselzuckend hinnahm. Dabei starben vor allem gesunde 20- bis 40-Jährige daran, und Mangelernährung war entgegen einer verbreiteten Vermutung nicht der Grund dafür. Ursache war vielmehr eine Überreaktion des Immunsystems, Zytokin-Sturm genannt, die zum raschen Erstickungstod führte. Deshalb verzeichnete auch die neutral gebliebene Schweiz viele Opfer, und unter den im Jahr 1918 eingezogenen, gut verpflegten Soldaten der US-Army starb einer von hundert an der Grippe. „Gerade die jungen Leute starben über Nacht hinweg“, schrieb Ernst Jünger in den Stahlgewittern zur Lage an der Front im Juli. Der deutsche General Erich Ludendorff setzte die Legende in die Welt, das habe die deutsche Kriegsniederlage befördert. Manche Historiker meinen dagegen, Deutschland sei dank Seeblockade und Sperrriegel an der Westfront gar nicht so stark heimgesucht worden wie andere Länder.

Mehr als die Hälfte ihrer Opfer forderte die Pandemie in Asien. Allein in Indien starben bis zu 20 Millionen, in China mehr als neun Millionen, und in West-Samoa kam jeder Fünfte um. Auch auf der Arabischen Halbinsel wütete das Virus unter Städtern wie Beduinen. „Es starben so viele Menschen, dass nur Gott allein sie zählen konnte“, notierte ein Chronist. Bis heute sei das Andenken daran in der saudischen Bevölkerung lebendig, meint der Islamwissenschaftler Guido Steinberg – womöglich einer der Gründe, warum Saudi-Arabien jetzt seine Grenzen schloss, noch bevor der erste Corona-Fall registriert wurde.

Auch in den USA hat sich die „Spanische Grippe“ in die kollektive Erinnerung eingebrannt. Dort starben rund 675.000 Zivilisten, darunter der Großvater von Donald Trump – mehr US-Amerikaner als auf den Schlachtfeldern der beiden Weltkriege. Das beförderte Verschwörungstheorien. „In den USA verdächtigte die Öffentlichkeit beispielsweise deutsche Spione, die Krankheit eingeschleppt zu haben. Ferner geriet das Bayer-Produkt Aspirin in den Ruf, von den Deutschen so manipuliert worden zu sein, dass es nun die Krankheit verursachte“, schrieb der in London lehrende Historiker Eckart Michels 2010 in einem preisgekrönten Aufsatz. „In Frankreich spekulierte die Presse, dass die Infektion entweder von deutschen U-Booten angelandet oder von Kriegsgefangenen eingeschleppt worden sei.“ Die New York Times forderte sogar, sie in „Deutsche Grippe“ umzubenennen.

Dabei nahm die Pandemie vermutlich in den USA selbst ihren Ursprung. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass sie erstmals in einem militärischen Stützpunkt im US-Bundesstaat Kansas auftrat. Aber warum heißt sie dann „Spanische Grippe“? Der Name rührt daher, dass die ersten Berichte über die Seuche aus Spanien kamen. Dort gab es eine relativ liberale Zensur, weswegen Nachrichten darüber nicht im gleichen Maß unterdrückt wurden wie in anderen Ländern Europas, die Krieg gegeneinander führten. Ende Mai 1918 soll in Spanien bereits jeder Dritte an der Grippe erkrankt gewesen sein, darunter der damalige König Alfons XIII. In Madrid mussten Büros und Geschäfte schließen, die Straßenbahnen stellten ihren Dienst ein. In Großbritannien wurde die Krankheit dagegen als „Flandrische Grippe“ bezeichnet, weil sich viele Soldaten in den Schützengräben von Flandern ansteckten.

Der Weltkrieg bot ideale Bedingungen für das Virus, sich auszubreiten. Es reiste auf Kanonenbooten und Truppentransportern in alle Welt. Die Soldaten, in Schützengräben, Lagern und Lazaretten zusammengepfercht, waren leichte Beute, und als sie endlich wieder nach Hause durften, brachten sie das Virus mit. Allerdings hätte es sich vermutlich auch so, durch Eisenbahnen und Dampfschiffe, rasch um den Globus verbreitet. Die Welt war durch Handel, Migration und den Kolonialismus schon damals näher zusammengerückt. Die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney beschreibt in ihrem Buch 1918 – die Welt im Fieber, wie tief das Virus die Welt verändert hat. Es habe sogar die Pariser Verhandlungen zum Versailler Vertrag beeinflusst. Weil US-Präsident Woodrow Wilson ebenfalls an der Grippe erkrankt war, sei die auf Ausgleich bedachte amerikanische Position geschwächt worden, was „indirekt“ später zum Zweiten Weltkrieg geführt habe. Das ist arg spekulativ.

St. Louis wurde zum Vorbild

Das Bild ist widersprüchlich. Einerseits führte die Grippe zu Abschottung und der Ausgrenzung von Minderheiten, die verdächtigt wurden, die Seuche eingeschleppt zu haben. Andererseits kurbelte sie den sozialen Wohnungsbau an, um Arbeiter aus jenen katastrophalen Lebensverhältnissen zu entreißen, die als Brutherde von Krankheiten ausfindig gemacht wurden. Manche sehen in der Grippewelle von 1918 sogar den Beginn des schwedischen Wohlfahrtsstaats. Einerseits führte das Versagen der damaligen Schulmedizin dazu, dass alternative Heilmethoden, Homöopathen und allerhand Wunderheiler Auftrieb erhielten. Auf der anderen Seite wurde die medizinische Forschung vorangetrieben, die bald weitere Fortschritte machte

Welche Folgen die „Spanische Grippe“ für die Seuchen-Prävention hatte, ist aber eindeutig. In den USA setzten Städte wie St. Louis auf Eindämmung und Quarantäne: Schulen, Kinos, Bibliotheken und Kirchen wurden geschlossen. Metropolen wie Philadelphia wollten dagegen nicht auf Zerstreuung verzichten. Dort fand im Frühherbst sogar noch eine große Militärparade statt. Jene, die Straßen und Plätze gefüllt hatten, füllten drei Tage später die Krankenhäuser und Leichenhallen. Innerhalb einer Woche starben in Philadelphia fast 5.000 Menschen, nach sechs Wochen mehr als 12.000 – acht Mal so viele wie in St. Louis. Daraus hat man gelernt, weshalb die Strategie von St. Louis heute weltweit kopiert wird.

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06:00 27.03.2020

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